Zum Auftakt des 40. Festivals Max Ophüls Preis

In Saarbrücken sind 130 neue deutschsprachige Filme zu sehen

Diskussion

Das Filmfestival Max Ophüls Preis hat sich dem deutschsprachigen Filmnachwuchs verschrieben. Dazu zählt, wer noch keine 40 Jahre alt ist. An der Schwelle zum eigenen Aufbruch hat sich das Festival in seinem 40. Jahrgang (14.-20. Januar) deshalb neben 130 vielversprechenden neuen Filmen auch einen Rückblick verordnet, auf vergangene Aufreger und Meilensteine.


Zum runden Jubiläum des Festivals Max Ophüls Preis (MOP) 2019 nutzen die Veranstalter die Gelegenheit zu einem nostalgischen Blick zurück in die Festivalgeschichte, als Christian Petzold und Dominik Graf noch „Nachwuchs“ waren. Zugleich beharrt man an der Saar aber auch darauf, dem deutschsprachigen Filmnachwuchs eine anspruchsvolle, wenngleich auch wohlgesonnene Plattform zu bieten, um gewissermaßen unter Laborbedingungen einen Blick in die Zukunft zu erhaschen.

In einer Festschrift mit unterhaltsam-launigen bis dankbar-nostalgischen, mitunter auch nachdenklichen Erinnerungen an vergangene Jahrgänge gibt Dietrich Brüggemann („42, kein Bart“) zu bedenken, dass man in Deutschland glücklicherweise zum „Nachwuchs“ zählt, bis man 40 ist. Nach einer kurzen, harten Karenzzeit, so könnte man folgern, beginnen dann schon die Alterswerke. Beim Blättern stellt man aber auch etwas ernüchtert fest, dass die Zukunft vielleicht nicht allzu lange über die Festivaldauer hinausreicht. Denn wer erinnert sich noch an prämierte „MOP“-Filme wie „Der Erdnussmann“ (1992), „Am Tag als Bobby Ewing starb“ (2005), „Schwerkraft“ (2010) oder an die Diskussionen um „Picco“ (2010)? Andererseits sind aber auch Filme wie „Der Papst ist kein Jeansboy" (2012), „Kohlhaas oder die Verhältnismäßigkeit der Mittel“ (2013), „Love Steaks“ (2014) oder „Freistatt“ (2015) allesamt „MOP“-Entdeckungen.


„Das Ende der Wahrheit“ von Philipp Leinemann

Natürlich war und ist es immer wieder interessant, nach Saarbrücken zu reisen, um einen Blick darauf zu werfen, welche Geschichten der Nachwuchs zu erzählen hat. Im aktuellen Jahrgang sind es mehr als 130 Filme, die sich ans Licht der informierten Öffentlichkeit wagen. Den Auftakt macht 2019 Philipp Leinemann mit dem Geheimdienst-Thriller „Das Ende der Wahrheit“. Leinemann, Jahrgang 1979 und folglich gerade noch eben so eine Nachwuchskraft, mag Genrefilme und setzt in der Manier des gehobenen Fernsehfilms auf ein dicht gewobenes Intrigengeflecht aus Bundesnachrichtendienst, Lobbyismus und Regierungshandeln, in dem der internationale Terrorismus sich als Exekutive von Konzerninteressen einsetzen lässt. Hier weiß die rechte Hand nichts von der linken, Machtkalkül und Korrumpierbarkeit verwandeln Fahndungserfolge im Kampf gegen den Terror in abgründige Schachzüge eines geopolitischen Spiels. Handlungsort ist eine Region in Zentralasien, die die Geheimdienste zwar beschäftigt, aber von ihnen kaum durchschaut wird.

