„Kein Kind ist ohne Grund aggressiv“

Montag, 16.09.2019

Ein Interview mit Nora Fingscheidt über „Systemsprenger“

Diskussion

Die Regisseurin Nora Fingscheidt erzählt in „Systemsprenger“ von einem Mädchen, dessen extremes Verhalten auch professionelle Betreuer der Jugendfürsorge überfordert. Damit gewann die Filmemacherin bei der „Berlinale“ 2019 den „Silbernen Bären“; der Film ist auch als deutscher Beitrag für den „Oscar“ nominiert. Ein Gespräch über extreme Zustände und was sie über die Gesellschaft verraten.


„Systemsprenger“ erzählt von einem Mädchen, das wegen seiner Aggressivität von der Mutter zu Kinder- und Jugendhilfe-Einrichtungen und dann zu einer Pflegefamilie weitergereicht wird. Wie kamen Sie auf den Titel „Systemsprenger“?

Nora Fingscheidt: Ich bin das erste Mal während der Dreharbeiten für einen Dokumentarfilm in Stuttgart mit diesem Begriff konfrontiert worden. Da haben wir ein Jahr lang ein Heim für wohnungslose Frauen begleitet. Eines Tages zog dort ein 14-jähriges Mädchen ein, was mich total schockiert hat. Die Sozialarbeiterin sagte nur: „Ach, die Systemsprenger! Die können wir an ihrem 14. Geburtstag aufnehmen!“ Für mich ist das ein Wort, das extrem kraftvoll klingt und gleichzeitig etwas wahnsinnig Tragisches beschreibt.


War Ihnen nach der Begegnung mit diesem Mädchen sofort klar, dass Sie darüber einen Film machen wollen?

Fingscheidt: Ja. Ich wollte schon immer einen Film über ein wütendes, aggressives und wildes Mädchen machen. Kleine Mädchen sind im Film oft niedlich, still und eher passiv. Sie bewundern mit großen Augen die Welt. All das hat mit meinen Erinnerungen an die Kindheit aber nichts zu tun. Als dann der Begriff „Systemsprenger“ in mein Leben kam, wusste ich, dass ich endlich eine Geschichte für das Thema habe, das ich unbedingt erzählen möchte.


Wenn man dieses Wort als Außenstehender hört, denkt man eher an gesellschaftliche Umstürze, aber weniger an  Kinder.

Fingscheidt: Es kann sein, dass der Titel zunächst falsche Erwartungen weckt. Wir haben aber keine Alternative gefunden, die so eine Wucht beinhaltet. In der Kombination mit dem Plakat macht er aber vielleicht auch neugierig. Ich glaube, dass Kinder wie Benni unsere Gesellschaft in Frage stellen. Geht es uns allen in dieser Welt wirklich so gut, wie wir meinen?

Benni (Helena Zengel) in "Systemsprenger"
Benni (Helena Zengel) in "Systemsprenger"

Sie haben auch das Drehbuch geschrieben. Wie haben Sie sich diesem komplexen Thema genähert?

Fingscheidt: Ich habe sehr intensiv recherchiert, habe zwei Wochen lang in einer Wohngruppe gelebt und mitgeholfen. Ich war auch in einer Kinder- und Jugendpsychiatrie. Ich habe versucht, in verschiedenen Institutionen, etwa in einer Schule für Erziehungshilfe oder in einer Obhut-Annahmestelle, ein Gefühl für den Alltag und die Tonalität dort zu bekommen. Zusätzlich habe ich mindestens 60 Fachgespräche geführt. Das war ein Prozess, der sich über vier Jahre hinzog, in dem es aber immer auch den Rückzug zum Schreiben gab.


Ich nehme an, dass man dabei wie die Sozialarbeiter im Film schnell seine professionelle Distanz verlieren kann. Ist es Ihnen bei Ihren Recherchen auch so ergangen?

