Tony Conrad - Completely in the Present

Dokumentarfilm | USA 2016 | 93 Minuten

Regie: Tyler Hubby

Dokumentarisches Porträt des Mathematikers, Filmemachers, Musikers, Performers und Medienprofessors Tony Conrad (1940-2016), der zu den Begründern des musikalischen Minimalismus und den Pionieren im US-Experimentalkino zählt. Der Film verknüpft Fotos, Archivaufnahmen, Konzertmitschnitte und Interviews zu einer materialreichen, kaleidoskopartigen Künstlerbiografie. Von hohem Erkenntniswert sind dabei vor allem die Passagen, in denen Conrad selbst seine Arbeit kommentiert und seine ansteckende Begeisterung vermittelt.

Filmdaten

Originaltitel
TONY CONRAD - COMPLETELY IN THE PRESENT
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2016
Regie
Tyler Hubby
Buch
Tyler Hubby
Kamera
Damian Calvo · Fortunato Procopio
Schnitt
Tyler Hubby
Länge
93 Minuten
Kinostart
11.01.2018
Fsk
ab 12; f
Genre
Dokumentarfilm | Künstlerporträt
Diskussion
Mit fünf Mikros, die zu einem Pentagon angeordnet sind, steht der Musiker, Filmemacher und Performer Tony Conrad auf der Ludlow Street in New York, schräg gegenüber von Haus Nr. 56. Die Straße mag unscheinbar aussehen, doch in der Geschichte der New Yorker Underground-Kultur steht „Ludlow Street“ für eine ziemlich beispiellose Verdichtung von kreativer Energie. Jack Smiths „Flaming Creatures“ (1963), einer der wichtigsten Filme der US-amerikanischen Avantgarde und des queeren Kinos, wurde hier geschnitten und von Conrad vertont. Auch die experimentelle Rockband The Velvet Underground gründete sich in dem schäbigen Apartment, in dem Conrad Anfang der 1960er-Jahre ohne Heizung und Toilette für ganze 25,44 Dollar im Monat lebte. In der Dokumentation von Tyler Hubby erinnert sich der Künstler lebhaft an diese prägende Zeit und zeichnet dabei wie nebenbei das Porträt einer Stadt, die vor ihrer erbarmungslosen Kapitalisierung durchaus Platz für andere Lebensweisen bereithielt. Von einer retrospektiven Verklärung sind Conrads Reminiszenzen jedoch weit entfernt. Sein Interesse ist weit mehr darauf gerichtet, was jetzt, in eben diesem Moment, passiert. So streckt er mit fast kindlicher Begeisterung seine Mikro-Konstruktion in die Höhe und ruft: „Ich möchte die Atmosphäre des Viertels einfangen.“ „Tony Conrad – Completely in the Present“ zeichnet eine materialreiche Biografie des 2016 verstorbenen Künstlers. Der Dokumentarist Tyler Hubby, der Conrad über einen Zeitraum von 22 Jahren immer wieder filmte, montiert Fotos, Archivaufnahmen, Konzertmitschnitte aus eher jüngerer Zeit sowie Interviews mit Musikern, Künstlern, Filmemachern, Kuratoren und Kunsthistorikern, darunter Tony Oursler, Jim O’Rourke, Moby, Jennifer Walshe und Marie Losier. In den letzten Jahren konnte man den Künstler, der so präzise wie bildhaft über seine Arbeit spricht („Der Sound kommt auf einen zu wie ein Zug. Man steht auf den Gleisen, und auf einmal kommt er. Wow!