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Mit einem zwinkernden Auge

Montag, 02.11.2020

Zum Tode von Sean Connery (25.8.1930-31.10.2020)

Diskussion

Als weltgewandter Geheimagent James Bond wurde der Schotte Sean Connery Anfang der 1960er-Jahre über Nacht berühmt und prägte das Bond-Image bis heute. Mit seiner selbstironisch gebrochenen Maskulinität konnte er sich bald auch jenseits der Agenten-Reihe im Kino erfolgreich einrichten. In zunehmendem Alter versteifte er sich nicht weiter auf zupackende Helden, sondern meisterte den Wechsel zu Mentoren-Figuren. Den Abschied von der Leinwand hatte Sean Connery schon 2003 vollzogen. Am 31. Oktober ist er wenige Monate nach seinem 90. Geburtstag verstorben.


Er war großgewachsen, von nahezu perfekter Statur und ausgesprochen männlich. So erschien der Schotte Sean Connery wie geschaffen für die Rolle des James Bond, die ihn schlagartig berühmt machte. Bis heute gilt er als 007 par excellence. Er vermochte Weltgewandtheit, Intelligenz und Tatkraft überzeugend mit Spitzbübigkeit und einer gewissen Bodenständigkeit zu verbinden. So konnte man ihm die für Bond typischen Anzüglichkeiten und Sexismen vielleicht eher verzeihen als anderen Schauspielern.

1962 begann Connerys Karriere als Agent im Dienst ihrer Majestät mit Dr. No, gefolgt 1963 von Liebesgrüße aus Moskau. 1964 dann der Höhepunkt mit Goldfinger, dem wohl besten „James Bond“-Film aller Zeiten. Mit dem vierten Teil Feuerball (1965) fanden sich schon erste Anzeichen, dass Connery der Rolle müde wurde, was auch der Filmkritik auffiel. Einige Bond-Filme machte er dann zwar noch. Die Weichen für seine Filmkarriere danach waren aber schon gestellt.

Der erste Auftritt als James Bond in „Dr. No“ machte Sean Connery zum Star (© Fox)
Der erste Auftritt als James Bond in „Dr. No“ machte Sean Connery zum Star (© Fox)

Dem Rollenschema entkommen

Wie viele andere Kino- oder Fernseh-Serienstars stand Sean Connery vor der Herausforderung, sich nicht auf die eine Rolle festlegen zu lassen und sich zudem für die Zeit danach zu rüsten. Sein Erfolg war überragend, er wurde eine Ikone der Populärkultur. Doch bei allen Gelegenheiten, Veranstaltungen und Empfängen mit dem Namen der Rollenfigur angekündigt zu werden, ist auf Dauer unbefriedigend. Sean Connery gelang es, bereits in den 1960er-Jahren in anderen hochkarätigen Produktionen auf sich aufmerksam zu machen. Alfred Hitchcocks Marnie (1964) ist hier ebenso zu nennen wie Sidney Lumets Kriegsgefangenendrama „Ein Haufen toller Hunde“ (1965).

In seinen Interviews mit Alfred Hitchcock meinte François Truffaut, Sean Connery sei sehr gut in „Marnie“. Er habe in seiner „Erscheinung etwas Animalisches“. Hitchcock wiederum merkt an, dass Sean Connery nicht wirklich als Patrizier aus Philadelphia rüberkomme (wie es die Rolle eigentlich erfordere). Wenn man versucht, diese beiden Aussagen zusammenzuführen, hätte man einen Schauspieler, der Souveränität und Selbstverständnis ausstrahlt, worunter jedoch etwas schlummert, was man als Aggressivität, Wut und eine gewisse Ungeschliffenheit bezeichnen könnte. Vielleicht spielt Sean Connerys Herkunft hier eine Rolle.


Der Schotte

Sean Connery wurde 1930 in Edinburgh geboren. Er kam aus einer armen Arbeiterfamilie. Um diese finanziell zu unterstützen, jobbte er mit 14 Jahren als Milchmann. 1946 ging er zur Royal Navy, die ihn nach drei Jahren aus gesundheitlichen Gründen entließ. Er jobbte wieder und versuchte sich als Bodybuilder, womit er auch einige Erfolge feiern konnte, später dann auch als Fußballspieler. Letztlich spielte er jedoch woanders, und zwar auf der Bühne und dann im Film.

Seine schottische Herkunft war Sean Connery überaus wichtig. Bereits in den 1960er-Jahren gründete er eine Stiftung, die unter anderem schottische Kultur förderte, und setzte sich nachdrücklich für die Unabhängigkeit Schottlands ein. Mit seiner einzigen Regiearbeit, dem Dokumentarfilm „The Bowler and the Bunnet“, beschäftigte sich Connery 1967 intensiv mit dem schottischen Arbeitermilieu.

Für „The Untouchables“ erhielt Sean Connery den „Oscar“ (mit Kevin Costner, © Paramount).
Für „The Untouchables“ erhielt Sean Connery den „Oscar“ (mit Kevin Costner; © Paramount)

Man muss es nicht überbewerten, aber seine schottische Herkunft beeinflusste in vielen Filmen die Figurenanlage. Als Bond verleiht es ihm die rotznäsige Nonchalance eines Schotten, der für die englische Krone die Kohlen aus dem Feuer holt. Es beeinflusste zudem seinen Schauspielstil, den sich Sean Connery nach und nach aneignete. Unverwechselbar war seine mit sonorer Stimme intonierte schottisch-englische Aussprache, die aber erst in den 1980er-Jahren so richtig zum Tragen kam. Maskulin und wenn man so will animalisch wird sein Gesicht durch die starke Falte auf den Wangen, die je nach Affekt und Mimik einen regelrechten Graben in sein Gesicht schneidet.