Fingscheidt: Ja, auf jeden Fall. Ich habe das selbst erlebt und es bei vielen Menschen beobachtet. Es geht bei sozialen Berufen immer um diese Balance. Man braucht eine professionelle Distanz, aber gleichzeitig arbeitet man mit Menschen, und ich bin ja noch nicht mal entsprechend ausgebildet. Ich bin selbst Mutter. Wenn man dann Kindern begegnet, die so bedürftig sind und solch einen großen Mangel an bedingungsloser Liebe haben, ist das oft sehr belastend. Als ich merkte, dass sich etwas verschiebt, dass sich mein Weltbild verdüstert, habe ich die Recherchen für ein Jahr unterbrochen. Ich musste aufpassen, dass ich nicht die Relationen verliere, denn ich weiß natürlich, dass es viele Kinder gibt, denen es gut geht, die glücklich sind.


Glauben Sie, dass man Kindern wie Benni helfen kann?

Fingscheidt: Es gibt durchaus Orte und Menschen, die mit Kindern wie Benni umgehen können. Einer meiner wichtigsten Fachbegleiter war Prof. Dr. Menno Baumann, der in Niedersachsen am Leinerstift als Bereichsleiter und Dozent tätig ist. Dort leben nicht zehn Kinder in einem Haus, sondern nur drei, und es wird genau geschaut, was das jeweilige Kind in seinem Alltag braucht, damit es Halt findet und nicht sofort wieder rausfliegt. Aber ob man mit einem Film helfen kann, weiß ich nicht. Was ich mir allerdings wünsche, ist, dass der Film ein gewisses Bewusstsein dafür schafft, dass es auch bei uns Kinder wie Benni gibt.

Auch Betreuer wie Micha (Abraham Schuch) verzweifeln an der schier ausweglosen Lage, einen Platz für Benni zu finden.
Auch Betreuer wie Micha (Abraham Schuch) verzweifeln an der Aufgabe, einen Platz für Benni zu finden.

Haben Sie jemals darüber nachgedacht, dieses Thema dokumentarisch anzugehen?

Fingscheidt: Für mich war immer klar, dass es ein Spielfilm sein muss. Ich glaube auch, dass jeder Filmemacher zu einem bestimmten Thema nur einen einzigen Zugang hat. Andere Leute hätten bestimmt einen großartigen Dokumentarfilm über Systemsprenger machen können. Ich nicht.


Viele Situationen wiederholen sich in Bennis Geschichte. Das war dramaturgisch gesehen sicherlich eine Herausforderung.

Fingscheidt: Ja, das war ein langer Prozess. Ich hatte großartige dramaturgische Begleitung, etwa von Christoph Fromm, Bernd Lange, Hans-Christian Schmid und Thomas Schadt, die mir geholfen haben, eine Struktur zu erarbeiten. Es geht im Film genau um diese Redundanz: Benni fliegt wieder und wieder und wieder raus. Dann hat sie sehr viele wechselnde Bezugspersonen, bei denen die Zuschauer den Überblick behalten müssen. Das alles muss man filmisch erlebbar machen. Und wie kann man eine Geschichte erzählen, in der die Protagonistin eigentlich auch die Antagonistin ist? Es gibt keinen Bösewicht, der von außen kommt, sondern die größte Gefahr liegt in Benni selbst und in ihrem destruktiven Verhalten. Das war eine Riesenherausforderung, aber gleichzeitig auch motivierend, denn ich wollte schließlich einen Film machen, den man nicht schon tausendmal gesehen hat.


Benni hat viele Leute um sich, die ihr helfen wollen, doch letztendlich ist sie ein einsames Kind.

Fingscheidt: Das ist auch meiner Erfahrung geschuldet. Anfangs glaubte ich auch, dass das „böse System“ dafür verantwortlich ist. Aber dann habe ich bei meinen Recherchen Leute getroffen, die aus einer total guten Intention ihren Job machen. Mit dem Finger auf die Sozialarbeiter zu zeigen, ist zu einfach.


Ich finde allerdings, dass Bennis Mutter sehr viel Schuld zugewiesen wird.