Gezeigt werden spektakuläre Terroranschläge und verlustreiche Überfälle auf Konvois im pakistanischen Grenzgebiet. Doch die Drastik der Darstellung ändert nichts an der Vorhersehbarkeit der Handlung oder der Tatsache, dass der Protagonist immerhin so lange durchhält, bis die Intrige aufgeklärt und die Weltordnung zumindest für dieses Mal wiederhergestellt ist. Cum grano salis, klar, wie es sich gehört. Abgesehen davon: Wäre es nicht eine schöne Idee, einen Film mit unverbrauchten Schauspielern zu besetzen, damit man es nicht immer mit Ronald Zehrfeld, Claudia Michelsen, Axel Prahl und August Zirner zu tun bekommt? Sehenswert ist indes, wie Alexander Fehling hier komplett gegen seinen Typ besetzt ist.

Andere Filme geben sich thematisch etwas bescheidener, aber weniger konventionell. „Der Läufer“ des Schweizers Hannes Baumgartner erzählt von einem Spitzensportler, der vom Tod seines Bruders traumatisiert ist und sich in den Abgründen von Gewaltbereitschaft und sozialpädagogischen Impulsen verliert. „Das melancholische Mädchen“ von Susanne Heinrich ist ein grandioser, pointensicherer Grenzgänger zwischen post-dramatischem Theater und politischem Kino. Der Debütfilm dreht sich um eine Schriftstellerin in der Krise, die sich mit den Gebärfreuden des Neo-Biedermeier, aber auch mit den Pathologien des neoliberalen Alltags konfrontiert sieht. Herausragend Marie Rathscheck als schlagfertige Schreibblockierte, die auch mit Gesang und Tanz die Verhältnisse fluid machen will. Ein Film, der immer wieder an „Der lange Sommer der Theorie“ erinnert. Unterhaltsam und clever!

Ist die Ehe ein Auslaufmodel?

Gleichfalls unterhaltsam, aber doch eher privatistisch sind dagegen mehrere Meditationen über Zweierbeziehungen und Alltag. Ist eine längerfristige Partnerschaft in Zeiten von Lebensabschnittsgefährten vielleicht ein Auslaufmodell? In „La Palma“ von Erec Brehmer versucht es ein voneinander ermüdetes Paar mit einem halbgaren Rollenspiel, das eigentlich nicht weiterführen sollte als bis zum nächsten Flughafen. Dass es das scheinbar dann doch tut, ist ernüchternd. Daneben gibt es Ausflüge ins Genre der Untoten („Endzeit“), ins Weltall („Das letzte Land“) und allerlei konfliktträchtige Familienaufstellungen.


"Das letzte Land"
"Das letzte Land"

Im Dokumentarfilm-Wettbewerb locken die Langzeitbeobachtung von Jung-Politikern in Rheinland-Pfalz („Die Kandidaten“) und ein Film über die Agonie der Berliner Volksbühne zwischen Frank Castorf und Chris Dercon („Macht das alles einen Sinn? – Und wenn ja – Warum dauert es so lange?“). Und es gibt „Helmut Berger, meine Mutter und ich“ von Valesca Peters, der offenbar genau diese Geschichte erzählt. Die Mutter der Filmemacherin will den etwas derangierten Ex-Superstar durch ein geeignetes Coaching wieder zu altem Glanz verhelfen. Berger lässt sich auf das ungewöhnliche Experiment ein und erzählt vor laufender Kamera aus seinem unaufgeräumten Leben.


Filme, die für Furore sorgten

Den Ehrenpreis für ihre Verdienste um den jungen deutschsprachigen Film bekommt in diesem Jahr Iris Berben, wobei damit wohl eher ihr Engagement in der Deutschen Filmakademie gemeint ist, denn Filme wie „Brandstifter“ (1969) oder „Supergirl“ (1971) sucht man im Festivalprogramm vergebens. Eine schöne Idee ist die Reihe mit Filmen, die auf dem Festival einst für Furore sorgten. Darunter „Pilotinnen“ von Christian Petzold, „Westler“ von Wieland Speck oder „Ex“ von Mark Schlichter mit Robert Viktor Minich, den man einst als Aufbruch vom deutschen „Langeweil-Jammerkino“ (Schlichter) feierte. Doch wie sangen einst die Television Personalities? „Where’s Bill Grundy Now?“


Fotos: Filmfestival Mx Ophüls Preis

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