© imago/Mary Evans (Ned Beatty und Theresa Russell in "Die Anwältin")

Zum Tode von Ned Beatty

Dienstag, 15.06.2021

Ein Nachruf auf den US-Schauspieler Ned Beatty (6.7.1937-13.6.2021)

Diskussion

Im US-Kino gehörte der Schauspieler Ned Beatty ab den 1970er-Jahren zu den beliebtesten Nebendarstellern. John Boorman, Robert Altman, Sidney Lumet und zahlreiche andere Filmemacher profitierten von Charme und Vielseitigkeit des rundlichen Darstellers aus Kentucky, der zwischen Verwundbarkeit und Autorität, Liebenswürdigkeit und Bedrohlichkeit alle Nuancen ausspielen konnte.


Mit seiner Leibesfülle wirkte er tapsig und von Grund auf gemütlich. Doppelkinn und Hamsterbacken verstärkten den gutmütigen Eindruck, auch wenn die listigen Augen und die tiefe Stimme des US-Schauspielers Ned Beatty verrieten, dass man seine Figuren nicht ohne Weiteres als arglose Dickerchen abstempeln durfte. Es ließ sich durchaus als Omen für die spätere Karriere des 1937 geborenen Darstellers aus Louisville in Kentucky betrachten, dass er bereits in jungen Jahren auf der Bühne seiner Heimatstadt die Rolle des Willy Loman in „Tod eines Handlungsreisenden“ spielte. Denn auch in seiner langen Kino-Laufbahn gestaltete Ned Beatty immer wieder Charaktere, die sich durch den Charme gewiefter Händler mit Gespür für Kundenansprache auszeichneten (und gelegentlich desillusioniert wurden): freundlich, munter, auch anzüglichen Späßen nicht abgeneigt, redefreudig, vermeintlich leicht zu übertölpeln.


Ein gewiefter Verkäufer seiner selbst

Wobei ein harmlos-gutmütiger Anfang leicht auch nur Fassade sein konnte, um eine Atmosphäre scheinbarer Übereinstimmung zu schaffen und dann mit den wahren Absichten herauszurücken, so wie bei seinem gefeierten Auftritt in der Mediensatire „Network“ (1976) von Sidney Lumet. Darin lässt Ned Beatty als Vorstandsvorsitzender eines Fernsehsenders den unberechenbar gewordenen Nachrichtensprecher Howard Beale (Peter Finch) bei sich antanzen, der mittlerweile Quote macht, weil er jede Hemmung verloren hat, seinen Frust ungeschminkt über den Bildschirm hinausposaunt und viele Zuschauer erreicht, die ähnlich fühlen wie er.

Ned Beatty als Vorstandsvorsitzender in "Network" (Neue Visionen)
Ned Beatty als Vorstandsvorsitzender in "Network" (© Neue Visionen)

Beattys Figur Arthur Jensen führt Beale zunächst jovial und fast kumpelhaft in einen Konferenzraum und verrät persönliche Details wie seine Anfänge als Verkäufer. „Sie sagten, ich könne alles verkaufen.“ Was der überrumpelte Beale wenig später nur bestätigen kann, als Jensen ihm im komplett abgedunkelten Raum mit bombastischem Furor an den Kopf wirft, sich in naiven Selbsttäuschungen zu verlieren, weil er an Nationen, Ideologien und anderen politischen Schlagwörtern zweifle, obwohl die Welt doch längst von anderen Kräften gesteuert werde: den Konzernen. Um übergangslos mit normaler Stimme zu enthüllen, dass er gerade eine Show geliefert habe, wie sie in ihrem Geschäft eben dazugehört. Beales Selbstbildnis eines vermeintlichen Propheten stutzt er zum Erfüllungsgehilfen herunter: Solange sein Verhalten die Einschaltquoten hochtreibe, spiele es den Fernsehbossen in die Hände und damit der Gesellschaft, die er mit seinen Tiraden zu bekämpfen glaube.

Der rund sechsminütige Monolog ist (abgesehen von einer zweiten, sehr kurzen Szene) Ned Beattys knapper, aber gewaltiger Beitrag zu „Network“, der ihm die einzige „Oscar“-Nominierung seiner Karriere einbrachte. Was umso erstaunlicher ist, weil der Schauspieler insbesondere in den 1970er-Jahren aus der ersten Riege Hollywoods nicht wegzudenken war und zahlreiche Filme mit seinem Spiel bereicherte. Bereits sein Filmdebüt im Jahr 1972 in „Beim Sterben ist jeder der Erste“ von John Boorman schrieb sich in die Kinogeschichte ein. Ned Beatty ist einer der vier Männer, die am Wochenende eine Kanufahrt auf einem Fluss unternehmen, die zu ihrem persönlichen Herz der Finsternis wird. Auch hier spielt er einen Verkäufer (erfolgreich im Versicherungsgeschäft) mit schalkhaften und tolpatschigen Zügen, doch die scheinbare Funktion des Pausenclowns verschwindet urplötzlich, als die Männer im Wald von zwei Einheimischen überfallen werden. Beattys Figur wird gedemütigt, aufs Grausamste verhöhnt und schließlich vergewaltigt, ohne dass sie der Brutalität etwas entgegensetzen kann – die schockierende Szene gehört zu den verstörendsten Kino-Momenten nicht nur der 1970er-Jahre.


