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Donnerstag, 08.08.2019

Dino De Laurentiis: Eine Hommage an einen Kino-Besessenen zum 100. Geburtstag.

Diskussion

Er habe „mehr Energie als alle anderen Produzenten zusammen“, sagte David Lynch einmal über den italienischen Film-Mogul Dino De Laurentiis (8.8.1919-10.11.2010). De Laurentiis gehört zu den schillerndsten Produzenten-Persönlichkeiten der Filmgeschichte; sein Einfluss reichte vom italienischen Neorealismus bis ins Hollywood-Blockbusterkino. Eine Hommage an einen Kino-Besessenen zum 100. Geburtstag.


Gerne sagt man so dahin, dass ohne sie oder ihn das Kino nicht das gewesen wäre, was es wurde. Dabei spricht man oft von großen Künstlern, solchen, die mit einigen Werken das erweitert haben, was man unter dem Kino versteht. Wenn aber eine Person und seine Familie bei inzwischen über zweitausend Filmen ihre Finger in der einen oder anderen Funktion mit im Spiel hatten, dann lässt sich diese Bedeutung für das Kino auch quantitativ messen. Zumal der italienische Produzent Dino De Laurentiis sehr unterschiedliche Formen des Kinos zu bedienen wusste. Von Roberto Rossellini, Federico Fellini über Ingmar Bergman bis zu Sam Raimi, „King Kongoder Ridley Scott, David Lynch oder Arnold Schwarzenegger gab es keine Grenzen bei Filmkünstlern, Genres und Stilen.

Von der Pasta zum „Grundnahrungsmittel“ Film

Dabei begann es für De Laurentiis, der vor 100 Jahren in Kampanien nahe Neapel zur Welt kam, mit einem ganz anderen Produktionsgut: Pasta! Sein Vater war Nudelhersteller, und der junge Dino lernte sein Verkaufshandwerk in der Nudelindustrie. Auch später sollte er dieser Leidenschaft folgen und neben Filmen immer wieder in der Lebensmittelindustrie auftauchen. Seine Tochter Giada schreibt heute nicht besonders interessante Bücher über die italienische Küche. Es gab in der Filmgeschichte immer wieder Ansätze, die Kunst des Kochens mit jener des Filmens zu verbinden. Seltener aber konnten Analogien zwischen dem Verkauf von Lebensmitteln und Filmen gezogen werden. Auf den ersten Blick scheint das auch absurd, nicht aber wenn jemand das Produzieren von Filmen als lebensnotwendig auffasst.

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Mit dem italienischen Begriff „pallino“ umschrieb der 2010 verstorbene Filmmogul klassischer Prägung das, was es für ihn brauche, um ein großer Filmproduzent zu werden. Zu Deutsch könnte man das in etwa mit Besessenheit übersetzen. Eine Obsession für die Filmwelt, die auch dadurch bestärkt wurde, dass der damals 27 Jährige seine erste Filmfirma 1946 gründete, also in einer Zeit, in der es kaum Mittel gab, um Filme zu realisieren. Jedes Bild überwachte der detailversessene Produzent, und auch wenn ihm nicht der zweifelhafte Ruf eines David O. Selznick nachhängt, so muss er doch in einem Atemzug genannt werden mit den großen Tycoons, jenen mächtigen Studiobossen, die Hollywood machten. In gewisser Weise verlief seine Karriere anachronistisch; sein großer Produzentenruhm in Kalifornien überlebte das Ende des Studiosystems. Sein Zugang kann insgesamt als liberaler gelten, was vor allem daran lag, dass in der Philosophie von De Laurentiis Scheitern auch eine Alternative war. Er war berühmt dafür, eigenes Geld in die Hand zu nehmen und große finanzielle Risiken einzugehen.

In den Fußstapfen der großen Hollywood-Erfolge

In dieser Hinsicht ähnelt er mehr europäischen Produktionsgrößen wie Paulo Branco als den Hollywood-Mogulen. Sein Bemühen um das jahrelang in der Luft schwebende „Dune“-Projekt ist dafür ein gutes Beispiel. David Lynch, der den von vielen als gescheitert empfundenen Film als Regisseur verantwortete, hatte eigentlich ein gutes Verhältnis zu Dino. Allerdings hatte dieser das Recht auf den Final Cut und machte damit Lynch das Leben zur Hölle. De Laurentiis selbst schob die Schuld für den Misserfolg auf Universal, die ihn dazu bewogen haben sollen, den Film im Schnitt mehr und mehr zu kürzen. „Dune zeigt überdies recht klar die einfache Strategie auf, der De Laurentiis in seinem Hollywoodleben folgte. Er trat immer in die Fußstapfen von Welterfolgen und wollte deren Erfolge übertreffen. „Dino De Horrendous“ wurde er in Hollywood genannt. Sein „Dune“ ist eine Antwort auf „Star Wars“, sein „King Kong ist eine Antwort auf „Der weiße Hai“, sein „Hannibal“ war eine Reaktion auf „Das Schweigen der Lämmer“, den er an sich vorbeiziehen ließ, obwohl er mit Michael Manns „Manhunter“ den ersten Hannibal-Lecter-Film verantwortete.

