Dokumentarfilm | Großbritannien/VR China/USA 2016 | 80 Minuten

Regie: Lu Chuan

Aufwändig gestalteter Dokumentarfilm auf den Spuren von Wildtieren, die in schwer zugänglichen Regionen von China vorkommen. Der auf ein Kinder- und Familienpublikum zielende Film setzt auf Tempo, Witz und Niedlichkeit und blendet bedrohliche Momente wie Jagdszenen innerhalb des Tierreichs so weit wie möglich aus. Dadurch wirkt das Werk ebenso geglättet wie durch die Vermenschlichung des Tierlebens, die naturwissenschaftliche Genauigkeit der Identifikationskraft mit den Tieren unterordnet, während die spektakulären Aufnahmen immer wieder zum Staunen reizen.

Filmdaten

Originaltitel
BORN IN CHINA
Produktionsland
Großbritannien/VR China/USA
Produktionsjahr
2016
Regie
Lu Chuan
Buch
David Fowler · Brian Leith · Phil Chapman · Lu Chuan
Kamera
Justin Maguire · Shane Moore · Rolf Steinmann · Paul Stewart
Schnitt
Matthew Meech
Länge
80 Minuten
Kinostart
18.01.2018
Fsk
ab 0; f
Genre
Dokumentarfilm | Tierfilm
Diskussion

Die Betrachtung von Tieren und die filmische Dokumentation ihrer Eigenheiten ist so beliebt und lukrativ wie nie zuvor. Im Internet finden sich zahlreiche Anleitungen, wie sich mit Katzenvideos Geld verdienen lässt; im Jahr 2015 sollen angeblich 90 Prozent des weltweiten Internetverkehrs dadurch bedingt gewesen sein. Doch neben Amateurclips oder launigen Zoo-Serien wie „Panda, Gorilla & Co.“ erfreut sich auch der klassische Tierfilm in Fernsehen und Heimkino großer Beliebtheit. Er profitiert dabei von hochauflösenden Videoformaten und den immer größeren Empfangsgeräten.

Ein seit 50 Jahren unter anderem mit den Adaptionen von Rudyard Kiplings „Dschungelbuch“ erfolgreicher US-amerikanischer Unterhaltungskonzern bringt unter der Marke „Disneynature“ nun die achtzigminütige Dokumentation „Born in China“ in die Kinos. Unter der Regie des Chinesen Lu Chuan wird die Ästhetik der Niedlichkeit mit spektakulären Nahaufnahmen seltener Protagonisten verknüpft. Der erkennbar an Kinder und Familien gerichtete Film heftet sich an die Fersen von Wildtieren, die nur in schwer zugänglichen Winkeln im Reich der Mitte vorkommen. Zu sehen sind Kraniche, die in der chinesischen Mythologie die Seelen der Verstorbenen auf ihrem Rücken in den Himmel tragen; eine Schneeleopardin, die in unwirtlichen Felsregionen ihre beiden Jungen durch den Winter bringt; eine Antilopenherde, die zwischen den Jahreszeiten riesige Distanzen überbrückt und sich durch geschicktes Zusammenrotten gegen natürliche Feinde behauptet; Goldstumpfnasen, sagenhaft hässliche orange-rötliche Kletteraffen, eine der am wenigsten kälteempfindlichen Primatenarten überhaupt; und – ganz Youtube-kompatibel – eine Pandabärin, die im Bambuswald ihr Junges aufzieht, dessen erste Schritte vom verzweifelten Kampf gegen die Schwerkraft geprägt sind.

Formal setzt „Born in China“ stark auf Zeitraffer und Panorama-Aufnahmen der imposanten, meist gebirgigen Schauplätze. Jagdszenen spart der Film weitgehend aus. Wie sich der Reißzahn der Schneeleopardin in das Bergwild bohrt, wie sich der Habicht im Sturzflug den Babyaffen vom Ast krallt: all dies wird nur angedeutet. Bevor es zu blutrünstig wird, dreht die Kamera ab. So haftet der Existenzialität des Überlebenskampfes bei aller winterlichen Unbehaglichkeit etwas Reines, Steriles, Disney-taugliches an. Es ist heute anscheinend undenkbar, in einen launigen Film drastische Abbildungen wie die dürstenden Pelikane aus „Die lustige Welt der Tiere“ (fd 19 270) einzubauen.

Natürlich geben die Filmemacher den Tieren in alter „Dschungelbuch“-Manier auch Namen: So heißt der Affenhäuptling Rooster, sein verspieltes Ziehkind Tao Tao und die Pandamutter Mei Mei. Die Vermenschlichung der Tiere sorgt dafür, dass die Beschreibung des animalischen Lebensalltags irgendwann wie das Abbild menschlicher Zustände erscheint. Jedes Bild dient dazu, dem kindlichen Zuschauer nicht nur den Babyaffen, sondern auch das Leopardenjunge als einen von uns zu präsentieren, was der Erzählung gut gelingt. In diese Identifikation packen die Produzenten allerdings jede Menge Weltanschauung. Werte wie Familiensinn werden gepredigt, ohne dass überhaupt zur Sprache kommt, dass sich bei den Leoparden die Männchen vor der Geburt aus dem Staub machen, es in diesem Sinne also gar keine Familie gibt. Auch die Frage, wie sich menschliches Verhalten auf den Lebensraum der Tiere auswirkt, bleibt unbeleuchtet. Menschen kommen vor der Kamera erst in den „Making of“-Ausschnitten im Abspann vor; hier kann man die körperlichen Anstrengungen der Produktion bei den Aufnahmen in eisiger Kälte erahnen.

So lebt „Born in China“, den „Disneynature“ im Internet geschickt mit Lehrmaterialien zu den Verbreitungsgebieten und Gewohnheiten der gefilmten Arten begleitet, am Ende von seinen spektakulären Aufnahmen.

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