© imago/United Archives/Frank Hempel (Fred und Annemie Fussbroich im Jahr 1987)

Die „Fussbroichs“ und das Genre der Doku-Soaps

Donnerstag, 10.11.2022

Leders Journal (X): Mit der dokumentarischen Serie „Die Fussbroichs“ schrieb der WDR und die porträtierte Kölner Familie ein Stück Fernseh- und Dokumentarfilmgeschichte

Diskussion

Lange bevor der Begriff „Doku-Soap“ populär wurde, entwickelte sich ab 1991 im WDR aus der dokumentarischen Beobachtung der dreiköpfigen Arbeiterfamilie Fussbroich der Vorläufer eines Formats, das den Alltagsprotagonisten anfangs aufs Maul schaute. Zwischen 1991 und 2003 entstanden so insgesamt 100 halbstündige Folgen, die Fernseh- und Dokumentarfilmgeschichte schrieben.


Als am 18. Oktober die Nachricht bekannt wurde, dass Fred Fussbroich im Alter von 81 Jahren gestorben sei, weckte das bei vielen, die in den 1990er-Jahren bewusst die Fernsehprogramme wahrgenommen hatten, Erinnerungen. Beispielsweise, wie der damals 50-jährige Fussbroich, der als Schlosser in einem Metallunternehmen arbeitete, in einem schreiend bunten Trainingsanzug auf dem Sofa sitzt und vor der Kamera im rheinischen Sing-Sang über sein Alter sinniert: „Ich fühle mich gar nicht wie fünfzig. Man sagt von sich selber nicht ,Du bist ein alter Knacker‘. Man will regelrecht noch mit der Jugend mitreden.“ Seine Frau Annemie stimmt ihm zu, wobei man nicht genau weiß, ob ihr Satz, das sei „Einstellungssache“, nicht auch eine Art Erziehungsprogramm für ihren Mann bedeutet.

Es waren solche Alltagsdialoge, in denen mitunter auch die großen Themen wie das Altern oder der Tod, aber auch Politisches verhandelt wurden, die Fred Fussbroich, seine

Frau Annemie und auch den gelegentlich auftauchenden Sohn Frank zu Fernsehhelden promovierten. Sie waren die Protagonisten einer Fernsehsendung des WDR, die den Familiennamen trug: „Die Fussbroichs“. Von ihr wurden im Dritten Programm zwischen 1991 und 2002 insgesamt 99 halbstündige Folgen ausgestrahlt; die hundertste Folge wurde 2003 nachgereicht.

In vielen Nachrufen wurde Fred Fussbroich als Star der „Doku-Soap und des „Reality-TV“ bezeichnet und damit Figuren gleichgestellt, wie sie etwa die Serie „Die Geissens“ (seit 2011 auf RTL II) bevölkern. So schön diese Begriffe im akademischen Rückblick auch klingen mögen, haben sie mit der Geschichte von Fred Fussbroich zunächst aber nichts zu tun. Denn die Serie wurde nicht für eine vom Sender vorgegebene Kategorie entwickelt, sondern entstand gleichsam naturwüchsig aus einem klassischen Dokumentarfilmprojekt heraus.

Denn Ute Diehl, die als Regisseurin alle 100 Folgen mit einem kleinen Team realisierte, begann nach einem Pädagogikstudium Ende der 1970er-Jahre als Dokumentarfilmerin zu arbeiten, die sich vor allem mit sozialen Themen beschäftigte. So gehörte sie beispielsweise auch jener Gruppe von Dokumentaristen an, die für die WDR-Reihe „Schauplatz“ (Redaktion: Georg Ossenbach) politische Filme über die gesellschaftlichen Verhältnisse der Bundesrepublik realisierte.


Es sollte eine Arbeiterfamilie sein

Dokumentarfilme gaben in dieser Zeit auch andere Redaktionen des WDR-Fernsehens in Auftrag, beispielsweise der für Architektur zuständige Redakteur Knut Fischer. Ute Diehl und er hatten die Idee, die Lebenswelt eines kleineren Kindes zu erforschen. So recherchierte die Regisseurin umfassend (beispielsweise mit einer Fragebogenaktion) nach einer Familie mit einem Kind, das über ein eigenes Zimmer verfügte. Dass es keine Familie aus gehobenen Verhältnissen sein sollte, war auf Grund des Anspruchs von Redakteur und Regisseurin klar. Es sollte eine klassische Arbeiterfamilie sein.

