Der US-Regisseur J.C. Chandor im Porträt

Mittwoch, 13.03.2019

Die Spielfilme des US-amerikanischen Filmemachers J.C. Chandor entziehen sich klassischen Genrezuweisungen und erzählen von existenziellen Krisenerfahrungen. Ein Porträt zum Start seines neuen Action-Thrillers „Triple Frontier“

Diskussion

Bei der erstaunlichen Vielfalt seiner bislang vier Spielfilme und ihren versierten Reverenzen an die Filmgeschichte wundert es, dass der US-amerikanische Regisseur Jeffrey McDonald „J.C.“ Chandor keinem künstlerischen Milieu oder gar dem Filmbusiness entwachsen ist. Der Vater des 1973 geborenen Filmemachers arbeitete als Investmentbanker. Chandors kreativer Werdegang ist gleichwohl nicht zu trennen von den ästhetischen Einflüssen des amerikanischen Kinos der 1980er- und 1990er-Jahre, der anspielungs- und zitatwütigen Postmoderne, einer allgegenwärtigen, der Oberfläche und dem Anschein verpflichteten Werbeindustrie, die ihrerseits ikonische Bilder schafft.

Hinzu kommen allerdings auch als deprimierend begriffene gesellschaftliche und politische Entwicklungen, die sich in ihren Auswirkungen in seinem gesamten Œuvre aufspüren lassen. Ein Autounfall zu College-Zeiten, den er nur leicht verletzt überlebte, führte ihm zusätzlich die Zufallsabhängigkeit und Endlichkeit der menschlichen Existenz auf so drastische Weise vor Augen, dass dieses Erlebnis nach eigener Aussage durchaus stilbildend auf Art und Frequenz seines künstlerischen Outputs eingewirkt hat. Er habe damals „ein Gespür von Dringlichkeit“ erfahren, wie er sagt.

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So sind Chandors Filme alle auch Essays der Krisenerfahrung und -bewältigung, sei diese nun unmittelbar existenzieller, sei sie historisch-gesellschaftlicher Natur, vor dem dunklen, grauen Hintergrund des stets möglichen „Totalverlusts aller Vermögenswerte“, des Ruins, des Untergangs, des Todes. Das zeigt sich im Wortsinne bereits bei seinem Debüt „Der große Crash – Margin Call“ (2011), einer atmosphärisch dichten Innenansicht der US-amerikanischen Finanzwirtschaft am Vorabend des großen Crashs 2008 infolge der Lehman-Brothers-Pleite. Der titelgebende Terminus technicus warnt vor der gefährlichen Abstrahierung und Auszehrung des Realen durch das Irrationale, einer Überbürdung des Lebendigen durch Schulden und Hypotheken, einem Raubbau am Jetzt zugunsten einer verheißenen, besseren Zukunft – ist also auch eine Metapher für die Kunst und künstlerische Prozesse.

Das Debüt von J.C. Chandor: "Margin Call"
Das Debüt von J.C. Chandor: "Margin Call"

Die Grundlage der Existenz und des Glaubens aller im Wirtschaftskreislauf Befangenen, das Geld, entzieht sich hier wie der Deus absconditus des Alten Testaments und lässt sich repräsentieren von flackernden Zahlenkolonnen am Bildschirm, die nur der „Raketenwissenschaftler“ (Zachary Quinto) noch zu lesen versteht, oder wird – in einer erheiternden Szene auf dem Dach des Wolkenkratzers – manifest in einer absurden Jahresrechnung der jungen Banker, die unter anderem „50.000 Dollar für Nutten“ vorsieht.


