© IMAGO / Prod. DB (aus „Lauf um dein Leben“)

Bis aufs Kopfsteinpflaster - Sergio Sollima

Dienstag, 20.04.2021

Zum 100. Geburtstag von Sergio Sollima. Eine Würdigung seines politischen Genrekinos

Diskussion

Als junger Mann kämpfte der gebürtige Römer Sergio Sollima (1921-2015) gegen die Faschisten und behielt die Haltung des Klassenkämpfers konsequent bei, als er ab den 1960er-Jahren als Regisseur von Genrefilmen hervortrat: Ob in Italowestern, Gangsterfilmen oder Piraten-Abenteuern, stets erzählte Sollima vom Widerstand der Unterdrückten und übersetzte Genre-Ästhetik in Bilder des Klassenkampfes. Eine Würdigung zum 100. Geburtstag am 17. April.


Eine Faust hämmert auf das Herz. „Hier ist sie. Hier! Hier!“, brüllt Beauregard Bennet (Tomás Milián) seinem Rivalen Fletcher (Gian Maria Volontè) entgegen und meint damit die Gerechtigkeit, deren Existenz dieser schon lange abstreitet. Was für Fletcher ein abstrakter Begriff ist, den es zu negieren gilt, ist für Bennet etwas Lebendiges, das erst kürzlich in ihm gewachsen ist und ihn nun in das finale Duell von Sergio Sollimas Von Angesicht zu Angesicht (1967) begleitet. Hier siegt nicht Fletchers Kalkül, sondern Bennets Affekt. Nicht der Verstand des Intellektuellen entscheidet, was Gerechtigkeit bedeutet, sondern das Herz des Outlaws.

Der 1921 in Rom geborene Sollima war bei weitem nicht der einzige Filmemacher, der nach seiner Zeit im italienischen Widerstand die Geschichten des Proletariats, der Antifaschisten und des Klassenkampfs im italienischen Genrekino fortschrieb. Er war nicht einmal der einzige Sergio, der dies tat. Aber noch vor Leone und Corbucci war Sollima der wohl beharrlichste Klassenkämpfer unter den Sergios.


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Sollimas Frühwerk hebt sich zunächst kaum von der Masse der populären Genrefilme der Zeit ab. Als Autor feiert er mit Kriminal-, Sandalen- und Abenteuerfilmen wie Geschlossene Gardinen (1950), Ursus - Rächer der Sklaven (1961) und Die Irrfahrten des Herkules (1961) erste Erfolge, die er später dem Schreibtalent seiner Frau zuschrieb, die laut Sollima die meisten seiner frühen Drehbücher verfasste. Sein Wechsel ins Regiehandwerk beginnt mit dem Eröffnungssegment der episodischen Erotikkomödie Erotica (1962) um einen Playboy im mittleren Alter, dem seine potenziellen Liebhaberinnen wahlweise zu freizügig oder zu prüde sind. Es folgen die eigentlichen Lehrjahre beim „Eurospy“, der in den 1960er-Jahren den bereits erwähnten Sandalenfilm als Genre der Stunde ersetzte. In ganz Europa spielte der „Spaghetti-Spionagefilm“ die James-Bond-Formel hundertfach zwischen Pastiche und Parodie neu durch. Unter dem Pseudonym Simon Sterling inszenierte Sollima mit Agent 3 S 3 kennt kein Erbarmen (1965) und Agent 3 S 3 pokert mit Moskau (1966) zwei solide, aber nicht weiter bemerkenswerte Agentenfilme. Sein dritter und letzter Eurospy Der Chef schickt seinen besten Mann(1966) markiert das eigentliche Ende der „Lehrjahre“ Sollimas.

Unter Pseudonym sammelte Sollima erste Regie-Erfahrungen mit Agentenreißern wie „Agent 3 S 3 pokert mit Moskau“ (© IMAGO / United Archives)
Unter Pseudonym sammelte Sollima erste Regie-Erfahrungen mit Agententhrillern wie „Agent 3 S 3 pokert mit Moskau“ (© IMAGO/United Archives)

Vom Eurospy zum Italowestern

Das Herzstück von Sollimas Schaffen liegt aber im berühmtesten der italienischen Genres. Der Western Der Gehetzte der Sierra Madre (1966) war von Franco Solinas, der als einer der prominentesten linken Autoren im italienischen Genrefilm gilt, ursprünglich als ein im Sardinien der Gegenwart angesiedelter Kriminalfilm angelegt, in dem ein Polizist einen wegen Kindesmissbrauchs angeklagten Bauern jagt.

