Die Kraft der Liebe

Dienstag, 10.09.2019

Das Berliner Kino Arsenal ermöglicht in einer Retrospektive die Wiederentdeckung des Hollywood-Regisseurs Frank Borzage als optimistischer Chronist sozialer Verhältnisse und gefühlvoller Romantiker

Diskussion

Rocky Scott, „der auf alles wettet oder nichts“, wettet zu Beginn mit sich selbst. Ein herzhaftes Gähnen, dann greift der Cowboy hinter eine Stalltür und zückt eine Zigarre. Rauchen oder nicht? Ein Münzwurf entscheidet und die Zigarre wandert zurück hinter die Tür. Frank Borzage spielt selbst die Hauptrolle in seiner ersten erhaltenen Regiearbeit „The Pitch o’Chance“ von 1915. Nach einer Reihe von Rollen in Filmen von Hollywood-Pionier Thomas H. Ince wechselte Borzage ins Fach des Regisseurs. Die erhaltenen frühen Filme, vor allem die Western, sind von dem Standard der Zeit weit entfernt. Wenig Pistolendampf und Gereite, dafür ein komplexes Gefüge von Charakteren und Begehrensstrukturen, Gefühle, die sich entwickeln, ausbleiben oder durch die Geschichte mäandern.

Das Berliner Kino Arsenal präsentiert den September hindurch eine große Auswahl an Filmen Borzages, die es erlaubt, das Werk dieses großen Regisseurs des klassischen Hollywoods in der Zusammenschau auf der großen Leinwand zu erleben. Die Reihe schlägt einen Bogen von Borzages frühen Filmen bis in die 1940er-Jahre. Zu den Linien, die sich schon in Borzages frühen Filmen andeuten, zählen die komplexen Frauenfiguren. In „A Mormon Maid“ von 1917 spielt Mae Murray eine junge Frau, die in den 1840er-Jahren von einer Mormonen-Wagenkolonne auf dem Weg nach Westen gerettet wird und sich anschließend einem Schicksal als zusätzliche Nebenfrau eines Mormonen-Anführers entziehen muss. In „The Gun Woman“ von 1918 spielt die grandiose Texas Guinan eine Revolverheldin mit dem Namen „Die Tigerin“. Sie fällt auf einen Mann herein, der sie um ihre Ersparnisse bringt, knallt ihn ab und hat fürderhin verständlicherweise genug von den Männern.

"Street Angel" (1928) mit Janet Gaynor und Charles Farrell
"Street Angel" (1928) mit Janet Gaynor und Charles Farrell

1920 tritt New York in die Filme Borzages. Während sein Vater im jüdischen Ghetto New Yorks neue Messinggegenstände in alte russische Antiquitäten verwandelt, arbeitet Leon Kantor an einer Karriere als Geiger. „Humoresque“ ist eine Adaption einer Erzählung von Fannie Hurst, die auch die Romanvorlagen zu den oft verfilmten Stoffen „Imitation of Life“ und „Back Street“ geschrieben hat. Adaptiert wurde die Vorlage von Frances Marion, Frauenrechtlerin und eine der bestbezahlten Drehbuchautorinnen der Zeit. Marion hatte zuvor für Lois Weber und Mary Pickford gearbeitet.

Präzise dargestellte Milieustudien

„Humoresque“ zeigt eine beeindruckende Präzision in der Darstellung des Milieus, des Lebens in beengten Verhältnissen, des Spielens der Kinder auf den Straßen. Der Film schildert die Armut der jüdischen Familie plastisch und einfühlsam. Hans-Joachim Fetzer, der die Reihe zusammen mit Annette Lingg für das Arsenal kuratiert hat, schreibt in den Programmtexten: „Sergej Eisenstein, der Borzage neben Chaplin und Stroheim für einen der drei größten Filmemacher Amerikas hielt, bezeichnete den Film als 'seltenes Beispiel für Sensibilität und Können.'“ „Humoresque“ gewann die erste Medal of Honor der Zeitschrift Photoplay, einen der Vorläuferpreise des „Oscars“.

