Im Hinterland des Nihilismus

Christian Petzold (geb. am 14.9.1960) inszenierte mit „Die innere Sicherheit“ (Kritik in dieser Ausgabe) einen der bemerkenswertesten deutschen Kinofilme der jüngsten Zeit. Nach seinem Studium an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (1984-94) assistierte er bei Harun Farocki und Hartmut Bitomski und drehte Kurz- und Dokumentarfilme. 1994 entstand sein erster Spielfilm „Pilotinnen“, der bereits deutlich machte, mit welch sicherem Gespür für filmische Verdichtungen Petzold fern jeder romantisierenden Verklärung zu inszenieren versteht. 1996 folgte „Cuba Libre“, eine melancholisch-komische Geschichte um zwei Verlierer, Liebe und unverhofft verwirklichte Träume, ein Jahr später „Die Beischlafdiebin“, einer intensiv gespielte Kriminaltragödie um den Ausverkauf von Träumen und Begehrlichkeiten. Es gab mal eine Zeit, da galt ein Film über Terrorismus als heißes Eisen, bei dem man eigentlich alles nur falsch machen konnte, je nach Perspektive: zu staatstragend, unpolitisch, insiderhaft. In den 90er-Jahren wurde das Thema im Kino wiederholt aufgegriffen, um andere Dinge zu verhandeln. Die „alte“ Politik wanderte via „RAF-Phantom“ ins gehobene Grimme-Preis-Fernsehen. Wie steht es da mit „Die inneren Sicherheit“? Petzold: Als ich anfing, über „Die innere Sicherheit“ nachzudenken - Anfang der 90er-Jahre - , schien der Film keine Umgebung zu haben. Der Terrorismus als ästhetisches Phänomen war mausetot. Als der Film fertig wurde, gab es Schlöndorff und Staatsfernsehen von Breloer - und plötzlich glaubt man, die Welt würde das in irgendeiner Weise beschäftigen. Da habe ich mir gesagt: Wenn die Amerikaner die Mafia benutzen, um griechische Tragödien zu entwerfen, dann können wir auch die RAF, den politischen Untergrund, als Bühne nutzen. Für mich war das Thema kein heißes Eisen. Die meisten Leute kennen das ja gar nicht mehr, es ist eher vergessen, obwohl Reste, Erinnerungen überall herumliegen. Auch ist es nicht so, dass, wenn man „RAF“ sagt, die Leute die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und man kein Geld bekommt. Die ersten Gelder bekam ich vom Staat. Später kamen allerdings doch noch merkwürdige Vorschläge aus dem Fernsehbereich: Die Geschichte sei so schön, ich solle doch die RAF-Bezüge streichen und sie durch den Immobilienspekulanten Schneider ersetzen. Der habe sich schließlich auch verstecken müssen. Das hätte das gesamte Projekt zusammengefaltet, denn Schneider ist ein Kleinbürger, und bei mir geht es um andere Leute. Es gibt auch diesen Film von Sidney Lumet mit River Phoenix? Petzold: „Running on Empty“. Hab’ ich mir angeschaut. Es gibt eine Parallele, nämlich dass Leute aus dem Untergrund als Familienzelle auf der Flucht sind. Aber da wird eher ein ur-amerikanisches Thema verarbeitet. In den USA gibt es keine polizeiliche Meldepflicht, man kann ganz normal-illegal innerhalb des Landes leben. Während die Familie in meinem Film eine absolute Geisterexistenz führt. Die sind ja gar nicht vorhanden. Im Presseheft steht: „Wenn Gespenster Menschen werden möchten, dann sind sie immer Protagonisten einer Tragödie.“ Ich musste beim Sehen an Kathryn Bigelows „Near Dark“ denken, insbesondere in der Szene, die an der deutsch-französischen Grenze spielt: Es ist frühmorgens. Das Mädchen steht am Rheinufer, betrachtet die Deutschland-Flagge, und dann geht hinten in diesem sarg- und panzerartigen weißen Volvo die Tür auf, und die Eltern, bleich wie Vampire, steigen aus und umarmen sie. Petzold: Ich wollte das nicht zu dick machen, aber der Film ist von diesen Bildern durchzogen. Wir zeigen auch immer, wie sich bei diesem Volvo die Türen öffnen. Dieser Faradaysche Käfig ist für die Familie ungeheuer wichtig. Der Grenzübergang bei Straßburg passt da rein, aber auch die Szene bei diesem Anwalt, der ihnen nicht hilft. Da verschwinden sie in diesem dunklen Wald wie Erscheinungen. Oder die Mutter, die eines Morgens plötzlich mitten im Wald neben der Tochter steht - immer sollte das Geisterhafte, das Unkörperliche betont werden. Um noch einmal auf „Running on Empty“ zurückzukommen: Für Vampir-Filme gibt es ja eigentlich kein Ende, es gibt es nur das Ende, dass irgendwann der Tod die Geister erlöst. In den späten Vampir-Filmen leiden sie und bitten um ihren Tod, damit sie endlich zur Ruhe kommen. Davon ist auch etwas in meinem Film. Die Tochter verrät beinahe die Familie, damit endlich dieser ewige Drift aufhört. Die Figuren reden nicht über Politik. Man kann den Film angucken, sich dumm stellen und wüsste lange nicht, was mit dieser Familie los ist. Das ist in gewisser Hinsicht auch ein politisches Statement, oder? Petzold: Wenn man hierzulande Filme macht, ist man von unendlich vielen Beratern in Sachen Drehbuch, Dramaturgie, Stoffentwicklung umgeben. Man trifft sich und diskutiert. Alle Vorschläge gingen immer in diese Richtung: „Bau’ bitte dialogische Szenen ein, in denen der politische Hintergrund dargestellt wird! Kann die Tochter nicht zu Beginn zu ihren Eltern sagen: „Warum habt ihr bloß damals in Frankfurt diesen GI umgebracht?“ Das ging mir fürchterlich auf die Nerven. Wenn eine Familie 15 Jahre unter diesen Bedingu

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