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Filmklassiker: Der zerbrochene Krug

Freitag, 18.09.2020

Digital restauriert: Gustav Ucickys Verfilmung des Kleistschen Lustspielklassikers aus dem Jahr 1937 mit Emil Jannings als Dorfrichter Adam

Diskussion

Die aus dem Jahr 1937 stammende Verfilmung des Kleist-Stückes um den Dorfrichter Adam, der über seinen eigenen Sündenfall zu Gericht sitzt, ist über ihre NS-Verflechtungen hinaus von bleibender Bedeutung, wozu auch die digitale Restauration des Films beiträgt. Deutlicher als zuvor lassen sich heute auch die kritischen Anspielungen und Untertöne des „staatspolitisch und künstlerisch wertvollen“ Lustspiels erkennen.


Gustav Ucickys Verfilmung von Kleists Lustspielklassiker „Der zerbrochene Krug“ mit einem Starensemble und prominenten künstlerischen Mitarbeitern kann noch immer überzeugen. Dazu trägt auch die gelungene digitale Restaurierung des im Jahr 1937 gedrehten Gerichtsdramas bei.

Knapp neun Minuten verstehen es Regie und Kamera, ohne Dialoge eine sehenswerte Exposition aufzubauen. Das verschlafene niederländische Nest Huisum liegt in der Provinz Utrecht, inmitten einer idyllischen Schneelandschaft mit Windmühlen. Während das Glockenspiel die Melodie „Üb immer Treu und Redlichkeit“ intoniert, wartet auf den Dorfrichter Adam ein Gerichtstag. Der Justizbeamte liegt noch schnarchend im Bett, als eine Magd Essen bringt und die Vorhänge öffnet. Eine andere Magd schleppt Holz in die Stube, legt Scheite im Ofen nach und versetzt ihrem Herrn einen Klaps aufs Hinterteil. Der wälzt sich mit einem Schuh, Strümpfen und Hemd aus dem Bett; die Schulter schmerzt ihn. Er spritzt sich Wasser über den Brummschädel, trinkt Alkohol, rülpst und verbindet das lädierte linke Knie.


Wo ist nur die Perücke geblieben?

Dann erscheint der beflissene Gerichtsschreiber Licht. Der mit der Prüfung der Rechtspflege in der Provinz beauftragte Revisor Walter treffe bald ein, warnt er seinen Vorgesetzten, der sei ein scharfer Hund. Richter Adam, sichtbar gezeichnet von Kopfverletzungen, fehlt zudem seine Perücke, in der angeblich eine Katze Junge zur Welt gebracht hat. Die anwesende Klägerin Marthe Rull fordert Wiedergutmachung für ihren wertvollen Krug, den Ruprecht, der Verlobte ihrer Tochter Eve, beim nächtlichen Fensterln zerbrochen haben soll.

Ganz auf Emil Jannings (r.) zugeschnitten: "Der zerbrochene Krug" (Leonine)
Ganz auf Emil Jannings (r.) zugeschnitten: "Der zerbrochene Krug" (Leonine)

Als der Gerichtsrat Walter eintrifft, agieren Adam und Licht unterwürfig; die Verhandlung wird nun in Anwesenheit des Revisors geführt. Wegen formaler Fehler wird der Gerichtsrat immer ungehaltener und greift in das Verfahren ein. In seiner Not plädiert der Dorfrichter auf Anwendung „nicht aufgeschriebener Gesetze“. Obwohl Ruprecht den Flickschuster Lebrecht der Tat bezichtigt, lenken die Zeugenaussagen den Verdacht zunehmend auf Adam.

Adam erpresst Eve mit Ruprechts Verpflichtung zum Militärdienst in Ost-Indien. Nach einer leiblichen Stärkung des Gerichts erscheint die Zeugin Brigitte mit der fehlenden Perücke und erklärt, sie gehöre dem pferdefüßigen Teufel, dessen Spuren sie im Schnee bis zum Dorfrichter verfolgt habe. Nun beendet Gerichtsrat Walter das falsche Spiel, Eve entlarvt Adam als Übeltäter, der im allgemeinen Aufruhr flieht, im Dorfteich landet und unter dem Gelächter der Bevölkerung das Weite sucht. Licht wird kommissarischer Leiter, Ruprecht vom Militärdienst freigekauft, das Liebespaar versöhnt sich. Abschließend führt das Glockenspiel noch einmal alle handelnden Figuren vor.


Jannings hatte die künstlerische Oberleitung

Emil Jannings wurde 1929 für seine Leistungen in Victor Flemings „Der Weg allen Fleisches“ und Josef von Sternbergs „Sein letzter Befehl“ mit dem allerersten „Oscar“ überhaupt ausgezeichnet. Der international gefeierte Ufa-Star wollte Kleists Vorlage nach zahlreichen Bühneninterpretationen unbedingt für die Leinwand adaptieren. Dem Staatschauspieler konnte die Reichsfilmkammer diesen Wunsch nur schwer verweigern, obwohl man nicht an eine erfolgreiche Inszenierung glaubte. Die Spielleitung (Regie) übernahm der geborene Wiener Gustav Ucicky, der nicht nur durch seine propagandistische Produktion „Heimkehr“ (1941) eine verhängnisvolle Allianz mit dem NS-Regime einging. Die künstlerische Oberleitung reservierte Jannings für sich selbst.