Die Präzision der Darstellung sozialer Verhältnisse bleibt den Filmen Borzages erhalten. 1933 zeigt Borzage in Man’s Castle das Leben in einer New Yorker Obdachlosensiedlung während der Großen Depression. Bill (Spencer Tracy) trifft Trina (Loretta Young) in einem Park in der Stadt. Er nimmt sie mit in ein Restaurant, sieht ihr rauchend und trinkend beim Essen zu und eröffnet ihr dann, dass er kein Geld hat, um die Rechnung zu bezahlen. Stattdessen erklärt er dem Besitzer des Restaurants selbstbewusst, dass er es angesichts dessen, was er an Essen entsorge, wohl verkraften könne, ab und an jemanden umsonst essen zu lassen. Bill nimmt Trina mit in die Obdachlosensiedlung; der Frau erscheint die Siedlung wie ein Utopia. Borzages Film ist für jene Jahre ausgesprochen gelassen. Auch wenn er stellenweise in den Dialogen den zeitgleich entstehenden Screwball-Komödien ähnelt, ist er im Tempo nicht annähernd so überdreht. Borzage erweist sich nicht nur als sozial interessierter Regisseur, sondern auch als ausgesprochen ruhig und zuversichtlich.

Europäische Einflüsse

Durch Borzages Filme der 1920er- und 1930er-Jahre zieht sich ein Hauch von Europa. Besonders Italien taucht wiederholt in den Filmen auf. Leon Kantor öffnen sich die Türen der Konzertsäle Europas in „Humoresque“ nach einem Auftritt vor dem italienischen Königspaar. Der 1928 an der Übergangszeit vom Stumm- zum Tonfilm entstandene Street Angel spielt in Neapel. In Man’s Castle gibt Spencer Tracy einer Schauspielerin, der er eine Vorladung zugestellt hat, sich auf dem Sofa fläzend den Ratschlag, sich London aus dem Kopf zu schlagen. Italien ist es, da will er hin.

Ein bemerkenswert gelassener Film der Depressionszeit: "Man's Castle" ("Ein Schloss in New York")
Ein bemerkenswert gelassener Film der Depressionszeit: "Man's Castle" ("Ein Schloss in New York")

Borzage selbst wurde 1894 in Salt Lake City geboren, gut zehn Jahre, nachdem seine Eltern in die USA emigriert waren. Frank Borzages Vater Luigi Borzaga wurde in Südtirol geboren, seine Mutter war Schweizerin. 1932 dreht Borzage die Hemingway-Verfilmung A Farewell to Arms, einen seiner bekanntesten Filme. In den Hauptrollen Gary Cooper als Frederic Henry, ein amerikanischer Fahrer eines Krankenwagens in der italienischen Armee im Ersten Weltkrieg, und Helen Hayes als britische Krankenschwester Catherine Barkley. Die beiden heiraten heimlich, Henry wird verwundet, landet im Krankenhaus, in dem Barkley arbeitet, diese wird verlegt, Henry desertiert, um bei ihr zu sein.

Während die zeitgenössische Kritik Vorbehalte gegen Borzages weichgespülte Adaption hatte, lassen sich mit etwas Abstand die Qualitäten der Verfilmung erkennen. Er verwandelt sich Hemingways Erzählung an, bis er ihr den Pessimismus ausgetrieben hat und inmitten der Kriegswirren ein Hohelied der Liebe singt.

Frühe Anklage des Nationalsozialismus

Während der italienische Faschismus, der seit 1922 in Italien wütete, in Street Angel unsichtbar blieb, griffen Borzages Filme früh das Aufkommen des Nationalsozialismus in Europa auf. 1934 verfilmt Borzage für Universal Hans Falladas „Kleiner Mann – was nun?“. Produzent Carl Laemmle schreibt in einem kurzen Text, der vor Beginn des Films eingeblendet wird: „Indem ich ‚Little Man, What Now?‘ auf die Leinwand bringe, hoffe ich einen sozialen Dienst zu erweisen. Die Geschichte des kleinen Mannes ist die jeden Mannes – die Frage: Was nun? ist ein tägliches Problem der Welt. Ein Problem, dass die Männer nur hoffen dürfen durch den Mut, der aus dem Glauben in den Herzen von Frauen erwächst, überwinden zu können.“

Borzage zeigt das Leben des kleinen Angestellten Hans Pinneberg (Douglass Montgomery) und seiner Geliebten und späteren Ehefrau, Emma „Lämmchen“ Mörschel (Margaret Sullavan) in der späten Weimarer Republik. In ständiger Angst vor dem Verlust des Einkommens aus Hans’ Anstellung und vor der Wohnungsnot, versuchen die beiden durch Anpassung zu überleben. Wie ein Drohbild zieht ein hungernder Arbeitsloser durch den Film und trifft wiederholt auf die beiden. „Little Man, What Now?“ zeigt die deutsche Gesellschaft der Weimarer Republik als der US-Gesellschaft jener Jahre ähnlich.

