© Filmwelt (Saskia Rosendahl in „Niemand ist bei den Kälbern“)

Die Leuchtende - Saskia Rosendahl im Porträt

Montag, 17.01.2022

Ein Porträt der Schauspielerin Saskia Rosendahl, die für ihre Rolle in "Niemand ist bei den Kälbern" (ab 20.1. im Kino) in Locarno ausgezeichnet wurde

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Die 1993 in Halle geborene Saskia Rosendahl demonstrierte bereits in ihrer ersten Hauptrolle in „Lore“ eine außergewöhnliche Kraft und Wahrhaftigkeit. Ihren Ruf als eine der besten jungen deutschen Schauspielerinnen bestätigte seither immer wieder, ob im historischen Rahmen von „Fabian oder Der Gang vor die Hunde“ oder in Gegenwartsstoffen. Für die Darstellung der provokativen Freundin eines Bauernsohns in „Niemand ist bei den Kälbern“ (ab 20.1. in den Kinos) wurde sie in Locarno ausgezeichnet. Ein Porträt.


Saskia Rosendahl streift ihr Top ab. Zieht ein anderes an. Auch aus dem wird sie sich bald wieder herauswinden und ins nächste schlüpfen. So knapp die Fetzen, so ausführlich der Kamerablick auf ihren trainierten Ballerina-Körper. Und, vor dem Spiegel, ihr eigener prüfender Blick auf sich selbst. Die Leibchen, mal bunt, mal mit Spitze, oft bauchnabelfrei, billig, grell, sind demonstrativ ungeeignet, um darin Ställe auszumisten. Anders als ihre Trägerin sind sie nicht einmal schön. Sie sind falsch. Und sollen es sein.

Festhockend auf dem flachen Land, auf einem Hof, den sie mit ihrem tumben Freund eines Tages übernehmen soll, gibt es für die von Rosendahl gespielte junge Frau namens Christin offensichtlich kein richtiges Leben im falschen. Im manischen Wechsel von Oberteilen, mit dem sie am bäuerlichen Familientisch ein feindselig gebrummtes „Gehst du in die Stadt?“ provoziert, manifestiert sich ein still-aggressives Verlangen nach Veränderung. Es verleiht Sabrina Sarabis Niemand ist bei den Kälbern erst sein schwelendes Zentrum. Um aber wirklich Veränderung herbeizuführen, man ahnt es, wird es irgendwann etwas Größeres, Gewaltigeres brauchen als nur den nächsten Fummel.


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„Höhere Tochter“ hinter prolliger Fassade

Dass die – man muss es nochmal sagen – wahrscheinlich höchste Oberteil-Wechselfrequenz im deutschen Kino dennoch nicht bloß wie ein marottenhafter Regie-Einfall wirkt, sondern der Unruhe dieser wortkargen, kaum eine Miene verziehenden Figur eine Äußerungsmöglichkeit verschafft, liegt an der sich sorgfältig am Wahnsinn entlangklöppelnden Verkörperungskunst Saskia Rosendahls. Immer scheint mehr hinter der betont prolligen Fassade zu stecken, die sie hier kultiviert. Auf die Frage des Mannes, mit dem sie eine Affäre beginnt (Godehard Giese), ob sie nicht von etwas anderem träume als vom Bauernleben, sagt sie nur achselzuckend: „Ich kann nichts anderes.“ Es gibt Schauspielerinnen, denen man das in einer solchen Rolle eher abnehmen würde. Ihr hingegen haftet ein Rest „höhere Tochter“ an, der für Reibung sorgt. Für ihre vielschichtige Darstellung wurde Saskia Rosendahl in Locarno zu Recht als beste Schauspielerin ausgezeichnet.

Saskia Rosendahl in „Niemand ist bei den Kälbern“ (© Filmwelt)
Saskia Rosendahl in „Niemand ist bei den Kälbern“ (© Filmwelt)

„Alles, was wahr ist, ist schön“, und „Sieh niemals weg“: Diese beiden Sätze, gesprochen von einem scheinbar ganz anderen Charakter, hätten ihr für ihre weitere Arbeit sehr geholfen, sagte Saskia Rosendahl einmal in einem Interview. Diese Sätze spricht sie in Florian Henckel von Donnersmarcks Werk ohne Autor (2018) als Tante Elisabeth, eine wegen angeblicher Schizophrenie von den Nazis ermordete junge Frau. Auch sie, inspiriert von der realen Tante Marianne des Malers Gerhard Richter, sucht das Wahre, Unbedingte und Überwältigende, hat dabei allerdings anderes im Kopf als Klamotten, Stadt und schnellen Sex: Einmal stellt sie sich vor nebeneinander geparkte Omnibusse, deren Fahrer gerade auf ihre Schicht warten, und bittet lächelnd und Hände ringend wie ein Kind, das einen Lolli wünscht, um ein Hupkonzert. Der durchdringende, monotone Klang erfasst und erhebt sie, und würde in diesem Moment nicht auch pathetische Filmmusik darübergewalzt, könnte man vielleicht noch ein wenig besser nachvollziehen, was Elisabeth meint, wenn sie daraufhin ihrem kleinen Neffen erklärt: Ein Bild, das sich genau so anfühle, sei das Ziel der modernen, von den Nazis als „entartet“ diffamierten Kunst.

