© IMAGO / Prod.DB /COLLECTION CHRISTOPHEL (Produktionsfoto beim Dreh zu "Enemy Mine")

American Dreams - Nachruf auf Wolfgang Petersen

Donnerstag, 18.08.2022

Erinnerungen an den Filmemacher Wolfgang Petersen (14.3.1941-12.8.2022), der über Jahrzehnte hinweg erfolgreich in Hollywood gearbeitet hat.

Diskussion

Mit „Das Boot“ und „Die unendliche Geschichte“ erfand Wolfgang Petersen in den 1980er-Jahren das Blockbusterkino made in Germany, um dann als einer von wenigen deutschen Filmemachern in Hollywood zu reüssieren. Seine US-amerikanischen Heldengeschichten waren dabei noch einen Touch patriotischer als die seiner US-Kollegen. Im Alter von 81 Jahren ist der Regisseur jetzt verstorben.


Meine Erinnerung an Wolfgang Petersen reicht weit zurück, in eine Zeit, in der ich mich noch gar nicht für das Kino interessierte. Als Realschüler sah ich im Juni 1972 im Fernsehen den Tatort „Strandgut“, in dem zwei Brüder wohlhabende Männer am Strand von Sylt mit kompromittierenden Fotos erpressen wollen. Zu diesem Zweck rückten zwei schöne und obendrein splitterfasernackte Frauen den lüsternen Kerlen auf die Pelle – und diese Sensation wurde am Montag darauf auf dem Pausenhof mit den Mitschülern eifrig diskutiert.

Klaus Schwarzkopf verkörperte in „Strandgut auf seine unnachahmliche Art den Kommissar Finke, der leise und unaufgeregt seine Fragen stellte, nicht immer durchblickte, oftmals aber als Einziger eine Ahnung von den Zusammenhängen hatte, die sich allerdings noch nicht glasklar formulieren ließen.

Als Wahlhamburger fahre ich auch heute noch gerne an Drehorten der „Tatorte“ vorbei, die Petersen in den 1970er-Jahren in Schleswig-Holstein inszenierte: „Blechschaden“ und „Jagdrevier“, „Nachtfrost“ und „Kurzschluss“. Hier die Kneipe, in der Finke Zeugen befragte, dort die Pension, in der er übernachtete, weil es zu spät war, nach Kiel zurückzufahren. Nicht zu vergessen „Reifezeugnis“, der in einer Schule in Eutin gedreht wurde.

Nastassja Kinski & Klaus Schwarzkopf in "Tatort: Reifezeugnis" (© Imago/United Archives)
Judy Winter & Klaus Schwarzkopf in "Tatort: Reifezeugnis" (© Imago/United Archives)

Auf Wikipedia kann man sogar nachlesen, wo die Telefonzelle stand, in der ein wichtiges Gespräch geführt wurde. Und dann ist da natürlich Nastassja Kinski, zur Drehzeit gerade mal 15 Jahre alt und aufregend schön. Mit diesem Fernsehkrimi wurde sie auf einen Schlag berühmt wurde. Genau wie Wolfgang Petersen. Dass dieser Regisseur, den man so fest in Norddeutschland verhaftet glaubte, später in Hollywood Karriere machen würde, hätte man damals nie gedacht.


Karriere-Start in den 1970er-Jahren

Wolfgang Petersen wurde am 14. März 1941 im ostfriesischen Emden geboren. Er wuchs in Hamburg auf, wo er am Jungen Theater vier Jahre lang als Regieassistent und Schauspieler tätig war. Danach besuchte er die Hamburger Schauspielschule, die er 1963 abschloss. Später studierte er an der neu gegründeten Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (dffb); sein Abschlussfilm „Ich werde dich töten, Wolf“ lief 1971 in der ARD. Zwischen den insgesamt sechs „Tatort“-Folgen entstand 1974 sein Kinodebüt „Einer von uns beiden“, in dem sich Klaus Schwarzkopf als Soziologie-Professor gegen die Erpressungsversuche eines Studenten (Jürgen Prochnow) wehren muss. Der Professor soll seine Doktorarbeit abgeschrieben haben – ein Vorgriff auf all jene Plagiate, die in den letzten Jahren vor allem Politiker zu Fall gebracht haben. „Die Konsequenz“, wieder mit Jürgen Prochnow, wurde im November 1977 zum Skandal, weil es um Homosexualität geht – und sich der Bayrische Rundfunk aus der Erstausstrahlung ausklinkte.


