© privat (Tamara Trampe)

Nachruf auf Tamara Trampe

Montag, 08.11.2021

Eine Würdigung der Dramaturgin und Dokumentaristin Tamara Trampe (4.12.1942 – 4.11.2021)

Diskussion

Ohne die Dramaturgin und Regisseurin Tamara Trampe wäre der deutsche Dokumentarfilm der letzten Jahrzehnte nicht möglich gewesen. Als viel gefragte und hoch geschätzte Beraterin stand sie vor allem jungen Dokumentarfilmschaffenden zur Seite. Zugleich drehte sie filmische Essays, die stets aus persönlicher Betroffenheit und Anteilnahme resultierten. 2018 erhielt sie den Preis der DEFA-Stiftung für herausragende Leistungen im deutschen Film und im September 2021 wurde sie mit dem Ehrenpreis des Verbandes der deutschen Filmkritik ausgezeichnet. Jetzt ist sie nach langer schwerer Krankheit verstorben.


Die erste Einstellung: ein langer Schwenk über fest verschlossene Tore, ein gespenstisches Universum, abweisend, undurchdringbar. Dann, nach einem Schnitt, fährt die Kamera an endlosen Regalen entlang, auf denen sich Papierberge häufen. Akten der Staatssicherheit, Spitzelberichte, Verhörprotokolle, Zeugnisse eines zur Bedrohungsmaschinerie gewordenen, staatlich sanktionierten Verfolgungswahns.

So beginnt „Der schwarze Kasten“, ein Dokumentarfilm, mit dem sich Tamara Trampe 1992 in die nunmehr wieder vereinte deutsche Filmgeschichte einschrieb. Gemeinsam mit ihrem Lebenspartner, dem Kameramann und Co-Regisseur Johann Feindt, hatte sie sich vorgenommen, einen der „Schreibtischtäter“ des Ministeriums für Staatssicherheit, einen Psychologiedozenten, der für die Ausbildung junger „Kader“ zuständig war, zu den Motiven seiner Arbeit zu befragen. Und so saßen sie sich gegenüber: Tamara, die kleine, rothaarige und sommersprossige, emotional engagierte Frau, und der glatte, kalt wirkende Mann, der sich in Selbstmitleid rettet und nicht begreifen will, welche Schuld er auf sich geladen hat.

Aussöhnung nicht möglich: "Der schwarze Kasten" (DOKLeipzig)
Aussöhnung nicht möglich: "Der schwarze Kasten" (© DOKLeipzig)

Der Film endet in einem langen gemeinsamen Schweigen: eine Aussöhnung ist nicht möglich. „Der schwarze Kasten“ war Ausdruck eines gnadenlosen Zorns, der zu Tamara Trampe ebenso gehörte wie im umgekehrten Falle die unbedingte Bereitschaft zu lieben und zu verzeihen.


Voller Leidenschaft und Energie

Als „Der schwarze Kasten“ entstand, hatte Tamara Trampe schon mehr als zwanzig Jahre im Filmgeschäft hinter sich. Nach ihrem Studium der Germanistik, Slawistik und Kunstgeschichte an der Universität Rostock war sie zunächst in der Redaktion der Ostberliner Studentenzeitschrift „Forum“ angestellt. Doch als sie 1968 Flugblätter gegen den Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen in die Tschechoslowakei verteilte, war sie ihren Job los. Sie kellnerte in einem Gartenlokal und lernte zwei Regisseure kennen, die sie ans Arbeitertheater in Eisenhüttenstadt vermittelten. Dann holte sie ein Dramaturg des DEFA-Studios für Spielfilme nach Babelsberg. Gemeinsam mit dem Kameramann Hans-Eberhard Leupold, einem der „Väter“ der Filmreihe www.goog

über die „Kinder von Golzow“, entstanden ihre ersten beiden Dokumentarfilme, „Ich komme aus dem Tal – Begegnungen mit einem georgischen Jungen“ und „Kaukasische Pastorale“ (beide 1973), zärtliche Annäherungen an eine faszinierende Kultur und Landschaft.

Aus ihrer Zeit als Dramaturgin im DEFA-Spielfilmstudio erinnerte sie später vor allem jene Filme, die darüber reflektierten, welche Rolle die offiziell viel beschworene Emanzipation der Frau in der Alltagsrealität der DDR tatsächlich spielte: „Alle meine Mädchen“ (1979) von Iris Gusner über eine Frauenbrigade im Berliner Glühlampenwerk oder „Bürgschaft für ein Jahr“ (1981) von Herrmann Zschoche, der von einer alleinerziehenden Mutter handelt, die von der staatlichen Fürsorge betreut werden musste.

