The Good Liar - Das alte Böse

Drama | USA 2019 | 110 Minuten

Regie: Bill Condon

Eine in London lebende Witwe sucht nach männlicher Gesellschaft und stößt auf einen gleichaltrigen Charmeur, dem sie allmählich Haus und Herz öffnet. Dass der Mann ein Schwindler ist, lässt sich bald ahnen, dass beide aber eine gemeinsame, ins kriegszerstörte Berlin zurückführende albtraumhafte Beziehung haben, stellt sich erst allmählich heraus. Von zwei Vollblutschauspielern genüsslich ausgekostetes Kammerspiel, das viel Vergnügen bereitet, bis die Story in einer überkonstruierten, historisch belasteten Spekulation endet. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
THE GOOD LIAR
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2019
Regie
Bill Condon
Buch
Jeffrey Hatcher
Kamera
Tobias A. Schliessler
Musik
Carter Burwell
Schnitt
Virginia Katz
Darsteller
Helen Mirren (Betty McLeish) · Ian McKellen (Roy Courtnay) · Jóhannes Haukur Jóhannesson (Vlad) · Jim Carter (Vincent) · Russell Tovey (Steven)
Länge
110 Minuten
Kinostart
28.11.2019
Fsk
ab 12; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 16.
Genre
Drama | Literaturverfilmung | Thriller
Diskussion

Genüsslich ausgekostetes Kammerspiel um eine einsame Witwe und einen gleichaltrigen Charmeur, die sich gegenseitig umwerben, aber ganz anderes im Sinn haben.

Martin Scorsese hat sich bei der Hollywood-Industrie und auch bei einem großen Teil des US-amerikanischen Publikums unbeliebt gemacht, als er seine Meinung über das „Marvel Cinematic Universe“, das heute das meiste zum Kinogeschäft beiträgt, öffentlich machte. Diese Filme hätten nichts mit dem zu tun, was das Medium Film eigentlich kennzeichnet, nämlich die Vermittlung emotionaler und psychologischer Erfahrungen, so Scorsese.

Wer das ebenso empfindet, der wird von dem Plot angetan sein, den die Macher von „The Good Liar – Das alte Böse“ dem gleichnamigen Roman von Nicholas Searle entliehen haben. Die Story ist eine zunächst betulich-altmodisch inszenierte, aber die Befindlichkeit einsamer Menschen beiden Geschlechts durchleuchtende Geschichte, die ein Licht auf eine Gesellschaft wirft, die von Gefühlsarmut und der Flucht in moderne Kommunikationshilfen bestimmt wird. Dass sie in eine überkonstruierte, historisch belastete Spekulation mit dem Verlangen nach dramatischer Akzentuierung und Überraschungseffekten mündet, ändert daran nur bedingt etwas.

Weder Betty noch Roy sind ganz ehrlich

Im Wesentlichen konzentriert sich der Film auf zwei Personen: Betty McLeish (Helen Mirren), eine Witwe in ihren 70er-Jahren, und Roy Courtnay (Ian McKellen), einen gleichaltrigen, hinter seinem Trenchcoat und seinen zwinkernden Augen versteckten Schwindler. Betty lebt seit dem Tod ihres Mannes allein in einem hübschen kleinen Haus außerhalb Londons. Bereits während des Vorspanns sieht man sie an ihrem Computer sitzen, wo sie Fragebögen ausfüllt und auf die Antwort eines ebenso einsamen Mannes wartet, der ihrem Leben vielleicht wieder etwas Sinn einhauchen könnte.

Schon hier aber entdeckt man auch erste Irritationen: Weder Betty noch Roy sind ganz ehrlich. Doch wer ist das schon, wenn es darum geht, einen ersten guten Eindruck zu machen?

Die beiden treffen sich zum Dinner, und es dauert nicht lange, bis Roy in ein unbenutztes Zimmer in Bettys Haus einzieht. Fast wäre man damit schon zufrieden, denn Mirren und McKellen gewinnen dem Vorgeplänkel einer erhofften Beziehung so viele amüsante Seiten ab, dass man ihnen bei ihren Annäherungsversuchen noch lange zusehen könnte. Doch was wie eine Herzensangelegenheit aussieht, entpuppt sich Schritt für Schritt als doppeldeutiges Blendwerk. Roy präsidiert in seinen Stunden ohne Betty über fragwürdige finanzielle Betrügereien und gibt allmählich zu erkennen, dass seine Gefühle nur vorgetäuscht sind. In Wahrheit ist es Bettys Witwenkasse, die es ihm angetan hat.

Zwei Vollblutdarsteller

Weiter darf man die Story nicht erzählen, sonst würde das unzweifelhafte Vergnügen verderben, den beiden Urgesteinen der britischen Schauspielerzunft bei ihrem Ausflug in eine Geschichte zuzusehen, die weit von den Materialschlachten entfernt ist, deren Getöse aus dem benachbarten Kinosaal herüberdringt.

Regisseur Bill Condon, dessen Drama „Gods and Monsters“ auch nach 20 Jahren noch in bester Erinnerung ist, hat sich auf den Stoff wohl auch deshalb eingelassen, weil er ihm im Zeitalter der Multiplex-Filme Gelegenheit bot, mit zwei Vollblutdarstellern zu arbeiten, die beinahe vergessen lassen, in welch fatale Abgründe die Geschichte schließlich versackt.

Nur so viel sei angedeutet, dass Roys Vergangenheit in die Trümmerwelt Berlins am Ende der Hitlerzeit entführt, und Betty keineswegs die nach Zuneigung und Gesellschaft suchende naive Witwe ist, als die sie zu Anfang erscheint.

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