Tiggers großes Abenteuer

Kinderfilm | USA 2000 | 77 Minuten

Regie: Jun Falkenstein

Der hüpfende "Tigger", ein ausgelassenes, lebensfrohes Wesen mit Anleihen bei einem Tiger, stellt in diesem "Winnie Puuh"-Zeichentrickfilm fest, dass er als wahrhaft einzigartiges Wesen keinerlei Artgenossen zu besitzen scheint. Seine Suche nach der "Tigger-Familie" wird für seine Gefährten im Hundertmorgenwald zur Bewährungsprobe ihrer Freundschaft. Der liebenswerte, kindgerechte Film nach den Figuren von A.A. Milne ist visuell eine Rückkehr zur Einfachheit der ganz von der Figuren-Animation lebenden Disney-Cartoons der 60er- und 70er-Jahre. Eingebunden in eine charmante Geschichte wird daraus ein lohnender Familienfilm. - Sehenswert ab 6.
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Filmdaten

Originaltitel
THE TIGGER MOVIE
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2000
Produktionsfirma
Walt Disney Animation Japan/Walt Disney Television Animation
Regie
Jun Falkenstein
Buch
Jun Falkenstein
Musik
Harry Gregson-Williams · Richard M. Sherman · Robert B. Sherman
Schnitt
Robert Fisher jr.
Länge
77 Minuten
Kinostart
-
Fsk
ab 0; f
Pädagogische Empfehlung
- Sehenswert ab 6.
Genre
Kinderfilm | Zeichentrick
Externe Links
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Heimkino

Verleih DVD
Buena Vista (1.66:1, DD5.1 engl./dt.)
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Diskussion
Nicht vielen Filmemachern wurde die Ehre zuteil, sich im Wortschatz gleich mehrerer Sprachen verewigt zu finden. Während das früher gebräuchliche Adjektiv „chaplinesk“ etwas in Vergessenheit geraten ist, gehört das englische „disneyfication“ zum Standardvokabular der postmodernen Kulturkritik. Nichts Gutes freilich ist damit im Allgemeinen gemeint: „Disneyfizierung“ steht für standardisierende amerikanische Adaptionen von Kulturprodukten europäischer Provenienz. A.A. Milnes klassische Kinderbücher um den Bären Winnie Puuh, die Bewohner des Hundertmorgenwaldes und die Fantasie des Jungen Christopher Robin müssen für ein Standardbeispiel von „disneyfication“ herhalten, wer sich derzeit allgegenwärtig mit Disneys Spielzeugprodukten und einer (unrühmlichen) Fernsehserie konfrontiert sieht. Dabei sind Disneys drei zwischen 1966 und 1973 entstandene Kurzfilme geradezu Musterbeispiele werktreuer Literaturverfilmungen. Mit dem Öffnen der Buchdeckel tanzen die Figuren verspielt über die Seiten, deren Wortlaut auf der Leinwand zu lesen ist, bis etwa ein Unwetter oder ein Bienenschwarm alles gründlich durcheinanderwirbelt. Ein anderes Mal dienen die Textspalten dem Bären als Trittleiter, wenn er auf seinen berühmten Honigbaum klettert. Zarte Aquarellfarben überführen den Charakter der alten Illustrationen in romantische Kinobilder.

Mehr als ein Vierteljahrhundert ist seither vergangen, vieles hat sich verändert, insbesondere im Disney-Studio. Umso größer die Überraschung: Dieser „Tigger-Film“, gestaltet im Wesentlichen von zwei jungen Filmemacherinnen im Disney-Studio, der Regiedebütantin Jun Falkenstein und der Produzentin Cheryl Abood, ist eine Rückkehr zu einer vergessen geglaubten Einfachheit in Animation und Erzählduktus. Wer könnte vergessen, das eine einfache Geschichte erst in der ebenso einfachen, ganz auf die Figuren konzentrierten Animation - diese bleiben als Bleistiftzeichnungen erkennbar - und warmer Bilderbuchästhetik der kindlichen Wahrnehmung am nächsten kommt? Der verspielte Tigger ist nun einmal eine ganz auf das jüngste Publikum zugeschnittene Identifikationsfigur. Während alle anderen Tiere im Wald ihren kleinen Beschäftigungen nachgehen, hüpft er aufgekratzt umher. Niemand freilich will mit ihm spielen, und als er gar im Übermut das Haus des armen Esels I-Aah ruiniert, werden gewisse Unterschiede im Temperament offenkundig. Känguru-Mädchen Ruh hat Mitgefühl mit dem so einzigartigen Tigger und ermuntert ihn, seine Artgenossen zu suchen. Jeder habe doch schließlich eine Familie. Eine entsendete Flaschenpost bleibt ohne Antwort, und als die Freunde schließlich selbst einen Brief an den einsamen Tigger schreiben, wird es nur noch schlimmer: Er missversteht die Nachricht als Besuchsankündigung seiner Familie - und enttarnt schließlich traurig seine Freunde in ihren selbstgeschneiderten Tigger-Kostümen. Verzweifelt macht sich der Einsame nun selbst auf die Wanderschaft, wird von einem Schneesturm überrascht, während seine Freunde nach ihm suchen.

Der simple Ausgangspunkt der Geschichte führt die Filmemacher, die Milnes Stil nacheifern, zu überraschenden grafischen Lösungen: So ergibt sich aus semantischen Doppeldeutigkeiten des Wortes „Stamm-Baum“ eine ganz eigene Topografie der Spurensuche - visualisiert in einem eigenen surrealen Kabinettstückchen. Offensichtlich war man bemüht, den Film ganz im Stil der frühen Vorbilder zu gestalten. Für den Soundtrack reaktivierte man dazu zwei Veteranen aus alten Disney-Tagen: Die Komponisten Richard M. und Robert B. Sherman, bekannt vor allem für ihr Musical „Mary Poppins“ (fd 13 712), gehörten als festangestellte Hauskomponisten einst zu Walt Disneys engsten Vertrauten. Nach einem Vierteljahrhundert der Abstinenz feiern sie nun ihr Comeback als Songschreiber mit klaren, kindgerechten Harmonien, während ihre alten Melodien subtil in den instrumentalen Hintergrund von Harry Gregson-Williams eingewoben sind. Das Ergebnis ist ein Akt geglückter Denkmalpflege, ein kleiner, sympathischer Film, der sich weit besser in den Kanon der alten Klassiker einfügt als alle Großproduktionen, die das Studio in den letzten Jahren herausbrachte.
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