Brave Mädchen tun das nicht

Romantische Komödie | USA 2020 | 94 Minuten

Regie: Chris Riedell

Eine aufstrebende Violinistin wird von ihrem Freund verlassen, weil der sie für prüde hält. Mit einer To-Do-Liste mit Sex-Aufgaben vom Kauf von Sexspielzeugen bis zum Seminar versucht sie das Gegenteil zu beweisen. Dann, so die Hoffnung, werde alles wieder gut. Der Film hakt zwar alle Punkte einer romantischen Komödie ab, bleibt jedoch streng auf Kuschelkurs mit heterosexuellen Stereotypen und fällt in der Haltung zu Körperlichkeit allgemein recht altbacken aus. Dadurch verschenkt er auch sein Potenzial, ein Gegengewicht zu ähnlich gelagerten Männer-Komödien zu bilden. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
A NICE GIRL LIKE YOU
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2020
Regie
Chris Riedell · Nick Riedell
Buch
Andrea Marcellus
Kamera
Nico Van den Berg
Musik
Aaron Zigman
Schnitt
Jeff Castelluccio
Darsteller
Lucy Hale (Lucy Neal) · Mindy Cohn (Pricilla Blum) · Jackie Cruz (Nessa Jennings) · Leonidas Gulaptis (Grant Anderson) · Adhir Kalyan (Paul Goodwin)
Länge
94 Minuten
Kinostart
24.09.2020
Fsk
ab 12; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 16.
Genre
Romantische Komödie

Komödie um eine aufstrebende Violinistin, die mit einem 12-Punkte-Sex-Aufgaben-Plan beweisen will, dass sie nicht prüde ist.

Diskussion

Romantische Komödien und To-Do-Listen passen gut zusammen. In beiden geht es darum, dass Erwartungshaltungen bedient werden. Ob eine unperfekte, aber dennoch liebenswürdige Person mithilfe von Selbstoptimierung nach der großen Liebe strebt oder eine Hausfrau alle Zutaten für einen Geburtstagskuchen einkauft, macht auf den ersten Blick kaum einen Unterschied. Nach diesem Rezept müsste der Film „Brave Mädchen tun das nicht“ der Regisseure Nick und Chris Riedell ein voller Erfolg sein, denn er tut genau das: Er bedient Erwartungshaltungen, und das sowohl im Sinne der romantischen Komödien als auch für To-Do-Listen-Fanatiker.

To-Do-Listen und Klebezettel

Die aufstrebende Violinistin Lucy hat ihr Leben scheinbar im Griff. Sie wohnt mit ihrem Freund im einem von der Großmutter geerbten Vorstadthäuschen, ihre Vorbereitungen für das Vorspiel bei einem renommierten Orchester machen Fortschritte und ihr Alltag läuft dank ausgeklügelter To-Do-Listen und Klebezettel wie am Schnürchen. Natürlich nur fast, denn als Lucy ihren Freund beim Pornogucken erwischt, fällt sie aus allen Wolken. Solche Ferkeleien sind für sie ein Unding, und so stellt sie ihn vor die Wahl: „Ich oder die Pornos.“ Ohne mit der Wimper zu zucken, packt er daraufhin seine Koffer und zieht aus. Zuvor nennt er sie noch „pornophob“. Dieser Hieb sitzt.

Lucy ist entsetzt, vielleicht weil sie sich ertappt fühlt. Doch statt sich selbst zu hinterfragen, reagiert sie reflexartig auch hier mit einer To-Do-Liste: 12 Sex-Aufgaben stellt sie sich, um sowohl sich als auch ihrem Ex zu beweisen, dass sie nicht so prüde ist, wie sie wirkt. Sex-Spielzeuge kaufen, ein Blowjob-Seminar besuchen und einmal laut das Wort „Schwanz!“ aussprechen, dann wird alles gut. Enthemmung durch braves Befolgen beliebiger Arbeitsaufträge.

12 Punkte auf dem Weg zum Liebesglück

„Brave Mädchen tun das nicht“ basiert auf dem Ratgeber „Pornology“ der Autorin Ayn Carrillo Gailey, die ihr Vademecum selbst zum Drehbuch ausgearbeitet hat. Das hangelt sich an der bewährten Dramaturgie romantischer Komödien entlang – Lucys Heldinnenreise vom prüden Mädchen zur selbstbewussten Frau ist dabei von dem 12-Punkte-Plan abhängig. Das Ziel: ein unverkrampfter Umgang mit dem Thema Sex, was natürlich recht offensichtlich impliziert, dass nach Vollendung der To-Do-Liste auch ein erfülltes Liebesleben winkt.

Das Problem dabei ist allerdings, dass „Brave Mädchen tun das nicht“ Sex mit Pornografie gleichsetzt und womöglich sogar verwechselt – und das macht sowohl die Prämisse des Films fragwürdig als auch die zugrundeliegende Weltanschauung, die jegliche Körperlichkeit zu Schweinkram erklärt. Für Lucy ist auch der Sex mit ihrem Freund eher nur ein notwendiges Übel. Dem Mann kann man es kaum krummnehmen, dass er gelinde gesagt irritiert ist, als sie während des Liebesspiels an ihre Einkaufslisten denkt und laut im Laden vergessene Lebensmittel ausruft. „Glutenfreie Waffeln!“, bricht es aus ihr heraus, und diese Waffeln werden eher unfreiwillig zum Ausdruck ihrer genussfreien Lebenseinstellung.

Hinter vorgehaltener Hand & mit hochrotem Kopf

Dass sie aus Lifestylegründen und Kontrollzwang und nicht wegen einer Glutenunverträglichkeit auf dieses spezifische Gebäck zurückgreift, ist zugegebenermaßen zwar eine Unterstellung, liegt aber bei ihrem durchgetakteten und großmütterlichen Lebenswandel nahe.

Grundsätzlich ist dagegen nichts einzuwenden, doch dass bei der feministisch anmutenden Prämisse des Films ein solch altbackenes Verständnis von Körperlichkeit und überdies ausschließlich heterosexuelle Stereotype transportiert werden, überraschend und irritiert dann doch. Die weibliche Perspektive der Drehbuchautorin Andrea Marcellus hätte hier ein Trumpf sein können, um ein Gegengewicht zu mit Altherrenwitzen überfrachteten Männer-Komödien wie „Jungfrau (40), männlich, sucht…“ (2005) herzustellen. Doch wird nur hinter vorgehaltener Hand und mit hochrotem Kopf „Schwanz“ gekichert, anstatt das Märchenidyll des Genres tatsächlich aufzubrechen. So bleibt „Brave Mädchen tun das nicht“ auf Kuschelkurs und hakt pflichtbewusst alle Punkte einer romantischen Komödie ab.

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