Drama | Estland/Großbritannien 2021 | 112 Minuten

Regie: Peeter Rebane

Ein junger Russe, der in den 1970er-Jahren im sowjetisch besetzten Estland Wehrdienst leistet, lernt kurz vor seiner Entlassung einen Leutnant kennen, der mit der estnischen Freundin des Rekruten anbandelt, heimlich aber auch eine Beziehung mit ihm beginnt. Als die homosexuelle Liaison aufzufliegen droht, soll die Heirat des Leutnants mit der jungen Frau die Wogen glätten. Das im Schatten des Kalten Krieges angesiedelte Dreiecksdrama weiß das Zeitkolorit und die Welt einer russischen Kaserne gekonnt einzufangen, vermag die existentielle Bedrohung, in der sich gleichgeschlechtliche Liebende in der UdSSR befanden, aber nur sehr abgeschwächt wiederzugeben. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
FIREBIRD
Produktionsland
Estland/Großbritannien
Produktionsjahr
2021
Regie
Peeter Rebane
Buch
Peeter Rebane · Tom Prior
Kamera
Mait Maekivi
Musik
Krzysztof A. Janczak
Schnitt
Tambet Tasuja
Darsteller
Tom Prior (Sergej Serebrennikow) · Oleg Zagordnii (Roman Matwejew) · Diana Pozharskaya (Luisa) · Jake Thomas Henderson (Wolodja) · Margus Prangel (Major Swerew)
Länge
112 Minuten
Kinostart
19.05.2022
Fsk
ab 12; f
Pädagogische Empfehlung
- Ab 16.
Genre
Drama | Kriegsfilm | Liebesfilm

Dreiecksdrama um einen russischen Rekruten, dessen Freundin und einen Leutnant, der in den 1970er-Jahren die Nähe zu dem Wehrpflichtigen sucht.

Diskussion

Im Sommer 1977 neigt sich die Ausbildung des russischen Wehrpflichtigen Sergei (Tom Prior) auf dem Luftwaffenstützpunkt nahe Tallinn dem Ende entgegen. Es zieht den introvertierten Mittzwanziger zurück in die dörfliche Heimat seiner Mutter. Sergei konnte mit den Gepflogenheiten der Kaserne zwischen unbarmherzigem Drill und der Exaltiertheit seiner Kameraden nie so recht was anfangen. Sein Kumpel Volodja (Jake Thomas Henderson) ist da schon mehr der Draufgänger. Er hat keine Probleme damit, über die Stränge zu schlagen und es mit den militärischen Gesetzen in den von den Russen okkupierten Gebieten der Estnischen SSR nicht allzu genau zu nehmen. Beide haben sich mit der hübschen Luisa (Diana Pozharskaya) angefreundet. Die junge Estin arbeitet als Verbindungsoffizierin im Camp und könnte sich zumindest mit Sergei eine Beziehung jenseits des Militärs vorstellen.

Der schnittige Genosse Leutnant

Doch der Alltag nimmt eine unerwartete Wendung, als eine Woche vor Sergeis Entlassung Genosse Leutnant Roman Madwejew (Oleg Zagordnii) zum Stützpunkt beordert wird. Der talentierte Berufspilot soll den Horst verstärken; Sergei muss ihn als Chauffeur mit dem Stützpunkt und der Umgebung vertraut machen. Schnell lernt der schnittige Neuling auch Luisa kennen, die sich sogleich in den Leutnant verliebt und fortan die Unternehmungen von Roman und Sergei begleitet. Doch auch zwischen den beiden Männern bleibt die Beziehung nicht nur dienstlich.

Die Memoiren des Russen Sergei Fetissow, auf denen das Drehbuch zu „Firebird“ fußt, bieten viel Zündstoff für ein packendes Liebesdrama. Fetissow ist in einer Zeit sozialisiert worden, in der geopolitisch der Kalte Krieg immer wieder gefährlich in eine direkte Konfrontation umzuschlagen drohte. Leonid Iljitsch Breschnew war damals das Staatsoberhaupt der UdSSR. Als Homosexueller gehörte Fetissow zu jenen, die als Feinde des Staates galten, egal wie sehr sie sich auch mit der sowjetischen Ideologie identifizierten. Bis zu fünf Jahre Arbeitslager drohten jedem, der sich offen zu seiner Homosexualität bekannte. Wie viel stärker mussten da die Repressionen erst sein, wenn man sich im traditionell homophoben Kosmos des Militärs bewegte?

