© filmdienst (Grafik)/Wikimedia/StefanXP (Deutschlandkarte)

Fataler Flickenteppich

Freitag, 29.05.2020

Mit dem Durcheinander an Terminvorgaben und Bestimmungen zum Neustart nach der Corona-Schließung haben die Bundesländer den deutschen Kinos keinen Gefallen getan

Diskussion

Indem die deutschen Bundesländer sich nicht auf einen einheitlichen Termin für die Kino-Wiedereröffnungen nach dem Corona-Lockdown einigen konnten, ist eine wichtige Chance vertan worden. Für Kinobetreiber und Filmverleiher wären klare Vorgaben notwendig gewesen, um planen zu können, unter welchen Bedingungen der Neustart erfolgt. So herrscht in der Branche weiter viel Frust und Unsicherheit, einige demonstrieren jedoch auch Optimismus. Ein Überblick.


Die Corona-Krise zeigt einmal mehr die Licht- und Schattenseiten des Föderalismus. Denn aktuell sieht es so aus, dass es in den Bundesländern bei einem Flickenteppich bleibt, wenn es um die Wiedereröffnung der geschlossenen Kinos geht. In stoischer Gelassenheit setzt jedes Land selbstherrlich fest, wann die Filmtheater die Türen wieder aufsperren dürfen. Was erwartungsgemäß zu einem peinlichen Durcheinander führt.

In Hessen verkündeten die Behörden etwa am 7. Mai, dass die dortigen Kinos zwei Tage später öffnen dürfen, natürlich mit bestimmten Corona-Einschränkungen wie Mindestabstand und Mund- und Nasenschutz. Dabei sollte allgemein bekannt sein, dass Kinostarts auf Wochen hinaus vorher geplant und beworben werden müssen, um überhaupt Filme zu bekommen und mögliche Besucher darauf aufmerksam zu machen. Kein Wunder, dass das Film- und Kinobüro Hessen kurz darauf vermeldete, dass nur sehr wenige Betreiber die Chance zur Öffnung nutzten.

In Hamburg hat man vom ungeschickten Aktionismus in Hessen nichts gelernt. Dort verkündete die Landesregierung am 26. Mai, dass die Kinos am Folgetag wieder aufmachen dürfen. Die meisten der überrumpelten Hamburger Kinos kündigten daraufhin an, noch nicht gleich am Folgetag wieder Vorstellungen anzubieten.


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Derzeit haben neben einigen Kinos in Hessen auch Filmtheater in Sachsen (seit 15. Mai) und Schleswig-Holstein (seit 18. Mai) mit entsprechenden Einschränkungen wieder den Betrieb aufgenommen. Die saarländischen Filmtheater dürfen zwar seit dem 18. Mai Filme abspielen, tun dies aber noch nicht. Am 25. Mai durften Kinos in Mecklenburg-Vorpommern wieder öffnen, am 27. Mai folgen Rheinland-Pfalz und Hamburg, am 28. Mai Sachsen-Anhalt. Ab 30. Mai ist der Kinobesuch in Nordrhein-Westfalen wieder erlaubt.

Die Hoffnung ruht darauf, die Zuschauer zurückzugewinnen © Concorde
Die Hoffnung ruht darauf, die Zuschauer zurückzugewinnen © Concorde

Vorsichtige Zuschauer

In Schleswig-Holstein hielt sich der Besucherandrang zunächst in Grenzen. So berichtet die Geschäftsführerin des „Kleinen Theaters Schillerstraße“ in Geesthacht an der Elbe, Meike Peemöller, die ihr Haus zum Himmelfahrts-Wochenende eröffnet hat: „Es war nicht gerade ein Ansturm vor der Tür.“ Danach konnte sie sich aber über eine kontinuierliche Steigerung in den ersten Tagen freuen – trotz des schönen Maiwetters.

