© DEFA-Stiftung/Dieter Jaeger

„Wir bleiben treu“: Späte Premiere einer DEFA-Co-Produktion

Mittwoch, 03.11.2021

Die in Deutschland noch nie gezeigte DEFA-Co-Produktion „Wir bleiben treu“ feiert beim Filmfestival Cottbus Premiere

Diskussion

Der 1986 in Angriff genommene Film „Wir bleiben treu“ sollte als Co-Produktion von sechs Staaten des Warschauer Pakts ein episches Panorama der Entwicklungen in den Ostblock-Staaten von der Zeit des antifaschistischen Widerstands bis in die jüngere Geschichte aufspannen; im Zuge der Wende kam das Mammutwerk aber nicht mehr in die DDR-Kinos. Jetzt feiert es am 4. November seine späte Premiere beim Filmfestival Cottbus. Über die konfliktreiche Entstehung eines Films zwischen Stalinismus und Perestroika.


Als letzte große internationale Co-Produktion, an der die Babelsberger DEFA beteiligt war, entstand in den späten 1980er-Jahren der Spielfilm „Wir bleiben treu“. Der sowjetische Regisseur Andrej Maljukow drehte ihn mithilfe von fünf weiteren Staaten des Warschauer Pakts. Der Film, der zwischen althergebrachter, der Breschnew-Ära verpflichteter Geschichtsinterpretation und Glasnost à la Gorbatschow mäanderte, kam in der DDR nicht mehr in die Kinos. Das Filmfestival Cottbus (2.-6.11.2021) zeigt ihn nun als deutsche Erstaufführung.

Im Sommer 1986 meldete sich das sowjetische Außenhandelsunternehmen Sovinfilm bei der DEFA mit der Bitte um eine Co-Produktion. Der Film sollte den beschwörenden Titel „Wir bleiben treu“ tragen. Zum ersten Mal in der Geschichte war ein Gemeinschaftswerk von sechs Staaten des Warschauer Pakts geplant: der UdSSR, der DDR, Polens, Ungarns, der Tschechoslowakei und Bulgariens.

Entsprechend war die Fabel gebaut: Sechs Hauptfiguren, aus jedem Land eine, lernen sich im Kampf gegen die Faschisten während des Spanienkriegs kennen. Als mutige Kämpfer der Internationalen Brigaden treten sie an, um dem Putschisten Franco und seinen Helfershelfern Paroli zu bieten. Doch die Niederlage ist nicht abzuwenden; danach trennen sich die Wege. Der Film verfolgt die Schicksale der Figuren über die nächsten zwanzig Jahre bis zum ungarischen Aufstand 1956, wo sich die Beteiligten am Grab ihres ermordeten kommunistischen Freunds wiedertreffen.


Ein Filmprojekt wird Staatsauftrag

Die DEFA-Direktion war von dem Drehbuch des zweiteiligen Mammutwerks alles andere als angetan. Ähnliche staatsoffizielle Co-Produktionen wie zuletzt „Der Sieg“ (1984, Regie: Jewgeni Matwejew), ein Loblied auf die sowjetische Friedenspolitik zwischen Potsdamer Konferenz 1945 und Helsinki-Konferenz 1975, hatten noch nie jemanden begeistert. Allerdings wussten die Chefs der DEFA nur zu genau, dass sie sich dem Ansinnen aus Moskau nicht verweigern konnten. So signalisierte das Babelsberger Studio dem sowjetischen Partner, an „Wir bleiben treu“ teilhaben zu wollen, aber nicht als zahlender Co-Produzent, sondern als Dienstleister, der für die in Deutschland spielenden Szenen mit Valuta entschädigt wird. Dieser Trick funktionierte allerdings nicht: Der Druck von oben war zu groß; der Fall wurde politisch entschieden, das Ganze galt nun als Staatsauftrag. Ende Januar 1987 war der Vertrag einer Co-Produktion unter Dach und Fach.

Szenenbild aus "Wir bleiben treu" (DEFA-Stiftung/Dieter Jaeger)
Szenenbild aus "Wir bleiben treu" (© DEFA-Stiftung/Dieter Jaeger)

Die künstlerische Leitung lag nahezu komplett in russischer Hand. Autoren, Regisseur und Kameramänner kamen von Mosfilm und brachten einschlägige Erfahrungen mit: der 1948 geborene Regisseur Andrej Maljukow etwa in Form von Stoffen aus dem Militärmilieu wie „Absprung in der Todeszone“ (1977) oder spektakulären Actionfilmen wie „Schnellzug Nr. 34“ (1981). Der DEFA blieb nur, für die in Deutschland spielenden Motive einen Szenenbildner, einen Regieassistenten und einen Co-Autor zu stellen, der die gröbsten inhaltlichen Fehler ausbügeln sollte. Schon zuvor war DEFA-Chefdramaturg Rudi Jürschik nach Moskau entsandt worden, um dort einige Korrekturen am Drehbuch zu beraten. Allerdings kehrte er unverrichteter Dinge zurück. In seinen Erinnerungen schreibt er, es sei „überhaupt nicht mehr darüber diskutiert worden, die Themen nochmals zu erörtern, wegen denen ich auftragsgemäß in Moskau gewesen bin. Ich bin ja nicht mit Forderungen gefahren. Diese Anweisung: ,Ihr macht mit und bezahlt mit‘ war nicht zu kippen. Natürlich war es der ,große und mächtige Bruder‘ – fair fand ich das nicht.“

Die deutschen Szenen wurden im Juni 1987 in Potsdam, Caputh und Umgebung gedreht, elf, zwölf Tage lang. Für die Massenszenen stellte die DEFA 653 Kleindarsteller; dazu kamen vierhundert sowjetische Soldaten zum Einsatz. Das Ganze kostete die DEFA knapp 1,2 Millionen Mark – eine Summe, für die sie auch einen im eigenen Haus entwickelten Film hätte drehen können, der nun in der innerbetrieblichen Bilanz – rund dreißig festangestellte Regisseure mussten beschäftigt werden – fehlte.


