Tyler Rake: Extraction

Action | USA 2020 | 116 Minuten

Regie: Sam Hargrave

Ein desillusionierter Söldner, der bei seinen Aufträgen eigentlich den Tod sucht, soll in Dhaka, der Hauptstadt von Bangladesch, den Sohn eines indischen Gangsterbosses aus den Händen eines Konkurrenten befreien. Mit der Privatarmee seines Gegners liefert er sich in den Slums der Stadt eine endlose Schlacht. Geradliniger Actionthriller mit ausgefeilten Kampf- und Schlachtchoreografien, der die Kampfmaschine im Zentrum als gebrochene Figur sichtbar machen will. Auf Dauer kommen dem Film allerdings Leichtigkeit und Extravaganz immer mehr abhanden

Filmdaten

Originaltitel
EXTRACTION
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2020
Regie
Sam Hargrave
Buch
Joe Russo
Kamera
Newton Thomas Sigel
Musik
Alex Belcher · Henry Jackman
Schnitt
Ruthie Aslan · Peter B. Ellis
Darsteller
Chris Hemsworth (Tyler Rake) · David Harbour (Gaspar) · Golshifteh Farahani (Nik Khan) · Randeep Hooda (Saju) · Rudhraksh Jaiswal (Ovi Mahajan)
Länge
116 Minuten
Kinostart
-
Genre
Action | Comicverfilmung | Drama

Aufwändig choreografierter Actionfilm um einen Söldner, der einen entführten Jungen aus den Slums von Dhaka zu retten versucht.

Diskussion

„Hold my beer“, lautet der erste Satz, den Tyler Rake (Chris Hemsworth) spricht, bevor er von einer etwa 30 Meter hohen Klippe springt. Die Geschwindigkeit des Falls drückt ihn bis in die Tiefen des Sees. Auf dem Grund angekommen, verweilt Rake. Die Bilder seines früheren Lebens drängen in sein Bewusstsein, als wollten sie ihn zwingen, nicht wieder aufzutauchen. Was wenige Sekunden zuvor wie die draufgängerische Dummheit eines betrunkenen Proleten wirkte, wird zur traurigen, suizidalen Ersatzhandlung. Der Nervenkitzel ist für den ehemaligen australischen Elitesoldaten die letzte Erinnerung daran, dass er überhaupt noch lebt. Wieder zurück an der Oberfläche, kehrt Rake zu dem zurück, was von seiner Existenz noch übrig ist: der Alkoholismus und sein Dasein als Söldner.

Tyler Rake ist zu Beginn von „Extraction“ nur noch ein Körper. Ein gewaltiger, austrainierter und mit Narben übersäter Koloss, der seine ganze Masse mit maximaler Präzision und Geschwindigkeit über die Schlachtfelder der Welt bewegt. Das Risikogefühl, das er längst verloren hat, versucht ihm seine Auftraggeberin Nik Khan (Golshifteh Farahani) zwar wieder einzureden. Doch Rake sucht im Grunde den Tod durch die Kugel – nur nicht aus der eigenen Waffe. Treffen soll es ihn in einem Armenviertel Dhakas, der Hauptstadt von Bangladesch. Dorthin wird der junge Ovi Mahajan (Rudhraksh Jaiswal), Sohn eines indischen Drogenbosses, von einem aufstrebenden Konkurrenten aus Bangladesch verschleppt.

Komplex choreografierte Kampfszenen

Das Setup, das auf der Graphic Novel „Ciudad“ basiert, ist so geradlinig wie die Gewalt, die es nach sich zieht. Neben Rake sucht auch der Leibwächter Saju (Randeep Hooda) in den Slums nach dem Jungen. Die überfüllten Häuserschluchten, dicht gedrängten Wohnungen und meterhoch gefüllten Abwasserkanäle sind das Fegefeuer, durch das der Regisseur Sam Hargrave seine Figuren treibt.

Die Gefechte zwischen Rake, Saju und der Privatarmee des lokalen Drogenlords Amir Asif (Priyanshu Painyuli) sind komplex choreografierte, weit über die Erschöpfung hinaus ausufernde Schlachten, denen man Hargraves Herkunft als Stuntman anmerkt. Hunderte Schergen werden mit der gnadenlosen Effizienz der modernen Militärausbildung schnell und effektiv ins Grab befördert, mit Maschinengewehren, Sturmgewehren, Pistolen, Messern, bloßen Händen und Fahrzeugen. Wenn sich die Reihen der Uniformträger im Dauerfeuer lichten, treten Kindersoldaten an ihre Stelle, die Rake mit einer adäquat hysterischen Fassungslosigkeit verprügelt.

Chris Hemsworth schleppt sich zum Menschsein zurück

Der Körper des Söldners wird von Chris Hemsworth und dem Stuntteam mit viel Schweiß zur Hauptattraktion der Actionsequenzen gemacht. Bis über das Erträgliche hinaus wird er geschunden, muss Stürze abfangen, Messerstiche und Schläge auf engstem Raum abwehren und stets den Eindruck von kaltblütiger Präzision vermitteln. Hemsworth brüllt, hustet, grunzt und schleppt sich durch die Mission zurück zum Menschsein.

Um eben diesen fast alttestamentarischen Leidensweg geht es in „Extraction“: Der Körper, der von seinem Menschsein abgekoppelt ist und die Welt um sich herum in Stücke schießt, soll wieder zum Menschsein zurückfinden. Der Schüssel dazu ist der junge Ovi, der als intelligenter, empathischer und – bis zu seiner Entführung – behüteter Junge als einziger völlig fremd ist in der Welt der Gewalt.

Gefangen im Action-Labyrinth

In den Atempausen, die Ovi und Rake gemeinsam verbringen, wird der auf dem Schlachtfeld unbezwingbare Söldner plötzlich verwundbar. Ovi zwingt Rake, sich ihm und seiner eigenen Vergangenheit zu öffnen. In seiner Einfachheit verläuft dieses menschliche Drama fast diametral zu den Schießereien, die sich mit zunehmender Laufzeit mehr und mehr verkomplizieren. Das ist ein Stück weit durchaus symptomatisch für den Film. Rake, Saju und Ovi finden so wenig einen Weg aus den von Drogenlord Asif abgeriegelten Armenvierteln wie der Film selbst. Alles scheint gefangen in einer Blase aus komplexen Choreografien, waghalsigen Stunts und einer digitalen Politur, die dort aushilft, wo es nicht ganz rundläuft.

Hargraves Actionszenen erinnern in ihrer Komplexität durchaus an die „John Wick“-Reihe von Chad Stahelski, die sich ihrerseits dem Actionkino aus Hong Kong annähert. Doch im Gegensatz zu den Vorbildern ist „Extraction“ die Anstrengung der Choreografie deutlich anzumerken. Zu sehr reduziert sich der Film auf die grimmige Geradlinigkeit des Militärischen. Mit dieser treibt Hargrave seinem ansonsten geradezu archetypischen Actionhelden zwar die prollige „Hold my Beer“-Attitüde aus. Doch die Hinwendung zur Professionalität lässt letztlich die Leichtigkeit auf der Strecke und mit ihr auch den Willen zur stilistischen Extravaganz, die das Hongkong-Kino ebenso auszeichnet wie den Genre-Verwandten John Wick. Tyler Rake schafft den Weg zurück zum Menschen, bleibt als solcher aber im Moloch von Dhaka gefangen.

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