© imago images / United Archives (aus „Der Schneider von Ulm“)

Zum Tode von Tilo Prückner

Samstag, 11.07.2020

Ein Nachruf auf den deutschen Schauspieler (1940-2020)

Diskussion

Der Schauspieler Tilo Prückner (26.10.1940-2.7.2020) war einer der umtriebigsten deutschen Darsteller, der in den 1970er-Jahren mit Rollen als schmächtiger Außenseiter und Sonderling von Filmemachern des Jungen deutschen Films umworben wurde. Später glänzte er auch in zahlreichen Serienrollen und war bis ins Seniorenalter mit kleinen denkwürdigen Auftritten in Kino und Fernsehen präsent. Ein Nachruf.


Er war kein Mann für die Durchschnittstypen. In den rund fünfzig Jahren seiner Karriere erschuf Tilo Prückner eine fürs deutsche Kino und Fernsehen ziemlich beispiellose Galerie von Sonderlingen: Gescheiterte Erfinder, schrullige Phantasten, exzentrische Kommissare, kriminelle Hallodris, Kleinbürger oder Märchenwesen gehörten zu den Glanzrollen des schmächtigen Schauspielers mit den hellwachen Augen und dem fuchsähnlichen Gesicht, das oft von einem Schnauzbart geziert wurde, der Prückner etwas weniger verwundbar erscheinen ließ. Ein sichtbarer Schutz, der mitunter vonnöten schien, denn zeitweise schien der gebürtige Augsburger ein Spezialist für Kinofiguren zu sein, denen auf besonders üble Weise mitgespielt wird: Sein gescheiterter, von allen verlachter Flugpionier Albrecht Ludwig Berblinger in Edgar Reitz’ Der Schneider von Ulm (1978) gehörte dazu, ebenso wie der gepiesackte Gefängnisinsasse in Reinhard Hauffs Die Verrohung des Franz Blum (1974) oder der Heiligenschnitzer in Hans W. Geißendörfers Sternsteinhof (1975), der um eine Bauerntochter wirbt, die aber höhere Ambitionen hegt und sich des kränklichen Ehemanns eiskalt entledigt, als sich ihr die Chance auf eine bessere Partie bietet.

In der Gaunergroteske Bomber und Paganini (1976) verliert er gar gleich zu Beginn die Fähigkeit zu laufen und sitzt fortan im Rollstuhl, widerwillig angewiesen auf die Hilfe seines erblindeten Kumpans (Mario Adorf), mit dem zusammen eine vermeintlich rentable (gesetzwidrige) Idee nach der anderen scheitert. Und sogar da, wo eine seiner Figuren es zu einer vergleichsweise günstigen Position gebracht hat wie der Großknecht eines österreichischen Bauern Anfang des 20. Jahrhunderts in Die Siebtelbauern (1998), folgt rasch der Verlust dieser Stellung, wie in diesem Fall durch den Aufstand der übrigen Knechte und Mägde, die nach dem Tod des Bauern auch den Großknecht von dem ihnen vererbten Hof jagen.

Tilo Prückner in „Der Willi-Busch-Report“ (© AG Kino)
Tilo Prückner in „Der Willi-Busch-Report“ (© AG Kino)

Charaktere jenseits der gesellschaftlich etablierten Pfade

Die Reaktion von Tilo Prückners Charakteren auf die widrigen Bedingungen war oft Trotz und ein Ausdruck der ohnmächtigen Wut, nicht selten aber verstärkte es auch ihr bewusstes Außenseitertum. Um keinen Einfall verlegen, suchten sie sich Wege jenseits der gesellschaftlich etablierten Pfade und hielten stur an ihnen fest, sei es, dass sie wie der „Schneider von Ulm“ den Menschheitstraum vom Fliegen trotz allen fehlenden technischen Voraussetzungen und zwangsläufigen Abstürzen weiterverfolgten, sei es, dass sie als Reporter im damaligen deutsch-deutschen Grenzbereich den Mangel an Sensationen durch selbsterfundene Meldungen kompensierten wie in Der Willi-Busch-Report (1979) von Niklaus Schilling.

Diese Findigkeit und den Willen, sich nicht dem Status quo unterzuordnen, darstellen zu können, machte Tilo Prückner vor allem für die Regisseure des Jungen deutschen Films in den 1970er-Jahren zum begehrten Interpreten. Zwar war er nicht bei Fassbinder, Schlöndorff, Wenders, Herzog oder Kluge zu sehen, dafür aber bei etlichen Vertretern aus der Reihe dahinter, deren Werke nicht zuletzt wegen Prückner eine Wiederentdeckung lohnen: Neben Reitz, Hauff, Schilling und Geißendörfer sicherten sich so etwa Ulf Miehe (John Glückstadt, 1975), Bernhard Sinkel und Alf Brustellin (Berlinger, 1975), Peter Fleischmann (Die Hamburger Krankheit, 1979) oder Christian Rischert (Lena Rais, 1979) die Dienste Prückners.

Selbst episodische Gastauftritte gestaltete er denkwürdig

Nachdem die große Zeit des Jungen deutschen Films abklang, fielen zwar weniger Hauptrollen für Tilo Prückner ab, gleichwohl blieb er als Schauspieler ungebrochen begehrt. So wie er in den 1970er-Jahren nahtlos von einer verheißungsvollen Theaterlaufbahn, unter anderem an der Berliner Schaubühne, zum Semi-Star des Kinos geworden war, verlagerte er seinen Schwerpunkt in den 1980er-Jahren zunehmend aufs Fernsehen – ohne deshalb die Bühne oder gar das Kino aufzugeben. Das Talent, selbst episodische Gastauftritte erinnerungsträchtig zu gestalten, hielt Tilo Prückner gut im Geschäft, umso mehr als er seinen Bekanntheitsgrad mit Rollen in populären Serien stetig steigerte: Insbesondere sein hypochondrischer und arbeitsscheuer, aber auch von seinem Chef untergebutterter Kommissar Schubert in „Adelheid und ihre Mörder“ (1993-1999) war eine Glanzleistung im deutschen Serienallerlei, außerdem spielte er als Kontrast einen eher grimmigen „Tatort“-Ermittler (2002-2008), den Schwager des rundlichen Ex-Polizisten Krause in der gleichnamigen Fernsehfilmreihe (2011-2020) oder einen der aus dem Ruhestand zurückgekehrten „Rentnercops“ (2015-2020).

Im ungewöhnlichen Heimatfilm „Die Siebtelbauern“ (© absolutMEDIEN)
Im ungewöhnlichen Heimatfilm „Die Siebtelbauern“ (© absolutMEDIEN)

Auch im Kino war er noch immer für kleine Auftritte als eigenwilliger Senior gefragt, so viermal als skurriler Vermittler zwischen jungen Reiterinnen und komplizierten Pferden in der Ostwind-Reihe (ab 2012), als Gebrauchtwagenhändler in Willenbrock (2005), Mitglied der ausbrechenden Altersheimbewohner in Bis zum Horizont, dann links! (2012) oder Vater/Großvater in Kleine Ziege, sturer Bock (2015). Auch mit fast 80 Jahren noch sehr präsent, starb Tilo Prückner am 2. Juli 2020 überraschend an Herzversagen.

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