© IMAGO / Future Image (Monte Hellman beim Filmfestival Venedig 2010)

Der ewige Reisende - Monte Hellman

Freitag, 23.04.2021

Zum Tode von Monte Hellman (12.7.1929-20.4.2021)

Diskussion

Im amerikanischen Filmschaffen war Monte Hellman ein außergewöhnlicher Freigeist, der sich nicht nur von den Hollywood-Studios abgrenzte, sondern auch als unabhängiger Regisseur völlig für sich stand. Von seinen nihilistischen Western und Außenseiter-Balladen der 1960er- und 1970er-Jahre bis zu seinem letzten Kurzfilm von 2013 näherte er sich auf eine ganz eigene Weise festgefahrenen Erzählstrukturen an und interpretierte diese kompromisslos neu. Ein Nachruf.


Monte Hellmans letzter Film dauert nicht einmal zwei Minuten. Neben zahlreichen anderen namhaften Regisseuren drehte er 2013 einen kurzen Beitrag für den 70. Geburtstag des Filmfestivals von Venedig. „Vive L’Amour“ spielt in einem Café und zeigt ein Paar unmittelbar nach der Trennung. Als der Mann unangenehm berührt den Tisch verlässt, zoomt die Kamera langsam auf das Gesicht der Frau. Während sie mit den Tränen kämpft, wechselt das Bild zunehmend von schwarz-weiß zu Farbe. Auch nachdem der Regisseur (Hellman) „Cut“ gerufen hat, ringt die Schauspielerin noch um Fassung. Es ist, als wäre sie in der Fiktion gefangen.

In diesem unscheinbaren Film verdichten sich viele Merkmale des gerade mit 91 Jahren verstorbenen Regisseurs: Das einfache Setting, die formale Klarheit und leise Emotionalität, die geheimnisvolle Atmosphäre sowie das offene Ende. Auch nachdem die Kamera in „Vive L’Amour“ aus ist, bleibt die Welt, die sie geschaffen hat, bestehen.

Monte Hellman (an der Kamera) beim Dreh von „Asphaltrennen“ (© IMAGO / Everett Collection)
Monte Hellman (an der Kamera) beim Dreh von „Asphaltrennen“ (© IMAGO / Everett Collection)


Der Hellman-Touch

Hellman war immer ein Outsider. Eine große Karriere blieb ihm versagt, was zumindest teilweise mit verpassten Chancen zu tun gehabt hat. Aber auch wenn er, wie ursprünglich geplant, statt Sam Peckinpah Pat Garrett jagt Billy the Kid (1973) inszeniert hätte oder ein lange geplantes, aber nie verwirklichtes Projekt mit Francis Ford Coppola, kann man ihn sich nur schlecht als Star-Regisseur vorstellen. Selbst in der Independent-Szene blieb er ein Außenseiter, weil seine Filme zu ruhig, unspektakulär und eigensinnig waren. Ob Exploitationfilm, New Hollywood, Arthouse oder Billighorror, am Ende war jedes seiner meist mühsam realisierten Projekte ein Film mit dem besonderen Hellman-Touch.

Wie Martin Scorsese, Jonathan Demme, Joe Dante und viele andere begann Hellman seine Karriere in der B-Movie-Schmiede von Roger Corman. Hier konnte man nicht nur praktische Erfahrungen sammeln und lernen, mit niedrigen Budgets umzugehen, sondern genoss bei den ersten filmischen Gehversuchen auch ungewohnte künstlerische Freiheit. Nach seinem Debüt mit dem Monsterfilm „Beast from Haunted Cave“ (1959) drehte Hellman einige Genrefilme, an denen auch der damals noch unbekannte Jack Nicholson als Schauspieler, Drehbuchautor und Produzent beteiligt war.

Einer von ihnen ist der psychedelisch-nihilistische Western Das Schießen (1966). Mit Mut zum Experiment inszenierte Hellman einen Fiebertraum mit desolaten Helden. Doch er, der viel Wert auf gutes Handwerk und historische Authentizität legte, sah darin keinen modernistischen Bruch, sondern eine Fortführung der Western-Tradition. Hellman war zwar gewissermaßen Klassizist, beschritt aber auch neue Wege. Seine sehr amerikanischen, aber am internationalen Autorenkino geschulten Filme wurden noch am ehesten in Europa gewürdigt. Auch „Das Schießen“ fand in den USA kaum Beachtung, war dafür aber ein Hit in Pariser Arthouse-Kinos.