Sollima verlegte die Geschichte in den Wilden Westen, genauer gesagt: in das mexikanisch-texanische Grenzland. Der politische Subtext vom abgehängten Süden Italiens wurde dazu nicht abgestreift, sondern in eine ungezügelt anti-kapitalistische und anti-imperialistische Geschichte eingebunden. Das Recht ist hier die Steckbriefjustiz, die ein Großindustrieller ausruft, um einen Zeugen, den mexikanischen Peon namens Cuchillo Sanchez (Tomás Milián), zu beseitigen und den Weg freizuräumen für ein gewaltiges Eisenbahnprojekt, das die Lebensgrundlage der mexikanischen Gemeinden ebenso verschlingt wie die romantische Idee einer friedlichen Frontier.

Um das Recht durchzusetzen, heuert er den legendären Gesetzeshüter Jonathan Corbett (Lee Van Cleef) an. Der vertritt, wenn auch mit einigem Misstrauen, das „Recht“, das bei jeder neuen Begegnung mit dem angeblichen Verbrecher Cuchillo weiter bröckelt, bis der von Lee Van Cleef gespielte Jäger und der Mann, den er bis nach Mexiko verfolgt, schließlich Seite an Seite stehen. Die Annäherung zweier Männer, die auf entgegengesetzten Seiten der Grenze und des Gesetzes stehen und schließlich als vom System betrogene Einzelgänger zusammenkommen, ist die archetypische Figurenkonstellation, die Sollima gemeinsam mit seinem Hass auf kapitalistische Machtstrukturen und seiner Liebe für die Abgehängten und Unterdrückten in nahezu alle italienischen Genres tragen wird.

Mit „Der Gehetzte der Sierra Madre“ etablierte sich Sollima im Italowestern (© IMAGO / Mary Evans)
Mit „Der Gehetzte der Sierra Madre“ etablierte sich Sollima im Italowestern (© IMAGO/Mary Evans)

Die „Cuchillo-Trilogie“

In Lauf um dein Leben (1968) steigt der mittellose Peon Cuchillo schließlich zur alleinigen Hauptfigur auf. Cuchillos erratischer Flucht vor dem Gesetz und den Umwälzungen der mexikanischen Revolution folgend, erscheint auch der Ton des Films, verglichen mit den anderen Teilen der Trilogie (Der Gehetzte der Sierra Madre und Von Angesicht zu Angesicht) zunehmend satirischer. Bereits in der ersten Szene stolpert der messerwerfende Dieb in ein Standgericht hinein. Für eine Sekunde steht er mit den Revolutionären an der Wand, schafft jedoch im letzten Moment den Absprung. Noch deutlicher als der Vorgängerfilm Von Angesicht zu Angesicht ist Lauf um dein Leben eine Liebeserklärung an Cuchillo, den zunächst widerwilligen Revolutionär, der vielleicht der erste, aber definitiv der schillerndste Protagonist des Westerns ist, der das Subproletariat verkörpert. Cuchillo zieht sich mit unerschütterlichem Lebensmut immer wieder selbst aus dem Dreck.

Sollimas Inszenierung scheint ganz darauf ausgelegt, die Bewegungs- und Spielfreude seines Hauptdarstellers Tomás Milián einzufangen, die Cuchillo immer wieder aus dem Kader zu katapultieren droht, wenn er schreit, singt, lacht, brüllt und sich auf das Herz schlägt. Mit eben dieser Energie steigt der Mann, der den Colt ablehnt und das Messer lieber zum Brotschneiden benutzen würde, zum heimlichen Helden der Revolution auf. Dass sowohl Der Gehetzte der Sierra Madre als auch Lauf um dein Leben Cuchillo schließlich in die Freiheit der mexikanischen Prärie entlassen, ist das Geschenk des ehemaligen Widerstandskämpfers Sollima an den Peon, der, den Titelsong des letzten Teils – eine Revolutionshymne – singend, in den Sonnenuntergang reitet.

