Dokumentarfilm | Schweden 2020 | 101 Minuten

Regie: Nathan Grossman

Die junge schwedische Umweltaktivistin Greta Thunberg will den Raubbau an der Natur nicht mehr hinnehmen und sagt trägen Politikern den Kampf an. Der Dokumentarfilm begleitet sie bei öffentlichen Auftritten und zeigt private Aufnahmen des perfektionistischen Mädchens mit Asperger-Syndrom. Mit scheinbar intimen Momenten und einer Ästhetik der Nähe vermittelt der Film eine Innenperspektive, die jedoch selten über Allgemeinplätze hinausreicht. Die Protagonistin bleibt letztlich ungreifbar und der Film in seiner Haltung teilweise zu naiv. - Ab 12.

Filmdaten

Originaltitel
I AM GRETA
Produktionsland
Schweden
Produktionsjahr
2020
Regie
Nathan Grossman
Buch
Nathan Grossman
Kamera
Nathan Grossman
Musik
Jon Ekstrand · Rebekka Karijord
Schnitt
Charlotte Landelius · Hanna Lejonqvist
Länge
101 Minuten
Kinostart
16.10.2020
Fsk
ab 0; f
Pädagogische Empfehlung
- Ab 12.
Genre
Dokumentarfilm

Ein Porträt der schwedischen Umwelt-Aktivistin Greta Thunberg, das öffentliche Auftritte und private Momente miteinander verbindet.

Diskussion

Einmal spricht Greta Thunberg kurz darüber, wie sie und ihre Eltern früher gelebt haben. Während man alte Videoaufnahmen sieht, erzählt sie von einer Familie, die ständig in der Weltgeschichte herumgereist ist und gedankenlos konsumiert hat. Doch die Zeiten haben sich geändert: Heute fliegen die Thunbergs überhaupt nicht mehr und ernähren sich vegan. Wie genau es zu diesem Wandel gekommen ist, klärt der Dokumentarfilm „I Am Greta“ von Nathan Grossman zwar nicht, macht es zugleich aber unmissverständlich klar: Das Porträt der schwedischen Klimaaktivistin handelt von einer anschwellenden Revolution, die von einer neuen Generation vorangetrieben wird. Meist sind es dabei engagierte junge Frauen, die von der Kamera ins Visier genommen werden und den Raubbau an der Natur nicht mehr hinnehmen wollen.

Eine gnadenlose Standpauke

Thunberg nimmt in dem Film deshalb immer auch eine Stellvertreterrolle ein. Wenn die Inszenierung die Stationen ihrer kurzen Laufbahn Revue passieren lässt – Besuche bei Emmanuel Macron und Papst Franziskus, Treffen mit anderen Klimaaktivistinnen oder Reden wie etwa auf der UN-Klimakonferenz –, wirkt Greta Thunberg wie das schlechte Gewissen träger Politiker, die das Offensichtliche nicht sehen wollen. Immer wieder lässt sich bei ihren Reden beobachten, wie hochrangigen Sitznachbarn mit gönnerhaft amüsiertem Blick langsam die Gesichtszüge entgleiten, sobald sie realisieren, dass ihnen von dem unscheinbaren Mädchen gerade eine gnadenlose Standpauke gehalten wird.

So pathetisch Greta Thunberg mitunter bei ihren Vorträgen wird, so bewusst scheint ihr auch zu sein, wie schwer Veränderungen in Gang zu setzen sind. Einmal sitzt sie nach einem Auftritt im EU-Parlament missmutig im Publikum, weil sie merkt, dass ihre Einladung nur eine gutgemeinte Geste war, auf die keine Konsequenzen folgen werden. Der Film zeigt eine Perfektionistin, die ständig versucht, ihren hohen Ansprüchen zu genügen. Als Thunberg beispielsweise eine Rede vorbereitet, besteht sie darauf, dass ein Bindestrich richtig gesetzt sein muss, auch wenn das bei dem anschließenden Vortrag ohnehin keinen Unterschied macht.

So als spräche Thunberg persönlich

Bezeichnend für die Herangehensweise des Regisseurs ist das, was der Titel nahelegt: dass die Aktivistin selbst durch diesen Film zum Publikum zu sprechen scheint. Während „I Am Greta“ von der Atlantiküberquerung, die Thunberg 2019 mit einer Segelyacht unternahm, gerahmt wird, findet sich dazwischen ein dramaturgisch ziemlich beliebiger Mix aus öffentlichen Auftritten und privaten Aufnahmen. Die zeigen etwa, wie Thunberg mit ihrem Vater Svante herumalbert, mit ihrer Mutter skypt oder aus Hibbeligkeit wild in der Wohnung herumhüpft. Die Kamera konzentriert sich dabei oft auf das Gesicht des Mädchens, während der Hintergrund verschwimmt und Thunberg aus dem Off ihre Gedanken formuliert. Damit stellt der Film immer wieder klar: Dies ist eine Innenperspektive.

Allerdings ist die Intimität auch trügerisch. So entsteht zwar das Bild eines unermüdlich kämpfenden Mädchens, das dem enormen Druck, der auf ihm lastet, nicht immer gewachsen ist; doch wirklich nahe kommt man Thunberg letztlich nicht. Ihr sprödes Wesen und der häufig etwas hölzerne zwischenmenschliche Umgang, der eine Folge ihres Asperger-Syndroms ist, verleihen ihr zwar etwas Bodenständig-Sympathisches, machen sie aber auch zu einer undankbaren Protagonistin. Während der Film ostentativ vermittelt, dass er etwas Besonderes zeige, hält die meist schweigsame Thunberg die Zuschauer doch konsequent auf Distanz.

„Count Me in. Hasta la vista Baby“

So richtig schlau ist man aus ihr auch am Ende nicht geworden. Als sie auf einen unterstützenden Tweet von Arnold Schwarzenegger mit „Count Me In. Hasta la vista Baby“ antwortet, grübelt man, ob da gerade das normal gebliebene Mädchen am Werk ist, der knallharte Medienprofi oder vielleicht sogar der Vater, bei dem sie sich kurz rückversichert. Doch der Filmemacher interessiert sich für diese Frage schlichtweg nicht. Er gibt sich mit einem diffusen Gefühl von Nähe und einer Abfolge an Allgemeinplätzen zufrieden – und lässt sich gerade dadurch zum Diener von Thunberg machen.

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