Ein ungewöhnlicher Zugriff aufs Westerngenre: „Das Schießen“ mit Jack Nicholson und Warren Oates (© Paragon Movies)
Ein ungewöhnlicher Zugriff aufs Westerngenre: „Das Schießen“ mit Jack Nicholson und Warren Oates (© Paragon Movies)


Alles sollte offenbleiben

Selbst Hellmans berühmteste Regiearbeit war wegen mangelnder Werbung und mäßiger Zuschauerresonanz schon kurz nach ihrem Erscheinen wieder verschwunden. Das Road Movie Asphaltrennen (1971) handelt von zwei jungen Straßenrennfahrern, die in ihrem 1955er Chevrolet die Route 66 entlang reisen und dabei Einheimische zu illegalen Drag Races provozieren. Mit einer Tramperin und einem unbedarften Schwätzer bilden sie kurzzeitig eine Gemeinschaft, die

jedoch so lose und unverbindlich ist wie alles in diesem von der rauen Poesie der amerikanischen Provinz lebenden Films. Die Figuren heißen lediglich „Fahrer“, „Mechaniker“ und „Mädchen“. Sie sind keineswegs unpersönlich, aber sie bleiben rastlos und ungebunden, verschreiben sich ganz dem flüchtigen Moment.

In Romuald Karmakars sehenswertem Interviewfilm „Hellman Rider“ (1988) sagt Hellman, dass im klassischen Hollywoodkino am Ende entweder geheiratet oder gestorben wird. Bei ihm solle dagegen alles offenbleiben. „Asphaltrennen“ endet tatsächlich sehr abrupt, als sich während eines Rennens plötzlich das Filmbild auflöst. Was im Kino wie ein Vorführfehler gewirkt haben muss, wirft uns nicht nur auf unsere Rolle als Zuschauer zurück, sondern legt auch nahe, dass der Film ohne uns weiterläuft. Ein konsequenteres Ende für einen von ständiger, zielloser Bewegung bestimmten Film kann man sich kaum vorstellen.

Für „Asphaltrennen“ setzte Hellman auf Leinwand-Debütanten wie Laurie Bird und den Sänger James Taylor (© IMAGO / Everett Collection)
Für „Asphaltrennen“ setzte Hellman auf Leinwand-Debütanten wie Laurie Bird und den Sänger James Taylor (© IMAGO / Everett Collection)

Interessant an der Produktionsgeschichte von Asphaltrennen ist, dass Hellman für seinen Film aufstrebende Schauspieler wie Jon Voight und Robert De Niro hätte haben können, sich stattdessen aber für zwei Rockmusiker ohne Leinwanderfahrung entschied. James Taylor sowie Dennis Wilson von den Beach Boys verleihen dem Film eine spröde, authentische Präsenz. Auch sonst zeigte sich Hellman wenig interessiert an angeberischem Schauspiel. In seinem letzten Spielfilm, dem Noir-Vexierspiel „Road to Nowhere“ (2010), wird dazu eine Anekdote von den Dreharbeiten zu Samuel Fullers Tokio-Story (1955) erzählt. Hauptdarsteller Robert Stack wollte wissen, wie er seine Rolle spielen solle, worauf der Regisseur nur erwiderte: „Gar nicht.“

Zu einem sehr markanten Schauspieler zog es Hellman jedoch immer wieder. Wäre der auf abgehalfterte Charakterrollen spezialisierte Warren Oates nicht schon 1982 gestorben, hätte Hellman mit ihm gerne noch deutlich mehr als nur vier Filme gedreht. So kontrolliert Hellmans Inszenierung manchmal wirkt, mag ihm an Oates gerade die Unzähmbarkeit gefallen haben. Das Vermächtnis dieser Zusammenarbeit ist die vom Krimi-Autor Charles Willeford geschriebene Außenseiter-Ballade „Cockfighter“ (1974). Oates spielt darin einen Hallodri, der sich ganz dem Hahnenkampf verschrieben hat. Wie der Fahrer aus „Asphaltrennen“ ist auch er eine fast asoziale Figur, die für ihre Besessenheit alles aufs Spiel setzt. Besonders wegen seines fast dokumentarischen Blicks für das Milieu und den spektakulären Hahnenkampfszenen in Zeitlupe gilt „Cockfighter“ als einer von Hellmans gelungensten Filmen. Für Cormans Produktionsfirma New World Pictures war es allerdings der einzige Flop in den 1970er-Jahren.


