Drama | USA 2022 | 377 (acht Episoden) Minuten

Regie: Jennifer Getzinger

Ihr Land und damit die Zukunft einer Familie von Viehzüchtern in Wyoming ist bedroht. Die profitorientierten Nachbarn sind langjährige Rivalen der Familie und erheben bald Anspruch auf einige hundert Hektar der Ranch. Das traditionelle und nachhaltig geführte Leben der Familie droht zwischen Familientraumata und der Unerbittlichkeit moderner Marktmechanismen zerrieben zu werden. Eine tödliche Konfrontation spitzt den Konflikt zwischen beiden Familien zu, während eine mythische Kraft den Lauf der Zeit aus den Fugen zu heben droht. Die Serie mischt Neowestern, Familiendrama, Krimi und Mystery, um eine Fabel um den Ausverkauf des US-amerikanischen „Heartland“ zu erzählen. Die außerweltlichen und mythologischen Motive fügen sich nie ohne Widerstand in das von amerikanischer Geschichte überschattete Krimi-Prozedural ein, ergeben aber ein spannendes Gegenbild zum in Wyoming noch sehr präsenten amerikanischen Gründungsmythos. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
OUTER RANGE
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2022
Regie
Jennifer Getzinger · Alonso Ruizpalacios · Amy Seimetz · Lawrence Trilling
Buch
Brian Watkins · Zev Borow · Dominic Orlando · Lucy Thurber · Naledi Jackson
Kamera
Drew Daniels · Jay Keitel · Adam Newport-Berra
Musik
Danny Bensi · Saunder Jurriaans
Schnitt
Alex Minnick · Trevor Baker · John Peter Bernardo · Sheri Bylander · Connor Davis
Darsteller
Josh Brolin (Royal Abbott) · Imogen Poots (Autumn) · Lili Taylor (Cecilia Abbott) · Tom Pelphrey (Perry Abbott) · Tamara Podemski (Deputy Sheriff Joy)
Länge
377 (acht Episoden) Minuten
Kinostart
-
Fsk
ab 12 (Ep.1-5,8) & ab 16 (Ep.6,7)
Pädagogische Empfehlung
- Ab 16.
Genre
Drama | Mystery | Serie

Serie zwischen Neowestern, Familiendrama, Krimi und Mystery: Ein Rancher und seine Familie in Wyoming drohen im Clinch mit ihren Nachbarn ihr Land und ihre Lebensgrundlage zu verlieren; doch dann taucht ein mysteriöses schwarzes Loch auf.

Diskussion

Wyoming hängt wie kaum ein anderer US-Bundesstaat an der Vergangenheit. Die „Frontier“ scheint, nicht nur im Namen selbst, sondern auch auf den endlosen, nur dünn besiedelten Prärien noch gegenwärtig. Wo keine Cowboys zu finden sind, werden fossile Energieträger gewonnen. Der Kohleabbau und die Viehzucht dominieren Wirtschaft und Landschaft. Doch Kohlearbeiter und Cowboys stehen mit Beruf und Berufung nur noch auf wackligen Beinen. Ihre Lebensgrundlage droht mit jedem Jahr schneller in Richtung der Vergangenheit abzurutschen.

Die Abbotts und die Tillersons führen als Viehbauern diesen für Wyoming so bezeichnenden Existenzkampf. Verbündete sind sie nicht. Ihre Brandzeichen hängen zwar nebeneinander über den Eingangstoren der aneinandergrenzenden Ländereien. Die Zufahrtsstraßen darunter aber führen in verschiedene Richtungen. Die Abbotts sind Cowboys vom alten Schlag. Der Schutz von Land und Natur ist ihre Familienverantwortung. Für die Tillersons ist das Land für den Profit da. Aus dem opulenten, mit Holz gebauten und mit Trophäen behangenen Anwesen der Tillersons spricht der Erfolg ihrer Form der Viehwirtschaft. Das bescheidene Familienhaus der Abbotts erzählt von der alten Tradition, die langsam, aber sicher von der Moderne verdrängt zu werden droht. Denn die Tillersons erheben seit kurzem Anspruch auf einige hundert Hektar vom Land der Abbotts.