Auch Martin Turowski hat sich entschlossen, die Türe seines „Burgtheaters“ in der Inselstadt Ratzeburg wieder zu öffnen und den Betrieb anzufahren. „Das sind wir unseren treuen Kinofans, die uns mit Gutscheinaktionen während des Shutdowns weiter unterstützt haben, schuldig,“ sagt er. „Gerade auch in kleineren Orten haben wir einen filmkulturellen Auftrag und sind für die ansässigen Bewohner einer der wenigen kulturellen Anlaufpunkte im Ort und im Kreis.“

Wie ein Kinobesuch in der Corona-Ära aussieht, lässt sich am Beispiel des erst im Februar 2019 eröffneten Sieben-Säle-Kinos „Hall of Fame“ in Kamp-Lintfort aufzeigen. Die Geschäftsführer Anja und Meinolf Thies freuen sich, pünktlich zum langen Pfingstwochenende die Cineasten am Niederrhein wieder vor den Leinwänden zu begrüßen und schreiben: „Im gesamten Gebäude gilt ein Mindestabstand von 1,50 Meter. In den Kinosälen bleibt die Mehrheit der Komfortkinosessel unbesetzt und zwischen den einzelnen Besuchergruppen werden jeweils zwei Sitzplätze frei gelassen. Jeder Gast muss im Haus einen Mund-Nase-Schutz tragen, sollte ein Gast seinen zu Hause vergessen haben, besteht die Möglichkeit, diesen vor Ort zu 75 Cent zu kaufen. Während des Filmes kann die Schutzmaske am Platz abgenommen werden – auch um Popcorn, Nachos oder Getränke wie üblich genießen zu können.“

Abstandregeln werden auch in den Kinos befolgt werden müssen © Ascot Elite
Abstandregeln werden auch in den Kinos befolgt werden müssen © Ascot Elite

Vorläufiges Schlusslicht Bayern

Am Ende der Öffnungskolonne stehen bisher Baden-Württemberg, Brandenburg, Bayern und Berlin. Ab 1. Juni dürfen auch die Kinos in Baden-Württemberg den Betrieb aufnehmen. Dort sagte Ministerpräsident Winfried Kretschmann: „Über diese Perspektive gerade für die Kulturschaffenden und Künstler freue ich mich sehr. Denn die Pandemie hat unser Kulturleben fast zum Erliegen gebracht – egal ob Kino, Theater, Konzerte oder Oper. Und auch wenn Kulturschaffende tolle Formate im Internet entwickelt haben, können die das Liveerlebnis natürlich nicht gleichwertig ersetzen. Weder für die Zuschauer noch für die Künstler selbst.“

Am 6. Juni macht Brandenburg den Weg frei. In Bayern, das wegen der hohen Zahl an Infektionen einen besonders strikten Beschränkungskurs fährt, dürfen Kinos ebenso wie Theater erst ab 15. Juni wieder Gäste empfangen. Berlin wartet sogar bis zum 2. Juli. Wann die übrigen Bundesländer grünes Licht geben, ist noch immer unklar.

Das Pikante an dem Termin-Durcheinander ist, dass Kinobetreiber und Verleiher schon vor Wochen darauf hingewiesen haben, wie wichtig es sei, einen einheitlichen Zeitpunkt für eine allgemeine Wiederinbetriebnahme der Spielstätten festzusetzen. Denn ein flächendeckender Restart macht beim Löwenanteil der Kinos nur Sinn, wenn sie frische Filme zeigen können. Und die Verleiher, vor allem die deutschen Ableger der Hollywood-Studios, stellen nur attraktive neue Filme bereit, wenn genügend Kinos in der Lage sind, diese Titel auch einzusetzen.

Filme wie "Tenet" benötigen viele Kinos, um sich zu rentieren © Warner Bros.
Filme wie "Tenet" benötigen viele Kinos, um sich zu rentieren © Warner Bros.

Verleiher verweisen auf weltweite Kinostarts

Mit Blick auf die nötige internationale Koordinierung des Restarts insbesondere in den Schlüsselmärkten weist Johannes Klingsporn, der Geschäftsführer des Verbands der Filmverleiher, darauf hin, dass bei großen internationalen Filmen eine internationale Auswertung möglich sein müsse: „Sonst lässt sich das Investment nicht rechtfertigen.“

Klingsporn sieht hier ein Stück weit „ein Henne-Ei-Problem“. „In einen großen Filmstart werden Millionenbeträge investiert, aber nur, wenn sicher ist, dass alle Kinos in Deutschland wieder zur Verfügung stehen und sie im Volllastbetrieb arbeiten können. Es ist Wunsch und Wille der Theaterverbände wie auch unserer, dass die Kriterien, unter denen die Kinos wieder öffnen dürfen, möglichst flächendeckend vergleichbar sind und dass die Kinos möglichst bundesweit, wenn nicht zeitgleich, dann doch in sehr engem Abstand öffnen. Das würde die Planung für alle extrem vereinfachen.“