Brüche selbst beim Abenteuer- und Slasherfilm

Einer völlig anderen Welt widmet sich der düstere historische Abenteuerfilm Kampf auf der Todesinsel (1988). Das Geld kam hier überwiegend aus Europa sowie auch einige der Darsteller. Unüblich für das Genre ist, dass der Film weder monumental noch actionreich sein will. Das Schauspiel ist reduziert, die Kameraarbeit behutsam und die Inszenierung der erschütternden Geschichte ganz aufs Wesentliche konzentriert.

Basierend auf Alberto Vasquez-Figueroas Roman „Der Leguan“ erzählt der Film von Oberlus (Everett McGill), der wegen seines verunstalteten Gesichts von seiner Umwelt verstoßen wird. Nachdem er auf eine einsame Insel geflohen ist, erklärt er dort der gesamten Menschheit den Krieg. Gestrandete werden von ihm getötet oder versklavt. Moral, Gnade, Freundschaft haben inmitten der kargen Landschaft keine Bedeutung mehr. Warum sollte man sich auch an humanistische Leitsätze halten, wenn man selbst nie wie ein Mensch behandelt wurde? Aber auch unerbittliche Rache wird diese verwundete Seele nicht mehr heilen.

Düster und stilistisch ungewöhnlich für einen historischen Abenteuerfilm war Hellmans „Kampf auf der Todesinsel“ (© Medien Vertriebs GmbH)
Düster und stilistisch ungewöhnlich für einen historischen Abenteuerfilm war Hellmans „Kampf auf der Todesinsel“ (© Medien Vertriebs GmbH)

Die bemerkenswerteste Figur aus „Kampf auf der Todesinsel“ ist die Sklavin Carmen (Maru Valdivielso), die von Oberlus eingesperrt und regelmäßig vergewaltigt wird, dabei aber auch eine gewisse Zuneigung zu ihm entwickelt. Obwohl wir sie am Anfang noch in vermeintlich trauter Zweisamkeit mit ihrem Geliebten gesehen haben, gibt sie preis, dass sie sich schon damals wie eine Gefangene fühlte. Ihre schwere Fessel bezeichnet sie als Schmuckstück, ihren Peiniger sieht sie als Leidensgenossen. In einer verqueren Welt, in der Unterdrückte zu Diktatoren werden, verwundert es auch nicht, wenn der Gegensatz zwischen Gut und Böse aufgehoben scheint.

Nicht nur aus Budgetgründen verzichten Hellmans Filme weitgehend auf starke Oppositionen, typische Schauwerte oder melodramatische Exzesse. Seine in dieser Hinsicht wohl ungewöhnlichste Regiearbeit ist die für den Videomarkt entstandene dritte Fortsetzung des Slashers Stille Nacht – Horror Nacht (1984). Die Reihe dreht sich um einen traumatisierten Jungen, der im Weihnachtsmannkostüm sein mörderisches Unwesen treibt. Doch „Silent Night, Deadly Night III: Better Watch Out!“ (1989) zeigt sich weder sonderlich an dieser Vorgeschichte interessiert noch an blutigen Effekten oder herkömmlicher Spannung. Die Handlung dreht sich um eine blinde Frau, die im Rahmen eines sprachpsychologischen Experiments in die Gedankenwelt des mittlerweile im Koma liegenden Killers eindringen soll. Als dieser erwacht, sucht er sie am Weihnachtsabend heim.

Die für das Genre etwas seltsame, aber nicht ungewöhnliche Handlung wird wie ein Skelett präsentiert. Hellman bezeichnete den Film einmal als Satire aufs Horrorgenre, und tatsächlich wirken die üblichen Spannungsmomente durch die offensive Langsamkeit ausgestellt und ihrer Wirkung beraubt. Der Mörder ist hier fast schon eine bemitleidenswerte Frankenstein-Figur, die sich wie auf Valium fortbewegt. Überhaupt wirkt hier alles seltsam unwirklich und entgrenzt: Es wird über Träume kommuniziert, Verstorbene geben wertvolle Ratschläge und am Schluss, wenn der Killer sich noch einmal zu Wort meldet, wird sogar die vierte Wand durchbrochen.