Mit Burt Reynolds im Doppelpack

Obwohl Ned Beatty auf ewig mit diesem Kinoeinstand als hilfloses Gewaltopfer verbunden blieb, erschien er nie wieder derart verwundbar auf der Leinwand. Noch im selben Jahr war er in weiteren Rollen zu sehen, die sein Kino-Image ausdifferenzierten: In John Hustons Spätwestern „Das war Roy Bean“ ist er ein gutmütiger kleiner Western-Outlaw, der zum Erzähler der Legende des schlitzohrigen selbsternannten Richters (gespielt von Paul Newman) wird, in „Der Tiger hetzt die Meute“ spielt er den ersten einer Reihe von Gesetzesvertretern aus den Südstaaten, einen korrupten, trotz Brille und dauerverschwitztem Hemd bedrohlichen Südstaatensheriff als Widersacher eines sympathischen Gauners (Burt Reynolds). Reynolds hatte ihm diesen Part nach ihrem gemeinsamen Auftritt in „Beim Sterben ist jeder der Erste“ verschafft; bis Ende der 1980er-Jahre sollten die beiden – wenn auch in zusehends schwächeren Filmen – noch mehrfach ein effektives Duo bilden.

Erfolgreiches Duo: Ned Beatty und Burt Reynolds, hier in "Der rasende Gockel" (imago/Mary Evans)
Erfolgreiches Duo: Ned Beatty und Burt Reynolds, hier in "Der rasende Gockel" (© imago/Mary Evans)

1976 erschien Ned Beatty neben „Network“ auch in Alan J. Pakulas „Die Unbestechlichen“ als Helfer der Watergate-Aufdecker Carl Bernstein und Bob Woodward und als aufdringlicher Zuggast, hinter dessen taktlosem Gehabe sich in Arthur Hillers komödiantischem Thriller „Trans-Amerika-Express“ ein verdeckt ermittelnder FBI-Agent verbirgt; zwei Rollen, die Beattys Vielseitigkeit und Unvorhersehbarkeit ebenso untermauerten wie sein kurzsichtiger Schurken-Adlatus Otis in den ersten beiden „Superman“-Filmen (1978/1980).

Auch Robert Altman kam bei seinem zentralen Werk der 1970er-Jahre nicht an Ned Beatty vorbei: In „Nashville“ (1975) ist sein schmieriger Anwalt Delbert Reese quasi die lebende Illustration des ambivalenten Blicks auf das Countrymusik-Geschäft, indem er zwar Gewandtheit und auch liebenswerte Züge besitzt, hinter denen allerdings der Hang zum Schwindel und zum peinlich berührten Umgang mit „unbequemen“ Aspekten – zwei gehörlose Kinder – nicht verblassen.


In widersprüchliche Angelegenheiten verstrickt

Auch in späteren Jahren war den Charakteren von Ned Beatty immer wieder anzumerken, dass sie sich in Angelegenheiten verstrickt hatten, die ihnen im Grunde zuwider waren, und sie ihre Fehler zutiefst bereuten. Insbesondere ist das bei dem in Mord- und Drogengeschäfte verstrickten Polizei-Captain in „Der große Leichtsinn - The Big Easy“ (1987) von Jim McBride zu spüren, oder auch bei einem seiner weiteren Sheriffs, in Altmans „Cookie’s Fortune“ (1999), der nach dem ungeklärten Todesfall einer alten Dame deren besten Freund festnehmen muss, obwohl ihm wie allen in dem kleinen Ort klar ist, dass dieser sich nichts hat zu Schulden kommen lassen.

Zu diesem Zeitpunkt trat Beatty noch immer regelmäßig vor die Kamera und wertete viele mittelmäßige Filme durch seine Präsenz auf; gelegentlich fand er dankbare Rollen mit unerwarteten Schattierungen wie die des zurückgezogen lebenden Tenors, der sich in „Hear my Song“ (1991) von Peter Chelsom zu einem letzten Auftritt in einem Nachtclub überreden lässt. Trotz bereits reduzierter Filmarbeit brachte sich der Darsteller mit prägnanten Auftritten in den Südstaaten-Thrillern „In the Electric Mist“ (2009) und „The Killer Inside Me“ (2010), in Mike Nichols’ Politkomödie „Der Krieg des Charlie Wilson“ (2007) als gutgläubiger, manipulierter Abgeordneter und mit seiner immer noch eindrucksvollen Stimme als Sprecher des Plüschbär-Antagonisten Lotso in „Toy Story 3“ (2010) regelmäßig in Erinnerung.

Eine dankbare Rolle: Ned Beatty als Opernsänger in "Hear my Song" (imago/Everett Collection)
Eine dankbare Rolle: Ned Beatty als Opernsänger in "Hear my Song" (© imago/Everett Collection)

Für das Kino, wo die Worte seiner Figur Arthur Jensen nicht weniger gelten als auf anderen Märkten, blieb Ned Beatty ein glänzender Händler, der tatsächlich alles verkaufen konnte. Zuletzt erschien er 2013 vor der Kamera. Am 13. Juni 2021 starb er friedlich im Kreis seiner Familie in Los Angeles.

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