Filmklassiker: „Der Kontrakt des Zeichners“

Freitag, 05.07.2019

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Das Haus, der Garten, das Pferd und seine Frau: In Peter Greenaways Feature-Debüt werden allgemeine ästhetische Fragen der Bildkunst gestellt und auf ihren gesellschaftlichen Kern zurückgeführt. Der ironisch-satirisch funkelnde Historienfilm ist erstmals in restaurierter Fassung auf DVD/BD neu erschienen.


Sommer 1694: Der ebenso begabte wie gutaussehende Landschaftszeichner Mr. Neville (Anthony Higgins) besucht in der englischen Provinz das opulente Anwesen der Familie Herbert. Die sexuell frustrierte Mrs. Herbert (Janet Suzman) bittet den arroganten Künstler gegen Bezahlung zwölf Zeichnungen ihres Hauses und Gartens anzufertigen. Angeblich als Geschenk für ihren Ehemann Mr. Herbert (Dave Hill), um dessen erloschene Liebe wiederzugewinnen.

Der barocke Hausherr bricht kurz darauf zu einer Lustreise auf und ist sichtlich froh, in den nächsten Tagen keine Zeit mit seiner Angetrauten verbringen zu müssen. Trotzdem sei der Eigentümer enorm stolz auf seinen Besitz, wie Mrs. Herbert zu Beginn „Der Kontrakt des Zeichners“ (1982) lakonisch feststellt: Seine Interessen gelten schließlich „dem Haus, dem Garten, dem Pferd und seiner Frau“. Genau so hätte das Langfilmdebüt von Peter Greenaway, das in einer digital restaurierten Version gerade als umfangreiche Blu-ray- und DVD-Edition bei Arthaus erschienen ist, ursprünglich heißen sollen.

Schon in dieser absurd-hintersinnigen Aufzählung offenbarte sich Greenaways Vorliebe für bizarre Listen und seltsame Aufzählreime, die das Gros seiner postmodernen Pastiche-Filme aus den 1980er-Jahren von Ein Z & zwei Nullen über Der Bauch des Architekten und Verschwörung der Frauen bis zu Der Koch, der Dieb, seine Frau und ihr Liebhaber kennzeichnen und zuvor auch schon das avantgardistische Kurz- und Experimentalfilmwerk (z.B. „A Walk Through H“, „The Falls“ oder „H Is For House“) des 1942 geborenen Universalkünstlers entscheidend geprägt haben.


Exzessive Lust an Manierismen

Jede der von Kameramann Curtis Clark famos arrangierten Tableau-Einstellungen in „Der Kontrakt des Zeichners“ zelebriert Greenaways exzessive Lust an privaten Manierismen, postmodernen Zitationen und intermedialen Interdependenzen. Scheinbar überall finden sich in diesem gleichfalls spätbarock-lustvollen wie morbide-grotesken Meisterwerk zahlreiche Bezüge zur europäischen Kunstgeschichte, wie sie alle Arbeiten des studierten Malers und ausgebildeten Cutters durchziehen und ihnen einen unverwechselbaren Charakter verleihen.

Das beginnt schon bei den ausgesprochen theatral-verfremdeten Schwarz-weiß-Kostümen von Mrs. Herbert und setzt sich in den Musikarrangements von Michael Nyman kongenial fort, die sich als Minimal-Music-Pattern mit barocken Orchestrierungen von Henry Purcell mischen und ähnlich wie Greenaways rätselhaft-hinterlistigeMise en Scène voller überraschender wie verwirrender Momente stecken.

Auf diese Weise dekonstruierte Greenaway mit beißender Ironie klassische Genreelemente des Historien- und Kostümfilms, wie sie sich wenige Jahre zuvor beispielsweise noch in Stanley Kubricks „Barry Lyndon“ (1975) fanden. Für eine detailgetreue Rekonstruktion historischer Realitäten hat sich Greenaway hingegen nie interessierte.

„Ich habe mir stilistische Freiheiten erlaubt, die einen Geschichtsperfektionisten kaum befriedigen dürften“, sagt Greenaway in den Bonusmaterialien; sein exzentrisches Spielfilmdebüt hatte in der Produktion lediglich 320.000 Pfund gekostet, nach der Weltpremiere bei den Filmfestspielen in Venedig im Oktober 1982 aber ein Vielfaches eingespielt.