“), vor allem bei Auftritten als Geigenspieler in namhaften Galerien und Museen erleben. Conrad, der sich auch in dem Film immer wieder gegen jede Form der Musealisierung ausspricht, wurde vom Kunstbetrieb zuletzt heftig umarmt. Insofern ist auch „Tony Conrad: Completely in the Present“ von dem Grundwiderspruch durchzogen, den noch fast jede Dokumentation über einen Avantgardekünstler teilte: Noch im Beharren auf kompromissloser Unangepasstheit schreibt sie unweigerlich an deren Institutionalisierung mit. Schon während seines Mathematikstudiums in Harvard beschäftigte sich Conrad mit den Ideen von John Cage und Karlheinz Stockhausen, bevor er in New York mit der experimentellen Musikszene in Kontakt kam. Zusammen mit John Cale, La Monte Young, Angus MacLise und Marian Zazeela formierte sich das Theatre of Eternal Music, das später auch unter dem Namen Dream Syndicate bekannt wurde. Die mikrotonale Musik des Dream Syndicate war ein extrem reduzierter Prozess und begründete den musikalischen Minimalismus. Auch wenn es insbesondere Conrad darum ging, das Konzept von Komposition zu zerstören, entwickelte sich die Autorschaft zu einem umkämpften Feld. Da La Monte Young die Aufnahmen über Jahrzehnte nicht herausgab, wurde Conrad aus der Geschichtsschreibung der Minimal Music konsequent herausgestrichen. 1994 gab er zusammen mit John Cale eine systematische Rekonstruktion der frühen Aufnahmen heraus: „Early Minimalism: June 1965“. Conrads anti-professioneller Gestus, sein Ansatz, die Gesetze des Mediums herauszufordern, zeigt sich auch in seinen filmexperimentellen Arbeiten. Sein wohl bekanntester Film, „The Flicker“ (1965), besteht nur aus schwarzen und weißen Bildern, die in ihrer Abfolge zu flimmern beginnen; ein Schlüsselwerk des frühen „strukturellen“ Films. Aus der Überlegung, einen Film zu machen, der 50 Jahre oder länger dauert, gingen zu Beginn der 1970er-Jahre die „Yellow Movies“ hervor, eine Reihe von großformatigen Papierarbeiten, auf die innerhalb eines schwarzen Rahmens unterschiedliche Emulsionen aufgetragen wurden. Die Zeitlichkeit der „Filme“ ergibt sich durch die extrem langsame Veränderung des Bildes: durch das Vergilben des Papiers und das Altern der weißen oder gelben Anstrichfarbe. Andere Filmarbeiten beinhalteten das Einkochen, Würzen und Pökeln von Zelluloid. Auch wenn sich Conrad in seiner Kunst ganz bewusst an den Grenzen des Vereinbarten bewegte, ging es ihm durchaus darum, verstanden zu werden. Sichtbar wird sein anti-elitärer und durchaus demokratischer Ansatz nicht zuletzt in seiner jahrelangen Lehrtätigkeit, zum Beispiel als Professor für Medienwissenschaft in Buffalo. In einer schönen Szene ist zu sehen, wie Conrad im Hörsaal zunächst Kekse an die Zuhörer verteilt. Oder in seiner Rolle als Pionier des Offenen-Kanal-Fernsehens. In den 1990er-Jahren initiierte Conrad gemeinsam mit der Künstlerin Barbara Rowe die „Homework Helpline“, eine Sendung, die vor allem Kinder aus sozial minderprivilegierten Vierteln erreichen sollte, die wenig Motivation für Bildung verspürten. „Wir feierten die Hausaufgaben“, erzählt Conrad. Dass das Feiern im Sinne einer Überhöhung des Alltags und der Intensivierung von Gegenwart für Conrad ein wichtiges Moment ist, wird in dem Dokumentarfilm wiederholt sichtbar. Etwa wenn der Künstler an einer belebten Straßenkreuzung steht und den Verkehr wie ein Improvisationskonzert „dirigiert“, mit aller Aufmerksamkeit für die lauten und leisen, die angenehmen wie die eher anstrengenden Töne der Straße. Conrad blickt zufrieden einem Lastwagen hinterher: „Das war ein schöner Bass.“
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