Horror | Großbritannien 2020 | 270 (3 Teile) Minuten

Regie: Paul McGuigan

Dreiteilige Serie, die Motive und Figuren aus Bram Stokers Romanklassiker „Dracula“ mit eigenen Ideen wiederbelebt: In einem Kloster wird der schwer gezeichnete Anwalt Jonathan Harker von einer Nonne mit detektivischen Ambitionen nach seinen schrecklichen Erlebnissen im Schloss des Grafen Dracula in Transsilvanien befragt, nichts ahnend, dass der Vampirfürst dem jungen Mann gefolgt ist und sich das Schicksal der Nonne mit dem des Vampirfürsten verflechten wird. Der Verfilmung, die sich stilistisch zwischen klassischem Gothic und deftigem Körperhorror, Anleihen beim Detektiv-Genre und postmodernem Verweis-Spiel bewegt, gelingt es, der Buchvorlage in vielen Aspekten treu zu bleiben und zugleich mit neuen Ideen und interessanten Figuren-Interpretationen für Spannung zu sorgen. Dabei verhebt sich die Adaption allerdings in ihrem letzten Teil, dessen Versuch einer Neuinterpretation des Stoffs arg wirr bleibt. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
DRACULA
Produktionsland
Großbritannien
Produktionsjahr
2020
Regie
Paul McGuigan · Jonny Campbell · Damon Thomas
Buch
Mark Gatiss · Steven Moffat
Kamera
Tony Slater Ling
Musik
David Arnold · Michael Price
Schnitt
Colin Fair · Tom Hemmings · Paulo Pandolpho
Darsteller
Claes Bang (Dracula) · John Heffernan (Jonathan Harker) · Morfydd Clark (Mina) · Joanna Scanlan (Mutter Oberin) · Dolly Wells (Schwester Agatha / Zoe Helsing)
Länge
270 (3 Teile) Minuten
Kinostart
-
Pädagogisches Urteil
- Ab 16.
Genre
Horror | Serie

Wie der Blutsauger-Fürst nach England kommt: Ein Dreiteiler, der Figuren und Motive aus Bram Stokers Romanklassiker mit eigenen Ideen wiederbelebt

Diskussion

Sind die beiden britischen Serien-Tausendsassas Mark Gatiss und Steven Moffat nun Experten für das 19. oder eher für das 21. Jahrhundert? Nostalgiker oder Futuristen? Ernsthafte cineastische Kuratoren der englischen Literaturgeschichte oder augenzwinkernde Scharlatane postmoderner Travestie und Unterhaltung? Diese Fragen, die sich bereits nach „Jekyll“ (2007) und „Sherlock“ (2014–2017) stellten, wirft auch ihr jüngstes Projekt, die dreiteilige, 270-minütige Kurzserie „Dracula“, wieder auf: die beiden machen sich Bram Stokers unsterbliche Geschichte des untoten Grafen einmal mehr auf ihre sehr spezielle Art zu eigen. Dabei ist manch unvorhergesehene Wendung, visuelle Innovation, aber auch eine weitgehende Aushöhlung der mythischen Dimension der klassischen Erzählung zu erwarten.

Ein Dracula-Triptychon mit weiblichem van Helsing

Die Dinge beginnen zunächst sehr herkömmlich in Episode 1, die sozusagen als linker Flügel eines Triptychons die Geschehnisse auf Draculas Schloss in Transsilvanien und in einem nahe gelegenen Nonnenkloster schildert: Es entfalten sich die Abenteuer der Reise des unglücklichen Anwalts Jonathan (John Heffernan) in den Osten, wo allmählich alle Farben aus den Bildern weichen und nur noch Graustufen die Palette bestimmen – mit der Ausnahme roter Glut, im Kamin und in den Augen…

Dramaturgisches Zugeständnis an die Brief- und Berichtsform der literarischen Vorlage ist eine Rahmenhandlung, die den bereits schwer gezeichneten, dem Einflussbereich des Spukschlosses scheinbar entflohenen Harker in der Obhut von Nonnen vorführt, die durch wissenschaftlich-rationale, geradezu detektivische Untersuchungsmethoden Licht in die geheimnisvolle Sache um Blut, Tod und Kreuz zu bringen versuchen. Dabei offenbart vor allem eine Schwester, die kluge, furchtlose Agatha van Helsing (Dolly Wells), ein derart vampirhaftes Interesse an allen von Jonathans Lebensdetails, dass ihm verdutzt entfährt: „This is private!“

Die Dracula-Figur als elitärer Künstler des Todes

Hauptsächlich aber liegt das Augenmerk in diesen ersten 90 Minuten auf der Figur des rätselhaft-hypnotischen Grafen Dracula und seiner Verwandlung von der lebenden Leiche zum virilen Gentleman-Gauner, der klassisch als „tall, dark, and handsome“ präsentiert wird. Claes Bang meistert diese Aufgabe glänzend und braucht sich durchaus nicht vor den mythischen Größen wie Christopher Lee, die vor ihm den Umhang des Grafen getragen haben, zu verstecken. Er erinnert dabei in manchen Einstellungen, nicht unpassenderweise, an den jungen Dirk Bogarde. Die Auffassung der Dracula-Figur ist hier die eines elitären Künstlers mit potenziell universalem Macht- und Geltungsanspruch („every artist wants to be understood“), der den typischen, etwas blutarmen Engländer Harker im Vergleich schon blass aussehen lässt, bevor er noch den ersten Tropfen getrunken hat. „Why England?“, fragt jener in Bezug auf des Grafen Siedlungspläne auf der Insel – und man kann nur vermuten, dass die nüchternen, verklemmten Briten in den roten Augen des obersten Vampirs diesem besonders anfällig für sein spezifisches Virus erscheinen. Denn Dracula kann bekanntlich nur dort eindringen, wo er – bewusst oder unbewusst – willkommen und geladen ist.

