The Field Guide to Evil - Handbuch des Grauens

Episodenfilm | Kanada 2018 | 118 Minuten

Regie: Katrin Gebbe

Die Horrorfilm-Anthologie versammelt acht sehr unterschiedliche Kurzfilme, die auf Basis von Mythen und Legenden aus unterschiedlichen Weltteilen von unheimlichen Begebenheiten erzählen, wobei neben zwei deutschsprachigen Filmen Teile aus Indien, Ungarn, Griechenland, den USA, der Türkei und Polen vertreten sind. Die Ergebnisse sind gemischt; herausragend sind vor allem die deutschsprachigen Beiträge, die im Alpenraum angesiedelt sind und Figuren aus dessen Sagenschatz in dicht und atmosphärisch inszenierte Geschichten einweben, die mehr auf psychologischen Horror als auf Schauereffekte setzen. - Ab 18.

Filmdaten

Originaltitel
THE FIELD GUIDE TO EVIL
Produktionsland
Kanada
Produktionsjahr
2018
Regie
Katrin Gebbe · Peter Strickland · Severin Fiala · Veronika Franz · Ashim Ahluwalia
Buch
Robert Bolesto · Elif Domanic · Can Evrenol · Severin Fiala · Veronika Franz
Kamera
Tyler Lee Cushing · Martin Gschlacht · Márk Györi · Christos Karamanis · Kuba Kijowski
Musik
Jeremy Barnes · Nicholas Brawley · Karl Steven · Yannis Veslemes · Stefan Will
Schnitt
Christoph Brunner · Matyas Fekete · Jaroslaw Kaminski · Yorgos Mavropsaridis · Buzz Pierce
Darsteller
Marlene Hauser · Luzia Oppermann · Karin Pauer · Birgit Minichmayr · Katrina Daschner
Länge
118 Minuten
Kinostart
-
Fsk
ab 16
Pädagogisches Urteil
- Ab 18.
Genre
Episodenfilm | Horror

Heimkino

Verleih DVD
Lighthouse
Verleih Blu-ray
Lighthouse
DVD kaufen

Eine Horrorfilm-Anthologie versammelt acht sehr unterschiedliche Kurzfilme, unter denen zwei Beiträge herausragen.

Diskussion

Als dunkles Gegenstück zu den Geschichten von Liebe, Hoffnung und Heldentum gehören seit jeher auch Mythen und Sagen zum Erzählbestand der Völker, in denen sich menschliche Ängste kondensieren – jene Erzählungen, die das Grauen aus den urzeitlichen Wäldern in die Hütten tragen. Auf sie gehen angeblich die Handlungen zurück, aus denen die Horror-Kurzfilmkompilation ein „Handbuch des Grauens“ zusammenstellt.

Versammelt sind acht Episoden aus aller Welt, erzählt von neun Regisseuren in jeweils weniger als 25 Minuten. Darin geht es: um die Liebe zwischen Frauen, in Zeiten, als Sexualität noch generell als etwas Sündhaftes galt, ums unheilige Blut der Niederkunft in ländlicher Einöde, weibliche Verführung und Kannibalismus, deformierte Kinder im Wald, gequälte Goblins in Griechenland oder den Palast der Rituale in Indien. Und um Dämonen in Bayern und tödliche Eifersucht in Ungarn.

Es braucht nicht viel, um durch Angstlust zu faszinieren

Es gelingt der Sammlung allerdings nur bedingt, den Betrachtern das Fürchten zu lehren. Das liegt auch daran, dass die Geschichten angesichts ihrer Knappheit mitunter recht fragmentarisch oder nicht auserzählt anmuten. Ein anderer Grund ist der Umstand, dass die Filmemacher mit dem bescheidenen Budget nur bedingt kreativ umzugehen wussten. Dabei braucht es eigentlich gar nicht viel, um mittels Angstlust zu faszinieren. Das beweisen vor allem die Ansätze aus Österreich und Deutschland, die zu den stärksten Beiträgen der knapp zweistündigen Anthologie zählen.

