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Zur Wiederaufführung des DEFA-Films „Fallada – letztes Kapitel“ von Roland Gräf

Donnerstag, 17.06.2021

Die Dämonen des Dichters: Roland Gräfs filmisches Porträt des Schriftstellers Hans Fallada (1893-1947) war eine vielbeachtete Produktion des DDR-Kinos der 1980er-Jahre

Diskussion

Mit einer erlesenen Besetzung stellt der Film das letzte Lebensjahrzehnt des psychisch labilen Autors dar, der in die Fänge der NS-Kulturbürokratie gerät und nach dem Krieg an den Folgen seiner Morphiumsucht starb. Nach langen Rechtsverhandlungen kann das späte DEFA-Drama „Fallada – letztes Kapitel“ (1988) nun wieder öffentlich gezeigt werden.


Über zwei Jahrzehnte lang konnte Roland Gräfs Fallada – letztes Kapitel (1988) kaum mehr gezeigt werden. Grund dafür waren abgelaufene Musikrechte. Jean Sibelius’ „Valse triste“ und Robert Stolz’ melancholisches Liebeslied „Frag nicht, warum ich gehe“, die leitmotivisch in den Film eingefügt sind, hätten eine mittlere fünfstellige Summe gekostet. Weil dieses Geld zunächst nicht zur Verfügung stand, der Regisseur seinen Film aber wieder einem größeren Publikum zugänglich machen wollte, dachte er noch kurz vor seinem Tod im Mai 2017 gemeinsam mit dem Dramaturgen Rudolf Jürschik und dem Komponisten Peter Rabenalt darüber nach, die beiden klassischen Musikstücke durch atmosphärisch ähnliche Neukompositionen auszutauschen. Doch letztlich wurde dieser Gedanke verworfen; eine Auswechslung der Originale hätte keine befriedigende Lösung ergeben. Jetzt gelang es der DEFA-Stiftung, eine für die Musikverlage akzeptable Summe auszuhandeln; damit steht „Fallada – letztes Kapitel“ in digitalisierter und restaurierter Form wieder für Kino, Fernsehen und DVD zur Verfügung.

Hans Fallada (Jörg Gudzuhn) und seine Sekretärin (Corinna Harfouch; DEFA-Stiftung/Wolfgang Ebert)
Hans Fallada (Jörg Gudzuhn) und seine Sekretärin (Corinna Harfouch; © DEFA-Stiftung/Wolfgang Ebert)

Die Arbeit an dem Stoff hatte nahezu ein Jahrzehnt gedauert. Als sich die Autorin Helga Schütz um 1980 mit dem Gedanken befasste, die Biografie des Schriftstellers Hans Fallada (1893-1947) zu einem Film zu verdichten, schwebte ihr zunächst ein cineastischer Kraftakt im Stil von Ariane Mnouchkines Molière vor. Die französische Regisseurin hatte das Leben des Dramatikers und Theaterdirektors in einem vierstündigen rauschhaften Parforceritt, mit 120 Schauspielern an über zweihundert Schauplätzen auf die Leinwand gebracht. Ein ähnlicher Aufwand hätte allerdings alle DEFA-Maße gesprengt. So konzentrierten sich Helga Schütz und Co-Autor Roland Gräf auf die letzten zehn Lebensjahre Falladas, von 1937 bis 1947. Für umfangreiche Recherchen stand das Hans-Fallada-Archiv in Feldberg zur Verfügung; auch Falladas Witwe Anna Ditzen erklärte sich zu ausführlichen und sehr offenen Gesprächen bereit.


Tragische Zerrissenheit

Falladas letzte Jahre lieferten keineswegs Material für eine Heldensaga, eher im Gegenteil. Dieser Mensch war auf tragische Weise zerrissen: manisch schreibwütig, jähzornig bis zum Exzess, von Zweifeln und Dämonen geplagt, nach Liebe suchend und sie immer wieder zerstörend, von seinen Trieben besessen, manchmal hilflos wie ein Kind. Die NS-Kulturbürokratie will ihn vereinnahmen, eine der ersten Szenen des Films spielt im Vorführraum der Filmfirma Tobis, wo man ihm Aufnahmen aus Veit Harlans Der Herrscher (1937) zeigt. Etwas Ähnliches, ganz im Sinne der NS-Propaganda, soll Fallada nun auch verfassen, am liebsten einen dezidiert antisemitischen Film. Das will er aber unter keinen Umständen. Schreibend probiert er sich aus der Falle herauszuwinden, doch: „Das Manuskript ist ein Monstrum. Es stinkt und frisst mich auf.“ Das faschistische Deutschland zu verlassen ist aber auch keine Option: Die Nachrichten von Freunden und Kollegen, die sich draußen, im Exil, vereinsamt das Leben nehmen, bedrücken ihn. Alkohol, Zigaretten, Tabletten verhelfen zu kurzen Fluchten ins Vergessen. Was bleibt, ist Verzweiflung.