Besonders wichtig ist aus Verleihersicht eine langfristigere Vorausplanung: „Wir gehen davon aus, dass wir bei größeren Filmen mindestens einen Vorlauf von acht bis zwölf Wochen brauchen, um den Film vernünftig vermarkten zu können. Das hängt damit zusammen, ob die Synchronisation und das Werbematerial vorliegen und vernünftige Platzierungen in den Medien für diese Filme belegt werden können. Das ist die Mindestzeit für Deutschland, die wir benötigen, damit es wieder vorangeht.“ Den politischen Entscheidungsträgern sei häufig nicht bewusst, wie wichtig es für die Branche sei, Klarheit über den Öffnungstermin und eine normal mögliche Auswertung zu erhalten. „Wir können nicht einfach am nächsten Tag einen großen Blockbuster starten, der dann in ganz Deutschland bekannt ist. Es bedarf eines gewaltigen Marketing- und Promotion-Aufwands, um den potenziellen Kinogängern zu vermitteln, dass ein Film startet, den sie unbedingt anschauen müssen.“

Der so dringend herbeigewünschte Einheitstermin für den Neustart hat sich aber nicht nur wegen der Länder-Egozentrik erledigt, sondern auch weil nicht einmal die großen Kinoverbände sich einig sind. Während der HDF Kino, der größte Verband der Branche, auf einen einheitlichen Kinostart am 4. Juni setzt, präferiert die AG Kino-Gilde, die die Interessen der Arthouse-Kinos vertritt, den 2. Juli.

Der Dokumentarfilm "Für Sama" wird seinen Kinoeinsatz fortsetzen © Filmperlen
Der Dokumentarfilm "Für Sama" wird seinen Kinoeinsatz fortsetzen © Filmperlen

Die Bedeutung der Übergangsphase

Allerdings drängen nicht alle Kinobesitzer auf einen koordinierten, bundesweiten Termin für den Neustart. Nach Ansicht von Wolfram und Laura Weber, die unter anderem mit dem „Cinecitta“ in Nürnberg eines der erfolgreichsten deutschen Multiplexe betreiben, ist er „nur für die großen Erstaufführungen notwendig, nicht für die Übergangsphase“. Denn es sei ja nicht zu erwarten, „dass die Besucher von Tag 1 an in die Kinos strömen, sondern dass sie erst wieder langsam herangeführt werden müssen.“ Weiter betonen sie: „Dass Kino einen sicheren Ort darstellt, kann während einer solchen Übergangsphase dem Publikum vermittelt werden. Wir haben deshalb bereits einen Schutz- und Hygieneplan erarbeitet und auf unserer Website veröffentlicht, um den Besuchern die Ängste zu nehmen.“

Für die Übergangszeit nach der Wiedereröffnung bis zum Start großer Filme planen die Webers, außer den Titeln, die vor dem Lockdown im Programm waren und weiter ausgewertet werden können, vor allem Filme aus dem Repertoire zu zeigen. „Besonders im Cinemagnum auf der Mega-Leinwand soll ein attraktives, vielfältiges Programm angeboten werden. Der Erfolg der Autokinos beweist, dass solch ein Programm durchaus auf Interesse stößt.“ Außerdem könne das Kino in einer Zeit, in der das reguläre Programm Spielräume freilasse, als „Kulturforum“ dienen und statt Opern aus der New Yorker Met oder Ballett aus dem Moskauer Bolschoi-Theater lokale und überregionale Kulturveranstaltungen in die Kinosäle übertragen.

