© IMAGO / United Archives (Jürgen Prochnow in „Das Boot“)

Der Mann mit dem Pokergesicht

Dienstag, 08.06.2021

Nach über 100 Filmen immer präsent: Jürgen Prochnow zum 80. Geburtstag

Diskussion

Der 1941 in Berlin geborene Schauspieler Jürgen Prochnow hat dem deutschen Kino seit den 1970er-Jahren seinen Stempel aufgedrückt. Mit „Das Boot“ wurde er zum Weltstar und konnte auch in Hollywood Fuß fassen. Durch sein markantes Aussehen entwickelte er von Beginn an eine Präsenz, die auch in seinen Altersrollen noch für denkwürdige Auftritte sorgt. Am 10. Juni 2021 feiert er seinen 80 Geburtstag. Eine Würdigung.


Er ist ein Meister des ersten Auftritts. Bevor man überhaupt die Story eines Films begriffen hat, ist er da; kein Zweifel umgibt seine Erscheinung. Sein charakteristisches, fast altersloses Narbengesicht mit stechendem Blick aus stahlblauen Augen glich in seinen jungen Jahren schon dem von heute wie in Stein gemeißelt. Es fesselt vom ersten Moment seines Auftrittes an so sehr, dass die Regisseure oft Profilaufnahmen von Jürgen Prochnow bevorzugten, um sich der Magie seiner Präsenz wenigstens für kurze Zeit zu entziehen. Oft genügt ein kurzer Satz, um zu wissen, was los ist. „Jagen Sie auch?“, sagt er in seiner ersten Szene in Die dunkle Seite des Mondesvon Stephan Rick 2015 zu Moritz Bleibtreu, und er sagt es so, dass er sich damit sogleich als dessen gefährlicher Gegenspieler outet und zugleich spöttisch noch andere düstere Absichten enthüllt. Oder er knallt als Racheengel dem Kommissar sein Jagdgewehr auf den Tisch, in der „Tatort“-Folge Jagdrevier (1972) von Wolfgang Petersen als derbe Provokation und als Zeichen seiner Stärke.

Doch selbst ein Faustschlag mitten ins Gesicht lässt ihn im Gefängnisdrama „Die Verrohung des Franz Blum (1974) von Reinhard Hauff nicht wanken. Ganz im Unterschied zu dieser Rolle ist Prochnow in seinem Darstellungsstil an sich nicht in besonderer Weise körperlich-expressiv. Er setzt in der Regel eher auf Zwischentöne: auf Mimik, kleine Gesten und winzige Variationen in seinem Bewegungstempo, wenn er Zuneigung oder Aggression ausdrücken soll. Vielleicht konnte er nur mit diesem sehr differenzierten Darstellungsstil in Die Konsequenz 1977 so überzeugend und mit hintergründiger Grübler-Miene in der Rolle eines homosexuellen Schauspielers einen veritablen Skandal lostreten.


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Zwanzig Jahre im „Exil“ des Hollywood-Mainstreams

Seine Stimme ist knorrig und zugleich klar; Prochnow legte stets Wert darauf, seine Hollywoodfilme selbst deutsch zu synchronisieren. Nach dem außergewöhnlichen Erfolg des U-Boot-Drama Das Boot (1981) tauchte Prochnow, der vorher einer der wichtigsten Schauspieler des „Neuen Deutschen Films“ gewesen war, für mehr als 20 Jahre in die Erfolgsspur des Hollywood-Mainstreams ab, oft mit kleinen und kleinsten Kurzauftritten als Bösewicht. Für das „Typecasting“, die Besetzung einer Rolle mit einer unverwechselbaren Identität, bot sich der „Meister des ersten Auftritts“ geradezu an: Man muss nicht rätseln, was passiert, wenn „Pokerface“ Prochnow in einer Szene erscheint.

Jürgen Prochnow als Gegenspieler von Moritz Bleibtreu in „Die dunkle Seite des Mondes“ (© Alamode)
Jürgen Prochnow als Gegenspieler von Moritz Bleibtreu in „Die dunkle Seite des Mondes“ (© Alamode)

Der Ton ist schnell gesetzt, wenn er einen Waffenhändler als Gegenspieler von Eddie Murphy in Beverly Hills Cop II oder einen gefangenen russischen Diktator in Air Force One spielt, einen korrupten Richter wie in Judge Dredd, einen brutalen Nazi-Offizier wie in Der englische Patient oder einen deutschen Hauptmann, der im Horrorfilm Die unheimliche Macht von Michael Mann eine rumänische Festung erobert und damit das Unheil freisetzt.