„Ich bin hier, um den Film zu machen, von dem ich weiß, dass ich ihn machen will“

Der Normalsterbliche schüttelt zu Recht den Kopf ob solcher Eskapaden, umso mehr als ehrliche Handarbeit nichts mehr zu gelten scheint: Der ehemalige Architekt (Stanley Tucci) muss sich in der Logik dieses Systems dem zynischen Jungmanager (Paul Bettany) fügen, ein verschlissenes Sternenbanner gemahnt in der hintersten Ecke des Trader’s Room an die ursprüngliche Verheißung des amerikanischen Traumes. Es sind bezeichnenderweise die durch ihr höheres Alter herausgehobenen Figuren, die hier einem gewissen Eskapismus frönen dürfen und so zur Ehrenrettung des Menschlich-Individualistischen beitragen: Der alte Hase (Kevin Spacey) hat all das schon einmal gesehen, bekennt sich zu einem zyklisch-fatalistischen Weltbild und kümmert sich im Auge des Orkans rührend um die Pflege seines sterbenden Hundes; der große Zampano der Geldströme, John Tuld (Jeremy Irons) – der Name ist eine Verballhornung von Richard S. Fuld, dem letzten CEO von Lehman Brothers –, ist im Herzen und seinem Wesen nach ein Künstler, der mit seiner Unkenntnis in Sachfragen kokettiert und sich einzig als Fachmann für Spekulativ-Zukünftiges empfiehlt.

Derlei Abstrakt-Dialoglastiges mit etlichen Darstellern in einem Debütfilm so überzeugend zu realisieren, ist wesentlich dem präzisen und uneitlen Zusammenspiel der teilweise hochprominenten Schauspieler zu verdanken – und einem von seiner Projektidee unbeirrbar überzeugten Jungregisseur: „Im Grunde bin ich auf den Set gegangen und habe mir gesagt: Wen interessiert, ob es Kevin Spacey ist? Er ist ein erstaunlicher Klumpen Lehm, der mir vermutlich eine großartigere Leistung liefern wird als jeder andere, den ich für die Rolle hätte besetzen können, aber ich bin hier, um den Film zu machen, von dem ich weiß, dass ich ihn machen will.“ Hut ab vor so viel Chuzpe!


Figuren inmitten eines meist grauen Meeres der Vergeblichkeit

Weiß der Zuschauer bei „Margin Call“ von Beginn an, auf welch globale Katastrophe die Entwicklungen unweigerlich zulaufen, so überraschen Anfang wie Ende von „All Is Lost“ (2013) durch die originelle, eigentlich jedoch archetypische Grundidee – der existenzielle Kampf des Einzelnen mit den Elementen und seinen inneren Dämonen – sowie die intensive, involvierende schauspielerische Leistung von Robert Redford als der einsamen Stellvertreterfigur inmitten eines meist grauen Meeres der Vergeblichkeit. Der im Indischen Ozean mit seinem Segelschiff Havarierte („Our Man“) muss hilf-, wenn auch nicht tatenlos mitansehen, wie zuerst die komplizierte Technik, dann das Schiff, schließlich sogar seine schwimmende Rettungsinsel versagt und er immer unmittelbarer, immer bedrohlicher der schönen Grausamkeit, der universalen Gleichgültigkeit der Natur ausgeliefert ist.

Allein auf weiter See: Robert Redford in "All Is Lost"
Allein auf weiter See: Robert Redford in "All Is Lost"

Redford spielt das großartig, ein Höhepunkt seiner späten Jahre. Wie er sein Hadern mit dem Schicksal und alle Nuancen zwischen Selbstaufgabe und trotzigem Kampf gegen das schier Unüberwindliche plotgemäß einzig durch seine Mimik und seinen schonungslosen Körpereinsatz zum Ausdruck bringt, ist ein heilsames „Seh-Fasten“ für den Zuschauer: Man lernt den Mann zu lesen, jeder Ausstattungsgegenstand wird vertraut, symbolisch, gleichzeitig auch fragwürdig (lässt sich das Funkgerät reparieren, wird auch noch seine Uhr versagen?), und wenn sich ihm nach guten zwei Dritteln des Films als eines der wenigen gesprochenen Worte überhaupt ein animalisch hervorgestöhntes „Fuuuck!!!“ entringt, ist das von ungemein befreiender, ja kathartischer Wirkung – für ihn wie für uns. Das Ende ist mutig von seiner Konzeption und vielleicht zu pathetisch für manche, falls man es als reales Geschehen deutet, belohnt jedoch den individuellen Daseinskampf mit so etwas wie einer zweiten Chance, einer Wiedergeburt, der gereichten Hand eines Anderen.


