Niemandsland - The Aftermath

Drama | USA/Großbritannien/Deutschland 2018 | 109 Minuten

Regie: James Kent

Ein britischer Militärattaché und seine Frau beziehen nach Ende des Zweiten Weltkriegs eine besetzte Stadtvilla in Hamburg, deren vorherige Besitzer, ein Architekt und seine Tochter, weiterhin im Dachgeschoss wohnen dürfen. Damit ist der Grundstein für eine Affäre zwischen der einsamen Offiziersfrau und dem depressiven Architekten gelegt, die sich beide in der Trauer um geliebte Tote treffen. Das ästhetisch superbe, sorgfältig gefilmte Melodram vermittelt durch Blicke, Gesten und einzelne Gegenstände tiefe Einblicke in die Welt der Protagonisten, legt die Figur des Architekten aber zu oberflächlich an und mutet auch der britischen Ehefrau einen abrupten Sinneswandel zu. Der zentrale Handlungsort der Villa entwickelt sich zur schillernden Metapher eines vieldeutigen „Niemandslands“. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
THE AFTERMATH
Produktionsland
USA/Großbritannien/Deutschland
Produktionsjahr
2018
Regie
James Kent
Buch
Joe Shrapnel · Anna Waterhouse · Rhidian Brook
Kamera
Franz Lustig
Musik
Martin Phipps
Schnitt
Beverley Mills
Darsteller
Alexander Skarsgård (Stefan Lubert) · Keira Knightley (Rachael Morgan) · Jason Clarke (Lewis Morgan) · Martin Compston (Burnham) · Kate Phillips (Susan Burnham)
Länge
109 Minuten
Kinostart
11.04.2019
Fsk
ab 12; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 16.
Genre
Drama | Kriegsfilm | Liebesfilm | Literaturverfilmung | Melodram
Diskussion

Melodram um eine leidenschaftliche Affäre zwischen der Ehefrau eines britischen Offiziers und einem Architekten in Hamburg während der unmittelbaren Nachkriegszeit.

Dieser Film ist wunderschön anzusehen. Attraktive Menschen in tollen 1940er-Jahre-Kostümen bewegen sich durch geschmackvoll eingerichtete Räume einer atemberaubenden Villa, vorteilhaft ausgeleuchtet und in ästhetischen Bildern eingefangen. Filmsprachlich macht das durchaus Sinn, zumindest, was das Setting betrifft. Der zentrale Handlungsort in „Niemandsland – The Aftermath“ ist eine herrschaftliche Villa am Hamburger Elbufer, eine Art Insel, räumlich wie optisch deutlich von der vom Krieg verwüsteten Umgebung getrennt. Eben ein „Niemandsland“, wie man ein „herrenloses“ Gebiet oder einen Ort nennt, der zwischen den Fronten liegt.

Für das Gebäude im zerstörten Nachkriegs-Hamburg trifft beides zu. Wer in diesem Hause das Sagen hat, ist nicht ganz klar. Und auch die Fronten und Diskussionslinien zwischen deutschen und britischen Verlusten, Verletzungen und Schuldzuweisungen verlaufen mitten durch das schöne Anwesen hindurch (ohne dass hier die deutsche Verantwortung für den Zweiten Weltkrieg relativiert würde).

Die Villa, die bislang im Besitz einer vermögenden Hamburger Familie war, wird von der britischen Militärregierung okkupiert. Wenige Monate nach Kriegsende leben der mit dem Aufbau der Stadt befasste Oberstleutnant Lewis und seine Gattin Rachael darin. Doch weil Lewis ein großer Menschenfreund ist, lässt er den früheren Hausherrn, den ehemaligen Architekten Stefan Lubert, und dessen aufmüpfige Tochter Freda im Dachgeschoss wohnen. Womit sich eine etwas unklare Hierarchie in der Villa ergibt, was beiläufig anhand des irritierten Hauspersonals erzählt wird, aber auch den Grundstein für eine leidenschaftliche Affäre zwischen Rachel und Lubert legt.

Trauer um geliebte Tote

Bei dieser Liebesgeschichte zwischen der einsamen, von ihrem Mann vernachlässigten Britin und dem nicht minder niedergedrückten Deutschen haben sich die Drehbuchautoren und Regisseur James Kent allerdings zu sehr auf die äußere Anziehungskraft ihrer Hauptdarsteller verlassen. Vor allem die Figur von Lubert bleibt blass, was mehr am Drehbuch und weniger an der Darstellung durch Alexander Skarsgard liegt. In einem Melodrama, bei dem die „inneren“ Handlungen zentral sind, ist das ein nicht unwesentliches Manko. Weshalb die Affäre zwischen diesen zwei ebenso schönen wie traurigen Menschen –Rachael hat ihren Sohn im Krieg verloren, Lubert betrauert den Tod seiner Frau – nicht ganz zwingend und nachvollziehbar erscheint.

Diese Liaison soll zwar nicht die große Liebe sein, sondern steht eher für gegenseitigen Trost. „Niemandsland“ nach dem gleichnamigen Roman von Rhidian Brook transportiert durchaus gekonnt, dass sich hier zwei verlorene Seelen zusammentun, für die der jeweils andere Ersatz für einen großen Verlust ist. Nichtsdestotrotz hätte eine größere dramatische Tiefe dieser Beziehung gutgetan.

Ein abrupter Sinneswandel

Der von Jason Clarke gespielte gehörnte Ehemann hat die deutlich dankbarere Rolle, die der australische Schauspieler mit Bravour ausfüllt. Sein Charakter schillert zwischen fürsorglich und kalt, idealistisch und resigniert. Während er gegenüber den einstigen Kriegsgegnern auf Verständnis und Offenheit setzt, weist er die Sehnsucht seiner Frau nach Nähe und Austausch über den Verlust brüsk zurück und flüchtet sich in Arbeit. Diese spielt hier mit all ihren Begleitumständen auch eine wichtige Rolle: der Wiederaufbau nach dem Krieg, die Entnazifizierung, Not und Leid in der völlig verwüsteten Stadt, die terroristischen Anschläge der „Werwölfe“, und Fredas Nähe zu einem von ihnen.

Neben Clarke überzeugt auch Keira Knightley, was umso bemerkenswerter ist, als ihr das Buch einen einigermaßen abrupten Sinneswandel zumutet: Während Rachael Lubert wie auch allen anderen Deutschen zunächst explizit ablehnend begegnet, schmilzt dieser Widerstand recht schnell dahin und macht völliger Hingabe Platz. Auch ein paar höchst melodramatische Szenen lassen sowohl die Darstellerin wie auch den Film an Grenzen kommen.

Blicke, Gesten, Gegenstände

Anregender ist die äußert sorgfältige Produktion, wenn sie mit wenigen Blicken, Gesten oder Gegenständen so präzise wie elegant ganze Welten zu erzählen weiß: mit dem Pulli des toten Sohnes, den Rachael mit sich herumträgt. Dem ersten Wiedersehen von Rachael und Lewis nach langer Trennung. Oder einer grandiosen Sequenz, in der das Ehepaar zu einer Abendveranstaltung geht und sich für Lewis aus kleinen Bemerkungen und Irritationen die Erkenntnis aufdrängt, dass seine Frau ihn betrügt. Womit sich die Drehbuchautoren Joe Shrapnel, Anna Waterhouse und Rhidian Brook sowie Regisseur James Kent insgesamt durchaus als des melodramatischen Genres würdig erweisen.

Kommentar verfassen

Kommentieren