Und atmen Sie normal weiter

Drama | Island/Schweden/Belgien 2018 | 102 Minuten

Regie: Isold Uggadottir

Eine isländische Single-Mutter in schwierigen Lebensumständen hofft für sich und ihren kleinen Sohn eine solidere Existenz zu finden, als sie einen Ausbildungsplatz bei der Grenzkontrolle am Flughafen Keflavík ergattert. Dort kreuzt sich ihr Schicksal mit dem einer Frau, die aus Guinea-Bissau geflüchtet ist. Aus dem zunächst angespannten Verhältnis entwickelt sich zögerlich Solidarität. Ein sozialrealistisch aufbereitetes, stilles Drama, das in seinen starken Szenen eindrücklich von einer kalten, sich hinter Formalitäten verschanzenden Gesellschaft und der Notwendigkeit humanen Handelns erzählt, aber auch vor manchen Klischees nicht zurückschreckt. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
ANDIÐ EÐLILEGA
Produktionsland
Island/Schweden/Belgien
Produktionsjahr
2018
Regie
Isold Uggadottir
Buch
Isold Uggadottir
Kamera
Ita Zbroniec-Zajt
Musik
Gisli Galdur
Schnitt
Frédérique Broos
Darsteller
Kristín Þóra Haraldsdóttir (Lara) · Babetida Sadjo (Adja) · Patrik Nökkvi Pétursson (Eldar) · Bragi Arnason (Helgi) · Þorsteinn Bachmann (Hörður)
Länge
102 Minuten
Kinostart
-
Pädagogisches Urteil
- Ab 14.
Genre
Drama
Diskussion

Ein sozialrealistisch aufbereitetes Drama aus Island um zwei Frauen in prekären Lebenslagen, deren Wege sich kreuzen.

Der Wind weht scharf und kühl über die weiten Ebenen Islands. Immer wieder nutzt das Regie-Debüt der 1975 geborenen Isold Uggadottir Wetter und Landschaft, um den Gefühlen seiner Figuren Bilder zu geben. Es ist aber nicht das romantische Island der Geysire und Vulkane, das hier gezeigt wird, sondern eine unwirtliche, raue, ganz und gar unidyllische Landschaft, die sich für die von Ita Zbroniec-Zaj gestalteten Breitwand-Bilder besonders eignet, die aber auch den ganz und gar nicht idyllischen Verhältnissen entspricht, die hier gezeigt werden.

Die Kamera ist eine beobachtende, sie pendelt, wie überhaupt die Perspektive des Films, zwischen Distanz und Nähe. Das erste, was sie zeigt, ist eine Frau beim Einkauf in einer Tankstelle. Die ca. 30-jährige Lara hat offenkundig wenig Geld - die Demütigung der verweigerten Kreditkarte, der Ware, die zurückgegeben werden muss, die distanzierte Reaktion anderer Kunden gehören alle bereits zu den narrativen Stereotypen eines derartigen filmischen Sozialrealismus.

Lara fährt in einem alten Golf umher, hat mit Eldar einen Sohn im Grundschulalter und lebt in einem barackenartigen Sozialbau. In wenigen, etwas dick aufgetragenen Skizzen etabliert Uggadottir die Überforderung einer alleinerziehenden Mutter und eine daraus resultierende Sentimentalität als Grundhaltung.

Zwei Frauen, die versuchen, dem Elend zu entkommen, begegnen sich

Kurz darauf geht es ins Tierheim, wo sich Eldar eine Katze aussuchen darf. "Wie kommt man darauf, Tiere in einem Käfig zu halten?" fragt der Kindermund des Sohnes vielleicht etwas übertrieben naiv. Da ist schon zu ahnen, auch wenn man zuvor nichts über diesen Film erfahren hat, dass dieses Motiv einem bald wiederbegegnen wird, in der ungleich schärferen Form einer Art Käfighaltung von Menschen.

Denn mit der nächsten Post kommt außer einem Berg von Mahnungen auch ein erfreulicher Amts-Brief: Die arbeitslose Lara erhält einen Job als Grenzkontrolleurin am internationalen Flughafen. Der sogenannte "Island Trick", einen Interkontinentalflug bei der Zwischenlandung in Reykjavik zu verlassen und so im Schengen-Raum zu landen, ist international bekannt; die Abwehr solcher Ankömmlinge wird der Hauptteil von Laras Arbeit. Zunächst ist sie befristet, Lara muss auf Bewährung arbeiten und ist zu ungewohnter Pünktlichkeit und Disziplin gezwungen.

Beflissen versucht sie, alles zu lernen, und schreibt fortwährend mit, was ihr gezeigt wird. Diensteifrig korrigiert sie auch sofort einen Kollegen, als ihr dessen Fehler auffällt: So ist Lara schuld, dass die Afrikanerin Adja bei der Passkontrolle erwischt wird, nachdem sie bereits durchgekommen war.

"Tut mir leid, aber das sind die Regeln"

Es ist ein kluger Einfall des Drehbuchs, das Schicksal Laras dem von Adja gegenüberzustellen: Beide werden gegeneinander aufgebracht von einem kalten, rein funktionalen System, obwohl beide doch eigentlich viel gemeinsam haben, da beide zu den "Prekären" gehören. Nur dass die eine Drinnen ist, und die andere Draußen bleiben soll.

Adja, die nur behauptet hat, einen französischen Pass zu haben, tatsächlich aus Guinea-Bissau kommt, landet nach kurzem Prozess und Gefängnisaufenthalt unter Meldeauflagen in einer Abschiebeunterkunft. Ein paar Szenen dieses Mittelteils gehören zu den besten des Films, etwa wenn Uggadottir die Sprachdifferenz benutzt, um Gleichgültigkeit zu zeigen. Oder wenn sich immer wieder Menschen, statt human zu handeln, auf Formalitäten zurückziehen und Adja wie Lara stereotyp den Satz zu hören bekommen: "Tut mir leid, aber das sind die Regeln."

Filmisch bleibt "Und atmen Sie normal weiter", der 2018 in einer Reihe des Sundance-Festivals einen Regiepreis gewann, im Rahmen des Konventionellen. Langsam, mitunter träge schleppt sich die Story voran. Über die Hauptfigur Lara wird fast zu vieles erzählt - sie verliert ihre Wohnung, sie war in früheren Jahren offenbar drogenabhängig, sie geht gelegentlich mit einer verheirateten Nachbarin ins Bett -, worunter die Konzentration aufs Wesentliche leidet. Zudem fällt es schwer, sich mit dieser Frau zu identifizieren oder sie zu mögen, weil sie immer wieder verantwortungslos handelt und immer aufs Neue offensichtliche Fehlentscheidungen trifft. Zusammengenommen unterstützt ihre Charakterisierung gewisse reaktionäre Klischees über alleinerziehende Frauen. Nur die flüchtige Asja hat Verständnis für Lara, redet ihr aber auch ins Gewissen.

Lange erzählt der Film die Geschichte der beiden Frauen parallel, mit nur drei kurzen Überschneidungen, um sie dann in der letzten halben Stunde ganz zusammenzuführen. Man kann "Und atmen Sie normal weiter" wohl als ein stilles Melodram charakterisieren, das auf Klischees und rhetorische Fragen nicht verzichtet, um seinem Publikum am Ende doch eine eher diffuse Moral im Happy-End-Gewand zu servieren: Eine Prise Frauensolidarität, und ein Stückchen Anarchie mögen zwar die Welt nicht besser machen, immerhin aber das Dasein der beiden Hauptfiguren.

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