Drama | Spanien 2018 | 103 Minuten

Regie: Arantxa Echevarría

In einem überwiegend von Roma bewohnten Vorort von Madrid verlieben sich zwei junge Frauen ineinander und träumen von einem Leben außerhalb des ihnen bestimmten Schicksals, zu heiraten und möglichst viele Kinder auf die Welt zu bringen. Doch in der von Ritualen und strengen Regeln bestimmten Welt der Gitanos ist für solche Sehnsüchte keine Platz. Ohne auf gängige Stereotypen zurückzugreifen, skizziert das Drama detailreich den Alltag der Gitanos, die sich gegen die feindliche Umwelt in starren Traditionen verbunkert haben. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
CARMEN Y LOLA
Produktionsland
Spanien
Produktionsjahr
2018
Regie
Arantxa Echevarría
Buch
Arantxa Echevarría
Kamera
Pilar Sánchez Díaz
Musik
Nina Aranda
Schnitt
Renato Sanjuán
Darsteller
Zaira Romero (Lola) · Rosy Rodríguez (Carmen) · Moreno Borja (Paco) · Rafaela León (Flor) · Carolina Yuste (Paqui)
Länge
103 Minuten
Kinostart
09.05.2019
Fsk
ab 12
Pädagogisches Urteil
- Ab 16.
Genre
Drama | Liebesfilm
Diskussion

In einem überwiegend von Roma bewohnten Vorort von Madrid verlieben sich zwei junge Frauen ineinander und träumen von einem Leben außerhalb des ihnen bestimmten Schicksals, zu heiraten und möglichst viele Kinder auf die Welt zu bringen.

Eine junge Frau sprayt einen großen Vogel an die Wand eines armseligen Hauses. Es ist ein Ausdruck ihrer Sehnsucht nach Freiheit, die sie in ihrem Alltag nicht finden kann. Lola ist 17 Jahre alt und eine Gitana, eine spanische Roma; sie lebt mit ihrer Familie in einer verwahrlosten Siedlung in einem Vorort von Madrid. Lola will mehr vom Leben, sie möchte einen anderen Weg gehen als die Frauen in der Roma-Gemeinde, etwa ihre Mutter, die wie so viele kaum lesen und schreiben kann.

Lola ist auf anderes aus als nur „Kinder haben, einen Ehemann und ein Haus zum Putzen“. Sie geht zur Schule und träumt davon, Lehrerin werden, was in der spanischen Gesellschaft nahezu unmöglich ist, da den Gitanos allenfalls der Beruf der Friseurin oder Tänzerin zugestanden wird.

„Ich heirate bald“

Die ein Jahr ältere Carmen hat damit kein Problem: Sie wird sich mit Lolas Vetter Rafa verloben und träumt davon, einen Friseursalon zu eröffnen. „Warum soll ich auf die Schule gehen“, fragt sie, „ich heirate bald.“ Die beiden jungen Frauen lernen sich auf dem Wochenmarkt kennen, wo ihre Eltern Gemüse und Antiquitäten verkaufen. Sie kommen sich näher und verlieben sich ineinander, was in dem patriarchalischen, von strengen Moralvorstellungen geprägten Mikrokosmos nicht gutgehen kann. Bald kursieren in der Nachbarschaft Gerüchte, und die Situation in der Familie eskaliert.

„Carmen & Lola“ erzählt vom Leben junger Frauen in der durch strenge Traditionen bestimmten Gesellschaft der Gitanos in Madrid. Der Film enthüllt unterschiedliche Facetten dieser Gemeinschaft, in den Familien und auf dem Wochenmarkt, aber auch in den Gottesdiensten der freikirchlichen Gemeinde mit Kirchenliedern, die zu Flamenco-Rhythmen gesungen werden.

Gitanos und „Papayas“

Die Bewohner dieser kleinen Welt leben in wirtschaftlich prekären Verhältnissen; sie sind nach außen isoliert und finden ihre Stärke in der eigenen Gemeinschaft. Die spanische Mehrheitsgesellschaft taucht in „Carmen & Lola“ kaum auf. Einmal geht Carmen in einen Friseursalon, um nach einer Lehrstelle zu fragen, zieht sich aber sofort zurück, als sie als Gitana identifiziert wird. Die jahrhundertelange Diskriminierung haben die Gitano über Generationen tief verinnerlicht; die Grenzen zwischen der Welt der „Papayas“, der Weißen, und der der Gitanos sind kaum zu überwinden.

All das erzählt der Film unspektakulär und ohne soziale Larmoyanz. Die Inszenierung der 50-jährigen Regisseurin Arantxa Echevarría meidet die gängigen Stereotypen vom Drogenhandel oder der Kriminalität am Rande der Stadt. Sie beschreibt in vielen Details Alltag und Traditionen der Gitanos, das Ritual und die Feiern der „Pediküre“, der Verlobung, aber auch das ganz alltägliche Miteinander auf der Straße. Damit gelingt ihr eine subtile Annäherung an Isolierung und Diskriminierung der Gitano-Gemeinschaft, ohne auf alte Klischees zurückzugreifen.

Auf einem schmalen Grat

Im spanischen Filmschaffen mussten die Gitanos häufig für Exotismus herhalten, auf dem schmalen Grat zwischen Rassismus und Folklore. So begeisterte die Schauspielerin Imperio Argentina 1936 in „Morena Clara“ von Florián Rey als singende und tanzende Gitana ein Millionenpublikum; 1996 inszenierte die Regisseurin Chus Gutiérrez in „Alma Gitana“ die verhängnisvolle Liebe zwischen einer jungen Frau aus einem Roma-Clan und einem jungen Spanier. 2018 gewann Isaki Lacuesta den Hauptpreis auf dem Festival in San Sebastián mit dem fast dokumentarischen Spielfilm „Entre dos aguas“ über einen jungen Gitano, der sich nach einem Gefängnisaufenthalt zuhause nicht mehr zurechtfindet.

In ihrem Spielfilmdebüt erzählt die aus dem baskischen Bilbao stammende Arantxa Echevarría von einer verbotenen Liebe, die mit dem strengen Moralkodex der Gitanos in Konflikt gerät. „Carmen & Lola“ zeichnet sich durch detailreiche ethnografische Beobachtungen und eindringlich inszenierte Gefühle aus. Mit überzeugenden Laiendarstellern vermittelt der Film viel vom Leben einer Welt voller starrer Traditionen, aber auch einem festen Gemeinschaftsgefüge, das Schutz gegen eine feindliche Außenwelt bietet. Besonders überzeugend sind die beiden Protagonistinnen Rosy Rodríguez als Carmen und Zaira Romero als Lola, die zwei leidenschaftliche Frauen so natürlich wie sinnlich mit viel Lebensfreude und Humor verkörpern.

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