© NSM Records

Filmklassiker: Mr. Arkadin

Freitag, 19.02.2021

Ein verkanntes Meisterwerk von Orson Welles aus den 1950er-Jahren erzählt eine fantastische Kriminalgeschichte, deren bravouröse Inszenierung die labyrinthische Handlung zu höchster Intensität verdichtet

Diskussion

Ein verkanntes Meisterwerk von Orson Welles aus den 1950er-Jahren erzählt eine fantastische Kriminalgeschichte, deren bravouröse Inszenierung die labyrinthische Handlung zu höchster Intensität verdichtet.


Wenn man das Kino als einziges Durcheinander betrachtet, thront Orson Welles mitsamt seinem Film „Mr. Arkadin“ (fragwürdiger, wahrscheinlich vom Make-Up von Welles’ Figur inspirierter deutscher Titel: „Herr Satan persönlich“) unangefochten inmitten des Chaos. Ein Film wie die am Himmel strahlenden Funken eines Feuerwerks, in dem jede Szene gleich einem Trailer einen größeren Film verspricht. Ein Versprechen aber, das nie eingelöst wird und gerade deshalb hält.

Die Figur des Gregory Arkadin entstammt dem Radiouniversum von Welles und seiner unendlichen Faszination für ungeklärte Identitäten und Männer, die etwas verbergen oder so erscheinen, als hätte es sie nie gegeben. Mehr oder weniger parallel zu den Dreharbeiten des Films schrieb Welles auch den gleichnamigen Roman; die scharfgeschliffenen Dialoge im Film erinnern bereits an Literatur.


Katz-und-Maus-Spiel mit unklarer Rollenverteilung

Man spürt in jeder Sekunde die immense, spielerische, intensive Energie, die in diese Arbeit floss und in ihr verdampfte. Einer Zusammenarbeit von Criterion Collection, dem Filmmuseum München (in dessen unmittelbarer Nähe einige München-Szenen des Films entstanden) und der Luxembourg Cinémathèque sind eine umfassende Sammlung verschiedenster Materialien zu dem Film und eine sogenannte „Comprehensive Version“ zu verdanken.

Wo genau die Geschichte beginnt, lässt sich bei all den verschiedenen Versionen und Out-Takes, die im Umlauf sind und waren, entdeckt wurden oder noch ihrer Entdeckung harren, trotzdem kaum sagen. Aber es lässt sich angeben, dass es um den Schmuggler Guy Van Stratten (Robert Arden) geht, der sich für den mysteriösen Multimillionär Gregory Arkadin (Welles) und dessen Tochter Raina (Paola Mori) zu interessieren beginnt, ehe Arkadin ihn selbst beauftragt, etwas über dessen Vergangenheit herauszufinden, an die sich dieser angeblich nicht mehr erinnern kann. Es entfaltet sich ein Katz-und-Maus-Spiel, nur dass unklar bleibt, wer hier miaut und wer hier piept.

Wer miaut hier und wer piept? Orson Welles (l.) in "Mr. Arkadin" (NSM Records)
Wer miaut hier und wer piept? Orson Welles (l.) in "Mr. Arkadin" (© NSM Records)

Dass Jorge Luis Borges „Citizen Kane“ einmal als Labyrinth ohne Zentrum beschrieb, mutet wie eine Filmverwechslung an, wenn man „Mr. Arkadin“ sieht. Jean-Luc Godard dagegen ist sich ganz sicher, wenn er „Mr. Arkadin“ gegenüber „Citizen Kane“ bevorzugt.


Eine Welt in Schieflage

Man traut in vielen Sequenzen kaum seinen eigenen Augen. Was Welles hier an virtuosen, nie deplatziert wirkenden „Dutch Angle“-Einstellungen auffährt – an jenen Schrägsichten mit gekippter Kamera, die man aus dem deutschen Expressionismus kennt und die auch der Film noir liebte – ist schlicht grandios. Egal, ob auf einem unvergesslichen Maskenball in Spanien (Szenen, die Federico Fellini und selbst Josef von Sternberg in den Schatten stellen), im Hinterzimmer eines Flohdompteurs in Kopenhagen oder in einem Antiquariat: Die Welt liegt in der Schräge, und der Logik der Schwerkraft folgend, dürfte eigentlich kein Objekt auf dem anderen stehen. Doch Welles interessiert sich nicht für Schwerkraft, er interessiert sich für Fiktion und Magie.

Dass ausgerechnet Christopher Nolan einmal festhielt, dass sich niemand ernsthaft für diesen misslungenen Film einsetzen könne, scheint bizarr, erfüllt „Mr. Arkadin“ doch alles, was „Tenet“ erreichen wollte, aber verfehlte: eine schwerelose, beinahe auf eine Meta-Ebene gehobene Agenten- und Abenteuergeschichte, die am Rande der Persiflage ein Puzzle entwirft, dass sich nie ganz zusammensetzt und dabei doch jederzeit überwältigt.

Was „Mr. Arkadin“ so gut macht, ist unter anderem sein Gespür für Orte. Der Film erweckt mit schlafwandlerischer Sicherheit beinahe klischeehafte Kulissen europäischer Geheimnisse, um diese zugleich in sich selbst aufzulösen als das, was sie sind: reine Maskerade, doppelte Böden, Spiele mit Identitäten. Dass es dem Film hie und da an Balance und Rhythmus fehlt, ist nicht zu übersehen. Die Spuren dessen, was Welles selbst eine „Verstümmelung seines Werks“ nannte, sind wie Narben in viele seiner Filme gebrannt.


