Swans - Where Does A Body End

Dokumentarfilm | Kanada 2019 | 121 Minuten

Regie: Marco Porsia

Materialreiches Porträt der von Fans kultisch verehrten Band Swans und ihres Masterminds Michael Gira von den Post-Punk- und No-Wave-Anfängen in der New Yorker Lower East Side bis (fast) in die Gegenwart. Begleitet von Kommentaren einschlägiger Kollegen und Zeitgenossen wird der Aufstieg zur „lautesten Band der Welt“ eher distanzlos rekonstruiert, der trotz ständig wechselnden Personals, ästhetischen Fehlentscheidungen, Auflösungen und Comebacks bis heute, trotz Drogen- und Alkoholproblemen, anhält. Hochinformativ für Fans, während andere Zuschauer eher außen vor bleiben. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
WHERE DOES A BODY END?
Produktionsland
Kanada
Produktionsjahr
2019
Regie
Marco Porsia
Buch
Marco Porsia
Kamera
Marco Porsia · Christian Storms
Schnitt
Marco Porsia
Länge
121 Minuten
Kinostart
09.01.2020
Pädagogisches Urteil
- Ab 14.
Genre
Dokumentarfilm | Musikdokumentation

Materialreiches Porträt der von Fans kultisch verehrten US-amerikanischen Rock-Band Swans und ihres Masterminds Michael Gira.

Diskussion

In den frühen 1980er-Jahren, als beiderseits des Atlantiks das kunstgewerblich-popkulturelle Konzept des „Hören mit Schmerzen“ langsam Gestalt annahm, als sich aus Post-Punk und New Wave allmählich eine Art von Proto-Industrial mit philosophisch-existenziellem Überbau formte, da war Michael Gira mit seiner Band Swans ganz vorn dabei. Wie seine kunst- und geistesverwandten Mitstreiter*innen wie Sonic Youth, die Einstürzenden Neubauten, Foetus, SPK oder Lydia Lunch setzte Gira, Jahrgang 1954, auf eine Mischung aus aggressiv performten Lärm zu nihilistischem Grollen, angereichert mit allerlei Lesefrüchten zwischen William Burroughs, Jean Genet und dem Marquis de Sade. Lange vor der Doom- und Drone-Ästhetik verlangsamten Swans das Hardcore-Tempo bis zum essenziellen Stillstand des monolithischen Akkords, zu denen Gira seine Albträume ins Mikrophon grollte: „Filth“, „Raping A Slave“, „Public Castration Is A Good Idea“. Damals galten die sonischen Attacken der Swans als eine Art Mutprobe im „Underground“. Da musste man mindestens einmal durch.

Regisseur Marco Porsia sicher sogar mehr als einmal und sehr wahrscheinlich freiwillig. Schließlich hat er Michael Gira ein paar Jahre mit der Kamera begleitet und zudem Zugriff auf dessen persönliches Archiv erhalten, was sich – etwas überraschend angesichts der chaotischen Anfänge des Projekts – als bestens gefüllt erwies. Also wird jetzt in gut zwei Stunden in „Swans – Where Does a Body End“ noch einmal die Geschichte Giras und der Swans ausgebreitet: ein wüstes Auf und Ab von Vision, Mission, Versagen und Comebacks mit ständig wechselnden Mitstreiter*innen und berühmten Kolleg*innen wie Thurston Moore, Kid Congo Powers oder auch Blixa Bargeld, die allerdings allesamt darin einig sind, dass man gut beraten sei, dem selbsterklärten Lärm-Schamanen Michael Gira einen Lorbeerkranz zu flechten, weil man ja irgendwie auch über sich selbst spricht.

Zu erzählen gibt es reichlich

Zu erzählen gibt es allerdings reichlich: Da sind die Anfänge im wüst heruntergekommenen New York der späten 1970er-Jahre, die das Leben in der Lower East Side gefährlich, aber auch billig gestalteten. Man konnte experimentieren, auch als Hungerkünstler. Dann die Anfänge der Swans, die erste selbstorganisierte US-Tour mit Sonic Youth, die auf wenig bis kein Publikumsinteresse stieß. Spätestens, wenn man die erstaunlich bizarren, blutrünstigen comicartigen Wandzeichnungen in Giras Studio sieht, beginnt man sich zu fragen, woher dessen Kunstentwurf wohl rühren mag.

Ab Minute 30 reicht Porsia dann wirklich erschütternde biografische Details einer unbehüteten Kindheit mit Alkoholiker-Eltern, Hippie-Trails und einschlägigen Drogen-Erfahrungen nach, die schließlich in Israel mit Gefängnisaufenthalt wegen Dealens enden. Mit 16 im Erwachsenknast! Dort hat Gira reichlich Zeit zu lesen und sich zum Künstler berufen zu fühlen. Schließlich, zurück in den USA, die autodidaktische Selbstermächtigung im Zeichen von Punk und New Wave. Während sich Swans im Underground über die Jahre mit ständig wechselnden Besetzungen und Songs über „die Liebe und das Gegenteil davon“ (Gira) Kultstatus erarbeiteten, begannen Gira und seine Lebensgefährtin, die Sängerin und Performance-Artistin Jarboe, um 1987, an einem differenzierten Bandsound zu arbeiten. Das Ergebnis „Children of God“ gilt längst als Klassiker des Genres.

Giras Geschichte fast bis in die Gegenwart

Als Gira schließlich glaubte, dass in dieser lichteren Variante der Mainstream reif für eine Band wie Swans sei, geht dieses kommerzielle Experiment schief und die Band nimmt sich ein paar Jahre eine Auszeit, während Gira mit dem Seitenprojekt Angels of Light fast schon folkige Töne anstimmt. 2010 heißt es dann: „Swans are not dead!“ – und ein weiteres Comeback ist jetzt von erstaunlichem kommerziellem Erfolg gekrönt. 2016, als kurze Zeit auch irritierende Vorwürfe der sexuellen Nötigung gegen Gira kursieren (was im Film nicht erwähnt wird), folgte die erneute Auflösung, mit „Leaving Meaning“, dem aktuellen Album von 2019, präsentiert sich Gira als Solo-Künstler, der sich prominente Gäste wie The Necks, Anna von Hausswolff oder Baby Dee ins Studio einlädt.

Längst hat der mittlerweile 65-jährige Musiker Drogen und Alkohol abgeschworen und steht im Film mit zen-buddhistischer Milde Rede und Antwort. Wobei: Antwort eigentlich nicht, weil keine Fragen formuliert werden, die zumindest vorgäben, an der Oberfläche kratzen zu wollen. So ist „Swans – Where Does a Body End?“ ein erstaunlich unkontroverses Porträt eines sich betont kontrovers gebenden Band-Projekts. Für Fans und Nostalgiker gerade deshalb nicht ohne Reiz.

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