© DEFA-Stiftung/Herbert Krois (aus: "Orpheus in der Unterwelt")

Nachruf auf Otto Hanisch

Donnerstag, 30.12.2021

Der Kameramann Otto Hanisch (11.1.1927-13.12.2021) war ein Meister des DEFA-Genrefilms und fotografierte vierzig Jahre lang Komödien, Western und historisch-biografische Filme

Diskussion

Der Kameramann Otto Hanisch war ein Meister des DEFA-Genrefilms. Fast vierzig Jahre lang fotografierte er Komödien, Western und historisch-biografische Filme. Als besondere Herausforderung empfand er die Arbeit mit der 70mm-Kamera. Mit „Signale – ein Weltraumabenteuer“ und „Orpheus in der Unterwelt“ drehte er zwei herausragende 70mm-Filme in der DDR. Nach dem Ende der DEFA zog er sich in die Malerei zurück.



Im Frühjahr 1973 entstand im Babelsberger DEFA-Studio für Spielfilme die Kinooperette „Orpheus in der Unterwelt“. Sie sollte ein Fest der Sinne werden, in der Musik, Tanz und Gesang zur farbenprächtigen Show verschmolzen. Und noch dazu im 70mm-Format, das bei der DEFA seit Ende der 1960er-Jahre für große Unterhaltungsfilme eingesetzt wurde. An der Kamera stand Otto Hanisch, der sich vor eine Reihe komplizierter Entscheidungen gestellt sah. Besonders in den Tanzszenen durfte der Eindruck von Schwerfälligkeit und Unbeweglichkeit, der mit den großen Aufnahmegeräten verbunden war, gar nicht erst aufkommen. So wurden die wichtigsten Außenaufnahmen von „Orpheus in der Unterwelt“ zwar mit der voluminösen DEFA-70-Reflex gedreht, viele Szenen im Atelier aber mit einer sowjetischen 70mm-Handkamera.

Höchst aufwändige Dreharbeiten: "Orpheus in der Unterwelt" (DEFA-Stiftung/Herbert Kroiß)
Höchst aufwändige Dreharbeiten: "Orpheus in der Unterwelt" (DEFA-Stiftung/Herbert Kroiß)

Um längere Einstellungen fotografieren zu können, standen Hanisch statt der üblichen 60-Meter-Kassetten speziell gefertigte 150-Meter-Kassetten zur Verfügung. Außerdem bauten ihm die DEFA-Handwerker ein hydraulisches Stativ, „sodass ich meine Schritte, wie beim Prinzip der Steadycam-Technik heute, abfedern konnte. Ich konnte mit der Handkamera rückwärts, vorwärts, Treppen hoch- und runterlaufen, und das Bild war sauber und ohne Erschütterungen.“


Ein Meer von roten Röcken

An die Entstehungsgeschichte einer der aufwändigsten Sequenzen, des Cancan, erinnert sich Hanisch noch dreißig Jahre später präzise. Er sah sich die Choreografie von Tom Schilling im Ballettsaal der Berliner Komischen Oper an, gliederte die Musik in Einstellungen, drehte die Handlung auf den Schnitt hin, mit nur wenigen Überlappungen. „Der Cancan, glaube ich, hatte 45 Einstellungen. Die Handlung läuft über Totalen, halbnahe Einstellungen, Laufeinstellungen mit der Handkamera von allen Seiten und endet über nah bis sehr groß. Die Tänzerinnen springen nach dem Rhythmus der Musik genau konzentriert über mehrere Gegenstände, die in der Dekoration ihren festen Platz hatten. Am Schluss des Cancans wird der Tanz immer turbulenter. Im Sprung und im Spagat rutschen die Tänzerinnen im Tempo über die Tische, fegen Essensreste und Blumengebinde zur Seite und landen bis groß in die Kamera.“ Ein Meer von roten Röcken.

„Orpheus in der Unterwelt“ war zweifellos sein Meisterstück, und nicht sein erstes. Seit 1957 arbeitete Hanisch als Kameramann bei der DEFA. An der Seite von Joachim Hasler stieg er bei dessen Regiedebüt „Gejagt bis zum Morgen“ in die selbständige Kameraarbeit ein und fotografiert schon diese Kindergeschichte aus dem Berlin der Kaiserzeit so, dass sie unvergesslich bleibt: mit harten Schwarz-Weiß-Konturen, bedrückenden Nachtaufnahmen und einem tiefen Himmel, der sich über die Schicksale einer verwitweten Proletarierfrau und ihrer beiden kleinen Söhne legt.

Danach folgten unter anderem eine Co-Produktion mit Tunesien, „Hamida“ (1966), eine ebenfalls schwarz-weiß fotografierte Kolonial-Episode unter dem flirrenden Licht Nordafrikas, sowie farbenprächtige sogenannte Indianerfilme wie „Chingachgook, die große Schlange“ (1967), „Spur des Falken“ (1968) und „Der Scout“ (1983).

Ein DEFA-Klassiker: "" (DEFA-Stiftung/Waltraut Pathenheimer)
Ein DEFA-Klassiker: "Chingachgook, die große Schlange" (DEFA-Stiftung/Waltraut Pathenheimer)

Mit Ulrich Weiß drehte er „Blauvogel“ (1979) über ein Kind weißer Siedler, das von einem bedrohten Stamm verschleppt wird und nun mit den Erfahrungen zweier Welten leben muss. Ein philosophisches Essay, getarnt als Genrefilm, mit metaphorischen Motiven, die das Innenleben einer gespaltenen Seele ausdrücken.


