© DIAF/Steffen Füssel

Nachruf auf den Trickfilmer Lutz Stützner

Donnerstag, 09.09.2021

Der Dresdner Trickfilmer und Cartoonist Lutz Stützner (14.4.1957-6.9.2021) ist im Alter von 64 Jahren überraschend verstorben

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Der Dresdner Trickfilmer und Cartoonist Lutz Stützner gehörte zur letzten Regie-Generation des DEFA-Studios für Trickfilme in Dresden. Mit einigen seiner um 1989/90 entstandenen satirischen Animationsfilme schaffte er es sogar ins New Yorker Museum of Modern Art. Nach der Abwicklung des Studios arbeitete er an Filmprojekten verschiedener Auftraggeber, war Mitbegründer und Wegbegleiter des Deutschen Instituts für Animationsfilm Dresden (DIAF) und kümmerte sich intensiv um junge Kreative. Am 6. September 2021 ist er unerwartet verstorben.



Auf der Autobahn steht ein verzweifelter Mann; er hält ein Abschleppseil in der Hand. Ungerührt rauscht der Verkehr an ihm vorbei, niemand stoppt, um zu helfen. Schließlich bremst ein klappriges Gefährt, das leicht als „Trabi“ zu erkennen ist, jenes heiß begehrte DDR-Auto, auf das die Kaufwilligen mindestens ein Jahrzehnt warten mussten. Das Seil wird angeknotet, es spannt sich, und dann zieht der kleine Trabi einen ganzen Staatskordon aus dem Straßenloch: schwarze Limousinen, Begleitfahrzeuge, sogar eine Blaskapelle auf Rädern. Erzählt wird das in einer rund vierminütigen Zeichentrick-Parabel, die „Die Panne“ heißt und im Mai 1990 Kinopremiere feierte. Da war das Land, auf das sie sich bezog, schon fast Vergangenheit.

"Die Panne" (DEFA-Stiftung/Brigitte Schönberner)
"Die Panne" (© DEFA-Stiftung/Brigitte Schönberner)

Gezeichnet und animiert wurde „Die Panne“ von Klaus Georgi, einem Altmeister des Dresdner DEFA-Studios für Trickfilme, und seinem Schüler Lutz Stützner. Es war nicht ihre erste gemeinsame Arbeit; kurz zuvor hatten sie „Das Monument“ produziert, einen gleichnishaften Zeichentrickfilm über ein riesiges steinernes Denkmal, dessen ausgestreckter Arm erst in die eine, dann in die andere Richtung weist und jedes Mal von den am Sockel versammelten Massen bejubelt wird. Etwa zur selben Zeit war ihr Film „Sonntag“ abgedreht worden, der dann keinen Kinostart mehr erlebte. Darin ist eine Menschenschlange zu sehen, die sich langsam vorwärtsschiebt, bis sie zu einem Museum gelangt, in dem der letzte noch übrig gebliebene Baum zu besichtigen ist. Als vierten Film legte Stützner im gleichen Jahr „Inselwitz“ vor. Der handelt von Schiffbrüchigen, die nackt und frierend auf einer Insel leben. Als ihnen eine Nixe Stoff gibt, wissen sie damit nichts Besseres anzufangen, als ihn zur Flagge zu verarbeiten. Unter der stehen sie dann – noch immer nackt und frierend – stramm.


Bis ins MoMA nach New York

Alle vier Filme kommen ohne Dialog aus; das prädestinierte sie für ein internationales Publikum. Und in der Tat touren „Die Panne“, „Das Monument“, „Sonntag“ und „Inselwitz“ um die Welt, in Programmen des Goethe-Instituts und später der DEFA-Stiftung; auch die DEFA-Retrospektive im Museum of Modern Art in New York, „Rebels with a Cause: The Cinema of East Germany“ (2005), mochte nicht darauf verzichten.