In Von Angesicht zu Angesicht, dem Mittelteil der Cuchillo-Trilogie, tritt der gebürtige Kubaner Milián nicht als mexikanischer Bandit, sondern als der „halbblütige“ Ganove Beauregard Bennet auf. Ihm schließt sich der von Gian Maria Volontè gespielte Geschichtsprofessor Brett Fletcher an, der nur die Geschichte der Frontier kennt, nicht aber die Frontier selbst. Die beschert dem Intellektuellen nicht nur eine lang ersehnte Freiheit, sondern auch einen Spielplatz für seine neu entdeckten Machtansprüche. Während der Gesetzlose Beauregard beginnt, seinen instinktiven Weg des „Tötens für das Überleben“ zu hinterfragen, lässt der Intellektuelle sein Weltbild und die eigenen Ideale von Freiheit und Toleranz bald liegen, um die an der Seite von Beauregard gewonnene Macht in eine faschistische Idee von Revolution zu kanalisieren. Die Theorie der Geschichte aus dem Hörsaal wird zur praktischen Geschichtsschreibung an der Frontier – auf dem Rücken der Menschen, die in Beauregards Camp Schutz suchen, aber bald zwischen die Fronten des Konflikts zwischen Fletchers neuer Bande und der Staatsgewalt geraten.

Das Finale zur Cuchillo-Trilogie: „Lauf um dein Leben“ (© IMAGO / Prod. DB)
Das Finale zur Cuchillo-Trilogie: „Lauf um dein Leben“ (© IMAGO/Prod. DB)

Klassenkampf in Western und Piratenfilmen

Sollimas Trilogie gilt als politischster Beitrag zum Italowestern, was weniger am hier formulierten anti-faschistischen und pro-sozialistischem Ethos liegt. Ähnliche linksgerichtete Ideen finden sich zuhauf bei anderen Regisseuren des Genres, etwa Sergio Corbucci, Giulio Questi, Damiano Damiani, Giulio Petroni und Sergio Leone, von denen einige wie Sollima als junge Männer im italienischen Widerstand aktiv waren. Vielmehr ist es Sollimas Fähigkeit, die Ästhetik des Genres in Bilder des Klassenkampfes zu übersetzen. Der Einfluss von Leone und die dazugehörigen Takte von Ennio Morricone bleiben unverkennbar, doch Sollimas Italowestern ergänzen die bekannte Blickdynamik durch die Vertikalität der Klassenhierarchie. In Von Angesicht zu Angesicht blicken sich nicht nur die Revolverträger mit ihren leinwandfüllenden Augen an. Auch die herrschende Klasse, die das Blutvergießen zu verantworten hat, blickt vom Logenplatz hinab auf die Revolverträger.

Der ungleiche Kampf zwischen den Männern auf den oberen Rängen und denen, die vor ihnen im Staub liegen, bleibt die offenkundigste Konstante in Sollimas Filmen. Mit Sandokan – Der Tiger von Malaysia und Der schwarze Korsar adaptiert Sollima 1976 gleich zwei von Emilio Salgaris Romanen in Serien- und Kinoformat. Die von der Kritik verachteten, aber ungemeinen populären Romane boten Sollima mit ihren antikolonialistischen Untertönen eine perfekte Schablone für seine Rückkehr in das Genre, das ihm selbst erste Erfolge als Autor bescherte. Die Logenplätze nehmen in beiden recht aufwendig produzierten Piraten-Abenteuern die Imperialisten der englischen beziehungsweise spanischen Krone ein, gegen die der spätere Bollywood-Star Kabir Bedi als schwarzer Korsar beziehungsweise als malayischer Freiheitskämpfer Sandokan antritt. Die tatsächlich in Malaysia gedrehte Miniserie „Der Tiger von Malaysia“ und eine kurz darauf fürs Kino produzierte Fortsetzung waren auch in Deutschland ein großer Erfolg. Sollima behält zwar eine gewisse Geradlinigkeit und den quasi obligatorischen politischen Subtext, lässt aber die Komplexität und Durchschlagskraft seiner besseren Filme vermissen.

Werden die antiimperialistischen Untertöne hier weitgehend vom pulpigen Abenteuerspaß weggespült, schlägt Der schwarze Korsar zumindest zu Beginn des Films deutlichere Töne an, als der von Bedi gespielte Korsar Zeuge eines Massakers an der indigenen Bevölkerung einer Karibikinsel wird. So beginnt sein Rachefeldzug gegen die spanische Krone nicht mit dem Tod seiner leiblichen, sondern dem Tod seiner indigenen Brüder. Das Ergebnis ist ein ebenso wilder wie unterhaltsamer Kampf gegen die Obrigkeit, für den, wie so oft bei Sollima, Menschen aus gänzlich unterschiedlichen Soziosphären zusammenkommen.