Dunkle Varianten des „American Dream“

Die Farbe Grau und eine Atmosphäre der Unwirtlichkeit bestimmen auch Chandors im winterlichen New York des Jahres 1981 angesiedelte Annäherung an episch erzählte Gangster-Familien-Stoffe, die dort stets auch Aufstiegsgeschichten und dunkle Varianten des „American Dream“ sein können. 1981 war in der Stadt das Jahr mit der höchsten Kriminalitätsrate, daher der Titel „A Most Violent Year“ (2014), und wenn Abel Morales (Oscar Isaac) auch nicht direkt zur Mafia gehört, so hat er es doch mit sehr verwandten Strukturen zu tun bei seinem Versuch, als Einwanderer in der zweiten Generation bereits die Kontrolle über den hart umkämpften Treibstoffmarkt im Staat New York zu erlangen. Die Familie ist immer das Zentrum, ihr Verhältnis zu den staatlichen Autoritäten, das Vertrauen, das sie zusammenhalten sollte. Man muss an „Die Sopranos“ denken, die zu Beginn direkt zitiert werden („I woke up this morning...“), und an etliche erbarmungslos starke Frauen, die hinter ihren zaudernden Männern einer Lady Macbeth gleich stehen – hier überzeugt Jessica Chastain in einer solchen Rolle.

Der ganze Komplex „Lawyers, guns and money“, der in diesem Genre naturgemäß von entscheidender Bedeutung ist, wird von Chandor sehr realistisch und überzeugend in Szene gesetzt – endlich ein Staatsanwalt mit menschlichen, allzu menschlichen Zügen (David Oyelowo), und ob eine Waffe im Haus sein sollte, wird für amerikanische Verhältnisse fast zu ausführlich diskutiert. Dass dies Chandors schon dritter Langfilm ist, merkt man ihm positiv an in seiner Beherrschung der filmtechnischen Stilmittel: Von der Wahl der Schauplätze über Atmosphäre und Lichtregie bis hin zu Szenen-Timing und -schnitt ist „A Most Violent Year“ ein motivisch komplexes und ästhetisch anspruchsvolles Werk. Und obwohl er mit knapp über zwei Stunden die übliche Spielfilmlänge nicht wesentlich überzieht, gelingt dem Regisseur eine glaubwürdige, kritische Darstellung des ewig sich selbst speisenden Kreislaufs von Blut, Öl und Geld ohne allzu große Vereinfachungen.

Politik, organisiertes Verbrechen und Familienbande prägen Chandors 3. Film "A Most Violent Year"
Politik, organisiertes Verbrechen und Familienbande prägen Chandors 3. Film "A Most Violent Year"

Viele dieser Motivzusammenhänge kehren, neu gewendet, in „Triple Frontier“ (Buch: Mark Boal; Produzentin: Kathryn Bigelow) wieder, und auch stilistisch, insbesondere hinsichtlich des Tempos und der Kameraarbeit von Roman Vasyanov, wird das hohe Niveau der vorangegangenen Filme gehalten. Zusätzlich erweist sich J. C. Chandor hier als Meister des augenzwinkernden Pastiches und Liebhaber von Filmzitaten. In einer klar abgegrenzten actionreichen Exposition zum filmischen Drama empfiehlt er sich nicht nur als Kandidat für eine künftige „James Bond“-Regie, sondern erweist auch Kollegen wie Francis Ford Coppola und seinem „Apocalypse Now“ seine Reverenz.