Der Krieg und die DEFA

Hanisch, der im Januar 1927 als Sohn eines Baumeisters in Berlin geboren wurde, wollte zunächst Musik studieren und hatte es bereits zu passablen Kenntnissen mit der Violine gebracht, als er 1943, nach dem Notabitur, zur Kriegsmarine einberufen wurde. Als sein U-Boot Anfang 1945 auf eine britische Mine auflief, kam er als einer der Wenigen mit dem Leben davon. Der drohenden Erschießung durch polnische Partisanen entging er durch den Einsatz sowjetischer Panzersoldaten; der Rettung folgte allerdings eine harte Kriegsgefangenschaft in einem Kohlebergwerk im Nordural. Im August 1947 kehrte der Zwanzigjährige schwerverletzt nach Berlin zurück; an Musik war wegen der Granatsplitter im linken Handgelenk nicht mehr zu denken.

Doch er schaffte die Aufnahmeprüfung an der Kunsthochschule. Durch die Begegnung mit dem Technischen Direktor der DEFA, Albert Wilkening, fand er Interesse am Film; den Vorschlag Wilkenings, als Kameraassistent zur DEFA zu kommen, fand er spannend. Doch zunächst absolvierte er Lehrjahre im Kopierwerk, legte eine Prüfung als Filmfotograf ab und machte ein Praktikum im Agfa-Rohfilmwerk in Bitterfeld-Wolfen. Er lernte das Handwerk von der Pike auf.

Schon 1950 wurde er in die praktische Filmarbeit einbezogen: Bruno Mondi, einer der besten deutschen Kameramänner und ein Spezialist für Farbfilm, nutzte ihn als Kontaktmann zwischen der Farb-Lichtbestimmung des Kopierwerks und dem Atelier beim ersten DEFA-Märchenfilm „Das kalte Herz“. Eine Schule fürs Leben.

Nach Assistenzen bei Kameramännern wie Robert Baberske („Frauenschicksale“), Otto Merz („Rauschende Melodien“) und Joachim Hasler („Pole Poppenspäler“, „Zar und Zimmermann“) führte der Weg schließlich zu eigenständigen Kameraarbeiten. Hanisch fotografierte einige Kurzfilme der satirischen Reihe „Das Stacheltier“, bei denen er das praktische Handwerk ausprobieren konnte: „Doppeltricks, Spiegeltricks und noch andere Sachen. Autofahrten, Motorradfahrten, mit dem Fahrrad und der Kamera mitfahren. Also all das, was im Spielfilm gebraucht wurde.“ Danach folgten populäre mehrteilige Fernsehfilme, die vom DEFA-Studio als Auftragsproduktionen hergestellt werden: „Gewissen in Aufruhr“ (1961), „Wolf unter Wölfen“ (1965). Und dann die großen Kinofilme.

Hanisch fotografierte Kostümkomödien wie „Jungfer, Sie gefällt mir“ (1969) und „Die gestohlene Schlacht“ (1972), trug mit einem klugen Wechselspiel von atmosphärischen Totalen und einprägsamen Großaufnahmen von Gesichtern und Gegenständen zum Erfolg der biografischen Filme „Johannes Kepler“ (1974), „Beethoven – Tage aus einem Leben“ (1976) und „Käthe Kollwitz“ (1986) bei, setzte in der Hochhuth-Adaptation „Ärztinnen“ (1984) weichgezeichnete Motive für die Verführungen des Westens ein und kehrte in „Rückkehr aus der Wüste“ (1990) noch einmal nach Nordafrika zurück. Für die Geschichte eines DDR-Arbeiters, der aus politischen Gründen in die Heimat zurückbeordert wird.


Wie Hanisch zum „Lampen-Otto“ wurde

Fünf Jahre vor „Orpheus in der Unterwelt“ hatte Otto Hanisch noch einen anderen 70mm Film gedreht: „Signale – ein Weltraumabenteuer“, der trotz einer schwachen Story durch seine kameratechnischen Raffinessen überzeugt. In einem Interview beschrieb er die Entstehung einiger Tricks. Etwa wie die Havarie des Raumschiffs Ikaros durch Kollision mit einem Meteoritenschwarm gedreht wurde. Für die Torkelbewegung des steuerlosen Raumschiffes war weder Zeit noch Geld vorhanden; außerdem „war der Kasten viel zu schwerfällig. Wir mussten es also anders machen, das heißt umgekehrt: Nicht die Ikaros torkelte vor der Kamera, sondern die Kamera vor der Ikaros. Zu diesem Zweck hatte ich eine Drehscheibe konstruiert, an die ich dann beim Drehen angeschnallt war und mit deren Hilfe nun die Kamera alle erforderlichen Bewegungen ausführen konnte.“ Für die Darstellung der Schwerelosigkeit wurden mehrere Systeme getestet. Unzählige Materialien, vor allem Chemiefasern, waren auf ihre Farbwiedergabe zu prüfen. Die Spezialaufnahmen zu „Signale“ dauerten insgesamt rund vier Monate; gedreht wurde meistens nachts, um die notwendige hohe Präzision der Aufnahmen nicht durch Ruhestörungen zu gefährden. Der intensive Einsatz von Licht brachte Hanisch im DEFA-Studio den Spitznamen „Lampen-Otto“ ein; er nahm ihn mit der ihm eigenen humorvollen Gelassenheit an.



Nach dem Ende der DEFA arbeitete Otto Hanisch noch einige Male an österreichischen Filmen mit und kehrte dann zur Malerei zurück. Dass sich die Kameraarbeit heute oft nur noch als Dienstleistung versteht, schmerzte ihn: „Eine ganze Kultur und Filmtradition geht damit kaputt“, bekannte er 2012 in einem Interview mit seinem jüngeren Kollegen Peter Badel, und: „Ich bin froh, dass es die DEFA gab, denn das war die beste Zeit in meinem Leben.“

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