„Das Boot“ verändert alles

Dann kam 1981 der Film, der für Wolfgang Petersen alles veränderte. Günter Rohrbach von der Bavaria hatte ihm das Angebot gemacht, nach dem Roman von Lothar-Günter Buchheim einen aufwändigen Film über den U-Boot-Krieg im Zweiten Weltkrieg zu inszenieren: „Das Boot“. Die deutsche Filmkritik war damals von dem Werk nicht so begeistert; deutsche Kriegshelden wollte man nicht sehen. „Hier bleiben von dem – schauspielerisch glänzend interpretierten – Drama nur die martialischen Knalleffekte übrig und verkehren das Antiheldentum der Vorlage ins Gegenteil“, stand im Filmdienst zu lesen. Doch die Unterwasserszenen sind ebenso realistisch wie klaustrophobisch, ebenso packend wie körperlich; Petersen bewies sein gutes Gespür für Spannung und Action. „Die Ausstattung des U-Boot-Inneren ist genau bis ins Detail, die technischen Tricks sind hervorragend“, lobte der Fischer Film Almanach 1982.

"Das Boot" (© Constantin)
"Das Boot" (© Constantin)

Die 149-minütige Kinofassung lief im Fernsehen als fünfstündiger Mehrteiler; später erstellt Petersen einen über dreistündigen Director’s Cut. In Erinnerung bleiben darüber hinaus die Musik von Klaus Doldinger und junge Schauspieler wie Herbert Grönemeyer und Uwe Ochsenknecht. Trotz aller Kritik wurde „Das Boot“ mit einem Filmband in Silber und dem Bayerischen Filmpreis ausgezeichnet. In den USA avanciert der Film zum bis dahin erfolgreichsten fremdsprachigen Film aller Zeiten und erhielt sechs Oscar-Nominierungen – mehr als jeder andere deutsche Film davor oder danach.

Dann folgte 1983 „Die unendliche Geschichte“ nach dem Buch von Michael Ende, ein Fantasy-Epos, das in Stil und Tempo wie ein abrupter Wechsel zu „Das Boot“ erschien, fast so, als wollte Petersen sagen: „Ich kann auch das.“ Über 50 Millionen D-Mark kostete der Film, 120 Millionen spielte er ein. Petersen landete damit wieder einen Hit, er war damit ein Erfolgsregisseur, an dem auch Hollywood nicht mehr vorbeikam.


Petersens Träume sind zu groß für Deutschland

Man kann es aber auch anders sehen: Petersens Träume waren zu groß für Deutschland; er musste einfach fortgehen, um sich weiterzuentwickeln. Sein Debüt in der Traumfabrik war 1985 „Enemy Mine – Geliebter Feind“. Die warmherzige Science-Fiction-Geschichte eines US-Astronauten und eines Außerirdischen, die sich auf einem kargen Planeten zusammenraufen müssen, um zu überleben, überzeugte vor allem durch das Make-up von Louis Gosset jr. als Alien und das Produktionsdesign von Rolf Zehetbauer.

"Enemy Mine" (© 20th Century Fox)
"Enemy Mine" (© 20th Century Fox)

An „Tod im Spiegel“ (1991) erinnere ich mich nur als unausgegorenen Thriller, in dem immerhin die aufregende Greta Scacchi und die schöne Joanne Whalley-Kilmer mitspielen – quasi als Entschädigung für die unlogische Handlung und die wirre Dramaturgie.

Petersen arbeitete immer wieder mit berühmten Stars zusammen: mit Clint Eastwood und John Malkovich in „In the Line of Fire – Eine zweite Chance“ (1993), mit Dustin Hoffman und Rene Russo in dem Thriller „Outbreak– Lautlose Killer“ (1995), mit Harrison Ford und Glenn Close in „Air Force One“ (1997). Produzenten schätzten seine professionelle, kompetente und unkomplizierte Herangehensweise; auf Petersen war Verlass.