Auch das Arthouse-Kino „Cinema“ in Münster sieht den Neustart eher gelassen. „Wir nutzen den Pfingstsamstag (30. Mai) für einen kleinen Testlauf, um dann am 4. Juni regulär zu starten“, sagt Theaterleiter Holger Lüsch. „Die Tage dazwischen wollen wir nutzen, um den Test auszuwerten und das Programm aus älteren und neuen Filmen zu planen. Wir müssen das nicht überstürzen.“ Mit dem Start am 4. Juni folgt das „Cinema“ einem kleinen Zusammenschluss aus anderen Programmkinos in Nordrhein-Westfalen, die dann ebenfalls loslegen wollen. Im Arthouse-Bereich habe man den Vorteil, dass man nicht auf weltweite Starts von Hollywood-Blockbustern warten müsse. Es sei im Übrigen schon absehbar, dass sich die Arthouse-Verleiher neu positionieren. „Grandfilm bringt am 4. Juni den Film Eine Geschichte von drei Schwestern von Emin Alper und DCM Monos von Alejandro Landes."

Für den 4. Juni als einer der ersten Starts angekündigt: "Monos" © DCM
Für den 4. Juni als einer der ersten Starts angekündigt: "Monos" © DCM

Genug Programm für Juni

Zudem seien mit der Schließung im März einige vielversprechende Filme „abgewürgt“ worden, erklärt Lüsch. „Für Filme wie Die perfekte Kandidatin oder Für Sama gab es eine rege Nachfrage, als wir zusperren mussten. Die sind nicht auf VoD-Portalen gelaufen und sicher noch nicht aus den Köpfen verschwunden.“ Für den Theaterleiter ist schon jetzt klar: „Für Juni haben wir genug Programm. Wir sagen jetzt teilweise Filme zu, die wir im April wegen der Programmfülle nicht untergebracht hätten.“ Das sei eine Chance, auch mal kleinere Filme zu zeigen. „Wir werden uns breit aufstellen, also keinen Film zwei Mal täglich spielen. Vielmehr kriegt jeder Film eine Vorstellung am Tag oder läuft nur an einzelnen Tagen in der Woche, damit wir ein möglichst breites Angebot für möglichst viele Menschen haben.“

Bei einem breiten Kinostart Anfang Juli sieht die AG Kino eine hinreichende Filmversorgung als gesichert an. „Mit Undine von Christian Petzold und Berlin Alexanderplatzvon Burhan Qurbani stehen zwei hochkarätige deutsche Produktionen aus dem diesjährigen ‚Berlinale‘-Wettbewerb in den Startlöchern“, sagt der Verbandsvorsitzende Christian Bräuer. Der erste soll nun am 2. Juli anlaufen, der zweite am 30. Juli. Mit diesen beiden Filmen sowie dem heiß erwarteten Film Tenet von Christopher Nolan und dem Disney-Remake Mulan könne man „einen starken Sommer“ hinbekommen.

„Berlin Alexanderplatz“ ist derweil schon zum dritten Mal verschoben worden – ein Indiz für die Nervosität der Akteure. Immerhin wollte der Verleih Entertainment One mit einem frühen Start ein Signal der Unterstützung an die Kinobetreiber senden. „Wir hatten gehofft, dass die Filmtheater rasch wiedereröffnen und wir als einer der ersten Neustarts die gemeinsame Rückkehr der Kinos unterstützen können. Unsere Ausweichtermine waren ziemlich optimistisch gesetzt“, erklärt Geschäftsführerin Benjamina Mirnik-Voges. „Es war uns wichtig, einen konkreten Termin zu kommunizieren und nicht ‚ohne Termin‘ vom Radar zu verschwinden.“

Auch durch die Unsicherheiten über die Kinoöffnungen wurde "Berlin Alexanderplatz" mehrfach verschoben. © Entertainment One
Auch durch die Unsicherheiten über die Kinoöffnungen wurde "Berlin Alexanderplatz" mehrfach verschoben. © Entertainment One

Kinopolis-Startschuss in Sachsen

Vor noch komplexeren Schwierigkeiten als singuläre Arthousekinos stehen die überregional agierenden Kinoketten. So etwa die Kinopolis-Gruppe, die in sechs Bundesländern an 17 Standorten in 14 Städten 142 Leinwände betreibt. Als erstes nahm das Unternehmen am 28. Mai das Haus im sächsischen Freiberg in Betrieb.