Fingscheidt: Die Mutter ist natürlich eine Kernfigur. Sie liebt ihr Kind, ist aber einfach überfordert und kann Benni nicht den Halt geben, den sie braucht. Bennis Leben wäre aber sehr viel einfacher, wenn ihre Mutter klare Ansagen machen würde. Selbst ein klares „Du kannst bei mir nicht wohnen!“ würde dem Kind helfen, irgendwann irgendwo anzukommen.

Die überforderte Mutter (Lisa Hagmeister) vermeidet jede klare Positionierung gegenüber ihrer Tochter.
Die überforderte Mutter (Lisa Hagmeister) vermeidet jede klare Positionierung gegenüber ihrer Tochter.


Sie möchten, dass man Verständnis für dieses Kind entwickelt?

Fingscheidt: Ja, auf jeden Fall. Ich glaube, dass man gerade bei kleinen Kindern über Aggression ganz anders sprechen sollte. Sie ist ein Zeichen dafür, dass in ihrer Welt etwas nicht in Ordnung ist. Kein Kind ist ohne Grund aggressiv und man muss genau hinschauen, anstatt es sofort fortzuschicken, weil es das System stört. Sonst kann für das Kind damit ein tragischer Kreislauf beginnen.


Wie haben Sie die Figur Benni entwickelt?

Fingscheidt: Benni ist auf jeden Fall inspiriert von vielen Kindern, die mir wirklich begegnet sind. Ein bisschen Persönliches von mir steckt auch in ihr drin.


Benni ist ein Mädchen, das ständig zwischen extremen Gefühlen hin- und herschwankt, das mal ruhig und dann plötzlich rasend ist.

Fingscheidt: Ja, wir haben versucht, Bennis Energie filmisch zu übersetzen. Ihre Grundenergie beeinflusst eigentlich alles: den Schnitt, den Rhythmus, die Musik, die Farbauswahl.


Mit Helena Zengel haben Sie eine tolle Hauptdarstellerin gefunden. Mussten Sie lange suchen?

Fingscheidt: Wir haben im November 2016 mit zehn Mädchen eine erste Casting-Runde gemacht und Helena war Mädchen Nummer sieben. Sie hat uns sofort beeindruckt. Denn sie hatte einerseits gar keine Hemmungen, wild zu sein und Aggressionen zu spielen, konnte dabei aber immer auch eine Not und eine Verletzlichkeit mit zum Ausdruck bringen. Mir war es wichtig, dass sie zunächst mit ihrer Mutter das Drehbuch liest, damit sie weiß, worauf sie sich einlässt. Dann haben wir Helena wieder getroffen, noch mal ein Casting gemacht und über das Buch gesprochen. Sechs Monate vor Drehbeginn haben wir uns dann für sie entschieden.

Eine Therapie-Einheit im Wald verspricht Fortschritte.
Eine Therapie-Einheit im Wald verspricht Fortschritte.


Wie haben Sie mit Helena Zengel die Rolle erarbeitet?

Fingscheidt: Wir haben uns jede Woche mindestens einmal getroffen. Manchmal sind wir shoppen gegangen und haben Bennis Klamotten oder ihr kleines Kuscheltier gesucht. Dann war Helena bei vielen Erwachsenen-Castings als Anspielpartnerin dabei. Wir haben auch einen kleinen Probe-Dreh gemacht, damit sie das Filmteam kennenlernt. Mir war es wichtig, dass es für Helena am Set so wenige Überraschungen wie möglich gibt. Am Abend vor einem Dreh haben wir geprobt, sodass sie ihre Fragen stellen oder ihre Ideen einbringen konnte. Sie wusste immer genau, was am nächsten Tag passieren wird. Das ist bei einer solchen Thematik extrem wichtig, damit das Kind da heil wieder herauskommt.


Es ist beeindruckend, wie sehr sich Helena Zengel auf ihre Rolle einlassen konnte. Gerade auch in den Wutszenen. Machen Kinder das womöglich intuitiver?