Interessant ist dabei, dass er sich ähnlich wie Roland Emmerich als amerikanischer als US-Regisseure erwies, als ein Patriot, der sich in seiner Wahlheimat gut angenommen fühlte. Wenn in „Air Force One“ der US-amerikanische Präsident als Actionheld russischen Terroristen den Garaus macht, ist das starker Tobak. Einem US-Regisseur hätte man das wohl nicht durchgehen lassen. Doch weil Petersen seine Prämisse so konsequent verfolgte und dem Publikum keine Zeit zum Atmen lässt, funktioniert der Film. „Wolfgang Petersens ,Air Force One’ macht keinen Hehl daraus, dass es sich um ein ausgewachsenes Kino-Märchen handelt, um eine Art Indiana-Jones-Geschichte im Bereich von Politik und High-Tech. Wahrscheinlich ist es gerade diese fantastische Ebene, die all die unartikulierten Sehnsüchte des Publikums befriedigt“, schrieb Franz Everschor zum Kinostart. Diese Sehnsüchte des US-Publikums erforscht zu haben, und das als Deutscher, ist Petersens große Stärke.


Heldenmythen

Auch Dustin Hoffman konnte einem in „Outbreak“ mit seiner unfehlbaren Superhelden-Attitüde, die jeden um ihn herum alt aussehen ließ, ganz schön auf die Nerven gehen. Interessanter ist Clint Eastwood in „In the Line of Fire – Die zweite Chance“, der sich als Agent des Secret Service Vorwürfe macht, das Attentat auf John F. Kennedy nicht verhindert zu haben. 30 Jahre später kann er sich bei einem geplanten Attentat auf den aktuellen Präsidenten bewähren. Mehr als um die Action geht es hier um die Charaktere. Ein deutscher Regisseur blickt von außen auf die US-amerikanische Gesellschaft und hält ihr noch einmal ihre Traumata vor.

Wolfgang Petersen mit Clint Eastwood beim Dreh von "In the Line of Fire" (© IMAGO/Columbia Pictures/Everett Collection)
Wolfgang Petersen mit Clint Eastwood beim Dreh von "In the Line of Fire" (© IMAGO/Columbia Pictures/Everett Collection)

Mit „Der Sturm“ (2000) stellt Petersen die wahren Ereignisse des „Sturms des Jahrhunderts“ nach, bei dem sich 1991 drei Orkane zu einer gewaltigen Katastrophe vereinigten. Petersen verließ sich dabei zu sehr auf die Special Effects und auf laute, aufregende Action. Die Charaktere, unter anderem George Clooney als glückloser Skipper, verlieren darüber an Bedeutung. Mit „Troja“ (2004) widmet sich Wolfgang Petersen der griechischen Mythologie und entdeckte – gegen die Widerstände der Produzenten, die sich ein bekannteres Gesicht gewünscht hatten – Diane Kruger. Ein aufregendes Spektakel, sowohl in den großen Schlachten als auch in den Duellen Mann gegen Mann. Doch im Gegensatz zu „Der Sturm“ verlieh Petersen den Charakteren eine genaue Motivation, die ihnen Glaubwürdigkeit und Spannung gab.

Nach dem missglückten Katastrophenfilm „Poseidon“ (2006), einem Remake von „Die Höllenfahrt der Poseidon“ (1972), drehte Petersen zehn Jahre lang keinen Film. Bis er sich 2016 auf seine Wurzeln besann, nach Deutschland zurückkehrte und „Vier gegen die Bank“, ein Remake seines eigenen Fernsehfilms aus dem Jahr 1976, drehen. Eine gute gemachte Krimikomödie, mit hochkarätigen Stars des deutschen Kinos, Alexandra Maria Lara, Michael „Bully“ Herbig, Til Schweiger, Jan Josef Liefers und Matthias Schweighöfer, der dennoch irgendetwas fehlte, Leichtigkeit, Nonchalance und Eleganz vielleicht.

„Ich bin unterm Strich, solange meine Frau und ich gesund sind, sehr zufrieden. Wir haben ein wunderschönes Haus, ein wunderschönes Leben“, gestand Wolfgang Petersen 2021 anlässlich seines 80. Geburtstages in einem Interview. Petersen hat Hollywood mit all seinen Zwängen vorbehaltlos akzeptiert. Mehr noch: Er hat die Traumfabrik und ihre Möglichkeiten geschickt genutzt. Hier hatte er alles, was er brauchte, um seine Träume zu verwirklichen, von namhaften Stars über versierte Fachleute bis zu vertrauensvollen Produzenten. Dieser Traum ist nun vorbei. Wolfgang Petersen starb am 12. August in Brentwood, Kalifornien. Er wurde 81 Jahre alt. Es gibt nicht viele deutsche Regisseure, die über Jahrzehnte hinweg so erfolgreich in Hollywood gearbeitet haben wie er.

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