Ein Großprojekt von Dino De Laurentiis, das zum Flop wurde: "Dune - Der Wüstenplanet" von David Lynch
Ein Großprojekt von Dino De Laurentiis, das zum Flop wurde: "Dune - Der Wüstenplanet" von David Lynch

Inzwischen hat sich das Verhältnis der nach ihm benannten Produktionsfirma De Laurentiis Company zu den Produktionsmitteln ins andere Extrem verkehrt. Kapitalismus wird groß geschrieben in der von Dinos später Ehefrau Martha geführten Firma. Mit den hauseigenen „Hannibal“- und „Barbarella“-Marken ist man ins Seriengeschäft eingestiegen, inzwischen hat man eigene Studios in den USA, Australien oder Marokko. Rigider und ausschließender als andere Rechteinhaber verwaltet man Filme, wenn es um Aufführungsrechte geht. Das war schon immer so im Hause De Laurentiis. Selten hat man den Namen eines Produzenten so groß auf einem Poster gelesen wie im Fall des „King-Kong“-Remakes. Das Produktionslogo ein bronzener Löwe, dessen halber Körper von einer mächtigen Mähne bedeckt wird. Dagegen wirkt der MGM-Löwe bescheiden. Eine große Statue dieses Löwen hatte der Produzent bekanntlich neben seiner Haustür in Beverly Hills platziert. Gästen empfahl er, das Geschlecht des Löwen zu reiben. Es würde Glück bringen. Bei seiner Beerdigung stand die Statue mitten im Raum.

Durchbruch mit „Bitterer Reis“

Das war noch anders bei Giuseppe de Santis’ „Bitterer Reis“ (1949). Dort zeigte sich De Laurentiis seiner eigenen Erzählung nach für die Besetzung der für den Film so entscheidenden Silvana Mangano verantwortlich. Er habe sie entdeckt, während er auf der Via Veneto in Rom spazierte. Dort wäre sie auf einem Wahlplakat gewesen. De Laurentiis verstand sofort, dass ihre vor Vitalität strotzende Körperlichkeit ein Bild der für den neorealistischen Film notwendigen Erdverbundenheit und melodramatischen Verruchtheit in sich trug. Auch wenn Regisseur Giuseppe de Santis eine andere Geschichte erzählt, lässt sich sagen, dass De Laurentiis wiederholt mit solchen Castingentscheidungen auffiel. „Bitterer Reis spielt mit dieser Körperlichkeit, die den Schriftsteller Italo Calvino bewog, einen Vergleich mit Botticellis Venus anzubringen. Nur einen süßen Stolz würde sie diesem Bild noch hinzufügen. Obwohl De Laurentiis immer wieder starke Frauenfiguren in seinen Filmen förderte, zeigt sich hier in den Worten Calvinos durchaus ein rückständiges Bild. Patriarchale Strukturen waren dem Industriellen nie fremd. Später heiratete De Laurentiis die Schauspielerin und blieb bis zu deren Tod Ende der 1980er-Jahre mit ihr zusammen.

In seinen jungen Jahren produzierte De Laurentiis neorealistische Filme wie "Bitterer Reis"
In seinen jungen Jahren produzierte De Laurentiis neorealistische Filme wie "Bitterer Reis"

Bitterer Reis“ bedeutete den Durchbruch von De Laurentiis in Italien. Zu seinen großen Qualitäten zählte, dass er als einer der ersten Produzenten weltweit das heute selbstverständliche Potenzial von internationalen Co-Produktionen entdeckte. In der Folge produzierte er unter anderem zusammen mit Carlo Ponti Filme wie Federico Fellinis „La Strada und Die Nächte der Cabiria“ oder Roberto Rossellinis „Europa ’51“. In dieser Zeit entwickelte De Laurentiis ein Gebaren, das nicht nur Arnold Schwarzenegger an „Der Pate“ erinnerte. „Er saß hinter einem riesigen, kunstvollen, antiken Tisch. Lang und breit, vielleicht sogar ein bisschen höher als ein normaler Tisch. Dino selbst war ein kleiner Mann, sehr klein, und ich spürte das Verlangen, ihm ein Kompliment zu machen, aber auch etwas Witziges zu sagen. Was aus meinem Mund kam, war: ‚Warum braucht ein so kleiner Mann wie Sie einen so großen Tisch?‘.“ Ein unverzeihlicher Fauxpas! De Laurentiis gab Schwarzenegger die Retourkutsche und zielte sofort auf dessen Akzent. Mit diesem könne er nicht Flash Gordon spielen, Flash Gordon wäre Amerikaner. Das Treffen war nach weniger als zwei Minuten beendet. Später sollte Schwarzenegger die Rolle in „Total Recall“ doch bekommen, als De Laurentiis seine Option fallen ließ. Dass er den Österreicher mit den „Conan“-Filmen zum Star machte, soll hier aber nicht verschwiegen werden. In späteren Interviews wirkt De Laurentiis ein bisschen wie eine Rolle von Peter Sellers – mit seinen großen Worten, selbstverständlich mit tiefstem italienischen Akzent jedes Gespräch dominierend und dabei doch immer so wirkend, als wäre er zu spät für einen nächsten Termin.

