M.C. Escher - Reise in die Unendlichkeit

Dokumentarfilm | Niederlande 2018 | 81 Minuten

Regie: Robin Lutz

Die rätselhaften Drucke des niederländischen Grafikers M.C. Escher (1898-1972) kreisen um philosophische und mathematische Ideen von Unendlichkeit und ihrer Darstellbarkeit. Mit biografischen und werkbezogenen Notizen aus Tagebüchern, Briefen und Vorträgen rekonstruiert der chronologisch strukturierte Film eher konventionell das Leben und Schaffen des Künstlers. Eschers durchaus spannende Beschreibungen werden in illustrativer Weise den Filmbildern untergeordnet, während für die rätselhafte Fremdartigkeit seiner Kunst eher weniger Raum bleibt. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
ESCHER – HET ONEINDIGE ZOEKEN
Produktionsland
Niederlande
Produktionsjahr
2018
Regie
Robin Lutz
Buch
Robin Lutz · Marijnke de Jong
Kamera
Robin Lutz
Schnitt
Moek de Groot
Länge
81 Minuten
Kinostart
10.10.2019
Fsk
ab 0; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 14.
Genre
Dokumentarfilm | Künstlerporträt
Diskussion

Biografischer Film über den niederländischen Künstler M.C. Escher, der mit seinen Grafiken über „unmögliche“ Räume nicht nur in der Gegenkultur der 1960er-Jahre für Furore sorgte.

Ineinander verschränkte Treppenstufen, die gleichzeitig aufwärts und abwärts zu verlaufen scheinen, definieren einen weltberühmten Holzschnitt, der über die bloße Konstruktion einer optischen Täuschung hinausgeht. Die rätselhaften Drucke des niederländischen Grafikers M.C. Escher (1898-1972) bringen vielmehr philosophische und mathematische Ideen zum Ausdruck, die sich eigentlich der Anschauung entziehen. Denn wie sollte es möglich sein, die Unendlichkeit in verräumlichter Form zu zeichnen?

Da sich Escher zu Lebzeiten skeptisch über eine mögliche Verfilmung seines Schaffensprozesses gezeigt hat, bringt ihn der Filmemacher Robin Lutz durch seine eigenen Aufzeichnungen zum Sprechen. Auszüge aus einer Vielzahl an Tagebüchern, Briefen und Vorträgen dienen als Grundlage von biografischen und werkbezogenen Erkundungen, die in der deutschen Fassung von Matthias Brandt eingesprochen werden.

Diese Setzung des aus dem Grabe sprechenden Künstlers nimmt die Inszenierung allerdings etwas zu ernst und versäumt es überdies, die eigenen Produktionsbedingungen zu hinterfragen. Denn es ist natürlich der Dokumentarist Robin Lutz, der in Kooperation mit der Escher Foundation die Auswahl der Zitate vornimmt und visuell untermalt. Die Biografie des Grafikers erscheint viel zu unmittelbar und lückenlos, ohne dem Zuschauer Raum für die Fremdheit der Bilder zu geben, die einen großen Teil ihres Reizes ausmacht.

Die Komplexität der Natur malen

Auch die chronologische Erzählweise wirkt angesichts der von Escher rezipierten Zeittheorien recht konventionell. Sie setzt bei seiner Geburt in einem privilegierten Elternhaus ein, dessen Vermögen bis nach dem Zweiten Weltkrieg zur Absicherung eines Daseins reicht, in dem Escher seinen künstlerischen Forschungen frei von Existenzsorgen nachgehen kann. Seinem Schulversagen steht die Entdeckung durch einen Lehrer an der Kunstschule in Haarlem gegenüber.

Der Künstler Samuel Jessurun de Mesquita fördert Eschers Talent für ungewöhnliche Holzschnitte und wird zu einer wichtigen Inspirationsquelle. Der Nachfahre portugiesischer Juden wird zwei Jahrzehnte später unter der deutschen Besatzung nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. Escher gelingt es, rund 450 seiner Grafiken vor der Zerstörung durch die Nationalsozialisten zu retten. De Mesquitas Holzschnitte von Tieren prägten Eschers Entwürfe schon zu Studienzeiten und spiegeln sich auch in seinen berühmten Metamorphose-Lithografien wieder. Naturdarstellungen fordern Escher fortwährend heraus, der Komplexität der Formen auch in ihrer lebendigen Gegenständlichkeit gerecht zu werden.

