Wo bist Du, Joâo Gilberto?

Dokumentarfilm | Schweiz/Deutschland/Frankreich 2018 | 111 Minuten

Regie: Georges Gachot

Auf den Spuren einer gescheiterten journalistischen Recherche nach dem brasilianischen Musiker João Gilberto, die der Autor Marc Fischer literarisch als Reise- und Detektivroman veröffentlicht hat, wiederholt der Dokumentarfilm die Suche nach der Bossa-Nova-Legende, die sich seit 30 Jahren radikal aus der Öffentlichkeit zurückgezogen hat. Das Buch und seine Materialien, Fotos, Film- und Tonaufnahmen geleiten zu den Ursprüngen und den Wegbereitern des Bossa Nova, wobei die Suche nach dem exzentrischen Künstler zum Dreh- und Angelpunkt eines Films über Musik, Kunst und Leidenschaft wird. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
WO BIST DU, JOÂO GILBERTO? | OÙ ES TU, JOÂO GILBERTO?
Produktionsland
Schweiz/Deutschland/Frankreich
Produktionsjahr
2018
Regie
Georges Gachot
Buch
Georges Gachot · Paolo Poloni
Kamera
Stéphane Kuthy
Musik
João Donato
Schnitt
Julie Pelat
Länge
111 Minuten
Kinostart
22.11.2018
Fsk
ab 0; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 14.
Genre
Dokumentarfilm
Diskussion

Die Suche nach der brasilianischen Bossa-Nova-Legende João Gilberto, der sich vor 30 Jahren radikal aus der Öffentlichkeit zurückgezogen hat, als Gegenstand eines kenntnisreichen Dokumentarfilms, der von der legendären Zeit der brasilianischen Musik sowie von Kunst und Leidenschaft erzählt.

„Seit dreißig Jahren“, schreibt der deutsche Journalist Marc Fischer, „versteckt er sich in seinem Zimmer und lebt allen Menschen entgegengesetzt: Er steht auf, wenn alle anderen schlafen gehen; er legt sich hin, wenn andere aufstehen, wie ein Gespenst. Kaum jemand bekommt ihn je wirklich zu Gesicht.“ In seinem 2011 erschienenen Buch „Hobalala – Auf der Suche nach João Gilberto“ schildert er die Suche nach einem Phantom.

Gilberto gilt als die Seele des Bossa Nova, die Ende der 1950er-Jahre in Rio de Janeiro die brasilianische Musik revolutionierte. Auch wenn der Sänger und Gitarrist selbst nur wenige Lieder schrieb, wurde er durch seine besondere Art rhythmischer Evergreens wie „Girl from Ipanema“, „Chega de Saudade“, „Hobalala“ oder „Corcovado“ mit leiser Gitarre und sanfter Stimme weltbekannt.

Fischer befragte Freunde, Angehörige und Kollegen und suchte in den Straßen von Rio, aber auch in dem brasilianischen Provinzstädtchen Diamantina nach dem Musiker. Sein facettenreiches Porträt zeichnete das Bild eines eigenwilligen, extrem perfektionistischen Musikers, der sich vor der Vereinnahmung durch die Musikindustrie in die Einsamkeit flüchtet. Der Text liest sich weniger wie ein Sachbuch als vielmehr wie eine romantische Detektivgeschichte. Am Ende kehrt er Brasilien den Rücken, ohne den greisen Musiker getroffen zu haben: „Warum haben wir ihn nicht gefasst, Watson? Wir haben doch alles versucht!“, fragt er seine brasilianische Assistentin. „Weil die Sehnsucht nicht zu fassen ist, Sherlock, von niemandem. Und João ist die Sehnsucht selbst.“

Als Fischer nach Berlin zurückkehrt, ist dort „nichts mehr so, wie es vorher war“, heißt es am Ende des Buches, eine Anspielung auf die Beziehung zu einer Frau, die während seiner Zeit in Rio zu Ende gegangen ist. Eine Woche vor Erscheinen des Buches nahm Fischer sich das Leben.

Keine herkömmliche Buchverfilmung

Auch der Schweizer Filmemacher Georges Gachot hatte wiederholt versucht, João Gilberto zu treffen. Bereits 2003 drehte er erste Dokumentationen über brasilianische Musik. Im Jahr 2010 weilten Gachot und Fischer fast gleichzeitig im Strandviertel Ipanema in Rio de Janeiro, ohne sich jedoch zu begegnen. Doch „Wo bist du, João Gilberto?“ ist keine herkömmliche Buchverfilmung. Gachot nutzt Fischers sehr poetischen Text eher wie eine Schatzkarte, als eine Art Reiseführer in eine verbotene Region. Er knüpft an Fischers Kontakte an, zunächst bei seiner brasilianischen Assistentin Rachel, die im Buch immer „Watson“ genannt wird, und zu den wenigen Personen, die heute mit Gilberto direkten Umgang haben: sein Manager Otavio, seine zweite Frau Miucha sowie die Fernsehjournalistin Claudia, die Ende 30 ist, aber mit Gilberto eine sechsjährige Tochter hat. Der Film folgt den Orten von Fischers Suche, führt durch die Copacabana und Ipanema, in die Innenstadt von Rio und in die Provinz Minas Garais, wo sich Gilberto in den 1950er-Jahren in der Toilette seiner Schwester einschloss und dort stundenlang Gitarrenakkorde spielte, um seinen eigenen Stil zu finden, seine „Formel“, wie es ein Schallplattenhändler bezeichnet.

„Wo bist du, João Gilberto?“ ist ein ebenso spannender wie melancholischer Film auf den Spuren von Marc Fischer. Es geht nicht darum, warum Fischer sich das Leben genommen hat; am Ende, so der Film, habe ihn seine Sehnsucht getötet. Diese Sehnsucht, seiner bedingungslosen Leidenschaft für eine aussichtslose Suche nachzugehen, spürt auch Gachot nach: „Ich wollte João Gilberto nicht stören. Ich wollte nur, dass er für Fischer dieses Lied „Hobalala“ singt. Ich wollte kein Interview mit ihm führen. Gilberto ist jemand, der über seine Musik wirkt und nicht über das, was er sagt.“

Über dieser Recherche und im Verbund mit Archivbildern und Originalaufnahmen vermittelt der Film eine Menge über die legendäre Zeit der brasilianischen Musik, die 1964 durch den Militärputsch und die 18-jährige Diktatur jäh beendet wurde. „Wo bist du, João Gilberto?“ ist eine Hommage an den Autor Marc Fischer und an den heute 87-jährigen Musiker João Gilberto, aber auch eine Hommage an den Bossa Nova, an ein Brasilien zwischen Lebensfreude und Melancholie.

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