Auch Sollimas Piratenfigur in „Der schwarze Korsar“ widersetzt sich den Ausbeutern (© IMAGO / United Archives)
Auch Sollimas Piratenfigur in „Der schwarze Korsar“ widersetzt sich den Ausbeutern (© IMAGO/United Archives)

Was als unfreiwillige Zusammenkunft von adligen Gefangenen, einem englischen Abenteurer, den konkurrierenden Piraten von Tortuga und dem von Rache besessenen Korsaren beginnt, schmiedet sich auf hoher See über kulturelle und moralische Grenzen hinweg zu einer Allianz der Aussätzigen. Die Hochseeschlachten, die oft den Korsaren seine spanischen Widersacher dem Rang nach töten lassen (der Kapitän fällt zuerst, die Offiziere folgen, die Mannschaft wird verschont), sind ein schönes Beispiel für Sollimas Präferenz, seinen politischen Unterbau nicht didaktisch in Dialogform, sondern direkt über die Attraktionen des Genres auszudrücken.


Ausflüge in Giallo und Gangsterfilm im Gewaltjahrzehnt

„Il diavolo nel cervello“ (1972), der seinerzeit als reißerischer Giallo vermarktet wurde, ist im Kern ein eher geschwätziges, melodramatisches Beispiel des Genres, das unzählige, gut konstruierte Volten, aber wenige der genreüblichen Attraktionen bietet. Der Abstand zur blutigen Opulenz offenbart auch Sollimas wenig beachtete Liebe für das klassische Hollywood-Kino. Die Geschichte um eine junge Mutter, deren Verstand nach der Ermordung ihres Ehemanns bis in ein kindliches Vorstadium erodiert, bietet dem früheren Filmkritiker in all ihrer unentrinnbaren Tragik einige Gelegenheiten, seine Liebe zur deep focus cinematography auszuleben, so wie seine Western nicht allein der von Sergio Leone etablierten Traditionslinie, sondern auch der von John Ford folgen. Mit der vom Kameramann Gregg Toland in Citizen Kane unsterblich gemachten Schärfentiefe zeigt Sollima in einem Bild die Zerrissenheit seines Protagonisten, der die Frau begehrt, die sich in der Tiefe des Kaders für ihn auszieht, aber im Vordergrund gefangen mit ihren kindlich-erotischen Zeichnungen und damit mit den moralischen Konsequenzen seiner Begierde konfrontiert ist.

Sollimas kommerziell erfolgloser Ausflug in die Welt des Giallo steht zwischen zwei Filmen, die nahtlos an die blutige Verhandlung von Klassenfragen im Wilden Westen anschließt. Brutale Stadt (1970), der erste von zwei „Poliziotteschi“, rahmt seine Handlung mit zwei atemberaubend inszenierten, nahezu stummen Setpieces ein und führt zugleich den Klassenkampf in der Vertikalen fort. Mit einer Verfolgungsjagd beginnt der Überlebenskampf des von Charles Bronson mit gewohnt maulfauler Coolness gespielten Auftragsmörders Jeff Heston, mit einer Fahrstuhlfahrt endet er. Was dazwischen steht, ist eine vom Film noir angehauchte Rache-Oper mit wenig Text: Verraten von seiner Geliebten Vanessa (Jill Ireland) und gejagt vom organisierten Verbrechen, erkämpft sich Heston seine Chance auf Rache. Die Oberschicht – wunderbar vertreten durch einen ausgelassen cocktailschlürfenden Telly Savalas – tritt hier als dekadentes, grausames und von Korruption durchwurzeltes Syndikat auf, das mit Hilfe von Raub und Mord zum mächtigen Großkonzern aufsteigt.

Die wahren Verbrechen werden nicht mehr auf der Straße, sondern in den Luxusbüros des höchsten Wolkenkratzers der Stadt begangen, den sich die kriminelle Elite um Al Weber (Savalas) selbst errichtet hat. Hestons letzter, verzweifelter Akt gegen die Übermacht der Organisation verwandelt den gläsernen Außenfahrstuhl, über den seine Feinde in die obersten Ränge der Organisation aufsteigen, in einen schallgedämmten Todeskäfig. Sechs Kugeln schlagen in diesen ein, bevor Heston sich seinem Schicksal ergibt.

In den 1970ern nahm Sollimas fatalistische Haltung in Filmen wie „Brutale Stadt“ zu (© IMAGO / United Archives)
In den 1970ern nahm Sollimas fatalistische Haltung in Filmen wie „Brutale Stadt“ zu (© IMAGO/United Archives)

Fatalismus und Desillusion

„Brutale Stadt“ markiert eine Hinwendung zu merklich fatalistischeren Tönen in den Klassen-, Macht- und Gewaltfragen, die Sollimas Werk auszeichnen. Reflektierte seine Westerntrilogie im Geiste der 1960er-Jahre die Möglichkeit eines tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandels zumindest noch mit einer hoffnungsvollen Ambivalenz, wirken Sollimas Poliziotteschi in den 1970er-Jahren im Hinblick auf Machtverhältnisse bereits gänzlich desillusioniert. Brutale Stadt und der drei Jahre später folgende Die perfekte Erpressung gehen weit über die im Genre reflektierte, von Mafia, Terroristen und Staatsseite verübte Gewalt hinaus, die durch das Italien der 1970er-Jahren metastasierte.