Es ist bemerkenswert, dass Hollywood diesen Stoff nicht längst für sich entdeckt hat, der thematisch eine eigentümliche Schnittmenge zwischen „Top Gun“ und „Brokeback Mountain“ bildet. Die britisch-estnische Co-Produktion macht allerdings kein Heel daraus, dass sie mehr an einem psychologischen Seelendrama als an einem lärmenden Actionfilm interessiert ist.

Ein Seelendrama, kein Actionfilm

Regisseur Peeter Rebane ist sich zwar durchaus der Schauwerte eines Luftwaffenstützpunktes und dessen Personals bewusst und weiß Flugzeuge und Uniformen attraktiv in Szene zu setzen; doch dies verkommt nicht zur Werbung für Militarismus oder einer chauvinistischen Pin-up-Kultur, wie dies in „Top Gun“ der Fall war. Die brillante Kamera von Mait Maekivi erliegt mitunter zwar auch der „Schönheit“ des Kriegsspiels, doch geht es Rebane sichtlich um etwas anderes.

Die (politischen) Systeme stehen in „Firebird“ nicht zur Debatte. Auch wird hier von den Einheimischen kein Rebellentum eingefordert. Estland in den 1970er-Jahren wird so wenig als Gefängnis inszeniert wie die Sowjetunion als Kriegstreiber. Das Militär ist lediglich hierarchisch, herrisch und homophob, was in den USA in dieser Zeit wohl nicht anders gewesen sein dürfte.

Umso erstaunlicher ist es, wie entspannt Peeter Rebane die Dreiecksgeschichte inszeniert. Der erste unvermittelte Kuss zwischen Roman und Sergei mag aus der Sicherheit eines Vorgesetzten zwar noch zu rechtfertigen sein, weil er es sich leisten kann, seinen attraktiven Untergebenen zu „testen“. Doch selbst, als die langen Spazierfahrten und Ballettbesuche der beiden bei der Truppe registriert werden und zu einer anonymen Meldung wegen unsittlichen Verhaltens führen, stellt sich scheinbar keine akute Gefahrensituation ein.

Der Leiter des Stützpunkts glaubt den Unschuldsbeteuerungen des Leutnants mehr als den Gerüchten. Und als der Offizier schließlich auch noch Luisa heiraten will, wird Sergei vom Kommandanten sogar bemitleidet, weil der fesche Neuling ihm seine Liebe weggeschnappt habe. Das über dem schwulen Liebespaar schwebende Damoklesschwert einer unehrenhaften Entlassung oder gar einer Haftstrafe spielt nie eine Rolle.

Mit Bedacht entworfenes Zeitkolorit

Doch so fesselnd die Geschichte um Roman und Sergei auch sein mag, so unglaubwürdig wirkt sie in jenen Passagen, in der ihre Liebe am Abgrund steht. Das ist schade, denn die Melodramatik, die sich über die Jahrzehnte währende Beziehung der beiden Männer erstreckt, ist intensiv und ehrlich und manifestiert sich vor allem in der Mimik von Tom Prior in der Rolle des Sergei.

„Firebird“ ist auch wegen des mit Bedacht entworfenen Zeitkolorits interessant, mit dem Set- und Kostümdesign die 1970er- und frühen 1980er-Jahre zum Leben erwecken. Die titelgebende Ballettvorführung von Strawinskis „Feuervogel“ wird allerdings allzu schnell abgehakt, obwohl gerade sie das Dilemma einer unmöglichen homosexuellen Beziehung auf die Spitze hätte treiben können. Der Ausflug in die Welt der Kunst, der eigentlich Sergeis Liebe zur darstellenden Kunst befeuern und seine Abwendung vom Militär besiegeln sollte, wirkt ebenso beliebig wie zuvor ein nächtliches Schwimmen in der Ostsee.

Unterm Strich bleibt es so „nur“ bei einer grundsätzlich interessanten Lebensgeschichte in einem grundsätzlich interessanten Film voller verschenkter Momente.

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