In diese – man könnte sie die mittlere Periode in Prochnows Schauspielerleben nennen – fällt immerhin sein eindrucksvoller Auftritt als geheimnisumwitterter Leidensmann Herzog Leto Atreides in David Lynchs stilisiertem Science-Fiction-Epos Der Wüstenplanet (1984). Prochnow spielt den Herrscher des Wüstenplaneten „Dune“ sympathisch-statuarisch wie in einem Shakespeare’schen Königsdrama.

Durch die lange Abwesenheit galt Prochnow so manchem als verloren für den deutschen Film, bis er 2006 in der Satire Schröders wunderbare Welt von Michael Schorr als US-Investor für das Tropenparadies „Lagunenzauber“ wieder antrat. Aber erst nach dem „Tatort“ „Schlafende Hunde“ (2010) von Florian Baxmeyer galt er wieder als bemerkenswerter deutscher Schauspieler, sodass ihn Robert Thalheim in seiner Satire Kundschafter des Friedens als gealterten BND-Agenten seinem Kollegen Henry Hübchen als Ost-007 augenzwinkernd gegenüberstellen konnte.

Prochnows Talent als Komödiant war bis dahin nur von seinen Auftritten auf der Theaterbühne bekannt. Doch er fühlte sich in dieser Rolle sichtlich wohl, in der er die Klischees mancher seiner Filmrollen mit grimmigem Blick und knorrigem Ton auf die Schippe nehmen konnte. Beim jährlichen Spektakel der Nibelungenfestspiele in Worms übernahm Prochnow 2018 den Part des Hunnenkönigs Etzel und lobte in einem Interview die innere Zerrissenheit der Figur als schauspielerische Herausforderung, wobei Etzel in der „Nibelungenlied“-Legende eigentlich nur die blutige Rache Kriemhilds an den Mördern ihres Mannes Siegfried umsetzt.


Fernseherfolge mit Wolfgang Petersen

Ausgerechnet durch ein Theaterprojekt wurde Prochnows Rückkehr nach Deutschland gekrönt, die 1966 mit der klassischen Operette „Land des Lächelns“ an den Städtischen Bühnen Osnabrücks so hoffnungsvoll begonnen hatte. Eigentlich hatte er seinen Eltern versprochen, die Lehre zum Bankkaufmann durchzuhalten. Doch nebenbei war er schon als Beleuchter und auch als Statist am Düsseldorfer Schauspielhaus tätig, studierte an der Folkwangschule in Essen und erhielt Engagements in Aachen und Heidelberg und schließlich in Bochum im Ensemble von Peter Zadek. 1979 wurde er für seine Darstellung des Franz Moor in Schillers „Die Räuber“ von der Zeitschrift „Theater heute“ zum „Schauspieler des Jahres“ gewählt.

Mit Ernst Hannawald in dem tabubrechenden Fernsehfilm „Die Konsequenz“ (© imago images/United Archives)
Mit Ernst Hannawald in dem tabubrechenden Fernsehfilm „Die Konsequenz“ (© imago images/United Archives)

Mitte der 1970er-Jahre machte Prochnow auch einen großen Schritt in der Entwicklung seiner Leinwandpersönlichkeit. Vor allem als Gefängnisinsasse Franz Blum in dem Film von Reinhard Hauff nach den autobiografischen Aufzeichnungen von Burkhard Driest, der im Film die Figur „Tiger“ verkörpert, seinen selbstbewussten, knallharten Gegenspieler, der ihm mit allen Tricks und Finessen das Leben schwermacht. Dass er sich in „Die Verrohung des Franz Blum“ (1974) ausgerechnet mit dem Autor und lebendigem Vorbild seiner Figur, von dem auch das Drehbuch stammte, buchstäblich „herumschlagen“ musste, machte den Auftritt Prochnow als sensibler Alltagsmensch, der sich seine Würde in der geschlossenen Welt des Gefängnisses erst bitter erkämpfen muss, zu einem eindrucksvoll-vielschichtigen Experiment.