Sean Connery verkörperte nicht den Rebellen, wie andere Schauspieler seiner Generation, seien es die „Method Actors“ in den USA oder die „angry young men“ des britischen Theaters und Films wie Albert Finney, Richard Burton oder Alan Bates. Dennoch lässt er sich durchaus in diesem Zusammenhang verorten. Für ihn wurde vor allem prägend, dass er sich in allen Genres zuhause fühlte. Sogar in seinem einzigen Western, der britisch-deutschen Produktion Shalako in der Regie von Edward Dmytryk, vermochte er zu überzeugen. Zusammen mit Sidney Lumet machte er mehrere Genre-Filme, die zu seinen besten schauspielerischen Leistungen der 1960er- und 1970er-Jahren zählen. Dazwischen, 1974, die exzentrische Science-Fiction-Fantasie Zardoz (Regie: John Boorman), in der Sean Connery (die Rolle sollte zunächst von Burt Reynolds gespielt werden, der ebenfalls auffallend animalisch und viril wirkte) seine Männlichkeit hochreflexiv und komplex ausdrücken konnte. Kassenmagnete waren diese Filme allerdings nicht. Doch dann kamen die 1980er-Jahre.


Der Mentor

Dass er ab seinem fünfzigsten Lebensjahr vor allem im Rollentyp des Mentors brillierte, ist zunächst kein besonders origineller Gedanke. Es ließe sich aber der Frage nachgehen, wie seine Körperlichkeit dazu beitrug. Es beginnt mit Sag niemals nie (1983), ein Bond-Film abseits der eigentlichen Bond-Reihe mit einem explizit alternden Agenten, den Connery mit viel Selbstironie spielt. Das Agentenleben hat sich in seinen Körper eingeschrieben. 1985 etablierte Connery die Mentoren-Figur, mit dem damals sehr beeindruckenden Genre-Hybrid Highlander. Als Juan Sánchez Villa-Lobos Ramírez nimmt er Connor MacLeod unter seine Fittiche, um ihm das Leben als Unsterblichen zu lehren. Kurioserweise spielt der waschechte Schotte Sean Connery hier einen spanisch-ägyptischen Edelmann und Ritter, der einen aus den schottischen Highlands stammenden jungen Mann erzieht, der von einem US-amerikanisch-französischen Schauspieler (Christopher Lambert) verkörpert wird.

Sean Connery als gealterter Robin Hood in „Robin und Marian“ (© imago images / Everett Collection).
Sean Connery als gealterter Robin Hood in „Robin und Marian“ (© imago images/Everett Collection).

Im Jahr darauf folgt der Mentor schlechthin, William von Baskerville in Der Name der Rose. Jean-Jacques Annauds ganz auf den Krimiplot und das historische Ambiente konzentrierende Verfilmung des paradigmatisch postmodernen Romans von Umberto Eco lebt von ihren skurrilen Figuren und Körpern. Darin bewegt sich, wie ein Fels in der Brandung: Sean Connery, inzwischen Mitte fünfzig und ohne Toupet, das er schon als James Bond zu tragen gezwungen war – und weise wie ein Siebzigjähriger. Ein Geistlicher, der in sich ruht, in dem das Rebellische und Weltliche aber noch präsent ist. Sean Connery machte aus seinem alternden Körper keinen Hehl; auch damit ging er augenzwinkernd und selbstbewusst um und wurde dadurch umso begehrenswerter. Ein Jahr später folgt die Krönung seiner Mentoren-Rolle mit dem „Oscar“-prämierten Part des irischstämmigen Polizisten Jim Malone in The Untouchables von Brian de Palma. Connery, dessen Vater aus Irland kam, konnte seine Herkunft, die entsprechend nicht nur schottisch, sondern auch irisch ist, perfekt ausspielen. Malone zeigt Eliot Ness, dass Al Capone nur mit den Gesetzen der Straße zur Strecke gebracht werden kann. Zimperlich dürfe man da nicht sein. Es ließen sich weitere Filme anführen, in denen Connery den Typ des Lehrmeisters weiterentwickelte, vor allem als Vater von Indiana Jones in Indiana Jones und der letzte Kreuzzug (1989).


Abschied

Eigentlich sollte er den Gandalf in den „Herr der Ringe“-Filmen spielen, doch Sean Connery lehnte die Rolle ab. Das wäre noch einmal ein Mentor par excellence gewesen. Aber vielleicht war der Scot, wie er sich in seiner Autobiographie nennt, des Schauspielens schon müde. 2003 verabschiedete sich Sean Connery aus dem Filmgeschäft. Die Filmwelt spürt den Verlust und zeichnete ihn 2005 und 2006 für sein Lebenswerk aus, mit dem Europäischen Filmpreis und dem „AFI Life Achievement Award“. Schade nur, dass seine Figur des Allan Quatermain in der eher schwachen Comicverfilmung Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen (2003) seine letzte Rolle bleiben sollte. Es wäre ihm ein würdigerer Abschied zu wünschen gewesen. Aber vielleicht ist das ja auch typisch für Sean Connery. Allzu viel Aufhebens von sich zu machen, war seine Sache nicht.

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