© IMAGO / Prod.DB (aus „In der Hitze der Nacht“)

Wut und sanfter Widerstand

Sonntag, 09.01.2022

Zum Tode von Sidney Poitier (20.2.1927-6.1.2022)

Diskussion

Der 1927 auf den Bahamas geborene Schauspieler Sidney Poitier änderte in den 1950er-Jahren das marginalisierte Bild von Afroamerikanern im US-amerikanischen Kino. Mit selbstbewussten und gebildeten Figuren wurde er auch von weißen Zuschauern akzeptiert, obwohl Poitier dank seiner schauspielerischen Klasse im Hintergrund stets die Geschichte eines lebenslangen Kampfes um Anerkennung mitschwingen ließ. Ein Nachruf auf den am 6.1.2022 gestorbenen Ausnahmedarsteller.


„It is of the utmost importance that a black child sees on that screen someone who looks like him.“ (James Baldwin)

Der Hass ist blind (1950), Sidney Poitier schlendert lächelnd, mit weißem Hemd und schwarzem Anzug, als freier, gebildeter, souveräner Mann in seinen ersten Film. Es ist dieses Bild, das neu war im US-amerikanischen Kino. Es ist ein Bild der Veränderung. Das Lächeln wird ihm aber vergehen. Er spielt den Assistenzarzt Dr. Luther Brooks und als er im lokalen Gefängnis zwei Brüder behandeln soll, spuckt der eine auf den Boden und mault ihn an, dass er den Speichel aufwischen solle. Im Film und in seiner gesamten Karriere blieb die Schauspielikone nicht nur erstaunlich aufrecht im Angesicht solcher Niedertracht, er entkam ihr auch auf seine ganz eigene Weise.

Dem Regisseur Joseph L. Mankiewicz vermittelte Poitier, dass er 27 und nicht, was der Wahrheit entsprach, 22 Jahre alt war. Eine kleine Lüge für eine große Karriere, die heute vor allem über seinen „Oscar“-Gewinn für Lilien auf dem Felde (der erste für einen schwarzen Darsteller in einer Hauptrolle) definiert wird. Poitier war eine der letzten lebenden Brücken zum klassischen Hollywoodkino (er arbeitete mit William Wellman, Raoul Walsh oder Otto Preminger), ein Kino, das er so wenig repräsentierte wie niemand sonst.

Mit dem „Oscar“-Gewinn für „Lilien auf dem Felde“ schrieb Sidney Poitier endgültig Hollywood-Geschichte (© United Artists)
Mit dem „Oscar“-Gewinn für „Lilien auf dem Felde“ schrieb Sidney Poitier Hollywood-Geschichte (© United Artists)

In einer Industrie nach den Regeln der Ungleichheit

Mit seinen Auszeichnungen verhält es sich wie mit seinem Dasein in der Traumfabrik an sich, denn Poitier bewegte sich zeitlebens im Minenfeld einer Industrie, die sich an das Begehren einer weißen Mittelschicht richtet und in der sämtliche Aspekte von den Regeln ruchloser Ungleichheit dominiert werden. L.A.-Rebellion-Filmemacher Haile Gerima bezeichnete Hollywood nicht umsonst als Plantage des 21. Jahrhunderts. Poitier war für ihn ein Sklave des weißen Geschmacks, der es versäumte, sich unabhängig zu machen. Als Schmuggler bezeichnete ihn der Schriftsteller James Baldwin, der damit meinte, dass Poitier, der auf den Bahamas geboren wurde, manche fragwürdige Rolle für diese eine Szene annahm, in der er etwas von der Erniedrigung und dem Kampf wiedergeben konnte, denen er sein Leben lang ausgesetzt war. Ein berühmtes Beispiel dafür ist der Moment, in dem er in In der Hitze der Nachteinen rassistischen Plantagenbesitzer, der ihm eine Backpfeife versetzt, unmittelbar zurückschlägt. Der Thriller heimste übrigens fünf „Oscars“ ein, keiner davon für Poitier, der nicht einmal nominiert wurde. Ähnliches lässt sich über den im selben Jahr realisierten Rat mal, wer zum Essen kommt sagen.

Veränderungen kommen langsam, manchmal nie. Trotzdem betrat Poitier wichtiges Neuland. Sein Aufstieg zum Filmstar verlief parallel zu den Bürgerrechtsbewegungen und einer stärkeren Auseinandersetzung mit den rassistischen Wurzeln der Bevölkerung. Vor allem das Jahr 1967 gehört zu den beeindruckendsten, die ein Hollywoodstar je hingelegt hat. Junge Dornen, In der Hitze der Nacht und Rat mal, wer zum Essen kommtkatapultierten Poitier in den Schauspielolymp. Dabei zeigte er sich als verärgerte Stimme eines sanften Widerstands. Als Lehrer oder Polizist verkörperte er typische Berufe der weißen Mittelklasse und man kann das Gefühl nicht abschütteln, dass nur dieser von ihm dargebotene Typus in den Filmen als gleichgestellter Mensch gilt. Doch im Funkeln seiner Augen und der angespannten Haltung vermittelt er eine nur oberflächlich gezähmte Wut. Häufig sieht man ihn daher tief einatmen. Die Augen rollen. Die Lippen werden gebissen. Das sind Bewegungen, die dem Zuschauer gelten. Sie ermöglichen einen Blick in das Herz erlittener Grausamkeit. Es scheint stets so, als würde Poitier die unerträgliche Unterdrückung eines ganzen Volkes mitspielen.