Durchlässige Ebenen

Laut Hellman wollen Kinozuschauer häufig lieber an das Unmögliche glauben, als sich mit der Wirklichkeit zu konfrontieren. In seinen Filmen scheinen dagegen ohnehin alle Ebenen durchlässig zu sein. Aufschlussreich ist eine Anekdote über die Darstellerin aus dem bereits erwähnten Kurzfilm „Vive L’Amour“. Drehbuchautor Steven Gaydos wurde auf Shannyn Sossamon aufmerksam, als er mitbekam, wie sie in einem Café eine Szene probte. Aus einem realen Erlebnis wurde somit ein Film, der wiederum erzählt, wie die Fiktion in die Wirklichkeit ragt.

Als Produzent fungierte Monte Hellman u.a. bei Tarantinos „Reservoir Dogs“ (© Ascot Elite)
Als Produzent fungierte Monte Hellman u.a. bei Tarantinos „Reservoir Dogs“ (© Ascot Elite)

Sossamon verkörperte bereits die Hauptrolle in „Road to Nowhere“, der, wie der Titel verrät, von einer weiteren, ziellosen Reise erzählt. Ein Nachwuchsregisseur will Sossamon darin in seinem neuen Film besetzen, der auf einem Kriminalfall beruht, in den sie, wie sich mit der Zeit herausstellt, auch tatsächlich verwickelt war. Ständig wechselt Hellman dabei zwischen der Rahmenhandlung und dem Film-im-Film, ohne dabei immer erkennbar zu machen, wo wir uns gerade befinden.

Gerade in den Momenten größter Verwirrung fühlt man sich bei Hellman aber oft besonders wach. So ist es auch in der Schlussszene von Das Schießen, in der Warren Oates endlich die Identität seines mysteriösen Verfolgers lüftet und sich schließlich selbst in die Augen sieht. Das Drehbuch hat dafür zwar eine logische, wenn auch etwas umständliche Erklärung, aber was bleibt, ist doch vor allem dieser erschütternde Moment zwischen Schock und Erkenntnis.


Ein niemals untätiger Filmemacher

Bis „Road to Nowhere“ beim Filmfestival von Venedig seine Premiere feierte, vergingen 21 Jahre, in denen Hellman keinen einzigen Spielfilm realisieren konnte. Untätig war er jedoch nie. In „Hellman Rider“ bezeichnet er Hollywood als ungemein verschwenderisches System, in dem nur ein Bruchteil der geplanten Projekte auch verwirklicht würde. Einer wie er musste da nicht nur viele Rückschläge verkraften, sondern auch enorm geduldig sein. Vielleicht war es Hellmans Rettung vor der Verbitterung, dass er zwar als Regisseur kompromisslos blieb, bei der Wahl seiner Stoffe aber ebenso pragmatisch war wie bei den zahlreichen unterschiedlichen Filmjobs, die er immer wieder übernahm.

Er drehte etwa Lawinenexpress (1979) für den verstorbenen Regisseur Mark Robson fertig, war am Schnitt von Mike Newells Das Erwachen der Sphinx (1980) beteiligt sowie Second-Unit-Regisseur bei Samuel Fullers The Big Red One (1980) und Paul Verhoevens RoboCop (1987). Und er war einer der ausführenden Produzenten von Reservoir Dogs (1992). Dessen Regisseur Quentin Tarantino ist nur einer von vielen jüngeren Filmemachern, die ihn verehren.

Das ständige Hangeln zwischen verschiedenen Jobs und Projekten bezeichnete Hellman als ewiges Unterwegssein. Manchen seiner ebenso leidenschaftlichen wie unermüdlich improvisierenden Helden war er darin nicht unähnlich. Auch wenn Monte Hellmans Reise nun abgeschlossen ist und sein Abschied vom Kino gewissermaßen ein letztes „Cut“ war, fühlt es sich doch nur wie ein weiteres offenes Ende an.

Kommentar verfassen

Kommentieren