Mit einer Gefängnisszene beginnt auch Die Konsequenz (1977) nach einem autobiografischen Roman von Alexander Ziegler. Prochnow zeigt in diesem Film eine völlig andere Seite, denn es handelt sich um ein homosexuelles Liebesmelodram, das seinerzeit für viel Furore sorgte; der Bayerische Rundfunk verweigerte zunächst glatt die Ausstrahlung. Doch die Kinoauswertung machte den Film, der zeigt, wie ein jugendlicher Liebhaber (Ernst Hannawald) an der Ausgrenzung und der Intoleranz seiner Zeitgenossen zerbricht, zum Kultwerk, das Prochnow durch empathische Natürlichkeit als homosexueller Schauspieler Martin Kurath nachhaltig prägte. Auch dieser Film zählt zu Wolfgang Petersens Frühwerk als deutscher Filmemacher.

Zur Petersen-Family gehörte Prochnow schon seit einem von dessen „Tatort“-Beiträgen: Jagdrevier, in dem Prochnow den bösen Täter mit einem guten Kern als Gegenspieler von Kommissar Finke spielt. Und weil das so überzeugend war, mimte Prochnow unmittelbar darauf in Einer von uns beiden, dem ersten Kinofilm von Wolfgang Petersen, einen Studenten, der einen zwielichtigen Professor erpresst (wie Kommissar Finke erneut von Klaus Schwarzkopf gespielt). Doch das intensive Psychoduell war nur das Vorspiel zum „goldenen Wurf“ des Duos Petersen/Prochnow mit der Großproduktion Das Boot(1981), in dem sich Prochnow als väterlicher U-Boot-Kommandant „Kaleun“ (Kapitänsleutnant) bewies. „Der Alte“ steuert das Boot durch sämtliche Untiefen und hatte überdies die komplexen persönlichen und politischen Widersprüche an Bord im Griff. Die Film gewordenen U-Boot-Kriegserinnerungen von Lothar-Günther Buchheim waren ein gewaltiger internationaler Erfolg, der sowohl Petersen wie auch Jürgen Prochnow für neue Aufgaben empfahl. Auch wenn man heute noch einmal „Das Boot“ anschaut, entfaltet sich das Figurengewusel in der geschlossenen Welt des U-Boots nur dank der außergewöhnlichen Präsenz Prochnows in dessen Zentrum.

Als Herzog Leto Atreides in David Lynchs „Der Wüstenplanet“ (mit Filmsohn Kyle MacLachlan) (© IMAGO / Prod. DB)
Als Herzog Leto Atreides in „Der Wüstenplanet“ (mit Kyle MacLachlan; © IMAGO / Prod. DB)

80 Jahre und kein bisschen greise

Wie aber kommt man noch einmal zurück zu einer neuen Leinwandpräsenz im deutschen Film? Mit dem ganzen Gewicht einer fast 50-jährigen Filmkarriere als Filmlegende. Zum Beispiel, indem man sich einfach aus dem Staub macht. Wie Wilhelm Schürmann, der sich auf eine letzte Reise begeben will und dann von einem ebenfalls fluchtwilligen Jugendlichen aufgestört wird, im Fernsehfilm Der Alte und die Nervensäge (2020) von Uljana Havemann, der mitten im Corona-Jahr zum Publikumshit mit Millionen Zuschauern wurde.

Oder man igelt sich zu Hause ein, mit einem Schweinebolzenschussgerät als Rettung vor Diebesgesindel. So geschieht es in Eine Handvoll Wasser von Jakob Zapf, dem neuesten Kinofilm mit Jürgen Prochnow, in dem er als mürrischer Alter zum Retter für ein kleines jemenitisches Mädchen wird, das gerade noch der Abschiebung ihrer Familie entkommen ist. Der Bolzen verfehlt die 11-Jährige nur knapp, und so macht ihr der Alte einen Verband um die Streifschusswunde. Die mürrische Art des Mannes verbirgt seinen empathischen Kern, den er mehr und mehr entdeckt, als er versucht, die Kleine wieder loszuwerden. Die „Handvoll Wasser“, von der das Mädchen immer wieder redet, bedeutet Leben, und so kramt der alte Mann seine besten Ideen hervor, um das Kind illegal in ein Flugzeug zum Onkel nach London zu setzen.

Prochnow setzt dabei sein ganzes Repertoire ein, seine sprichwörtliche schlechte Laune, sein sardonisches Grinsen und die versteinerte Coolness, hinter der ebenso ein pensionierter Geheimagent wie ein ausgekochter Berufsverbrecher im Ruhestand stecken könnte. Ein beindruckendes und würdiges Alterswerk des Mannes mit dem Pokerface. Der Protagonist im Film ist schon 87. Prochnow ist erst 80. Da sind doch noch ein paar weitere Filme drin.

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