Der „Godfather“ von Dinocitta

Auf dem Filmfestival Venedig sagte Jean-Luc Godard einmal, dass „La Strada“ ohne Ponti und De Laurentiis nie gemacht worden wäre. Aus dem Publikum schrie ein zynischer Fellini, dass der Film trotz Ponti und De Laurentiis gemacht worden wäre. Der kommerzielle Erfolg des Films ermöglichte erste Hollywoodproduktionen wie „Krieg und Friedenvon King Vidor mit Henry Fonda und Audrey Hepburn. Nur wie so oft folgte auf den Erfolg ein Scheitern. Denn das hauseigene Studio, unbescheiden Dinocitta genannt, das ganz der De-Laurentiis-Strategie folgend die in den 1950er-Jahren florierende Cinecittà übertreffen sollte, ging pleite. Insbesondere die Produktion von John Hustons „Die Bibel wurde zum finanziellen Desaster für De Laurentiis. Ursprünglich wollte er für den Film, der in seiner Vision das komplette Alte Testament Wort für Wort in Film übersetzte, mit Robert Bresson arbeiten. Als er für diesen zig Tiere in Paaren in Käfigen anschleppte und ihm stolz verkündete, dass er der einzige Produzent wäre, dem so etwas gelänge, antwortete Bresson, dass man nur die Fußspuren der Tiere im Sand sehen würde. De Laurentiis feuerte Bresson sofort.

Es wäre die größte Geschichte aus dem größten Buch. Hier gäbe es die erste Liebesgeschichte, die erste Sünde, den ersten Mord, das erste Boot und den ersten Wolkenkratzer, frohlockte der Produzent noch am Set im Angesicht von 3500 Komparsen. Eigentlich hatte er einen zehnstündigen Film im Sinn. Gedreht wurde im Dimension 150 65/70mm-Breitwandverfahren, was in der Projektion eine stark gekrümmte Leinwand im Seitenverhältnis 2,71:1 erfordert. Außerdem wurde trotz Studios mit erstaunlich wenig künstlichem Licht gearbeitet. Eine Sequenz rund um den Turm zu Babel sollte mit 4000 ägyptischen Statisten entstehen. Als nur 1500 Menschen erschienen, sendete De Laurentiis dutzende Fahrzeuge nach Kairo, um so viele Ägypter einzusammeln wie möglich. Wem das noch nicht unorthodox genug ist, sei daran erinnert, dass die Besetzung von Ulla Bergryd als Eva zustandekam, indem De Laurentiis eine Umfrage in einer internationalen Zeitung startete. Die Frage: Ist Eva blond oder brünett? Einige tausend Westeuropäer entschieden sich in der bedenklich typischen, aber von der Umfrage irgendwie auch provozierten Selbstbezogenheit dafür, dass die Frau aus Schweden kommen müsse.

Am Ende wurde De Laurentiis' "Die Bibel" von John Huston inszeniert.
Am Ende wurde De Laurentiis' "Die Bibel" von John Huston inszeniert.

Man könnte viele solcher unglaublicher Geschichten aufzählen. Das größere Narrativ des De Laurentiis aber hängt an dem, was er „pallino“ nennt. Er habe mehr Energie als alle anderen Produzenten zusammen, sagte David Lynch, an dem De Laurentiis weiter festhielt und dessen „Blue Velvet“ er im Stil eines möglichst freien Autorenfilms unterstützte. Immer weiter konnte er produzieren, und so folgte auf die schwere Phase mit der eigenen Filmstadt ein äußerst erfolgreicher Neuanfang in den USA mit Filmen wie „Serpico“ oder „Die drei Tage des Condor“. Ganz am Ende stand dann nochmal ein Scheitern, denn sein lange geplantes, ausuferndes Projekt zum Leben Alexander des Großen zusammen mit Baz Luhrmann wurde ihm nicht nur von Oliver Stone vor der Nase weggeschnappt, sondern letztlich nie realisiert. Das Leben – es war ein Spiel für diesen Mann, der wie kaum ein Zweiter verkörperte, dass es für die Kunst des Kinos leider keine so verlässlichen Rezepte gibt wie für die Zubereitung einer guten Pasta.


Foto: Filmstill aus „Dino De Laurentiis: The Last Movie Mogul“ (2001), BBC (De Laurentiis (r.) mit Federico Fellini (l.) und Giulietta Masina); Filmfotos: Edel, Filmjuwelen, Fox

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