Der Grund des Erfolgs liegt in erster Linie in der ziemlich respektlosen Mixtur aus britischem „bottom-up“- und „top down“-Humor, der auf Exzentrik, Nonsens und (non-)kausalen Bizarrerien fußt und sich in den gelungensten Szenen (wie dem langen Intro, den Sexszenen oder der Ermordung Nevilles) mit anarchischer Respektlosigkeit, schwarzem Humor und einer Brise Grausamkeit paart.


Cinema is dead!

„Die Perücken sind höher als alle, die jemals ein Europäer des 17. Jahrhunderts trug, die englische Landschaft ist grüner und alle Personen treiben in einer so literarischen und artikulierten Sprache Konversation, wie sie zu keiner Epoche in einer englischen Provinzgemeinde gesprochen wurde“, erläutert Greenaway im Audiokommentar seinen eigensinnigen Regieansatz, der ihn in den 1980er-Jahren zu einem der bildmächtigsten und einflussreichsten Autorenfilmer seiner Zeit werden ließ, ehe seine Filmkarriere ab Mitte der 1990er-Jahre zusehends ins Stocken geriet.

Gemäß seinem Postulat „Cinema is dead!“ verlegt sich Greenaway in der Folgezeit vermehrt aufs Musiktheater und multimediale Gesamtkunstwerke (wie etwa den dreiteiligen „The Tulse Luper Suitcases“-Zyklus). Es dauerte bis 2007, ehe sich der Neo-Renaissance-Künstler Greenaway mit seinem Rembrandt-Film „Nightwatching“ erneut einer eher narrativ ausgerichteten Kinoproduktion zuwandte, wenngleich ohne durchschlagenden Erfolg.

„Der Kontrakt des Zeichners“ ist hingegen komplett anders, höchst stringent und extrem unterhaltsam. Der Film lässt sich sowohl als postmoderne „Miss Marple“-Geschichte wie auch als extravagant-obszöner Kostümfilm oder als brillantes intertextuelles Rätselspiel rezipieren, was auch beim wiederholten Sehen außerordentliche Freude bereitet.


Am Anfang war das Bild

„Am Anfang war das Bild, nicht das Wort“, lautet das künstlerische Credo Greenaways: „,Der Kontrakt des Zeichners‘ ist ein Film über Figuren in einer englischen Landschaft. Für mich war es eine sehr willkommene Gelegenheit, die Gemälde des 17. Jahrhunderts zum richtigen Leben zu erwecken und zu feiern und aus seltsamen Einfällen, Sprachfiguren, Wortspielen und Täuschungen eine kunstvolle Umgangssprache wiederzuerkennen, die heute leider – oder Gott sei Dank – nicht mehr in Gebrauch ist“.

Jedes visuelle Detail (wie die karnevaleske Statue) und jede anrüchige Wortkaskade („Ich habe gepisst wie ein Pferd!“) funkelt in dieser semantisch überreichen Wunderkammer. Selbst alle im Film gezeigten Zeichnungen stammen von Greenaway, der in seinen filmischen Rätselwelten nichts dem Zufall überlässt und auch am Set stets die absolute Kontrolle sucht.

Bei all dem Ideenreichtum überrascht es deshalb auch nicht, dass Greenaways erste Schnittfassung knapp drei Stunden betrug. Seinem Schnittmeister John Wilson ist es zu verdanken, dass daraus ein ebenso kurzweilig-zeitloses wie intellektuelles Filmvergnügen wurde, das jetzt in einer erstklassigen Blu-ray-Edition vom Neuem zu entdecken, oder besser gesagt: zu enträtseln ist. Denn „die Schönheit des Schrecklichen“ (Jean Lüdeke) war im Kino selten berauschender zu erleben. So gleicht eine Neusichtung von Greenaways Debütfilm im Grunde einer unendlichen Schule des Sehens.


Der Kontrakt des Zeichners. Großbritannien 1982. Regie: Peter Greenaway. Länge: 104 Min. FSK: ab 16. BD/DVD-Edition als restaurierte Fassung mit umfangreichem Bonusmaterial (z.B. mit einem hörenswerten Audiokommentar von Peter Greenaway, zahlreiche Kurzfilme des Regisseurs sowie Einblicke in die digitale Restaurierung des Films). Anbieter: Arthaus


Fotos: StudioCanal

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