Sollima lässt nun konsequent jeden Widerstandsversuch seiner Protagonisten scheitern, sei es gegen den durch das Verbrechen vertretenen Kapitalismus oder schlicht gegen die von der Gesellschaft für sie entworfenen Rollen. Hestons Angriff auf den Fahrstuhl des Syndikats ist kein revolutionärer Akt, sondern der letzte Versuch einer selbstbestimmten Handlung in einer Welt, die keine Selbstbestimmung mehr zulässt.

Die wohl erbarmungsloseste Version dieser Welt präsentiert Sollima in Die perfekte Erpressung. Sein zweiter Poliziottesco ist im Grunde eine in die Gegenwart verlagerte, modernisierte und radikalisierte Version von Der Gehetzte der Sierra Madre. Wie im Western steht eine Allianz zwischen zwei Männern im Mittelpunkt, die Herkunfts- und Klassen- und Gesellschaftszwänge zu überwinden versuchen. Die Frau des Gefängnisdirektors und ehemaligen Kommissars Vito Capriani (Oliver Reed) wird entführt. Für ihr Leben fordern die Entführer die Freilassung des Verbrechers Milo Ruiz (Fabio Testi). Ruiz, der in der von Tragik durchzogenen Eröffnungsszene seinen Komplizen beerdigt, hat jedoch ebenso wenig eine Verbindung zu den Drahtziehern der Entführung wie Capriani.

Eine Zweckallianz gegen die Machtstrukturen: Oliver Reed und Fabio Testi in „Die perfekte Erpressung“ (© Media Target Distribution)
Zweckallianz gegen die Machtstrukturen: Oliver Reed und Fabio Testi in „Die perfekte Erpressung“ (© Media Target)

Der letzte Akt des Widerstands

Oliver Reed schwitzt Wut und Leid seiner Figur in einer fantastischen darstellerischen Leistung aus jeder Pore, während Testis körperlich robustes und emotional verwundbares Spiel das perfekte Pendant schafft. Wie ihre Vorgänger aus der „Cuchillo-Trilogie“ müssen Capriani und Ruiz für ihre Zweckallianz die von der Gesellschaft gezogenen Grenzen von Recht und Unrecht überschreiten. Die dialektische Rollendynamik verwächst schließlich zu einem geradezu intimen Verhältnis. In der wohl schönsten Szene in Sollimas gesamten Werk wird der Pakt gegen die unnahbaren Machtstrukturen beschlossen. Nicht mit pragmatischer Professionalität oder grimmiger Entschlossenheit, sondern mit zärtlicher Solidarität ergreift Capriani die Hand des verwundeten Partners, der ihn anfleht, nicht aufzugeben.

Getrieben von den brutalen Pianorhythmen des Morricone-Soundtracks nimmt die Geschichte einen Umweg über die Alpen, um schließlich wieder auf dem Kopfsteinpflaster zu landen, wo die lyrische Melancholie der Musik sie auffängt. Jeder Weg, jede Verfolgungsjagd führt in die nächste Sackgasse oder zum nächsten namenlosen Strohmann. Das Verbrechen erscheint als eine nie endende Matrjoschka-Puppe, eine Entität ohne jede sichtbare Verbindung zu den Machtstrukturen, die hinter der Entführung stehen. Das System hat keinen Boss und kein Gesicht mehr; niemanden, den man aus einem Fahrstuhl schießen könnte. Sollima tilgt sukzessive jede Handlungsfähigkeit, bis das Individuum im Mahlwerk der Autoritätsstrukturen völlig aufgerieben ist.

Wie könnte man eindrücklicher eine Geschichte des Klassenkampfes erzählen, wenn nicht über zwei Menschen, die ihre gesellschaftlich zugewiesenen Rollen für eine fast zärtliche Allianz ablegen, um nach einem langen Kampf von einer gesichtslosen Macht zerrieben zu werden? Sein letzter Poliziottesco war weder Sollimas letzter Film noch seine letzte politische Arbeit, und doch fühlt sich Die perfekte Erpressung an wie der finale Schlag des großen Herzens jenes Klassenkämpfers, der am 17. April 2021 seinen hundertsten Geburtstag gefeiert hätte.

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