Alexander McQueen

Dokumentarfilm | Großbritannien 2018 | 110 Minuten

Regie: Ian Bonhôte

Der britische Designer Alexander McQueen (1969-2010) mischte mit seinem 1993 gegründeten und nach ihm benannten Label schnell die Modewelt auf. Der Dokumentarfilm entwirft ein Porträt des früh verstorbenen Designers, der sich aus proletarischen Verhältnissen nach oben arbeitete und mit einer spektakulären Mischung aus Futurismus, barocker Opulenz und morbiden Einsprengseln für Furore sorgte. In fünf Kapiteln zeichnet der Film die Arbeitsbiografie des Ausnahmetalents nach, in dem bislang unveröffentlichtes Archivmaterial aus dem Videozeitalter und konzentrierte Interviews herausstechen. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
MCQUEEN
Produktionsland
Großbritannien
Produktionsjahr
2018
Regie
Ian Bonhôte · Peter Ettedgui
Buch
Peter Ettedgui
Kamera
Will Pugh
Musik
Michael Nyman
Schnitt
Cinzia Baldessari
Länge
110 Minuten
Kinostart
29.11.2018
Fsk
ab 12; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 16.
Genre
Dokumentarfilm
Diskussion

Dokumentarfilm über den britischen Modedesigner Alexander McQueen (1969-2010), der durch den Einbezug von unveröffentlichtem Archivmaterial und konzentrierte Interviews hervorsticht.

In ruckeligen Bewegungen streift die Videokamera Aquarium, Fernseher, Hund, bis sie einen robusten Mann mit einem leicht groben, aber gleichzeitig auch empfindsamen Gesicht in den Blick nimmt. Der Modedesigner Alexander McQueen raucht und denkt laut über eine neue Haarrasur nach; dabei hat er nur einen hellen Flaum auf dem Kopf. Dass die Zukunft in diesem Moment vor ihm liegt, ist den so matschigen wie schlecht ausgeleuchteten Bildern anzumerken. So wird die eigene Historisierung halb scherzhaft vorweggenommen: „The McQueen-Tapes“ – The original documentary on Alexander McQueen“, kündigt eine Stimme aus dem Off an.

Die frühen Home-Video-Aufnahmen, die McQueens ehemaliger Assistent Sebastian Pons drehte, haben tatsächlich Eingang in die „originale“, das heißt mit Beteiligung von Familienmitgliedern und ehemaligen Mitarbeitern entstandene Dokumentation über den britischen Ausnahmedesigner gefunden, der sich einen Tag vor der Beerdigung seiner Mutter im Alter von 40 Jahren das Leben nahm. Das persönliche und in seiner trashigen Grisseligkeit seltsam anziehende Material, das einen schönen Kontrast zum hochpolierten Blockbuster-Look der animierten Kapitelsequenzen bildet, ist einer der Gründe, warum der Film von Ian Bonhôte und Peter Ettedgui trotz seiner klassischen Machart, dem üblichen Mix aus Talking Heads, Archivaufnahmen und Fotos, über den Standard einer Modemacher-Dokumentation weit hinausgeht. Wann hat man schon mal einen Modeschöpfer von Rang an einer ratternden Nähmaschine gesehen?

Mit Kollektionen wie „Jack the Ripper Stalks His Victims“ (1992), seiner Abschlusskollektion am Londoner St. Martins College of Art and Design, den skandalumrankten Shows „Higland Rape“ (1995) und „Voss“ (2001) mischte Lee Alexander McQueen wie kein anderer Designer die Modewelt auf. McQueens Werdegang war so ungewöhnlich wie seine Entwürfe, die das Futuristische mit dem Morbiden verbanden und zudem mit autobiografischen Spuren durchwebt waren. Der Sohn eines Taxifahrers aus dem Londoner East End lernte bereits als 16-Jähriger das Handwerk bei Traditionsschneidern in der Londoner Savile Row. Nach verschiedenen Anstellungen, unter anderem als Assistent von Romeo Gigli in Mailand, begann er in London ein Modestudium.