In der zweiten Hälfte der ersten Episode kommt es dann noch in der Rahmenhandlung zu einer recht denkwürdigen Begegnung des Leibhaftigen mit den geistlichen Schwestern und einem Kräftemessen von schwarzer und weißer Magie mit Agatha van Helsing; eine Szene, die seltsamerweise zu den wenigen glaubhaft erotischen in einem modernen „Dracula“-Film zählt! Überhaupt ist die „taghelle Mystik“ der klösterlichen Partien mitunter intellektuell anregender als die düstere Romantik des Schlosses à la Piranesi, was vor allem dem starken Spiel von Dolly Wells zu verdanken ist. Ein wenig zu verspielt, wenn auch amüsant wirken dann jedoch diverse kultur- und filmhistorische Anspielungen und Querverweise, die die Seriengötter links und rechts des Weges ausgestreut haben, von „Sherlock“ bis Shining.

Das Grauen reist gen England

Episode 2 sieht den großen Untoten auf Seereise gen England, ein Bruder im Geiste des Fliegenden Holländers sozusagen, der nach und nach die gesamte Besatzung des Seelenverkäufers „Demeter“ kaltstellt, was den Kapitän Sokolov (Jonathan Aris) zunehmend in Erklärungsnöte bringt. Dargestellt wird das im Stile eines klassischen englischen Whodunit, etwa als grimme Travestie eines Agatha-Christie-Stücks. Die Passagiere ahnen die Gegenwart des Unheimlichen. „Who are you?!“, wird Dracula dann auch ganz direkt gefragt, doch jener erweist sich hier mehr denn je als distanzierter Aristokrat und Aphoristiker, der sich seiner Identifizierung und Dingfestmachung durch kunstvolle Wortspiele entzieht. Weitere Mutmaßungen zum Wesen des Vampirs, speziell zu seiner Furcht vor dem Kreuz, werden angestellt, doch vor einer endgültigen Aufklärung sinkt das Schiff in Sichtweite der englischen Küste, und Graf Dracula ist zu einem längeren Tiefschlaf auf dem Grund des Meeres genötigt…

Etliches ließe sich nun zur dritten, finalen und die Dinge zur Lösung und zum Abschluss treibenden Episode sagen, die sich stilistisch zu den beiden vorangegangenen in etwa verhält wie „Tanz der Vampire“ zu „Nosferatu“ – aber es soll nicht zu viel verraten werden. Es bleibt jedoch der Eindruck, dass die unbestritten blitzgescheite und (über-)produktive Imagination der Serienmacher Gatiss/Moffat diesmal heißgelaufen und über Maß und Ziel hinausgeschossen ist.

Figuren rutschen aus ihrem Zeitrahmen

Das ästhetische Dilemma dieses leider missratenen Schlussstücks ist auf allen Ebenen das der Überfrachtung mit Bedeutungshaftigkeit, woraufhin die dramatische Konstruktion disparat wird und auseinanderbricht. Figuren rutschen aus ihrem Zeitrahmen, neues, zu zahlreiches Personal wird eingeführt, die Rollen und ihre Darsteller (etwa Lydia West als Lucy Westenra) erreichen nicht die mythische Prägnanz der Vorlage. Stokers Roman ist im Kern ein intimes Kammerspiel um die Einsamkeit des Verkannten und seine Sehnsucht nach den Wonnen der Gewöhnlichkeit. Graf Dracula ist dabei weder ein Kandidat für den nächsten Bond-Bösewicht noch ein Verwandter im Geiste des Dunklen Lords aus der „Harry Potter“-Saga, was man beim Sehen dieser Version vermuten könnte. Einige hier wiederkehrende Versatzstücke aus der privaten Verschwörungsmythologie der beiden Drehbuchschreiber (ein geheimer medizinisch-militärischer Komplex stellt unsterbliche Experimente an wie in „The Hounds of Baskerville“) sind ebenso entbehrlich.

So bleibt am Ende der zwiespältige Eindruck teils guter bis sehr guter Darstellerleistungen und einiger überzeugender neuer Wendungen des klassischen Plots, aber auch der einer bemüht achsensymmetrischen Form und eines zerfasernden Handlungsverlaufs. Der ästhetische Innovationsschub, sozusagen die Infusion frischen Blutes, der „Sherlock“ so einzigartig und bemerkenswert machte, wurde hier nicht vollbracht.

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