Antifaschisten vs. „Legion Condor“

In der deutschen Episode von „Wir bleiben treu“ geht es um zwei Brüder. Einer, Martin Schneider (Peter Zimmermann), kämpft als Antifaschist in den Internationalen Brigaden, der andere, Kurt (Erwin Berner), in der zu Francos Unterstützung entsandten deutschen Legion Condor. Im Zweiten Weltkrieg und auch danach treffen sich die Brüder immer mal wieder, jeweils auf verschiedenen Seiten der Barrikaden. Als Überraschung sieht das Drehbuch vor, dass der „böse“ Bruder am Ende gar nicht so böse ist, sondern längst „dazugelernt“ hat und als Geheimagent der DDR, als sogenannter „Kundschafter“, in den Westen geschleust wurde. Als weitere deutsche Darsteller waren unter anderem Ingrid Rentsch, Rudolf Ulrich und der spätere Kabarettist Uwe Steimle engagiert worden.

Nach dem Ende der Schnittarbeiten stellte sich heraus, dass der Film viel zu lang war, fast vier Stunden. Das lag an seinem Charakter als politische Stopfgans: Immerhin mussten der Kampf polnischer Kommunisten nach dem Zweiten Weltkrieg gegen die bürgerlich-nationalistische Armija Krajowa, die Vereinigung von KPD und SPD zur SED 1946 in Berlin, diverse Ereignisse in der Tschechoslowakei und der Ungarnaufstand untergebracht werden. Dazu wurden die Schwierigkeiten sowjetischer Heimkehrer aus dem Spanienkrieg mit dem stalinistischen System thematisiert. Und schließlich gab es eine unvollendete Liebesgeschichte.

Regisseur Andrej Maljukow hatte sich während der Dreharbeiten entschlossen, weitere Szenen über das Drehbuch hinaus zu erfinden. Denn zwischen Drehbeginn und -abschluss waren Glasnost und Perestroika, also die Umgestaltung der sowjetischen Gesellschaft und der kritische Blick auf die eigene Geschichte, mehr und mehr in Gang gekommen; das sollte sich in dem Film, der noch weitgehend den Geist der Breschnew-Zeit atmete, doch irgendwie widerspiegeln, etwa durch Szenen im Gefängnis und in einem sibirischen Straflager, die es im Drehbuch nicht gab.

"Wir sind treu" (DEFA-Stiftung/Dieter Jaeger)
"Wir bleiben treu" (© DEFA-Stiftung/Dieter Jaeger)

Am 10. Juni 1988 wurde „Wir bleiben treu“ in Moskau abgenommen, nunmehr gekürzt auf etwas mehr als drei Stunden. Die DEFA-Leitung war nicht glücklich darüber, dass am Ende der deutschen Episode die Verwandlung des negativen Bruders in einen „Kundschafter des Friedens“ einfach wegfiel; der Regisseur hatte das nicht mehr für glaubwürdig gehalten. Aber sie musste in den sauren Apfel beißen und war aufgefordert, „Wir bleiben treu“ nun für teures Geld auch synchronisieren zu lassen und in die DDR-Kinos zu bringen.


Wie sich die Spur des Films verlor

In dieser Situation entstand die Idee, keine Vollsynchronisation wie sonst üblich zu beauftragen, sondern die Dialoge durch Sprecher einlesen zu lassen. Im November 1988 wurden fünf Schauspieler ins DEFA-Synchronstudio Johannisthal geholt, die Sprachbänder anschließend nach Moskau geschickt, um sie ans Negativ anzulegen und Kopien für die DDR zu fertigen. Im Februar 1989 wurde die Bestellung von ursprünglich sieben auf zwei Kopien verringert, wohl aufgrund von Einwänden des Progress-Filmverleihs. „Wir bleiben treu“, so äußerten dessen Vertreter, liefere, so wie die nunmehr in der DDR verbotene sowjetische Zeitschrift Sputnik, eine „verzerrte Darstellung der Geschichte aus subjektiver Sicht der Macher“ und könne „zu Problemen bei jungen Zuschauern führen“. Gemeint waren wohl vor allem die Gefängnis- und Lagerszenen – also jene Momente des Films, die der Gorbatschow’schen Glasnost-Politik entsprachen.

Danach verloren sich die Spuren des Films. Während in der Sowjetunion und auch in Polen und der Tschechoslowakei noch Premieren stattfanden – übrigens in partiell unterschiedlichen Fassungen –, kamen die in Moskau bestellten Kopien mit den deutschen Synchronstimmen in der DDR nie an. Nach den Herbst-Ereignissen 1989 fragte in Ost-Berlin dann sowieso niemand mehr nach der ausbleibenden Co-Produktion.

„Wir bleiben treu“ wurde zum letzten nicht aufgeführten DEFA-Film der Geschichte. Die DEFA-Stiftung ließ nun eine untertitelte Fassung herstellen und ermöglicht dem Cottbuser Filmfestival eine durchaus spannende Premiere: eine Zeitreise in die Übergangsphase zwischen Stalinismus und Perestroika.

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