Die angespannte Haltung prägte Poitiers Spiel selbst dort, wo es wie in „Flucht in Ketten“ um Versöhnung ging (© United Artists)
Die angespannte Haltung prägte Poitiers Spiel selbst dort, wo es wie in „Flucht in Ketten“ um Versöhnung ging (© United Artists)

Der, auf den geschossen wird

Der Schauspieler steht in mehr amerikanischen Einstellungen als Clint Eastwood, nur dass er oft keine Waffe trägt. Er steht verloren in der nach einem Kontinent benannten Kadergröße, die ihn von den Knien aufwärts zeigt. Gleich am Anfang von Lilien auf dem Felde ist das so oder in seinen fulminanten Darbietungen in den Filmen Martin Ritts, Ein Mann besiegt die Angst und Paris Blues. Jederzeit bereit, zurückzuschlagen, aber doch verletzbar und ausgesetzt. Poitier transformiert die amerikanische Einstellung. Statt einen Revolverhelden zeigt sie jenen, auf den geschossen wird. In Ein Fleck in der Sonneist das so, und als er gegen Ende der Adaption von Lorraine Hansberrys Theaterstück seinen Widerstand und damit auch seine Männlichkeit wiederfindet, mag das aus heutiger Sicht etwas angestaubt wirken, es ist aber genau jene Männlichkeit, die von Hollywood und einer ganzen Gesellschaft jahrzehntelang nicht akzeptiert wurde. Es ist die Männlichkeit eines schwarzen Mannes.

Meist wird sein Gesicht nur dann in Nahaufnahme gezeigt, wenn er etwas sagt, was die schwarzen Menschen an sich betrifft. Sidney Poitier durfte nie einfach Schauspieler sein. Er war Repräsentant, Botschafter, Politiker. Das hemmt die künstlerische Betrachtung seiner Arbeit und gibt ihr gleichermaßen eine ehrfürchtige Erhabenheit, die das beste Zeichen einer Kultur mit schlechtem Gewissen ist. Poitier ist immer zuerst wichtig und dann aufregend, sexy, cool oder lustig. In Paris Bluesetwa zeigt er sein Potenzial als romantischer Held, selbst wenn das Drehbuch in dieser Hinsicht und leider typisch für die Karriere Poitiers stark gekürzt wurde. Es ist schade, dass solche Reservate in seinem Schauspiel immer nur aufblitzen durften, auch wenn er sich nicht unglücklich darüber zeigte und sich ganz im Gegenteil stark mit seiner Rolle identifizierte. Der Poitier-Film wurde ein eigenes Genre, in dem schwarze Helden in einer ihnen feindlich gestimmten Welt Freundschaft und Akzeptanz finden.

Trotzdem wird er nur selten erwähnt von den großen Kritikern, die sich ästhetisch mit der Geschichte des Kinos befassen. Das, was er repräsentiert, hat sich über seinen Beruf gestülpt. Seine Rollen in künstlerisch ansprechenden Filmen wie in Otto Premingers Musicalverfilmung Porgy & Bess sind vergessen, und was bleibt, sind die Filme, in denen er als moralisches Gewissen den rassistischen Zustand anklagte. So leicht man manch gut gemeinte Dramaturgie typischer Poitier-Filme, in denen weiße und schwarze Männer lernen müssen, sich zu verstehen (klassisches Beispiel: Flucht in Ketten), auseinandernehmen kann und so oft die beinah heilige, elitäre, asexuelle Präsenz des Schauspielers kritisiert wurde, so bedeutend ist es, dass er überhaupt zu sehen war.

In „Porgy und Bess“ konnte Poitier sein Können auch außerhalb des Sozialdramas beweisen (© IMAGO / Ronald Grant)
In „Porgy und Bess“ konnte Poitier sein Können auch außerhalb des Sozialdramas beweisen (© IMAGO / Ronald Grant)


Selbst Tarantino fragte bei Poitier um Rat

In den 1970er- und 1980er-Jahren realisierte Poitier selbst Filme als Regisseur. Der beste dieser Filme ist sein Regiedebüt Der Weg der Verdammten, in dem er neben Harry Belafonte und Ruby Dee spielt. Es ist ein wahrhaft wilder Western, der die grausame Menschenjagd frustrierter Konföderierter auf nach dem Bürgerkrieg befreite Sklaven thematisiert, aber seine Freude am Genre nicht hinter dem geschichtlichen Hintergrund versteckt. Poitier filmt die vielen Actionszenen mit großem Einfallsreichtum und Humor. Vor allem Belafonte als Priester, dem man nie ganz über den Weg trauen mag, glänzt im Film und man versteht, warum Quentin Tarantino Poitier um Rat fragte, als er seinen Django Unchained produzierte.

Trotz seiner sehr erfolgreichen Karriere und den Ehrerbietungen, die ihm zu Teil wurden, spuckte Hollywood seine Ausnahmeerscheinung wieder aus, als sie kein Geld mehr brachte. Das war der Vertrag, auf den sich der Schmuggler einließ. Gut, dass er genug Szenen aus dem System entführt hat, Szenen, die dessen Schnelllebigkeit überleben. Andere schwarze Darsteller wie Morgan Freeman oder Denzel Washington hatten den Staffelstab spätestens ab den 1990er-Jahren übernommen. Im gesellschaftlichen Getriebe eines noch andauernden Kampfes um Gleichberechtigung spielte der Schauspieler, der im fortgeschrittenen Alter einige literarische Autobiografien mit geistlichen Untertönen verfasste, seine Rolle. Ob sie jenseits filmischer Repräsentation was gebracht hat oder nicht, lässt sich schwer sagen. Generationen von Menschen, die gesehen haben, wie dieser Mann aufrecht steht, lächelt und zurückschlägt, entscheiden letztlich darüber.

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