Für den 33-jährigen Lutz Stützner bedeutete das Jahr 1990 den künstlerischen Durchbruch. So hätte es weitergehen können. Stützner, im April 1957 im sächsischen Königsbrück geboren, hatte nach seinem Schulbesuch in Dresden zunächst eine Lehre als Dekorateur und Gebrauchswerber mit der Spezialisierung Plakatmalerei absolviert. Der damalige künstlerische Leiter des DEFA-Studios für Trickfilme, Otto Gerd Müller, ermunterte ihn zu einer Bewerbung beim Film, die 1976 auch angenommen wurde. Stützner lernte das Metier von der Pike auf kennen: als Volontär, Zwischenphasenzeichner und schließlich Animator. Als Initialzündung für seine Arbeit bezeichnete er die sowjetischen Trickfilme der 1950er- und 1960er-Jahre, unter anderem von Leonid Amalrik („Die drei Holzfäller“) oder Iwan Iwanow-Wano („Die zwölf Monate“), deren Poesie und Ironie ihn begeisterten.

"Monument" (DEFA-Stiftung/Helmut Krahnert)
"Das Monument" (© DEFA-Stiftung/Helmut Krahnert)

1987 realisierte Stützner seinen ersten eigenen Film „Herzdame“, ein sarkastisch-erotisches Tiermärchen um zwei Hähne, die sich wegen eines Huhns in die Federn geraten und schließlich beide einem Geier zum Opfer fallen. Ein Jahr später folgte der erste von mehreren Teilen der Serie „Mausi und Kilo“ über eine Katze und einen Hund, die in beständiger Freund-Feindschaft leben. Als das DEFA-Studio für Trickfilme 1990/91 abgewickelt wurde, verließ Stützner als letzter Animator seine künstlerische Heimat. Er drehte Werbespots und ein „Weihnachtsmärchen“ (1994) für die Drefa, und er arbeitete in der Dresdner Filiale der Baden-Badener Studio 88 GmbH, ab 1994 als Chefanimator.


Wachen ohne Waffen

Hier war er fast ein Jahrzehnt mit der Serie und dem anschließenden abendfüllenden Animationsfilm „Der kleine König Macius“ (1998-2007) nach dem gleichnamigen Kinderbuch von Janusz Korczak befasst. Stützner führte zusammen mit Sandor Jesse Regie; zudem entwarf er die Hauptfiguren Macius, General, Felix, Streuner und wie sie alle hießen. Dabei gab es im Vorfeld durchaus Auseinandersetzungen; so wollte einer der Auftraggeber das ursprüngliche Antikriegsbuch unbedingt entschärft haben. Stützner: „Es sollten keine Szenen gezeigt werden, in denen Gewalt oder halsbrecherische Aktionen auftauchen, die Kinder eventuell nachmachen könnten. Die Figur des Industriellen Herr Brühl durfte seine Zigarre nicht behalten, und Waffen sollten auch nicht auftauchen. So etwas geht natürlich schlecht, wenn man eine kleine Armee und die Schlosswachen darstellen soll. Alles musste irgendwie gut ausgehen für den kleinen König. Wir haben uns über das eine oder andere hinweggesetzt.“ Der Erfolg – allein im Kinderkanal beliefen sich die Einschaltquoten auf rund 600.000 Zuschauer pro Folge – bestätigte die Macher in ihren Intentionen.

"Der kleine König Macius" (Senator)
"Der kleine König Macius" (© Senator)

Stützner arbeitete an „Der kleine Eisbär“ (2001) und „Die Abenteuer des Marco Polo“ (2013-2018), zeichnete Comics, entwarf Werbefiguren, regte die Fantasie seiner jungen Zuschauer mit charmanten Einfällen an. Es bereitete ihm Spaß, einen Bio-Wetter-Wuschel für den MDR und eine Affenbande für die Porzellanmanufaktur Meißen zu entwerfen. Daneben gehörte er dem Vorstand des Dresdner Instituts für Animationsfilm (DIAF) an, das seit 1992 den künstlerischen Nachlass des DEFA-Trickfilmstudios sammelt, archiviert, in Ausstellungen präsentiert und sich überhaupt um Geschichte und Gegenwart der Animationsfilmkunst in Deutschland kümmert. Nicht zuletzt unterrichtete er in der seit 1982 bestehenden Trickfilmschule Fantasia e.V. junge Kreative und half ihnen, etwa in der jährlich stattfindenden internationalen Trickfilmwerkstatt Anima, eigene Animationsfilme herzustellen.

Noch am Morgen des 6. September besprach Lutz Stützner mit Freunden aktuelle Aufgaben. Sein Tod am selben Nachmittag kam für alle überraschend.

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