© Chicken & Egg Pictures (Plakatausschnitt: "The Pain of Others")

Aus der ersten Person #20: „The Pain of Others“ (2018) von Penny Lane

Mittwoch, 24.11.2021

Die US-Experimentalfilmerin Penny Lane eruiert mit Fond-Footage-Material eine mysteriöse Krankheit namens "Morgellons"

Diskussion

Durch die gegenwärtige Pandemie erfuhr die mysteröse "Morgellons"-Krankheit ein kleines Comeback. Die US-Experimentalfilmerin Penny Lane rückte dem Phänomen schon 2018 mit "The Pain of Others" auf den Leib beziehungsweise die Haut. Esther Buss spürt der Mischung aus Video-Diary und Body Horror in ihrem Kracauer-Blog nach.


Es muss schon spät in der Nacht sein, das Zimmer ist stockdunkel, im Hintergrund flackert der Fernseher und Marcia ist in einem seltsamen Zustand zwischen aufgekratzt und schläfrig. Während sie direkt vor der Kamera ihres hell erleuchteten Computerbildschirms mit den Fingern an einem haardünnen Fädchen zieht, betet sie mantra-artig immer wieder die gleichen Sätze herunter: „Fibers ... coming from my fingers. But doctors can’t see that ... they can’t see these imaginary fibers, I don’t know why they don’t have the ability to see these imaginary fibers when I can see them, and touch them, and break them apart. There’s another one I can see that they can’t see ... Thank you for watching my imaginary fibers“.

Dieses Mal wolle sie nicht über Parasiten sprechen, versichert Tasha mit tränennaher Stimme. Stattdessen solle es darum gehen, was es bedeute, an einer Krankheit zu leiden, die Ärzte für eine Wahnstörung hielten: „It makes me feel crazy and it makes me feel stupid, but it’s real!“ Carrie, eine magere, sichtbar beschädigte Frau, appelliert an andere Betroffene, ihre Geschichte zu teilen: „There are a lot of us ... Youtube is a sweet sweet family guys.“


Eine Krankheit namens „Morgellons“

Tasha, Carrie und Marcia leiden. In verstörenden Youtube-Videos, die die experimentelle Dokumentarfilmerin Penny Lane zu einer unkommentierten Found-Footage-Film-Montage verarbeitet hat, berichten sie von Hautjucken, schnurartigen Fasern, die aus ihrer Haut wachsen und vom Gefühl krabbelnder, beißender und stechender Bewegungen unter der Hautoberfläche. Vor ihren Bildschirmen strecken sie ihre geröteten oder schuppigen Gesichter in die Kamera, berichten über die neuesten Veränderungen ihres Körpers und versuchen sich an visuellen Beweisführungen.

Szene aus "The Pain of Others" (Chicken & Egg Pictures)
Szene aus "The Pain of Others" (© Chicken & Egg Pictures)

Morgellons“ heißt die geheimnisvolle selbst diagnostizierte Krankheit, die um das Jahr 2002 auftauchte und sich über das Internet mehrheitlich unter Frauen verbreitete. In der medizinischen Wissenschaft gilt sie weniger als ein Hautleiden denn als eine Erkrankung der Psyche in Gestalt des Dermatozoenwahns. Nachdem Morgellons in den letzten Jahren fast verschwunden war, erlebte das Phänomen durch die Pandemie ein kleines Comeback. Im Netz kursieren Amateurvideos, die beweisen wollen, dass sich Parasiten auf FFP2-Masken und Coronateststäbchen befinden.


Protokolle des Leidens

In „The Pain of Others“ (2018) kommt das Video-Diary mit dem Body Horror zusammen. Dabei gibt Lane ihrem Film keinen Rahmen, der eine Distanz zu den Protagonistinnen erlauben würde. Sie kommen einem viel zu nahe mit ihrer Psyche und ihren Theorien, ihren Tränen und ihrer Haut. Zumal der Film ihre Berichte in keinen gesellschaftlichen Kontext setzt. Das gelegentlich dazwischenmontierte Nachrichtenmaterial arbeitet in beide Richtungen, entkräftet ihre Theorien ebenso wie sie bestätigt werden.

Die Video-Diaries von Tasha, Carrie und Marcia sind Leidensprotokolle, Dokumente der Einsamkeit wie des wachsenden Gemeinschaftsgefühls. Die Frauen machen Angst, sprechen Hoffnung und Trost aus. Sie zeigen irgendwelche schwarzen Partikel unter extra herangeschafften Mikroskopen und finden ihren Verdacht in abstrakten Bildern bewiesen. Die Gefühle beim Zuschauen sind so unbehaglich wie widersprüchlich, sie wechseln zwischen Mitgefühl und Abstoßung, Glaubenwollen, tiefem Misstrauen und totaler Ablehnung. „The Pain of Others“ ist vor allem eine Probe für die eigene Empathiefähigkeit.

"The Pain of Others" (Chicken & Egg Pictures)
"The Pain of Others" (© Chicken & Egg Pictures)

Im Laufe des Films wird die Stimmung immer klaustrophobischer, die Berichte der Frauen kippen zunehmend ins Verrückte. Tasha, die ihren fortschreitenden Haarausfall auf eine Infizierung auf der Kopfhaut zurückführt, rasiert sich vor der Kamera eine Glatze – ein Akt der Selbstbestimmung gegenüber den übermächtigen Parasiten: „I beat you Morgellons!“ Carrie preist ihre Eigenurintherapie an und freut sich über ihre 10 000 Follower. Marsha, die gerne mit der rationalen Attitüde einer Wissenschaftlerin (oder auch Whistleblowerin) auftritt, untersucht, ob die "Morgellons"-Partikel auf bestimmte Buchstaben des Alphabets reagieren - "Y! - Why are you moving to the letter ,Y'"?


Im Kontext der Pandemie

Als ich „The Pain of Others“ vor vier Jahren sah, wirkte der Film viel schwerer zu greifen – so etwas wie „Safe“ (1995) von Todd Haynes in Reality-Format. Es mag schwierig sein, bei dieser schmerzhaften Form des Bekenntnisses von einer Ästhetik des Horrors zu sprechen, aber die Bilder leben genau davon: von den extremen Vergrößerungen irgendwelcher zuckender Fädchen, von den vom Licht des Monitors beleuchteten Gesichter, den Nahaufnahmen der Haut, der Kraft der eigenen Überzeugung. Damals erschien mir das Leiden der Frauen mysteriös und unheimlich. Das Paralleluniversum der Verschwörungstheorien war noch weit weg und berührte sich nicht mit der eigenen Lebenswirklichkeit. Die Pandemie hat den Videos von Tasha, Carrie und Marcia einen Kontext gegeben – und damit genau das, was Penny Lane ganz ausdrücklich nicht wollte. Das stellt auch etwas an mit dem eigenen Mitgefühl.

Filmplakat zu "The Pain of Others" (Chicken & Egg Pictures)
Filmplakat zu "The Pain of Others" (© Chicken & Egg Pictures)

Hinweis

Alle bisherigen Kracauer-Blogs „Aus der ersten Person“ von Esther Buss und viele andere Texte, die im Rahmen des Siegfried-Kracauer-Stipendiums in früheren Jahren entstanden sind, gibt es hier.

Kommentar verfassen

Kommentieren