Mystify: Michael Hutchence

Dokumentarfilm | Australien 2019 | 102 Minuten

Regie: Richard Lowenstein

Materialreiches, von allerlei Home-Movies befeuertes Porträt des australischen Rockstars Michael Hutchence (1960-1997), der als Frontmann der australischen Band INXS zu Ruhm kam. Der Film greift auf zahlreiche Zeitzeugen aus dem familiären Umfeld, dem Freundes-, Bekannten- und Kollegenkreis zurück, um ein möglichst komplexes und intimes Bild der Persönlichkeit Michael Hutchence zu zeichnen. Trotz dieser Fülle bleibt das Zentrum des ganzen Unterfangens seltsam mysteriös, da eher neue Widersprüche aufscheinen, als dass die bekannten aufgelöst würden. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
MYSTIFY - MICHAEL HUTCHENCE
Produktionsland
Australien
Produktionsjahr
2019
Regie
Richard Lowenstein
Buch
Richard Lowenstein
Kamera
Andrew de Groot
Musik
Warren Ellis
Schnitt
Richard Lowenstein · Tayler Martin · Lynn-Maree Milburn
Länge
102 Minuten
Kinostart
30.01.2020
Fsk
ab 12; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 14.
Genre
Dokumentarfilm | Musikdokumentation

Materialreiches Porträt des australischen Rockstars Michael Hutchence (1960-1997), dem Frontmann der australischen Band INXS.

Diskussion

Ältere Semester werden sich vielleicht noch erinnern. INXS, da war doch mal was? Gegründet 1977 als The Fariss Brothers, später vollmundig in INXS umbenannt, feierte die australische Band in den späten 1980er- und frühen 1990er-Jahren international große Erfolge. Dem Sänger Michael Hutchence, der im Laufe der Jahre seine erstaunliche Ähnlichkeit mit dem The Doors-Frontmann Jim Morrison mit den leider immer gleichen Stadionrock-Posen kombinierte, wird gerne Charisma nachgerühmt. Der Filmemacher Richard Lowenstein gilt als enger Freund des Sängers, der im November 1997 starb, sehr wahrscheinlich durch Selbstmord. Er hat zudem zahlreiche Musikvideos für INXS gedreht.

Seine Dokumentation „Mystify: Michael Hutchence“, die ohne die üblichen Talking Heads auskommt, sondern auf flotte Weise die Karriere und die wechselvolle Biografie durch die Montage von Stimmen aus dem Umfeld, Konzertausschnitten und Zugriff auf Privatfilme rekonstruiert, zielt auf ein überraschend komplexes Künstlerporträt ab. Hutchence wird als Träumer und von der Trennung der Eltern traumatisierter Jüngling eingeführt, der eher aus Freundschaft zur Musik fand, dort aber erstaunliches Talent zum Frontmann und Rockstar entfaltete. Zwar sollte es einige Jahre dauern, bis INXS sich international Ruhm und Popularität erspielte, aber früh im Film wird Hutchence „noch ohne Hits“ als „Rockstar in der Warteschleife“ charakterisiert.

Neugier, Reiselust und Selbstironie

Zudem erweist sich der Musiker, der als Instrumentalist untalentiert war, als belesen und vielseitig interessiert. Ihm wird von gleich mehreren Seiten eine unerschöpfliche Neugier und ausgesprochene Reiselust nachgerühmt, der mitunter etwas prätentiös, aber nicht ohne Selbstironie mit einer Rolle als Intellektueller kokettiert. Im Film gibt es eine Szene, in der er in einem Interview zunächst kokett den Anschein erweckt, als würde er Cocteau im französischen Original lesen, bis sich herausstellt, dass er „lediglich“ eine Übersetzung gelesen hat. Lächelnd erklärt er, dass er ein paar Intellektuelle kenne und daher wisse, dass er keiner sei.

Hutchence gibt sich charmant und durchaus seiner Wirkung bewusst. Immer wieder wird von seinem Blick geschwärmt. Der habe in den Bann geschlagen, wiewohl der Sänger ohne Brille kaum etwas sehen konnte. Diese Schwäche habe er auf der Bühne in einen Vorteil umgemünzt, um seine Schüchternheit zu überwinden. Leider jedoch reproduziert Hutchence diesen Blick bei jedem der zahlreichen Blicke in die diversen Kameras, die „Mystify“ sein Material liefern. Lowenstein sammelt zwar reichlich Stimmen, die von der einnehmenden Seite des Rockstars, seinem Sinn für das Familienleben, die Kultur, die Literatur und die Küche schwärmen. Was allerdings kaum interessiert, ist Hutchences künstlerische Arbeit als Sänger, Texter und Performer. Viel mehr im Mittelpunkt stehen, zumal nach dem Erfolgsalbum „Kick“ (1987) seine Beziehungen zur Sängerin Kylie Minogue, zum Supermodel Helena Christensen und zur Pop-Ikone Paula Yates, die Hutchence Bob Geldof ausspannte, was die britische Boulevardpresse mit verheerendem Effekt auf den Plan rief.

Einsamkeit, Scheitern und Selbstzweifel

Trotz all der hier versammelten Stimmen, die zumeist nur Positives zu sagen haben, trotz der überbordenden Materialfülle, die die erfolgreichen Jahre von INXS in Erinnerung rufen, ist doch immer mal wieder von Einsamkeit, Scheitern und Selbstzweifeln die Rede. Chris Bailey, Kollege der Proto-Punk-Band The Saints, spricht einmal davon, dass Hutchence um Anerkennung als Künstler rang und nicht nur als „arschwackelnder Sex-Gott“ wahrgenommen werden wollte. So bleibt trotz allem ein Mysterium um den Porträtierten, dessen Beziehungen scheiterten, dessen Ruhm verblasste und der erleben musste, bei einer Preisverleihung von den Rotzlöffeln von Oasis als „Has-Been“ verspottet zu werden.

Auf der Zielgeraden erfahren wir Zuschauer dann noch, dass der Musiker einmal in Kopenhagen von einem Taxifahrer niedergeschlagen wurde und durch den Aufprall seinen Geschmacks- und Geruchssinn irreparabel verlor, sich aber weigerte, sich im Krankenhaus behandeln zu verlassen. Was wiederum mit den Drogen zusammenhängen könnte, die in diesem Film seltsamerweise nur sehr am Rande thematisiert werden. Was folgte, war eine empfindliche Persönlichkeitsveränderung hin zum Aggressiven und Unberechenbaren, was die weitere Zusammenarbeit mit der Band erheblich belastete. Als der Streit zwischen Paula Yates und Bob Geldof um das Sorgerecht der gemeinsamen Kinder eskalierte, geriet auch Hutchences Tochter in diese Gemengelage. Schließlich wurde der Sänger in einem Hotelzimmer in Sydney erhängt aufgefunden. Er wurde 37 Jahre alt.

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