Tamara Trampe in "Wiegenlieder" (Ventura)
Tamara Trampe in "Wiegenlieder" (© Ventura)

Manche dieser Projekte wurden gegen erhebliche Widerstände durchgeboxt; Tamara Trampe stritt gern und leidenschaftlich für Stoffe, die sie für den gesellschaftlichen Diskurs als dringend notwendig erachtete. Dazu gehören auch Werke für ein junges Publikum, etwa „Max und siebeneinhalb Jungen“ (1980) von Egon Schlegel, der Erziehungsrituale kritisch befragte und dafür plädierte, neue, unkonventionelle Wege zur Vermittlung antifaschistischer Werte zu suchen.


Freischaffend nach der Wende

Zu ihrem Œuvre gehören nicht zuletzt auch filmische Experimente wie „Junge Leute in der Stadt“ (1985) von Karlheinz Lotz, Der Strass“ (1990) von Andreas Höntsch oder die Endzeitparabel „Miraculi“ (1992) von Ulrich Weiß. Trampe wirkte auch an „Der Übergang“ (1978) mit, einer Arbeit des chilenischen Emigranten Orlando Lübbert. Andere Projekte, an denen ihr Herz hing, blieben auf der Strecke, so ein großer, für die DEFA viel zu teurer Strindberg-Film von Ulrich Weiß oder die Literaturadaption „Die Judenbuche“ von Egon Schlegel. Zwischen all den Spielfilm-Projekten drehte sie einmal auch einen kurzen Dokumentarfilm, „Ich war einmal ein Kind“ (1986), Alltagsbeobachtungen in einem Kindergarten.

Wie die meisten der künstlerischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wurde auch Tamara Trampe 1991/92 aus der DEFA entlassen. Als nunmehr freischaffende Dramaturgin lernte sie neue Arbeitspartner kennen, Helga Reidemeister zum Beispiel oder Didi Danquart. Mit „Der schwarze Kasten“ begann gleichsam eine Art zweites Leben – für den und mit dem Dokumentarfilm. Oft wieder als dramaturgische Beraterin, bei Hannes Schönemann, Eduard Schreiber, Lars Barthel, Elwira Niewiera und Piotr Rosolowski und vielen anderen.

Ihre sehr persönlichen eigene Filme gerieten dann zu assoziativen, philosophischen Essays, komplex montiert jenseits konventioneller Erzählstrukturen, „mit Rückbezügen, Verweisen und Variationen des Grundthemas“ (Cornelia Klauß): „Weiße Raben – Alptraum Tschetschenien“ (2005) über junge russische Soldaten, die physisch und psychisch tief verletzt aus dem ersten Tschetschenienkrieg heimkehrten, oder „Wiegenlieder“ (2009) über Kindheitserinnerungen von sehr unterschiedlichen Menschen ihrer Berliner Nachbarschaft. In „Meine Mutter, ein Krieg und ich“ (2013) erzählte sie schließlich die Geschichte ihrer eigenen Kindheit: „eine Versöhnung mit meiner Mutter und mit mir“.


„Außer dir selbst kann dir keiner helfen“

Geboren wurde Tamara Trampe 1942 in Russland, bei Woronesh. Ihre Mutter war mit Beginn des Krieges als Krankenschwester an die Front gegangen, die Tochter kam „bei 16 Grad Minus auf einem Schneefeld“ zur Welt. Bis zur Befreiung der Ostukraine blieb Tamara teils bei der Mutter im Lazarett, teils bei den Ammen. Mit elf Monaten wurde sie von ihrer Großmutter aufgenommen, einer gütigen alten Frau, „die wichtigste Person in meinem Leben“. Als Tamara sieben Jahre war, zog die Familie aus der Sowjetunion nach Ostberlin. Manchmal fabulierte die Mutter von ihrer Geburt: „Hast überlebt, stell dir mal vor! Das ist das Wunder deines Lebens. Das hab’ ich behalten. Ich weiß ganz genau: strampeln, strampeln, strampeln! Außer dir selbst kann dir keiner helfen.“

Tamara Trampe (l.) und ihre Mutter in "Meine Mutter, ein Krieg und ich" (ZDF/arte)
Tamara Trampe (l.) und ihre Mutter in "Meine Mutter, ein Krieg und ich" (© ZDF/arte)

Am 4. November ist Tamara Trampe nach langer, schwerer Krankheit in Berlin gestorben.

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