„Für die anderen Standorte haben wir noch keinen Starttermin, auch wenn wir so schnell wie möglich eröffnen wollen“, sagt Geschäftsführer Gregory Theile. „Dort sind wir nach wie vor in der Abstimmung mit den Behörden. Wo es theoretisch geht, sind die Auflagen aktuell entweder noch nicht bekannt oder aber so schwierig und zum Teil realitätsfremd, dass uns ein wirtschaftlicher Betrieb nicht möglich ist.“

Als Beispiel nennt er die behördliche Regelung in Hessen. „Dort schreibt die Verordnung vor, dass man selbst mit Mund-Nasen-Schutz in einer Reihe nicht an einer anderen Besuchsgruppe vorbeigehen darf und zugleich ständig den Abstand von 1,50 Meter einhalten muss. Das bedeutet für uns, dass wir jede zweite Reihe sperren müssen und pro Reihenzugang nur eine Buchung zulassen dürfen. In manchen Sälen, wo es nur einen Zugang von einer Seite gibt, kommen wir auf maximal zehn Besucher in einem 100 Platz-Saal. Unter diesen Voraussetzungen können wir wirtschaftlich nicht arbeiten.“

Die AG Kino-Gilde setzt auf den 2. Juli mit dem Start von "Undine" © Piffl
Die AG Kino-Gilde setzt auf den 2. Juli mit dem Start von "Undine" © Piffl

Verzehrverbot in Rheinland-Pfalz

Noch restriktiver als in Hessen sind die Bestimmungen der Behörden in Rheinland-Pfalz. Dort untersagt die Verordnung, im Saal zu essen und zu trinken. „Das bedeutet im Umkehrschluss, dass wir dort weder Getränke noch Speisen verkaufen dürfen. Wenn wir schon mit beschränkten Kapazitäten die Kinos eröffnen müssen, dann aber nicht einmal die Concessions-Theken öffnen können, dann rückt eine Wirtschaftlichkeit in so weite Ferne, dass eine Öffnung des Kinos schlichtweg keinen Sinn macht.“ Der Kinopolis-Chef wundert sich auch über die Ungleichbehandlung gegenüber der Gastronomie: „In einem Restaurant in Koblenz dürfen Besucher ja auch in einem geschlossenen Raum essen. Warum das im Kino nicht erlaubt ist, verstehe ich nicht.“ Allerdings wisse er von Kollegen, dass diese von ihrer örtlichen Behörde eine Befreiung von dieser Vorschrift erhalten hätten. Das lasse die Landesverordnung zu. „Leider konnten wir das Amt in Koblenz bislang nicht überzeugen.“

Zugleich macht Theile deutlich, warum ein gemeinsamer Termin für den Restart der Kinos so wichtig gewesen wäre. „Wir hatten drei Forderungen an die Politik. Die erste war ein einheitlicher Termin, die zweite ein ausreichender Vorlauf und die dritte klare Vorgaben für die Wiedereröffnung. Aus heutiger Sicht muss man sagen: Besser hätte man uns eigentlich nicht ignorieren können oder unsere Wünsche ins Gegenteil umkehren können.“ Ein einheitlicher Termin hätte zum einen Verlässlichkeit für die Verleiher in Sachen Startprogrammierung gebracht und zum anderen die Möglichkeit geschaffen, eine gewisse mediale Aufmerksamkeit zu erzeugen, so der Geschäftsführer.

„Das ist nach dem unabgestimmten und zum Teil auch überstürzten Vorgehen der Länder nicht mehr möglich. Wir wissen nun, dass es einen einheitlichen Termin nicht mehr geben wird. Umso wichtiger ist es, jetzt einheitliche Vorgaben zu bekommen.“ Trotz der widrigen Umstände arbeite man aber mit den Verleihern bereits an einer gemeinsamen Kampagne zur Wiedereröffnung.


Programm-Mix für die Anlaufphase

Für die Programmierung der Anfangsphase macht sich Theile keine großen Sorgen. „Die ersten attraktiven Filme mit größerem Besucherpotenzial laufen Mitte Juli an. Bis dahin werden wir uns behelfen mit Filmen, die kurz vor Ausbruch noch sehr vielversprechend gelaufen sind. Da kann man sicher noch ein paar ältere Filme dazumischen. Die Startsituation wird sich sicher nach und nach konkretisieren, wenn absehbar ist, wann alle Kinos in Betrieb sind. Ich gehe davon aus, dass das Ende Juni der Fall sein wird.“