Parallelitäten von Kriegseinsatz und Bankraub

Das hochkarätig besetzte Ensemble-Stück folgt im Wesentlichen den Genrekonventionen des „Last Heist“-Films, also der Rekrutierung eines Teams von Experten für einen letzten kriminellen Coup, dem zusätzlich jedoch ein Motiv moralischer Rechtfertigung eingeschrieben ist, hier: die Liquidierung eines südamerikanischen Drogenbarons mit einem sagenhaften Bargeldvermögen, gewinnt ihm allerdings einige für Chandor typische neuartige Blickwinkel und Präzisierungen ab. Die jungen Veteranen eines zweifelhaften Krieges sind alle über ihre Jahre gealtert, teilweise leicht teigig geworden, unbedingt desillusioniert von ihrem wenig ruhmreichen Alltag. Ihr spezifisches Trauma gipfelt in Fragen wie „Wofür haben wir gekämpft? Was haben wir erreicht? Wer sind die Bösen, und sind sie zur Strecke gebracht?“

Bob Dylans „Masters Of War“ aus dem Jahr 1963 bildet immer noch den Soundtrack ihrer Befindlichkeit, und so lassen sie sich nach kurzem Widerstreben von Santiago „Pope“ Garcia (Oscar Isaac) zu jenem Himmelfahrtskommando überreden. In seinem Zentrum führt „Triple Frontier“ die Parallelitäten von Kriegseinsatz und Bankraub anschaulich vor Augen und stellt zur Diskussion, ob nicht jeder Krieg letztlich immer auch ein Raubzug ist, was das ethische Dilemma unvermeidlich macht. Schnell, spätestens nachdem sich die fünf mit ihrer tonnenschweren Beute auf den Fluchtweg über die Anden ans Meer machen, verheddern sie sich in solchen Fragen und der moralischen Güterabwägung. Jeder, so will es die Logik des Kriegsfilms, tötet anders, jeder verfügt dabei über die eigene Krisenbewältigungsstrategie und Zukunftsvision: klassisch die Szene, in der sie vor dem Zugriff das viele Geld im Geiste bereits verteilen und sich ausmalen, was alles damit anzustellen wäre. Anfangs ein besonnener Planer, lässt sich Tom (Ben Affleck) alsbald vom Virus des überreichlich verfügbaren Geldes infizieren und zahlt den höchsten Preis dafür. Bill (Charlie Hunnam) sieht die Sache eher als Abenteuer und sportliche Herausforderung. Francisco (Pedro Pascal), der Pilot, ist der Realist der Truppe, bleibt sachlich und kümmert sich um die Technik, auf die – wieder einmal – kein Verlass ist.

Ein letzter Coup, der moralische Fragen aufwirft, beschäftigt die Männertruppe in "Triple Frontier"
Ein letzter Coup, der moralische Fragen aufwirft, beschäftigt die Männertruppe in "Triple Frontier"

Unter vielen Flüchen stürzen die „weißen Götter“ mit ihrer Höllenmaschine vom Himmel und landen unter kolumbianischen Indigenen, die in einem Hochtal fleißig Coca-Anbau betreiben – ein veritabler Kolumbus-Moment, sarkastisch gewendet. Der Film lässt hier und im Folgenden keinen Zweifel daran, dass zumindest eine der drei Grenzen von „Triple Frontier“ von der Frage beschrieben wird, wie weit man für Geld in seinem Leben ginge, und belegt jenes mit allen Eigenschaften, die einem Kapitalismuskritiker in den Sinn kämen: Geld ist der wandelbare Proteus, die verräterische Wunscherfüllungsmaschine, illusorisch, stets unbefriedigend. Die Überlebenden lernen das auf die denkbar schmerzhafteste Weise; sie retten zwar ihre bloße Haut, sind aber von ihrem existenziellen Moment der Wahrheit für immer gezeichnet: der Chandor-Touch.


Fotos: Koch Media, Universum, Squareone, Netflix

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