Ferdinand: Geht STIERisch ab!

Animationsfilm | USA 2017 | 109 Minuten

Regie: Carlos Saldanha

Einem liebenswerten kleinen Stier auf einem spanischen Bauernhof steht der Sinn überhaupt nicht danach, sich in der Arena an Matadoren zu messen. Als er wegen eines Irrtums doch nach Madrid zu einem Stierkampf geschickt wird, reißt er von dort alsbald wieder aus und macht sich mit Hilfe seiner tierischen Freunde auf den Weg nach Hause. Aktionsreiche Animationsverfilmung eines bekannten Kinderbuchs, bei dem das Spektakel die pazifistische Botschaft der Vorlage an den Rand drängt. Zudem kann der Film nur in Einzelszenen überzeugen und bleibt ansonsten oft zu oberflächlich.

Filmdaten

Originaltitel
FERDINAND
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2017
Regie
Carlos Saldanha
Buch
Erica Rivinoja · Ian Southwood · J. David Stern · David N. Weiss
Kamera
Renato Falcão
Schnitt
Harry Hitner
Länge
109 Minuten
Kinostart
14.12.2017
Fsk
ab 0; f
Genre
Animationsfilm | Komödie
Diskussion

Ein mächtiges Ungetüm, das – wider seine Natur – partout nicht kämpfen will und das sich auch in der Stierkampfarena nicht für das martialische Treiben interessiert, sondern lieber am Blumen-Bukett des Matadors schnuppert? Das war im Jahr 1938 ein ungewöhnliches Sujet für einen Zeichentrick-Kurzfilm von Walt Disney, und doch trug „Ferdinand, der Stier“ (nach einer Kinderbuch-Vorlage von Munro Leaf und Robert Lawson) dem Studio einen „Oscar“ ein. Eine Auszeichnung für die exzellente Animation und feinen Pointen, aber auch für einen der besten pazifistischen Filme – für eine unerhörte, mutige Botschaft in einer Zeit, in der jenseits des Atlantiks gerade zum Zweiten Weltkrieg gerüstet wurde.

Lange Animationsfilme waren damals noch kaum umsetzbar, heute werden sie dank Computer-Programmen und riesigem logistischem Aufwand am Fließband produziert. Was oft fehlt, sind originelle Geschichten, und so liegt es nahe, sich alten Klassikern zuzuwenden. Ganze sechs Drehbuchschreiber nahmen sich der Vorlage an und stellten sich der Frage des Matadors: „Wie soll man denn mit jemandem kämpfen, wenn der nicht will?“ Oder: „Wie gestalte ich einen Film über einen Stier, der nichts anderes macht, als an Blumen zu schnuppern?“

Ihre Antwort fiel so aus: Als allererstes domestiziert man den putzigen kleinen Hausstier noch ein wenig mehr, indem man ihm das kleine Menschenkind Nina als beste Freundin zur Seite stellt. Zudem baut man die Antagonisten aus, die aus dem Umfeld der anderen kleinen Stiere kommen und nichts lieber täten, als in der Arena von Madrid im Kampf ihre Stärke unter Beweis zu stellen. Dazu malt man die harte Schule des Trainings aus und stellt den unvermeidbaren Kampf ins Zentrum des Finales. Danach stellt man dem wackeren Stier bei der Flucht zurück von Madrid nach Hause aufs Land noch die unvermeidlichen Sidekicks in Form einer leicht trotteligen Ziege und eines gewitzten Igel-Trios zur Seite – fertig sind die Zutaten für eine 106 Minuten umfassende Handlung.

Abgesehen davon, dass die pazifistische Botschaft aus dem Blicffeld gerät, schwächelt das von den Blue Sky Studios produzierte Werk vor allem bei den tragenden Nebenrollen. Nina, die durchaus mit Überlegung in die Geschichte eingefügt worden ist, um den Trennungsschmerz Ferdinands von der alten Heimat plausibler zu machen, rückt als Identifikationsfigur für Kinder über weite Strecken des Films in den Hintergrund. Ferdinands andere Freunde (allen voran die Ziege Elvira) füllen diesen Platz weit oberflächlicher aus, wenn es den gesamten Actionpart zu überbrücken gilt. So ist der dramaturgische Bogen allzu dünn, und die Geschichte muss sich auf immerhin recht gelungene Einzelgags und Szenen wie Ferdinands Auftritt im Porzellanladen verlassen.

Als Moral von der Geschichte bleibt, dass man „Stier“ nicht darauf reduzieren sollte, wie er von außen erscheint, und dies auch für den Menschen gilt. Das ist aller Ehren wert, hat aber doch recht wenig Substanz angesichts all des pulsierenden Spektakels, hinter dem sich diese Botschaft versteckt.

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