So fand Ute Diehl nach langer Suche die dreiköpfige Familie Fussbroich, die in einem Kölner Vorort in einer knapp 70 Quadratmeter großen Genossenschaftswohnung lebte. Ihre filmischen Beobachtungen in dem reich mit Spielzeug ausgestatteten Zimmer des damals elfjährigen Sohnes wurden 1979 vom WDR ausgestrahlt. Titel des knapp 45 Minuten langen Films lapidar: „Ein Kinderzimmer“.

Diehl behielt den Kontakt zur Familie und schlug Ende der 1980er-Jahre dem WDR vor, einen langen Dokumentarfilm über die Fussbroichs zu drehen. Die gesellschaftlichen Bedingungen hatten sich verändert. Die Berufe, denen Fred Fussbroich als Schlosser und seine Frau als Angestellte nachgingen, waren nicht mehr so stabil wie noch zehn Jahre zuvor. Soziale Bindungen erodierten. Klassische Lebensentwürfe gerieten in die Krise. Gleichzeitig öffnete sich durch den Tourismus und die Medien die Welt auch für eine Familie wie die Fussbroichs. Ihr 85-minütiger Dokumentarfilm wurde 1990 unter dem Titel „Die Fussbroichs – Eine Kölner Arbeiterfamilie“ vom damaligen ARD-Kultursender 1plus ausgestrahlt.

Aus dem Material des Films und neugedrehten Szenen montierte Ute Diehl für das WDR-Weihnachtsprogramm 1991 eine fünfteilige Serie. Ihr Untertitel: „Die einzig wahre Familienserie“, mit der sie sich von den rein fiktionalen Serien, in denen Familien im Mittelpunkt stehen, abgrenzte und zugleich ein wenig kokettierte. In dieser Serie konzentriert sich die Regisseurin vor allem auf die Szenen, in denen ihre Protagonisten das, was sie erleben, pointiert kommentieren, denn Fred und Annemie Fussbroich sind nicht auf den Mund gefallen. Keine Situation, der sie nicht noch einen Spruch abgewinnen können. Und ihre Sprüche sind umso komischer, je absurder die alltäglichen Situationen verlaufen.


Nicht jeder verstand die Kölsche Mundart

Die Fussbroichs sprechen Kölsche Mundart, aber ihre Sprache ist zumindest in Nordrhein-Westfalen verständlich; Menschen aus Westfalen oder dem Ruhrgebiet verlangt sie jedoch geduldiges Zuhören ab. Als der Serie 1992 ein Grimme-Preis zugesprochen wurde, musste einigen (aus Bayern stammenden) Juroren manche Passage noch leise übersetzt werden. Eine Ausstrahlung im Ersten Programm unterblieb deshalb, auch andere Dritte Programme haben die Serie nicht übernommen.

Daran gedacht haben nicht wenige. Denn wegen ihrer Unterhaltungselemente, die Ute Diehl im Schnitt herausgearbeitet hatte, wurde die kleine Serie überraschend erfolgreich. Ein Jahr später wurde sie deshalb fortgesetzt – erneut im Weihnachtsprogramm, aber nun mit 12 Folgen. Die dokumentierten Szenen entsprangen dabei längst nicht mehr wie noch im Film „Ein Kinderzimmer“ der geduldigen Beobachtung. Vieles wurde von der Regisseurin initiiert, die beispielsweise Ideen, was die Familie unternehmen könnte, vorgab, auch manches in der Hoffnung, dass es zu komödiantischen Situationen führen könnte.

Folgerichtig war, dass die Serie in die Fernsehfilmredaktion und damit zu Alexander Wesemann wechselte. Damit erhöhte sich die Schlagzahl. Ab 1994 wurde zwei Mal im Jahr eine Staffel produziert. Von nun an schnitt Ute Diehl ihre Fragen aus den Folgen heraus und verzichtete auch auf die Zwischentitel, die bislang die filmische Erzählung strukturierten. Dass die Serie auf Konstruktionen beruhte, die von der Regisseurin vorgegeben wurden und in denen sich die Familie Fussbroich zu bewegen hatte, war nun mehr kein Geheimnis mehr. Vorgeschriebene Szenen mit feststehenden Dialogen blieben aber die Ausnahme.