Landschaftsformen und Ornamentik

Die ausgedehnten Italienreisen, zu denen Escher als junger Mann aufbricht, bringen ihn der Abstraktion näher. Seine Faszination für das Skulpturale richtet sich gleichermaßen auf die hügelige Landschaft wie auf die architektonischen Eigenheiten der antiken Bauten. Diese Parität lässt die in den 1920er-Jahren entstandenen Bilder besonders intensiv wirken. Die Natur ist bei Escher niemals nur der Hintergrund für die von Menschen errichteten Gebäude, sondern steht in ihren plastischen Formen gleichermaßen im Fokus. Es stellt sich der Effekt eines Kippbildes zwischen Vorder- und Hintergrund ein, wobei Escher diese Technik zunehmend verfeinert.

Sein Aufenthalt in Andalusien wird dabei zur wichtigen Station für die Weiterentwicklung dieser Malweise; er studiert die arabische Ornamentik der Alhambra über einen langen Zeitraum hinweg. Dieser gänzlich anderen Auffassung des Bildraumes, die von seriellen Wiederholungen und der Aufmerksamkeit für Oberflächen geprägt ist, verdankt sich Eschers Hinwendung zum mathematischen Problem der Unendlichkeit und ihrer Darstellung. Neben geometrischen Figuren werden daraufhin auch unmögliche Perspektiven und Beugungen des Raums Teil seiner künstlerischen Arbeit.

Biografische Illustrationen

Die assoziative Variation von abstrakten Mustern findet Escher mit großer Begeisterung sowohl in den strengen Kompositionen Johann Sebastian Bachs wie auch im gerade erst aufkommenden Animationsfilm und seinen visuellen Möglichkeiten. Die Inszenierung von Lutz hätte hierbei formal durchaus weiter gehen und animierten Sequenzen mehr Raum geben können, als es der Film nur gelegentlich in spielerischer Form tut.

Eschers ausgedehnten und für sich genommen sehr spannenden Beschreibungen werden stattdessen in illustrativer Weise den Filmbildern untergeordnet. Sie führen Orte vor Augen, die Escher gezeichnet oder an denen er gelebt hat, was durch die Einblendung von Archivfotos und Aufnahmen der Werke unterbrochen wird. Die sonore Stimme von Matthias Brandt trägt den Film auch dort, wo die visuelle Ebene durchaus mehr stilistischen Wagemut vertragen hätte.

Unliebsame Anerkennung

Auch einige kurze Interviewsequenzen finden den Weg in den Film, darunter Gespräche mit Eschers Söhnen, die seiner schwierigen Beziehung zu ihrer Mutter Jetta Umiker Kontur verleihen und sich an ihren Vater als zurückgezogenen, in seine Arbeiten versunkenen Mann erinnern. Je mehr Escher sich der Abstraktion zuzuwenden schien, desto einsamer und unverstandener fühlte er sich trotz einer begeisterten Rezeption seiner Bilder. Eine besondere Ironie stellt dabei Eschers Kultstatus in der Gegenkultur der 1960er-Jahre dar. Er lehnte die Gestaltung eines Plattencovers für Mick Jagger ab und bestand darauf, von Jagger gesiezt zu werden.

Die Kunstgeschichte hat länger gebraucht, um den ästhetischen und intellektuellen Wert von Eschers Arbeiten anzuerkennen und ihn mit einem eigenen Museum in Den Haag zu würdigen, das sich heute großer Beliebtheit erfreut. Der Film von Robin Lutz ergänzt diese Ausstellung und trägt zur kunsthistorischen Erforschung von Eschers Werk bei, auch wenn „M.C. Escher – Reise in die Unendlichkeit“ für sich genommen nur wenig ästhetisches Eigenleben entwickelt.

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