Fingscheidt: Ja, aber zu einem gewissen Grad macht es auch Spaß, so etwas zu spielen. Manchmal musste ich sie allerdings auch über eine Grenze hinüberhieven oder sie anspornen: Schrei noch lauter! Insgesamt hatten wir 65 Drehtage und darunter waren sehr viele ruhige oder lustige Drehtage. Wir haben im Drehplan versucht, eine Balance zu schaffen, damit Helena nicht ständig nur Dramatage vor sich hat.


Bennis Anti-Gewalt-Trainer Micha findet als Einziger wirklich Zugang zu Benni. Er ist wie Frau Bafané vom Jugendamt eine Lichtgestalt.

Fingscheidt: Ich glaube, es ist relativ wichtig, dass man eine enge Bindung zu den erwachsenen Figuren hat, weil man sonst in diesem Film vor den Kopf gestoßen wird. Natürlich ist Micha auch eine Art Wunschfigur, jemand, der Benni wirklich versteht. Trotzdem wäre für mich ein Happy End mit den beiden nicht möglich gewesen. Damit wäre ich dem Thema nicht gerecht geworden.


Ich bin tatsächlich mit einer gewissen Ratlosigkeit aus dem Film gegangen: Was passiert mit Kindern wie Benni?

Fingscheidt: Ich habe in der Realität kein konkretes Ende gefunden, das eine Lösung für das Kind hätte aufzeigen können. Also keines, das mich überzeugt hat. Und natürlich möchte ich den Zuschauer auch mit einer Fragestellung zurücklassen. Er soll über das Thema wirklich nachdenken und nicht glauben, dass es etwa eine Lösung sei, solche Kinder in Sozialprojekte nach Kenia zu verschicken.

"Systemsprenger" stellt die Frage, was mit Kindern geschieht, die sich nicht eingliedern lassen.
"Systemsprenger" stellt die Frage, was mit Kindern geschieht, die sich nicht eingliedern lassen.

„Systemsprenger“ wurde auf der diesjährigen „Berlinale“ mit dem „Silbernen Bären“ ausgezeichnet. Wie hat sich das ausgewirkt?

Fingscheidt: Nach der Premiere auf der „Berlinale“ war der Film Gegenstand des öffentlichen Diskurses. Das Ausmaß hat mich erst mal völlig überfordert. Manchmal war es auch schwer auszuhalten, dass Menschen den eigenen Film schrecklich finden. Dabei sind wir ja noch recht gut weggekommen. Und nun kommt der Film in vielen Ländern ins Kino. Ich war gerade in Finnland, in Südkorea, fahre bald nach Portugal. Die Produzenten waren in Shanghai, und überall tobt Benni über die Leinwand und macht etwas mit den Menschen. Es hätte durchaus sein können, dass der Film zu deutsch, zu spezifisch ist, mit all diesen Ämtern und Behörden. Doch im Gegenteil: Der Film löst auch in anderen Kulturkreisen ganz interessante Reaktionen aus. Das wäre ohne die Teilnahme im Wettbewerb der "Berlinale" nicht passiert.


Vielleicht ist es eine universelle Erfahrung, dass Kinder einen auch an eigene Grenzen bringen können.

Fingscheidt: Ja, und ich glaube, jeder Mensch kann nachvollziehen, wie wichtig es ist, geliebt zu werden und einen gewissen Halt zu haben, und wie fatal es sein kann, wenn einem das verweigert wird. Ich merke, dass das die Zuschauer nicht nur in Deutschland berührt. Es ist schön zu sehen, dass ein Film verbinden und Menschen in den Dialog bringen kann, gerade in Zeiten, in denen sich so viele wieder in ihrer eigenen Nation zurückziehen.



Fotos: oben: Porträt von Nora Fingscheidt, © Philip Leutert. Andere Bilder: Stills aus "Systemsprenger", © Yunus Roy Imer / Port au Prince Pictures

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