Das erste Kapitel des „Handbuchs“ ist auch sein stärkstes. „Die sündigen Frauen von Höllfall“ ist ein kleines Meisterstück. Es spielt in einer archaischen Landschaft, in der Berge und Bäche nichts Beschauliches haben; die Natur steht hier für Kargheit und Armut, und die Menschen suchen ihr Seelenheil in übertriebener Frömmigkeit. In den Augen der Einheimischen haust der Teufel in allem Fremden, und er scheint auch nicht weit entfernt zu sein, als sich Kathi (Marlene Hauser) und Valerie (Luzia Oppermann) begehren. Das Unheil schleicht sich zunächst verhalten an, in der Rigorosität von Kathis Mutter (Birgit Minichmayr), die keinerlei Nähe zwischen den Frauen zulässt. Doch es dauert nicht lange, bis sich die Monstrositäten aus (Aber)glauben und verdrängten Begehrlichkeiten höchst physisch materialisieren. Denn „die Trud“ raubt allen den Atem, die sich nicht fügen.

Die Regisseurinnen Veronika Franz und Severin Fiala, die bereits mit „Ich seh, ich seh“ ihre Genreaffinität unter Beweis gestellt haben, schaffen das Kunststück des grotesken, aber naturalistisch inszenierten Grauens, eingebettet in ländlich-pittoreske Tableaus einer bäuerlichen Bergidylle, was den surrealen Schrecken „der Trud“ noch realer erscheinen lässt.

Auch in Katrin Gebbes Kurzfilm „Ein nächtlicher Atemzug“ spielt eine Trude – ein in den Mythen des Alpenraums beheimatetes, geisterhaftes Wesen – eine tragende Rolle. Ihre Geschichte ist im Bayerischen Wald um das Jahr 1780 angesiedelt und zeigt die tragischen Wendungen im Schicksal eines jungen Geschwister-Paares, dessen Hütte ein Alpdruck lastet. Die schöne Anni (Lili Epply) wird von einer Trude besessen, die sich nachts in Form einer Ratte aus dem Körper schleicht, um die Tiere des kleinen Hofs zu befallen. Vom Setting und der Anmutung her ähnlich archaisch gestaltet wie „Die sündigen Frauen von Höllfall“, ist „Ein nächtlicher Atemzug“ etwas kurzatmiger und weniger vielschichtig. Dennoch verströmt die Teufelsmär eine eigenartig faszinierende Trostlosigkeit und morbiden Charme.

Inszenatorisches Mittelmaß schmälert den Gesamteindruck

Zwischen diesen beiden Highlights befindet sich allerdings allzu viel inszenatorisches Mittelmaß, das den Gesamteindruck der Anthologie erheblich schmälert. Völlige banal sind der US-Beitrag von Calvin Reeder über Waldkinder des Grauens mit Melonenköpfen und die vor allem visuell schwach erzählte Geschichte von Griechen, die sich einen Spaß daraus machen, einen Goblin zu quälen. Der „Palast der seltsamen Rituale“ des Inders Ashim Ahluwalia, ambitioniert in Schwarz-Weiß gefilmt und von einem starken Off-Erzähler getragen, findet für das postulierte Grauen einfach keine Bilder. „Des Schusters Los“ von Peter Strickland wählt für seine ungarische Mär die Form eines Stummfilms, wird aber von schwachen, chargierenden Schauspielern daran gehindert, etwas wirklich Eindrucksvolles daraus zu machen.

Der Ansatz, die Geschichten des Grauens eher mit dem Arthouse- als dem Exploitation-Kino zu vermählen und mehr auf Stimmung als auf Gewalt zu setzen, ist durchaus interessant. Aber wie so häufig verderben auch hier zu viele Köche den Brei. Wie gut, dass man auch bei Heimkino-Anthologien, analog zur Literatur, bei Nichtgefallen einfach den ein oder anderen Beitrag überspringen kann.

Kommentar verfassen

Kommentieren