Kleists „Der zerbrochene Krug“ war 1808 bei seiner Uraufführung in Weimar unter Goethes Leitung beim Publikum des Hoftheaters durchgefallen. Später avancierte das Stück zu einem der meistgespielten Bühnenstoffe in Deutschland. Emil Jannings suhlt sich in Ucickys Adaption förmlich als dreistes, bauernschlaues Dorfrichterlein, an dem ein Jean Paul seine Freude gehabt hätte. Der gerne outrierende Hauptdarsteller beugt das Recht durch Falschaussagen, Verleumdung, Erpressung und Bestechung. Kleists sprachwitzige Dialoge garniert er mit Pausen und ironischen Zwischentönen.

Vermutlich hat das zeitgenössische Publikum Adams körperliche Behinderung und sein amouröses Abenteuer durchaus als Anspielung auf den „Hinkefuß“ und Schürzenjäger Goebbels verstanden. „Die Rolle des Dorfrichters Adam bot Jannings einige Möglichkeiten, Lüsternheit, Verschlagenheit und Unverschämtheit in einer der NS-Moral adäquaten Form straflos vor- und auszuspielen“, resümierte der österreichische Filmhistoriker Herbert Holba. Doch auch das hochgradig besetzte Ensemble (Max Gülstorff als Schreiber Licht, Paul Dahlke als Ruprecht, Lina Carstens als Marthe Rull, Elisabeth Flickenschildt als Brigitte) tragen zum Gesamtniveau entscheidend bei.


„Üb immer Treu und Redlichkeit“

Das von Thea von Harbou verfasste Drehbuch verstärkt Kleists süffisant-burlesken Grundton mit akzentuierter Situationskomik und siedelt diese am volkstümlichen Schwank an. Die fast spöttische Interpretation des ambivalenten Volksmusikstücks „Üb immer Treu und Redlichkeit“ durch den Komponisten Wolfgang Zeller lässt sich als kritische Konnotation zur Stadt-Land-Thematik wie des Obrigkeitsstaates verstehen. Die Ausstattung von dem am Kammerspielfilm geschulten Bühnenbildner Robert Herlth nutzt grandios die nahezu vollständige Beschränkung der Handlung auf einen Innenraum. So kann der versierte Kameramann Fritz Arno Wagner, der auch für Ernst Lubitsch, Friedrich Wilhelm Murnau, Fritz Lang und G.W. Pabst tätig war, in dieser Schwarz-weiß-Produktion eine bloße Verfilmung des Lustspiels weitgehend vermeiden. Dank Herlths Design bietet er abwechslungsreiche (Zwischen-)Räume, koppelt äußeres und inneres Zeitempfinden. Propagandaminister Goebbels notiert nach der Premiere am 19. Oktober 1937 im Ufa-Palast am Zoo in Berlin allerdings: Der Film „ist photographiertes Theater, aber kein Filmkunstwerk.“ 1945 wurde das Werk von den Alliierten verboten, von der FSK am 9. Februar 1953 ab 12 Jahren freigegeben.

Äußeres und inneres Zeitempfinden werden verschränkt: "Der zerbrochene Krug" (Leonine)
Äußeres und inneres Zeitempfinden verschränken sich: "Der zerbrochene Krug" (Leonine)

Courtade/Cadars beurteilten in ihrer Studie „Geschichte des Films im Dritten Reich“ das Werk als „Nazi-Film, verdienstvoll, einen literarischen, noch dazu in Versen gefassten Text aus dem Jahre 1806/07 unretuschiert und ungekürzt zu verfilmen, ausgezeichnet mit dem Prädikat „staatspolitisch und künstlerisch wertvoll“.“ In anderen Filmgeschichten bleibt „Der zerbrochene Krug“ ohne Beachtung. Berührungsängste wegen der Propagandafilme von Ucicky sowie des mit Auftrittsverbot belegten Jannings mögen dabei eine Rolle gespielt haben. Entgegen der immer noch weit verbreiteten Meinung setzten die NS-Kulturverantwortlichen nach 1937 weniger auf plumpe Propagandafilme als auf das „Schaffen des kleinsten Amüsements, des Tagesbedarfs für die Langeweile“ (Goebbels). Der Reichspropagandaminister betrachtete den Unterhaltungsfilm nach dem Überfall auf Polen „als wertvolles Instrument der Volksführung im Kriege“.

„Der zerbrochene Krug“ wurde mit Material von der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung und vom Bundesarchiv-Filmarchiv in 2K-Qualität adäquat digital restauriert. Der Digital Dolby-Ton (Mono) klingt gut, die Dialoge sind unverzerrt und gut verständlich. Das dünne Begleitheft zur neuen Edition geht auf wesentliche Hintergründe zur Entstehung und zeitgenössischen Rezeptionsgeschichte ein. Interessant ist darin der Hinweis, dass die Dreieckgeschichte Adam/Eve/Ruprecht durchaus auf die Affäre zwischen Joseph Goebbels und Lída Baarová anspielte, die mit dem Schauspielkollegen Gustav Fröhlich liiert war.




Diskografische Hinweise

Der zerbrochene Krug. Schwarz-weiß. Deutschland 1937. Regie: Gustav Ucicky, Emil Jannings. Mit Emil Jannings, Max Gülstorff, Paul Dahlke, Lina Carstens, Elisabeth Flickenschildt. 81 Min. FSK: ab 12. Friedrich Wilhelm Murnau Deluxe Edition. Ton: Dolby Digital 2.0 (Mono). Audiodeskription und UT für Hörgeschädigte. Vertrieb: Leonine. Bezug: In jeder Buchhandlung oder hier.

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