Fast am Schluss von „Fallada – letztes Kapitel“ wiederholt sich der äußere Vorgang. Fast beiläufig skizziert der Film, wie Hans Fallada erneut im Chefbüro einer Filmgesellschaft empfangen wird. Diesmal ist es die DEFA, die ihn überzeugen will, einen Stoff über ein älteres, im NS-Reich als Widerständler hingerichtetes Berliner Arbeiterpaar zu Papier zu bringen. Dessen Geschichte zu notieren, ist ihm diesmal ein Herzensbedürfnis´; er schreibt den siebenhundertseitigen Roman in vier Wochen. Doch das Buch, das den Titel „Jeder stirbt für sich allein“ tragen wird, erscheint erst nach Falladas Tod, noch bevor daraus auch ein Drehbuch werden konnte. Der Bogen, den „Fallada – letztes Kapitel“ schlägt, beschreibt den Weg von einer existenzbedrohenden Entfremdung hin zur Möglichkeit, sich zu erneuern und mit der Gesellschaft in Übereinstimmung zu kommen. Der Tod riss Fallada tatsächlich mitten aus dem wiedergewonnenen Leben.


Eine Hauptfigur wider die DEFA-Dramaturgie

Eine solch widersprüchliche, widerspenstige Hauptfigur wie die des Dichters entsprach freilich nicht dem Kanon der DEFA-Dramaturgie. Besonders DEFA-Generaldirektor Hans Dieter Mäde stieß sich an der Darstellung des geistigen Verfalls und der Flucht ins Unpolitische; ein aktiver, zum Widerstand tendierender Held wäre ihm lieber gewesen als ein Mann, der sich sogar dazu gebrauchen ließ, nach Kriegsbeginn in Majorsuniform mit dem Reichsarbeitsdienst durch das besetzte Frankreich zu touren. Auch die Unaufhaltsamkeit und Unerbittlichkeit, mit der Fallada nach und trotz der Befreiung in den Tod taumelt, ungeachtet der Fürsprache der sowjetischen Besatzungsoffiziere, die ihn schützen und hofieren, sprach für Mäde gegen ihn als Helden eines DEFA-Films. Entsprechend groß waren die Hürden, die Roland Gräf nehmen musste, bis es 1986/87 endlich zur Drehfreigabe kam.

Ein unbeschwerter Moment in "Fallada - Letztes Kapitel" (DEFA-Stiftung/Wolfgang Ebert)
Ein unbeschwerter Moment in "Fallada - Letztes Kapitel" (© DEFA-Stiftung/Wolfgang Ebert)

Da hatte der Regisseur längst ein Team gefunden, das für ihn einen grandiosen Schauspielerfilm garantierte: zuallererst Jörg Gudzuhn als Fallada mit einem zerfurchten Gesicht, auf dem sich Himmel und Hölle spiegeln. An seiner Seite porträtiert Jutta Wachowiak die Ehefrau Anna, die Fallada trotz böser Attacken nie ihre Zuneigung und ihre Solidarität verwehrt. UlrikeKrumbiegel ist das Hausmädchen und eine der vielen Geliebten des Schriftstellers: lebensgierig und verschwiegen. Katrin Sass als Falladas letzte Gefährtin Ursula Losch: Morphinistin und lächelnder Todesengel. Und Corinna Harfouch als Bukonje, die zwielichtige Sekretärin, die jeden Schritt Falladas ans Propagandaministerium meldet und sich dennoch schützend vor ihn stellt. Alle Figuren mit unendlich vielen Facetten: schillernd, letztlich unergründlich.


„Er kannte die Menschen. Nur sich selbst kannte er nicht.“

Am Ende stehen zwei Szenen, die Größe und Tragik dieses Schriftstellers bündeln: Die eine spielt im Redaktionsbüro der von der sowjetischen Militäradministration herausgegebenen Tageszeitung „Tägliche Rundschau“. Fallada wird von sowjetischen Redakteuren um Mitarbeit gebeten; man huldigt ihm, dem auch in der Sowjetunion bekannten Autor von „Kleiner Mann, was nun?“, „Wer einmal aus dem Blechnapf frisst“ oder „Wolf unter Wölfen“. Doch ein anderer, ein deutscher Redakteur, schaut dem Geschehen nur schweigend zu und verlässt dann wortlos den Raum: Es ist Karl Grünberg, Kommunist, Illegaler, der in Fallada nur den Opportunisten sieht und mit ihm nichts zu tun haben will. Eine authentische Figur. Eine andere Szene spielt 1947 in der Charité. Hans Fallada liegt auf der Bahre, nahezu leblos, jenseits von Gut und Böse; ein Professor präsentiert ihn den Studenten als abschreckendes Beispiel für den Konsum von Morphium: „Er kannte die Menschen. Nur sich selbst kannte er nicht.“ Zwei Sätze, die zum berührenden Resümee eines zeitlos großen Films werden.

Der Schriftsteller und seine Frau (Jutta Wachowiak; DEFA-Stiftung/Wolfgang Ebert)
Der Schriftsteller und seine Frau Anna (Jutta Wachowiak; © DEFA-Stiftung/Wolfgang Ebert)


Hinweis

Fallada – letztes Kapitel DDR 1988. R: Roland Gräf, Mit Jörg Gudzuhn, Jutta Wachowiak, Katrin Sass, Corinna Harfouch, Ulrike Krumbiegel. 100 Min. DVD. Extras: Interviews mit Roland Gräf, Jörg Gudzuhn, Jutta Wachowiak, Helga Schütz. Anbieter: Icestorm. Erhältlich in jeder Buchhandlung oder hier.

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