Wiedersehen in Howards End

Drama | Großbritannien 1991 | 142 Minuten

Regie: James Ivory

Kunstvoll ausgemaltes Gesellschafts- und Sittenbild aus dem viktorianischen England um die Jahrhundertwende, wo sich Persönlichkeiten aus zwei Familien mit erzkonservativen Auffassungen und emanzipatorischen Idealen in den dadurch ausgelösten Liebesschicksalen und Lebenskrisen gegenüberstehen. Die Verfilmung folgt zwar genau dem psychologischen Wahrheitsgehalt der Vorlage, stumpft ihre ironisch-kritische Gesellschaftsbelichtung aber durch schwelgerische Ästhetik ab. Sie verschenkt zugunsten einer gepflegt-nostalgischen Unterhaltung die Chance, den Gegensatz von gesellschaftlich bedingtem "Scheinleben" und wirklicher Persönlichkeitsstruktur und Lebensempfindung zu einem zeitlos ansprechenden Gleichnis zu formen. Hervorragend gespielt und fotografiert. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
HOWARDS END
Produktionsland
Großbritannien
Produktionsjahr
1991
Regie
James Ivory
Buch
Ruth Prawer Jhabvala
Kamera
Tony Pierce-Roberts
Musik
Richard Robbins
Schnitt
Andrew Marcus
Darsteller
Emma Thompson (Margret Schlegel) · Anthony Hopkins (Henry Wilcox) · Vanessa Redgrave (Ruth Wilcox) · Helena Bonham Carter (Helen Schlegel) · James Wilby (Charles Wilcox)
Länge
142 Minuten
Kinostart
-
Fsk
ab 6; f
Pädagogische Empfehlung
- Ab 16.
Genre
Drama | Literaturverfilmung

Heimkino

Die Standardausgabe (MAWA) hat keine erwähnenswerten Extras. Die Premium Edition (2 DVDs, Arthaus/Kinowelt) ergänzt den Film auf vorbildliche Weise durch das Feature „James Ivory und Produzent Ismail Merchant über 'Ein Wiedersehen in Howards End'“ (30 Min.), durch ein exklusives Interview mit Helena Bonham Carter (36 Min.) sowie James Ivorys Kurzfilm „Venice: Themes and Variations“ (1957, 25 Min.). Die Premium Edition ist mit dem „Silberling“ 2009 ausgezeichnet. Die Extras der Blu-ray (Concorde) enthalten einen brillanten Audiokommentar der US-Filmkritiker Wade Major und Lael Lowenstein sowie die informativen und hintergründigen Interview-Sessions „Conversation Between James Ivory and Laurence Kardish (Senior Kurator der MOMA-Sektion Film)“ (27 Min.) und „On Stage Q & A mit James Ivory und Kritiker Michael Koresky aus dem Lincoln Center“ (27 Min.), beide aus dem Jahr 2016. Leider fehlt das ergiebige 43-minütige „Making of“-Feature der US-Blu-ray. Die 4K UHD ist der Blu-ray in Bild und Ton leicht überlegen. BD & 4K UHD (plus BD) sind mit dem Silberling 2018 ausgezeichnet.

Verleih DVD
MAWA (1.85:1, DD5.1 engl./dt.) Kinowelt/Arthaus & Concorde (16:9, 2.35:1, DD5.1 engl./dt.)
Verleih Blu-ray
Concorde (16:9, 2.35:1, dts-HDMA engl./dt.)
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Diskussion
Edward Morgan Forster (1879-1970) gilt als einer der bedeutendsten englischen Romanciers dieses Jahrhunderts. Das Thema seines erzählerischen Werkes, der Zusammenprall von verschiedenen Kulturen, Gesellschaftsklassen und menschlichen Temperamenten innerhalb von inzwischen entschwundenen Welten sowie das Streben des einzelnen nach Selbstverwirklichung im Widerstand gegen ein in Konventionen gezwängtes Leben - das zieht James Ivory nach "Zimmer mit Aussicht" (fd 25 916) und "Maurice" (fd 26 636) nun zum dritten Male zu einer Verfilmung Forsterscher Gesellschaftsdarstellung an. Man fragt sich allerdings gerade bei Forsters dichtestern und entlarvendstern, 1910 veröffentlichtem Roman "Howards End", ob den großen Ästheten Ivory nicht doch mehr die Möglichkeit zur sublimen Beschwörung eines versunkenen Zeitalters als der feste kritische Zugriff auf gesellschaftliche Strukturen des spätviktorianischen England interessiert. Denn so genau die Entfaltung von Vergangenheit Ivory wieder einmal mit Hilfe erlesener Darstellungskunst, sensiblem Zeitmaß, impressionistisch nachmalender Kameraarbeit und einer Musik im Geiste der Spätromantik auch gelingt, empfindet man es unzufrieden doch als einen Mangel, daß es Ivory nicht fertigbringt, der von Forster mit Hintergründigkeit und Ironie aufgeschlüsselten Historie eine bestimmte, ihr auch heute noch innewohnende Aktualität zu entschöpfen: nämlich die Möglichkeiten des Menschen, den persönlichkeitshemmenden Gegensatz von gesellschaftlich bedingtem "Scheinleben" und wahrhafter Persönlichkeitsstruktur und Lebensempfindung durch die Abkehr von Illusionen und Lebenslügen zu überwinden gemäß dem Wort: "Wir können die Welt täuschen, doch wir können uns nicht selber etwas vormachen!" Gelegenheiten, die handelnden Personen aus ihrer zeitlich und örtlich genau festgelegten Existenz ins Allgemeine, ins Überzeitliche zu heben, sind genug vorhanden.