Die Fussbroichs wurden regional bekannt, ja populär. Das schlug auf die Serie zurück. Fred und Annemie Fussbroich spielten immer mehr das, was die Menschen von ihnen erwarteten. Sie wurden zu Darstellern ihrer selbst. Mit dem entsprechenden Druck konnten sie fast spielerisch umgehen. Im Gegensatz zu ihrem Sohn, der wegen krimineller Delikte vor Gericht gestellt wurde, was Ute Diehl nach einigem Zögern dann in der Serie auch thematisierte.

Die Fussbroichs im Jahr 2013: Fred, Annemie, Elke und Frank Fussbroich (v.l.; imago stock&people)
Die Fussbroichs im Jahr 2013: Fred, Annemie, Elke und Frank (v.l.; © imago stock&people)

Dass die Familie für ihr Mitwirken bezahlt wurde, war längst bekannt. Gelegentlich las man in der Boulevard-Presse, in der die Fussbroichs als Stars hofiert – und zugleich medial ausgebeutet – wurden, dass die Familie um Aufbesserung ihres Salärs bitten würde. Die Höhe ihres Honorars blieb, wie Ute Diehl das in einem Interview sagte, das „bestgehütetste Geheimnis der Produktion“.


Das Genre „Doku-Soap“ entsteht

1997 verändert sich die Lage. In Großbritannien feierte mit „Driving School“ eine dokumentarische Serie, die voller komischer Momente steckt, große Erfolge. Diese serielle Form wurde als „Docusoap bezeichnet. Die enorme Popularität schlug auf den deutschen Fernsehmarkt durch. Private wie öffentlich-rechtliche Sender suchten händeringend nach Stoffen in der Wirklichkeit, die sich auf ähnliche Weise in Serien erfassen ließen.

Doku-Soaps galten mit einem Mal als der mediale Hit. So beschloss arte, seine Sendestrecke zwischen 20.15 Uhr, dem Beginn des Hauptabendprogramms in Deutschland, und 20.45 Uhr, dem Beginn des Hauptabendprogramms in Frankreich, mit solchen Doku-Soaps zu füllen. So lief im Januar 2000 „Abnehmen in Essen“ von Claudia Richarz. Die Serie erzählt vom Kampf von fünf übergewichtigen Frauen, Pfunde und Kilos loszuwerden, und lebt vom Witz der Protagonistinnen, die sich von allen Widrigkeiten nicht unterkriegen lassen. Der große Erfolg der Miniserie führte dazu, dass im März 2001 eine weitere Staffel ausgestrahlt wurde.

Auch bei den Privatsendern begann man zu dieser Zeit, die Nachmittags- und Vorabendprogramme mit Doku-Soaps zu füllen. Die meisten dieser Produktionen beruhen jedoch bis heute auf Drehbüchern, sind also – wie es im Medienneuhochdeutsch heißt – „geskriptet. Komische Momente, wie sie bei den Fussbroichs eher nebenbei entstanden, entspringen hier den Köpfen von Autoren. Ebenso die Erkenntnisse über das Leben und das Altern, wie sie Fred Fussbroich noch ganz bei sich und eher zufällig äußerte. Umgekehrt fehlte in der Serie von Ute Diehl vieles von dem, was die gegenwärtigen Doku-Soaps der Privatsender auszeichnet – das Vulgäre, das Gemeine und die Wutausbrüche.

„Die Fussbroichs“ hatten zu dem Zeitpunkt, als die Doku-Soap als eigenes Genre im deutschen Fernsehen etabliert wurde, längst ein Ende gefunden. Ute Diehl sagte 2002, dass sie den Eindruck hatte, die Geschichte der Familie wäre auserzählt. Heute bleibt festzustellen: „Die Fussbroichs“ waren ihr Zeit voraus. Als ihre Zeit abgelaufen war, verschwanden sie aus der medialen Öffentlichkeit. Daran änderte auch der Versuch der Familie nur wenig, um 2013 mit eigenen Spots auf YouTube und einem eigenen Film („Die Fussbroichs – Heute“) die Aufmerksamkeit zurückzugewinnen. Fernseh- und auch Dokumentarfilmgeschichte haben sie dennoch geschrieben.


In „Leders Journal“ analysiert der Medienwissenschaftler Dietrich Leder einmal im Monat symptomatische Details und Ereignisse der medialen Kommunikation, an denen sich grundsätzliche Tendenzen und Intentionen ablesen lassen.

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