Heimatfilm | Deutschland 2019 | 101 Minuten

Regie: Michael Venus

Eine Mutter wird von schrecklichen Albträumen in den Wahnsinn getrieben, die alle mit einem Dorf in einem deutschen Mittelgebirge zu tun haben. Bei ihren Ermittlungen in den Real- und Traumwelten vor Ort dringt ihre Tochter tief in die Schichten der verdrängten Nazi-Geschichte vor und stößt dabei auch auf Verbindungen zur Gegenwart. Ein stilsicherer, leise flirrender Horrorfilm, der mit den atmosphärischen Aufladungen und Motiven der romantischen Sagen- und Märchenwelt ebenso spielt wie mit völkischen Abgründen. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2019
Regie
Michael Venus
Buch
Thomas Friedrich · Michael Venus
Kamera
Marius von Felbert · Julia Lohmann
Musik
Johannes Lehninger · Sebastian Damerius
Schnitt
Silke Olthoff
Darsteller
Gro Swantje Kohlhof (Mona) · Sandra Hüller (Marlene) · August Schmölzer (Otto) · Marion Kracht (Lore) · Max Hubacher (Christoph)
Länge
101 Minuten
Kinostart
29.10.2020
Fsk
ab 16; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 16.
Genre
Heimatfilm | Horror

Deutscher Horrorfilm über eine Mutter, die von Albträumen über ein Dorfhotel in den Wahnsinn getrieben wird, und ihre Tochter, die vor Ort nach der Quelle des Schreckens sucht.

Diskussion

Über ihre horrorfilmähnlichen Träume hat Marlene inzwischen eine ganze Nachtischschublade voll Notizbücher vollgekritzelt. Es sind Albtraum-Protokolle, manchmal auch Erinnerungshilfen, meist mit dickem schwarzem Stift gemalt, expressionistisch, mit Tendenz zum Gothic. Darunter finden sich immer wieder Skizzen eines Hotels, Männerporträts, blutige Mordszenen, gelegentlich einzelne, hingekrakelte Wörter.

Die Träume rauben Marlene den Verstand; immer öfter kämpft sie mit schwerer Atemnot und Erstickungsangst. Ihre Tochter Mona empfiehlt ihr professionelle psychologische Hilfe oder einen HNO-Arzt. Doch Vernunft hilft hier nicht weiter. „Schlaf“ ist, das verdeutlichen schon die ersten Traumbilder, mehr aber noch die unheimlichen Sounds – ein Horrorfilm. Aus deutschen Landen.

Etwas stimmt nicht

Etwas stimmt nicht mit der Mutter. Es stimmt aber auch etwas nicht mit dem Dorf Stainbach und dem darin gelegenen 1970er-Jahre Hotelkomplex „Sonnenhügel“, die Marlene auf einer Anzeige in einem Magazin als Schauplatz ihrer Träume wiedererkennt. Gleich drei Mitstreiter des heutigen Besitzers Otto haben sich umgebracht, erschossen oder auf dem Dachboden aufgehängt; auch sie sind Marlene aus ihren Träumen bekannt. Als sie in ihrem Zimmer unter anderem Besuch von einem stattlichen Wildschwein bekommt, erleidet sie einen psychischen Zusammenbruch. Marlene fällt in einen Schockzustand und liegt fortan als verkrampftes Bündel im Krankenhaus.

Mona, die sich ebenfalls im Sonnenhügel einmietet, wird nun von den gleichen Albträumen wie ihre Mutter heimgesucht – es scheint, als hätten sich die Gespenster, darunter auch eine hagere blonde Frau mit blassem Gesicht, eine neue Wirtin gesucht und in den Kampf gegen einen nicht deutlich auszumachenden Feind geschickt. Mona versucht die Bilder mit Hilfe von Marlenes Zeichnungen zu entschlüsseln und dringt dabei nicht nur in die Schichten der verdrängten deutschen Historie, sondern stößt auch auf nahtlose Verbindungen zur Gegenwart.

Eine Antithese zum Heimatfilm

Der Filmemacher Michael Venus spielt in seinem Regiedebüt mit bekannten Motiven des Horrorkinos: das menschenleere Hotel (genreüblich in der Nebensaison) mit langen Gängen und einer unheilvollen Vorgeschichte, sich selbsttätig öffnenden Türen und Gespenstererscheinungen, schiebenden, flüsternden und dröhnenden Sounds. Diese Topoi werden in den deutschen Wald verpflanzt, der nicht nur für die romantische Sagen- und Märchenwelt eine wichtige Metapher und Sehnsuchtslandschaft ist, sondern ebenso auch eine Chiffre für die nationalsozialistische „Blut & Boden“-Ideologie.

Einmal erzählt der Hotelbesitzer seiner Frau von einem erhebenden Waldspaziergang, wobei sein völkisches Geschwurbel dabei ganz auf der Linie der Nazi-Rhetorik vom Wald als „rassischem Kraftquell“ liegt. Dass sich im Wald auch die Ruine einer Sprengstofffabrik verbirgt, in der während der NS-Zeit Zwangsarbeiterinnen beschäftigt waren, ist für Otto eher Ansporn als Dämpfer. „Die nationale Niederlage war eine Aufforderung, stärker zu werden.“

Der Drehbuchautor Thomas Friedrich nennt den Film eine Antithese zum deutschen Heimatfilm. Doch im Unterschied zu der Jelinek-Verfilmung „Die Kinder der Toten“ geht es in „Schlaf“ nicht darum, das Geflecht aus historischer Schuld und gegenwärtigem Nationalismus auf anarchisch-exorzistische Weise zu bearbeiten. „Schlaf“ ist ein leise flirrender und überaus stylisher, gut aussehender Horrorfilm, dessen Konstruktion allerdings oft recht holzschnittartig wirkt, gerade in seinen Anspielungen auf die rechten Kräfte der Gegenwart.

Ich hab’ den Schlüssel

Richtig unbehaglich wird es in „Schlaf“ eigentlich nie. Produktiver geraten die vielfältigen Erkundungen von Schlaf und Traumebenen und die Grenzen von Ausgeliefertsein und Kontrolle. Als Mona beginnt, sich aktiv durch die Traumwelt zu bewegen, wird sie für den braunen Sumpf gefährlich. „Ich hab’ den Schlüssel.“

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