Making Montgomery Clift

Dokumentarfilm | USA 2018 | 89 Minuten

Regie: Robert Clift

Der Schauspieler Montgomery Clift (1920-1966) galt bislang als Inbegriff einer Hollywood-Tragödie: selbstzerstörerisch, im ständigen Abwehrkampf gegen seine Homosexualität, von Alkohol und Drogen zerrüttet. Eine Auswertung des Familienarchivs durch Clifts jüngsten Neffen bringt jedoch ganz andere Geschichten und Gesichter zum Vorschein. Die Dokumentation korrigiert als eine Art Gegendarstellung all die Mythen von der „gay tragedy“ Clifts und unterzieht überdies die Mechanismen der Hollywood-Geschichtsschreibung einer kritischen Überprüfung. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
MAKING MONTGOMERY CLIFT
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2018
Regie
Robert Clift · Hillary Demmon
Buch
Robert Clift · Hillary Demmon
Kamera
Robert Clift
Musik
Anthony Taddeo
Schnitt
Hillary Demmon
Länge
89 Minuten
Kinostart
15.10.2020
Pädagogisches Urteil
- Ab 14.
Genre
Dokumentarfilm | Künstlerporträt

Doku über den US-Schauspieler Montgomery Clift (1920-1966), die das Bild des tragisch gescheiterten Darstellers korrigiert und eine andere Sicht entwirft.

Diskussion

In Stanley Kramers „Das Urteil von Nürnberg“ (1961) hat Montgomery Clift (1920-1966) einen kurzen, aber umso bewegenderen Auftritt. Er spielt Rudolf Petersen, einen polnischen Zeugen, der von den Nazis zwangssterilisiert wurde und vor Gericht erneut um seine Würde kämpfen muss. Trotz zahlreicher Nominierungen für diverse Schauspielpreise wurde Clifts Darstellung so gelesen, als ob sie gar keine „Darstellung“ im eigentlichen Sinn sei. Vielmehr habe der Schauspieler einen realen Nervenzusammenbruch erlitten und seinem eigenen Schmerz Ausdruck verliehen.

Die erschütternde Szene passte zu gut in die verbreitete Erzählung vom „langsamsten Selbstmord im Showbusiness“. Clift verkörperte darin einen selbstzerstörerischen Mann, der dem Alkohol und den Drogen verfällt, weil er seine Homosexualität verachtet. Handschriftlich kommentierte Drehbuchseiten aus dem Familienarchiv von Montgomery Clift zeigen jedoch, dass jedes mühsam herausgepresste Wort von Rudolf Petersen das Ergebnis präziser Schauspielarbeit ist.

Eine Gegendarstellung zu all den Mythen

„Making Montgomery Clift“ ist eine Gegendarstellung zu all den Mythen über die „gay tragedy“ und zugleich auch eine kritische Untersuchung über die Mechanismen der Hollywood-Geschichtsschreibung. „Das ist nicht wirklich die Geschichte über einen Mann. Sondern darüber, was sein Leben bedeuten durfte“, erklärt der Filmemacher Robert Anderson Clift zu Beginn der Dokumentation. Als jüngster Neffe des Stars, den er selbst nie kennenlernte – er kam acht Jahre nach dessen Tod zur Welt – ist er mit den Widersprüchen zwischen den persönlichen und öffentlichen Erzählungen über seinen früh verstorbenen Onkel groß geworden.

Im Film sieht man ihn immer wieder inmitten von Fotos, Zeitungsausschnitten, Briefen und Notizen – Archivmaterialien, die seiner eigenen Sicht Glaubwürdigkeit verleihen sollen. Wichtigstes Dokument jedoch sind die unzähligen Tonbandaufnahmen seines Vaters Brooks Clift: Aufzeichnungen von Telefongesprächen mit der Mutter, mit dem Bruder, mit seiner wichtigsten Biografin Patricia Bosworth.

Dringend nötige Korrekturen

Nachdem eine erste Biografie in den 1970er-Jahren einen Haufen anzüglichen Klatsch verbreitete, arbeitete Brooks Clift eng mit Bosworth zusammen. Korrekturen konnte er aber auch bei deren Werk „Montgomery Clift“ (1978) nicht durchsetzen. So wiederholte ihr Buch einmal mehr das Narrativ des von seiner „konfliktreichen Sexualität“ beschädigten Mannes. Der Film sucht dies anhand von detaillierten Beweisführungen zu veranschaulichen – etwa indem er Textstellen mit Interviewpassagen abgleicht und auf Unstimmigkeiten aufmerksam macht.

Mitunter geraten diese informationsdichten Passagen etwas mühsam. Robert Anderson Clift und seine Co-Regisseurin Hillary Demmon hängen ohnehin einem etwas allzu überladenen Stil an. Ständig kommen Zitate ins Bild; Gestaltung und Typologie machen sich den vergilbten Look der Originalmaterialien zu eigen. Der Überschuss an Patina zieht dem Film einiges von seiner gegenwartsbezogenen Perspektive ab, in der Begriffe wie alternative Fakten und Fake News nachhallen.

Ein humorvoller Mann

„Making Montgomery Clift“ zeigt einen anderen Montgomery Clift: einen humorvollen Mann, der sich durchaus wohlfühlte mit seinem Schwulsein und dem seine sexuelle Unabhängigkeit ebenso wichtig war wie seine Unabhängigkeit als Künstler. Clift, der wie Marlon Brando und James Dean ein komplett neues Bild von Männlichkeit ins Hollywoodkino brachte, spielte sensible, verletzliche und emotionale Männer, doch im Unterschied zu den beiden Ikonen wirkt sein differenziertes Spiel nie von der Star-Persona überschattet. Sein überragend schönes Gesicht war zurückgenommen und unergründlich – eine Projektionsfläche für verschiedenste Begehren und Zuschreibungen.

Clifts Status war im Hollywood-System seiner Zeit mehr als ungewöhnlich. Der Schauspieler wechselte erst spät von der Bühne zum Kino, wobei er sich entgegen der Regel nicht für ein einziges Studio verpflichtete, sondern als Freelancer arbeitete. Auch ließ er sich vertraglich zusichern, Änderungen am Drehbuch vornehmen zu dürfen. „Making Montgomery Clift“ ist so gesehen auch eine Aufwertung von Montgomery Clift als eine Art Actor-Auteur.

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