Ein Unsicherheitsfaktor sei jedoch, wie groß die maximale Kapazität in den Sälen künftig sein werde. „In Bayern haben wir jetzt zum Beispiel eine Beschränkung auf 50 Besucher pro Saal bekommen. Das bedeutet im großen Saal des Mathäser-Kinos, dass wir nur für sieben Prozent der Sitze Tickets verkaufen dürfen.“

Als großes Hindernis betrachtet Theile die Abstandsvorschrift von 1,50 Meter im Kinosaal und verweist auf Österreich, wo man einen Meter für ausreichend hält. „Das ist auch sinnvoll, dass man eine Situation, in der man hintereinandersitzt, sich nicht bewegt und nicht spricht, anders bewertet, als wenn man sich direkt gegenübersitzt. Es ist schwer nachvollziehbar, warum wir auch bei hintereinander sitzenden Personen 1,50 Meter Abstand einhalten müssen.“ Wenn man sich derzeit in den Zug oder ins Flugzeug setze, gebe es auch keinen Abstand zum Nachbarn, der unmittelbar daneben sitze. „Da wird mit zweierlei Maß gemessen.“

Für den Juli als Blockbuster terminiert: "Mulan" © Walt Disney
Für den Juli als Blockbuster terminiert: "Mulan" © Walt Disney

Finanzielle Reserven bald aufgebraucht

Und wie lange kann eine Kette wie Kinopolis die Corona-Durststrecke noch durchhalten? „Das hängt davon ab, wie es weitergeht. Wir waren wie viele zu Beginn der Corona-Pandemie der Ansicht, dass wir im schlimmsten Fall eine dreimonatige Schließung verkraften müssen und es dann schnell wieder auf 100 Prozent hochläuft. Mittlerweile wissen wir mehr und sehen mit Sorge, dass wir nicht nur dieses Jahr mit stark reduzierten Besucherzahlen rechnen müssen, sondern voraussichtlich bis weit ins nächste Jahr. Wir haben bei Kinopolis sicherlich noch ein wenig Reserven, aber wir haben eine Vielzahl von Standorten.“ Es sei absehbar, „insbesondere, wenn die Mietzahlungen wieder anfallen, dass wir da sehr schnell in Liquiditätsprobleme kommen können.“

Angesicht der Hilfsprogramme von Bund, Land und Filmförderungen betont Theile, dass seinem Unternehmen vor allem das Kurzarbeitergeld geholfen habe. „Wir haben 1000 Mitarbeiter in Kurzarbeit null geschickt. Dies hat zwar geholfen, allerdings bin ich von der Politik enttäuscht, dass für zwei Drittel unserer Beschäftigten, nämlich alle Werkstudenten und alle geringfügig Beschäftigten, kein Anspruch auf Kurzarbeitergeld besteht. Wir haben den Anspruch, unsere Mitarbeiter nicht in Abhängigkeit von der Beschäftigungsform unterschiedlich zu behandeln. Daher halten wir Werkstudenten und geringfügig Beschäftigte weiter im Betrieb. Das zahlen wir aber komplett aus eigener Tasche.“


Wie reagieren die Besucher?

Die alles entscheidende Frage ist jedoch: Kommen die Zuschauer zurück? Holger Lüsch sagt dazu: „Ich bin sehr gespannt, weiß es aber nicht. Ich schätze unser Publikum nicht zu ängstlich ein. Ich glaube, dass das mäßig anlaufen wird. Die Hoffnung ist, dass es von Woche zu Woche etwas mehr wird. Im Sommer kommen natürlich noch andere Faktoren wie das Wetter hinzu.“ Von daher sei es kein schlechter Zeitpunkt, um den Restart jetzt im Sommer mit ohnehin schwächeren Besucherzahlen auszuprobieren. „In der Gastronomie sehen wir, dass die Kurve langsam ansteigt. Das stimmt mich optimistisch für das Kino. Wenn dann auch die Filmstarts attraktiver werden, müsste es eigentlich aufwärts gehen.“

Auch für Theile ist ungewiss, wie der Zuspruch der Gäste künftig ausfällt. „Da werden sicher einige noch etwas zurückhaltender sein, die werden sich erst an die neuen Prozesse gewöhnen müssen. Aber unter dem Strich glaube ich, dass nach wie vor eine große Sehnsucht nach Kino da ist und dass mit den richtigen Filmen auch die Besucher wiederkommen.“

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