Romantik statt Pessimismus: "A Farewell to Arms" (1932)
Romantik statt Pessimismus: "A Farewell to Arms" (1932)

Liebe und Freundschaft gegen die politische Gewalt

1938 verfilmt Borzage Erich Maria Remarques Roman „Drei Kameraden“ in einer Adaption von F. Scott Fitzgerald und Edward E. Paramore Jr. Die drei Freunde Erich Lohkamp (Robert Taylor), Otto Koster (Franchot Tone) und Gottfried Lenz (Robert Young) bleiben nach dem Ende des Ersten Weltkriegs, mit dem der Film beginnt, beieinander. Sie halten sich mit einer Autowerkstatt und einem Taxi über Wasser, bis letzteres von Nazis zerstört wird. Erich lernt die junge, schöne Pat (Margaret Sullavan) kennen, die beiden verlieben sich ineinander. Die Freundschaft der drei nimmt Pat, die ähnlich wie die drei auf der Suche nach einem Halt im Leben ist, mit auf. Die Kraft der Liebe und der Freundschaft schafft inmitten zunehmender politischer Gewalt einen utopischen Raum um die vier.

A Farewell to Arms begann 1932 in der Titelsequenz vor dem Hintergrund eines wolkigen Himmels mit einem Flugzeug und Kanonendampf. Der Anti-Nazifilm The Mortal Storm von 1940 nimmt dieses Motiv auf. In einem Vorspann vor dem Film reflektiert eine Erzählstimme, dass der Krieg als menschengemachter Sturm die Stürme der Natur längst als größte Bedrohung abgelöst hat. „Unsere Geschichte fragt: Wie schnell werden die Menschen die Weisheit in ihren Herzen finden, einen beständigen Schutz gegen ihre unwissenden Ängste zu errichten?“ Die Handlung spielt über weite Teile in einer kleinen Universitätsstadt in Süddeutschland am Fuß der Alpen. Der jüdische Professor Roth (Frank Morgan) feiert am 30. Januar 1933 seinen 60. Geburtstag. Während der Vormittag ganz im Zeichen des Geburtstags steht, der Briefträger die Pakete bringt, die Kollegen an der Universität und die Studenten gratulieren, man schließlich Gaudeamus igitur singt, bricht am Abend die Nachricht von der Machtübertragung an Hitler in die freudige Welt ein. Robert Young trifft in der Darstellung des Nazi-Aufsteigers Fritz Marberg, der ursprünglich mit Roths Tochter Freya (Margaret Sullavan) verlobt ist, die richtige Balance zwischen karrieristischem Finsterling und Resten von Gefühl. Freya hingegen wendet sich zunehmend mehr dem Bauerssohn Martin Breitner (James Stewart) zu, der sich von den Nazis fernhält. Schließlich wird Professor Roth verhaftet. Bei einem Besuch fordert er seine Frau auf, mit Freya und ihren beiden Söhnen aus erster Ehe, die sich ebenfalls den Nazis angeschlossen haben, zu fliehen.

Unausweichliche Konfrontation mit den Nazis: "Tödlicher Sturm" (1940)
Unausweichliche Konfrontation mit den Nazis: "Tödlicher Sturm" (1940)

Es ist faszinierend, in der Zusammenschau von Filmen aus Borzages Werk zu beobachten, wie sich Linien fortsetzen, abreißen, wieder auftauchen. So bleiben die Frauenfiguren auch nach Einführung des Zensursystems des Hays-Codes selbstständig bei Borzage, sein Interesse an Lebensumständen wie Armut und Versehrungen ziehen sich durch seine Filme. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ebbt Borzages Filmfluss ab, die Filme werden seltener, zwischen 1948 und 1958 entsteht kein Film. Borzage stirbt 1962 während der Arbeiten am Abenteuerfilm Journey Beneath the Desert, der Film wird von Giuseppe Masini und Edgar G. Ulmer fertiggestellt. Die schiere Menge an Filmen, die Borzage zwischen 1915 und 1948 produzierte, beeindruckt. Sie eröffnete ihm die Möglichkeit zu experimentieren, Akzente zu setzen und zu verschieben. Borzage hat sie auf Vortrefflichste genutzt.


Fotos: Arsenal – Institut für Film und Videokunst/1928 Twentieth Century Fox Film Corporation

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