Die Anfänge als unscheinbarer junger Mann

Bobby Hillson, die Leiterin des Studiengangs, erinnert sich an einen „unscheinbaren, ungepflegten, unattraktiven Jungen“, der voller Leidenschaft war und dem die fehlende Bildung einen komplett eigenen Zugang zu Literatur, Film und Kunst eröffnete – „er interpretierte die Dinge neu“. Seine Abschlusskollektion stellte für die exzentrische Vogue-Stylistin Isabella Blow eine regelrechte Initiation dar – Blow wurde zu McQueens Muse, Wegbereiterin und Mentorin, wobei die beiden nicht nur die Obsession für Mode verband, sondern auch eine von Traumata überschattete Kindheit – McQueen wurde als Junge von einem Schwager sexuell missbraucht.

1993 gründete Alexander McQueen sein nach ihm benanntes Label, was, wie die Dokumentation deutlich macht, nur mit unbezahlter, hingebungsvoller Arbeit zahlreicher Mitarbeiter möglich war. Die nicht sehr hochwertigen Stoffe finanzierte er von seinem Arbeitslosengeld; nach der ersten Schau reichte das Geld gerade noch für ein Abendessen in einem Schnellrestaurant.

Als McQueen 1997 zum Designer für die Haute Couture des renommierten Modehauses Givenchy berufen wurde, wuchs der Druck. Der Rowdy aus dem East End war plötzlich „Monsieur McQueen“ – mit eigenem Fahrer und einem mehr als stattlichen Gehalt. McQueen pendelte zwischen London und Paris, er war überarbeitet, nahm Drogen, litt unter Depressionen und Paranoia. Beziehungen zu Lebensgefährten und Mitarbeitern gingen in die Brüche. „Die lustigen Zeiten waren vorbei“, erzählt der Ehemann von Isabella „Issie“ Blow, für die McQueen keinen Posten bei Givenchy vorgesehen hatte, was dieser so wichtigen Beziehung einen unheilbaren Knacks versetzte. Mit dem Selbstmord der schwerkranken Weggefährtin im Jahr 2007 nimmt der Film zunehmend den Tonfall eines Requiems an.

Archivaufnahmen werden durch konzentrierte Interviews ergänzt

Ian Bonhôte und Peter Ettedgui erzählen das Leben oder genauer: die Arbeitsbiografie von Alexander McQueen als eine Saga in fünf Kapiteln. Der Komponist Michael Nyman hat dazu einen Soundtrack komponiert, dessen vorwärtstreibende Melodien aus repetitiven Motiven auf die Nerven gehen können, obwohl Nymans Stil zu McQueens eigentümlicher Mischung aus Futurismus und „barocker“ Opulenz ziemlich gut passt. Archivaufnahmen von Modenschauen, Backstage-Szenen und historischen Interviews werden durch Gespräche unter anderem mit McQueens Schwester Janet ergänzt oder engen Mitarbeitern wie Sebastian Pons und der Haarstylistin Mira Chai-Hyde, die sehr konzentriert und aufrichtig über die nicht immer einfache Zusammenarbeit sprechen. Auf die in diesem Format üblichen verkaufsfördernden Anekdoten und dramatischen Countdown-Geschichten wird verzichtet – schließlich gilt es hier nicht eine Marke zu bewerben wie in Filmen über noch lebende, aktiv arbeitende Modemacher.

McQueens spektakuläre Modenschauen werden immer wieder als hochemotionale ästhetische Erfahrungen beschrieben. Die Archivaufnahmen geben auch heute noch einen Eindruck davon. Als das Model Shalom Harlow im tutuhaften weißen Kleid einen Tanz zwischen zwei Robotern vollführt, die sie anschließend mit schwarzer Farbe besprühten, kommen einem unwillkürlich fast die Tränen. Am Ende der Kollektion „Voss“ öffnet sich eine auf der Bühne platzierte Box, in der eine füllige, mit Motten bedeckte Frau auf einer Chaiselongue platziert ist, die zudem an einem Atemgerät hängt – eine direkte Referenz auf eine düstere Fotografie von Joel-Peter Witkin.

„Plato’s Atlantis“ (2009), eine der letzten Kollektionen McQueens, ist ein trans-humanistischer ozeanischer Traum, der nichts von seiner visionären Kraft eingebüßt hat. Man solle sich nach seiner Modeschau nicht wie nach einem Sonntagsessen fühlen, sondern entweder angewidert oder berauscht, sagte McQueen in einem Interview – „Hauptsache, man fühlt etwas“. Man darf sich also nicht wundern, wenn man sich nach „Alexander McQueen“ als sensibilisierterer Mensch wiederbegegnet.

Kommentar verfassen

Kommentieren