Elisabeth verschwindet dann zwar nach einer herzzerreißenden Szene mit dem über ihr Leben entscheidenden Arzt (Sebastian Koch) schnell aus dem Film. Aber Rosendahls einprägsamer Auftritt gibt dem ganzen Werk erst seinen entscheidenden Schub, pflanzt ihm das zentrale Begehren ein: Kunst zu erfahren und hervorzubringen, ja, alle Hoffnung in die Kunst zu setzen, und sei es die eines Kindes. So bestimmt ihr Blick, auch wenn sie selbst ausgelöscht ist, die nachfolgenden Filmstunden und das Leben ihres später so berühmten Neffen (gespielt von Tom Schilling).


In der Rolle reifen

Dass man der einstigen Kinderballett-Tänzerin Rosendahl, geboren 1993 in Halle, solche kraftstrotzenden Rollen in schweren deutschen Historienmalereien zutraut, ist wesentlich auf ihren ersten großen Auftritt zurückzuführen: Noch als Schülerin spielte sie in Cate Shortlands Lore von 2012 die Titelrolle, die Tochter von Nazigrößen in den ersten Tagen nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Nach dem Verschwinden der Eltern flüchtet Lore zusammen mit vier jüngeren Geschwistern zu Fuß vom Schwarzwald zur Großmutter in Norddeutschland. Gefordert vom täglichen Überlebenskampf liest die anfangs noch vom Führerkult überzeugte junge Frau nach und nach den Scherbenhaufen jener Lügen auf, mit denen sie aufgewachsen ist. Andreas Kilb schrieb 2013 in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, in diesem Film gelinge Saskia Rosendahl mit ihrer Figur etwas, das im Kino „selten wirklich glückt: Sie lässt sie reifen“. Dabei strahle Lores Gesicht „immer diese seltsam brüchige Härte aus, in der die Erinnerung an ihre Zeit als BDM-Mädel aufbewahrt ist, ein trotziges Staunen, das sich erst angesichts des toten Bruders in Tränen auflöst“. „Lore“ erregte internationales Aufsehen und wurde als australischer Beitrag für die Kategorie „Bester fremdsprachiger Film“ bei der „Oscar“-Verleihung 2013 ausgewählt. Im selben Jahr war Rosendahl einer von zehn europäischen „Shooting Stars“ auf der „Berlinale“.

Der Durchbruch gelang mit „Lore“ 2012 (© Piffl Medien)
Der Durchbruch gelang mit „Lore“ 2012 (© Piffl Medien)

Damals fürchtete die junge Schauspielerin, der professionelle Blick aufs eigene Tun könne ihr schaden: „Manchmal wäre ich schon gern wieder ein bisschen naiv.“ Aber diese Reflektiertheit bekommt ihrem Spiel sehr gut. Ein wenig erinnert ihr Gesicht mit den weit ausholenden Brauen über blauen Augen an die frühe Kylie Minogue, jedoch abzüglich jeder Süßlichkeit. Ihre Züge, manchmal unprätentiös mit leichten Schatten unter den Augen, dann wieder beinahe mit dem überzeitlichen Glamour einer Lauren Bacall, sind weder zu heutig noch zu altmodisch.


Jederzeit im Jetzt verankert

Sie verleiht deshalb Bildwelten, die Historisches aus dem Heute befragen, beides: Aktualität und Glaubwürdigkeit. Sie passt in die dritte Staffel der Zwanzigerjahre-Kultserie Babylon Berlin genauso wie in Burhan Qurbanis Wir sind jung. Wir sind stark (2014) über die rassistischen Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen von 1992. Sie spielte in Dominik Grafs Erich-Kästner-Verfilmung Fabian oder der Gang vor die Hunde (2021) eine moderne Zwischenkriegs-Frau zwischen romantischer Liebe und beruflichem Fortkommenwollen, und in Mariko Minoguchis Debütfilm Mein Ende. Dein Anfang (2019) hielt ihre nur scheinbar fragile Gestalt eine Todes- und Liebesgeschichte zusammen, die gleichzeitig vorwärts und rückwärts erzählt wurde. Wen es da nicht zerreißt oder wer da nicht in psychologische Manierismen stürzt, braucht schon einen ausgeprägten Gleichgewichtssinn. Rosendahls manchmal etwas schnelle, hochdeutsche Sprechweise, mehr aber noch der ruhige, entschlossene Ernst ihres körperlichen Ausdrucks verankern sie im Jetzt, egal, welche Geschichts-Zerrüttungen gerade um sie herum toben.

Und wenn dann doch einmal der Stillstand droht, wie im zerfallenen Nazideutschland in Lore oder im bleiernen Landlusthorror in Niemand ist bei den Kälbern, entdecken Saskia-Rosendahl-Figuren Schöpferisches in der Zerstörung: sei es ein zertrampeltes Porzellan-Reh, oder sei es, wie in „Niemand ist bei den Kälbern“, dass sie mit einem Streichholz alles, alles zum Leuchten bringt.

Als Teil einer tragischen Liebesgeschichte in „Mein Ende. Dein Anfang“ (© Telepool)
Als Teil einer tragischen Liebesgeschichte in „Mein Ende. Dein Anfang“ (© Telepool)

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