Da sind die für ihre Zeit schon recht emanzipierten Schwestern Margaret und Helen Schlegel aus der oberen Mittelklasse, die im langsam unter Schwierigkeiten wachsenden Verkehr mit der von viktorianischer Standesmoral und Prüderie beherrschten Familie Wilcox unbewußt ihre Schicksalsweichen stellen. Margaret findet in der kränklichen Mrs. Wilcox eine lebenskundige, verständnisvolle Freundin, erbt deren Haus "Howards End" und heiratet nach einigen Verzögerungen den Witwer Wilcox. Beide sehen in ihrer Liebe eine "wesenhafte Erfüllung", zumal Margaret bereitwillig ihre emanzipatorischen Ideale zurückstellt. Auch ihre nicht weniger gescheite und kultivierte Schwester Helen hätte einige Zeit zuvor durch Liebe zu einem der Wilcox-Söhne in diese erzkonservative Familie hineinkommen können. Aber die Verschiedenheiten im Persönlichkeitsbild der beiden, und mehr noch ihre gesellschaftlichen Auffassungen, haben das Verhältnis bald auslaufen lassen. Helen widmet sich in einer Mischung aus heimlicher Zuneigung und sozialem Engagement einem jungen Bankangestellten, der ebenso arm wie kulturbeflissen ist. Als er seinem Stand entsprechend geheiratet hat, stellt sich heraus, daß seine Frau einmal die Geliebte von Wilcox war. Von Welt, Moral und Menschen enttäuscht, gibt sich Helen in gefühlsverwirrter Aufwallung dem inzwischen arbeitslosen Bankangestellten hin, der von einem der älteren Wilcox Söhne mit einem Säbel zu Tode attackiert wird, als sich herausstellt, daß Helen durch ihn schwanger geworden ist. In dieser Totschlagszene kulminiert einmal auch ganz offen die bis dahin von Ivory meist bedeckt gehaltene bissige Ironie Forsters: Einer aus dem hochnäsigen Wilcox-Clan fühlt die Familienehre in den Schmutz gezogen, weil jemand mit einer "Angeheirateten" aus der nach wie vor geringschätzig angesehenen Schlegel-Familie "Schande" zeugte. Für diese von Standesdünkel und Prüderie durchdrungene Auffassung kommt der selbstherrliche Totschläger zwar ins Gefängnis; und Vater Wilcox, schon durch die Aufdeckung seines früheren Verhältnisses zu der Frau des Getöteten ins Zwielicht geraten, bricht nun vollends zusammen. Aber Margaret, die im geerbten "Howards End" Helen und ihrem Baby eine Heimat gibt, sorgt an diesem idyllischen Ort auch für die Läuterung und Wiederaufrichtung von Wilcox. Allmählich wird nach all diesen Schicksalsschlägen den Wilcox' wie den Schlegels bewußt, daß man sich mit Toleranz über die sozialen und kulturellen Gegensätze hinweg aufeinander zubewegen muß, um lebenswertes Leben zu erreichen. So schließt sich der Kreis von Erfahrung und Erkenntnis für alle just an dem Ort, den die Wilcox - wieder einer von Forsters satirischen Seitenhieben - der Schlegelschen Margaret jahrelang vorenthielten, indem sie den letzten Willen ihrer verstorbenen Mutter als "unverantwortliche Schrulle" ignorierten und das Testament vernichteten.

Das Geflecht von Personen mit dem Zwang, sich gegenseitig ihre Lebenslügen und falschen Gefühlswelten glaubhaft zu machen, und dem daraus wiederum resultierenden "Zwang" nach der Entladung seelischen Sprengstoffes in Ahnung von der heilenden Kraft der Wahrheit - es rührt am stärksten an, wenn die Dramatik in kleinen Bewegungen, Gesten und Blicken sich ausdrückt und nicht so sehr die tragischen Akzente "drücken". Daß Ivorys schwelgerische Ästhetik in der Ausmalung des viktorianischen Sittenbildes die gesellschaftskritische Subtanz der Vorlage zurückdrückt und das Widerborstige im eigentlich den ganzen Film durchziehenden Duell zwischen der fortschrittlich denkenden Helen und dem stockkonservativen Wilcox in bildlicher Schönheitspflege geglättet wirkt, dürfte am wenigsten problemmüde Zeitgenossen bekümmern, die in ihrem Verlangen nach Trost und Kompensation sowieso am liebsten nur von vergangenen Welten das "Schöne" sehen wollen.
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