Wagner, Bayreuth und der Rest der Welt

Dokumentarfilm | Deutschland 2021 | 102 Minuten

Regie: Axel Brüggemann

Der Komponist Richard Wagner (1813-1883) gehört zu den umstrittensten Künstlern der Weltgeschichte, der mit seiner gigantomanischen Musik polarisierte und als bösartiger Antisemit in die Geschichtsbücher einging. Von seinen Anhängern wird er jedoch mit fast religiöser Inbrunst verehrt. Der Dokumentarfilm spürt der Wagner-Leidenschaft von Bayreuth und Venedig bis nach Japan und sogar Israel nach und zeigt viele Facetten unter den „Wagnerianern“ auf. Zudem macht er die Vorteile einer offenen Auseinandersetzung mit kontroversen Kulturgütern deutlich. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2021
Regie
Axel Brüggemann
Buch
Axel Brüggemann · Toni Schmid
Kamera
Roland Wagner · Ralf Richter
Schnitt
Moritz Henne
Länge
102 Minuten
Kinostart
28.10.2021
Fsk
ab 0; f
Pädagogische Empfehlung
- Ab 14.
Genre
Dokumentarfilm | Dokumentarisches Porträt | Musikdokumentation

Ein Dokumentarfilm über den umstrittenen Komponisten Richard Wagner und die Begeisterung, die er gleichwohl bei „Wagnerianern“ überall auf der Welt genießt.

Diskussion

Nur wenige Komponisten haben so polarisiert wie Richard Wagner: Künstlerisch, durch eine gigantische Polyphonie und Musikdramen, die lange als nicht aufführbar galten, eckte er genauso an wie menschlich: ein launischer Egoist, der immer bereit war, seine besten Freunde auf einem Schuldenberg sitzen zu lassen oder mit deren Ehefrauen ein neues Leben zu beginnen.

Politisch war Wagner unberechenbar, erst ein begeisterter Barrikadenkämpfer der Revolution von 1848, dann Günstling des bayerischen Königs Ludwig II. – und ein geifernder Antisemit, wenn es darum ging, „Das Judentum in der Musik“ und erfolgreiche jüdische Kollegen wie Meyerbeer oder Mendelssohn zu diskreditieren. Zu den kritischen Aspekten des Komponisten gesellt sich noch die anrüchige Familiengeschichte, die seiner Erben, die Adolf Hitler so gastlich bewirteten, bis das „Dritte Reich“ mit all seinen propagandistischen Anleihen bei Wagners Lebenswerk zusammenbrach.

Wie kann man Wagnerianer sein?

Wie kann man da (noch) Wagnerianer sein? Das ist die Frage, der sich auch Axel Brüggemann mit seinem Dokumentarfilm „Wagner, Bayreuth und der Rest der Welt“ stellt. Der wichtigste Ort der fast religiösen Begeisterung für Wagners Musik sind die Bayreuther Festspiele; die fränkische Stadt lebt seit 1876 von den Festivalbesuchern. Etwa das Ehepaar Ulrike und Georg Rauch, das in der Stadt eine traditionsreiche Metzgerei betreibt und zwischen hängenden Würsten vom großen Wagnerspektakel in der Stadt erzählt, vom Wagner-Enkel Wolfgang, der das Festival jahrzehntelang leitete, von den prominenten Gästen und vielen Anekdoten rund um Festspielhaus und Villa Wahnfried. Oder Eva Graf vom Hotel „Goldener Anker“, das seit 1928 ein Gästebuch führt, in das sich etwa Thomas Mann eingetragen hat und an anderer Stelle auch Emma Göring.

Bis heute sind die Festspiele in Bayreuth ein Höhepunkt für Politik und High Society, bis hin zu Angela Merkel und Markus Söder, der dem Protest gegen die Abschiebung von Asylbewerbern mit eingefrorenem Lächeln begegnet. Der Film zeigt den Grünen Hügel aus ganz unterschiedlichen Perspektiven: Die derzeitige Festivalchefin Katharina Wagner beim Spaziergang mit ihrer Bulldogge, der Wachschutz im Festspielhaus und auch die für die Zuschauer unsichtbaren Musiker im Orchestergraben, die ganz anders als ihre Kollegen in anderen Opernhäusern in kurzen Hosen und kurzärmeligen Shirts spielen können. Brüggemann zeigt auch die Proben im Festspielhaus, Katherina Wagner inszeniert „Tristan und Isolde“, Dirigent ist der Opernsänger Placido Domingo.

Wagner-Freunde von Japan bis Israel

Axel Brüggemann erzählt von der unterschiedlichen Auseinandersetzung mit Wagner und seinem Werk: Etwa von den extrem gekürzten Opern für Kinder in Japan während der Kirschblüte, von der Begeisterung eines Scheichs in den arabischen Emiraten, der sehr aktiven „Associazione Richard Wagner di Venezia“ in Wagners Todesstadt Venedig oder von der Wagner-Gemeinde in der lettischen Hauptstadt Riga, wo er – wie so oft auf der Flucht vor seinen Gläubigern – zwei Jahre an der Oper arbeitete.

Sogar in Israel gibt es Freunde seiner Musik: Jonathan Livny hat den Wagner-Verband in Israel gegründet. Sein Vater entkam nur knapp den Nazi-Mördern, zu den wenigen Besitztümern, die er mit sich nach Palästina führte, gehörte seine Sammlung von Wagner-Schallplatten. Aus dieser Familiengeschichte heraus, sieht er den Komponisten höchst zwiespältig, will aber seinen Musikgeschmack nicht von Hitler abhängig machen. Seinen Enkeln erklärt er das so: „Richard Wagner war ein schrecklicher Mensch, der wunderbare Musik komponiert hat.“

Wagner gegen den Strich inszeniert

Zu Wort kommen auch Opernregisseure wie Barrie Kosky, die sich mit Wagners Werk auseinandersetzen, indem sie versuchen, antisemitische Figuren und Motive, etwa in den „Meistersingern“, gegen den Strich zu inszenieren. Da werden Hans Sachs und seine Ode an die deutschen Meister von einer eindeutig als Richard Wagner identifizierbaren Figur dargestellt, im Hintergrund ist der Saal der Nürnberger Prozesse zu erkennen. Die Bedeutung von Wagner auf die Filmmusik und andere Kunstformen hebt der amerikanische Musikkritiker Alex Ross hervor, aber auch den Vorbildcharakter für die Populärkultur: „Siegfried war ein Modell für heutige Superhelden.“

„Wagner, Bayreuth und der Rest der Welt“ ist ein lehrreicher und unterhaltsamer Film, der auch für den Wagner-Unkundigen anschaulich ist. Geschickt verbindet Axel Brüggemann die Statements seiner Interviewpartner und die höchst unterschiedlichen Drehorte mit Wagners Musik. In seiner Vielschichtigkeit ist der Film aber auch ein Plädoyer für wirkliche Auseinandersetzung mit umstrittenen Kulturgütern statt Verbotsrhetorik und „cancel culture“.

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