Orson Welles, der schwankende Koloss

Dann gibt es da natürlich Welles selbst, der seine eigene Körperlichkeit und den sich in Nebel hüllenden Kult um seine Persona hier in wahnwitziger Art und Weise ausformuliert. Ein schwankender Koloss, der sich selbst filmt wie eine Statue aus einem sowjetischen Stummfilm, und eine überall auftauchende Stimme, die selbst aus anderen Figuren spricht, ist dieser Film zugleich Selbsterhöhung als auch Selbstkritik. In einer Szene sieht man ihn in furchterregenden Nahaufnahmen in der Kajüte einer Yacht. Die Kamera wackelt, alles fliegt durcheinander. Angeblich hat Welles für diese Szene tatsächlich einen beweglichen Raum auf Kufen errichtet, ausgestattet mit Möbeln, die er in seinem Hotelzimmer fand, um alles durcheinanderzuwirbeln.

Robert Arden in "Mr. Arkadin" (NSM Records)
Robert Arden in "Mr. Arkadin" (© NSM Records)

Je mehr man über die Entstehungs- und Distributionsgeschichte von „Mr. Arkadin“ erfährt, desto mehr wähnt man sich selbst in einer Fiktion von Welles. Kein Wunder, dass sich die Texte zum Film mindestens genauso sehr um das drehen, was rund um den Film geschah, wie um das, was man tatsächlich sehen kann. Beide Ebenen fügen sich nahtlos ineinander. So erzählt der Schauspieler Robert Arden, der mit der Hauptrolle heillos überfordert wirkt, dass er eines Tages aus dem Nichts vom Büro von Welles kontaktiert wurde. Er müsse nur einige Klamotten besorgen und nach Spanien fliegen. Der Produzent Louis Dolivet war ein ehemals in kommunistische Spionageaktivitäten involvierter Redakteur und wurde von Welles als politischer Mentor bezeichnet. Dolivet war in dubiose Finanzaktivitäten involviert, co-produzierte später auch einige Filme von Jacques Tati und hat einen kurzen Cameo-Auftritt in dem Film, den Godard in „Film Socialisme“ aufgreift.

In den verschiedenen Filmversionen wurden unterschiedliche Stimmen gefunden, mit denen Welles verschiedene Rollen synchronisierte. Welles betrachtete den Dreh als reinen Entwurf. Seine eigentliche Arbeit begann im Schnitt, und dieser Film legt in seinen unterschiedlichen Versionen nicht nur Zeugnis davon ab, sondern gibt Einblicke in seine Visionen und wie Welles damit nicht nur in diesem Fall gegen die Windmühlenflügel von nach Konventionen suchenden Produzenten anrannte. Ein Beispiel dafür ist eine frühe Szene, in der ein im neapolitanischen Hafen sterbender Mann einige Informationen an Van Stratten und seine Freundin Milly (Patricia Medina) weitergibt. Welles, der in einer Version selbst die Stimme des Informanten sprach, legte fest, dass dieser Mann die letzten Menschen, die er sehen würde, als Freunde betrachtet und ihnen deshalb die Namen nennt. Die Produzenten aber konnten nicht viel mit diesem Sentiment anfangen, und so entstand auch eine Vision, in der der Informant aus Rachegründen sang.


„Ein Gedicht ist nie fertig, nur aufgegeben“

Es gibt wohl kaum einen Film, auf den Paul Valérys Aphorismus so gut passt wie auf „Mr. Arkadin“: „Ein Gedicht ist nie fertig, nur aufgegeben.“ Dass Welles weniger aufgeben wollte als musste, macht ihn zum tragischen Helden seiner eigenen Geschichte und reiht ihn gleich neben Erich von Stroheim in der Liste jener, deren gescheiterte Träume das Kino erst zu dem machen, was es ist.

In einem Akt ausgleichender Gerechtigkeit soll hier einmal Orson Welles selbst das letzte Wort haben: „Ich wollte einen Film im Stil von Dickens machen, mit Charakteren, die so verdichtet sind, dass sie wie Archetypen erscheinen. Ich dachte, dass es ein sehr populärer, kommerzieller Film werden könnte, den alle geliebt hätten. Aber stattdessen… Ich bedauere zu sehen, dass sie mir etwas Schreckliches angetan haben. Der Film wurde mir brutaler entrissen als jemals ein Film von irgendwem entrissen wurde… Es war, als hätten sie mein Kind entführt. Sie haben einen anderen Cutter geholt, der behauptet hat, den Film ‚gerettet‘ zu haben.“ (L’Avant-Scène du cinéma, no. 291–292)



Diskografische Hinweise

Herr Satan persönlich (im Original: Mr. Arkadin). Frankreich/Spanien 1954. R: Orson Welles. Mit Orson Welles, Robert Arden, Paola Mori, Michael Redgrave, Akim Tamiroff. 98 Min. FSK: ab 16; f

Der Film ist als Mediabook-Edition beim Label NSM Records erschienen und kommt am 26. Februar 2021 auch als DVD-Version in den Handel. Die DVD-Edition enthält die 94-minütige sogenannte „Corinth Version“ des Films sowie als Extra einen Audiokommentar der Filmwissenschaftler Rolf Giesen und Gerd Naumann. Die Mediabook- und BD-Edition verfügen zusätzlich auch über die 98-minütige „Comprehensive Version“ des Films. Im Mediabook findet sich außerdem ein 24-seitiges Booklet mit Texten von Thorsten Hanisch. Bezug: in jeder Buchhandlung oder hier.

Kommentar verfassen

Kommentieren