Nachhaltig vs. profitorientiert

Die Rivalität ist nicht allein ein archaischer Familienkonflikt, sie ist ein Konflikt Artenschützer gegen Industriefarmer, nachhaltiger Landnutzung gegen ökologische und fossile Ausbeutung, Landwirtschaft gegen den modernen Kapitalismus. Der Ausgang des Konflikts scheint entsprechend längst geschrieben. Wayne Tillerson (Will Patton) hat das Recht auf seiner Seite, Royal Abbott (Josh Brolin) hat nicht das Geld, um das Land im Besitz der Familie zu halten. Es ist entsprechend nicht Royals Bauernschläue – obwohl diese ihren Namen redlich verdient hat –, die der unerbittlichen Kontinuität vom Siegeszug des Profits ein Ende setzt. Es ist das Land selbst. Buchstäblich. Auf eben dem Landstrich, den die Abbotts abtreten sollen, tut sich ein gewaltiges, scheinbar bodenloses Loch auf, das nicht nur ein Riss durch den Boden, sondern ein Riss durch die Zeit ist.

Die dazugehörige mythologische Dimension formuliert bereits der Prolog: Wie der Titan Kronos einst das Gemächt seines Vaters Uranus mit der Sichel abtrennte, den Himmel aufriss und die goldene Zeit schuf, verspricht das Loch in der Erde die Kraft zu werden, die den kapitalistisch bestimmten Lauf der Zeit aus den Fugen hebt.

Mythisches Raunen

Royal entdeckt es, als zwei seiner Rinder verschwinden und an ihrer Stelle ein Bison auftaucht, dem die Pfeile der Vergangenheit noch in der Flanke stecken. Royal verschweigt die Existenz des Lochs gegenüber seiner Frau Cecilia (Lili Taylor) und seiner Familie. Die einzige Mitwisserin ist die vorübergehend auf dem Land zeltende Autumn (Imogen Poots), eine junge, für Wyoming allzu hippe, für Millennial-Touristen-Stereotype aber deutlich zu geheimnisvolle Fremde. Ihre Identität wird, wie eigentlich alle Geheimnisse in „Outer Range“ mit bedeutungsschwangerem Raunen angedeutet. Das dazugehörige Streichorchester klingt, als müsse es sich wieder und wieder auf den großen Auftritt einstimmen, und steht damit emblematisch für eine Serie, die so elegant wie beharrlich um den heißen Brei rumredet. 

Wirklich im Einklang ist das mythische Raunen immer dort, wo „Outer Range“ von seinen Figuren ausgeht. Nicht nur die Väter, auch die Söhne sind tragische, an die Reste der Cowboy-Kultur geklammerte Helden, deren Identität weniger vom Riss in der Zeit als den Umwälzungen der Gegenwart bedroht scheint. Rhett Abbott (Lewis Pullman) hangelt sich als langsam scheiternder Rodeoreiter mit Alkohol und Schmerzmitteln von Wettkampf zu Wettkampf. Sein älterer Bruder Perry (Tom Pelphrey) hängt seit dem Verschwinden seiner Frau im Limbo und scheint allein für die Tochter noch aus dem Trott des selbstzerstörerischen Alltags hinauszukommen. Offenbar glaubt keiner von beiden noch an die Zukunft der Ranch. Die Zukunft der Tillersons scheint nur als Leben im Schatten des kranken Vaters denkbar, der den eigenen Besitz auf geradezu lächerliche Weise über die Bedürfnisse seiner Söhne stellt.

Ganz auf Josh Brolin zugeschnitten

Die Familientraumata kochen in einer Kneipenschlägerei mit den Tillerson-Söhnen bis zur tödlichen Eskalation hoch. Das Nachbeben der Konfrontation ist der eigentliche Kern der Erzählung, der sich in zwei Segmente teilt: die Ermittlungen von Sheriff Joy (Tamara Podemski), die als lesbische Frau mit indigenem Blut ohnehin viel Gegenwind in dem konservativen Bundesstaat erhält, und Royals Versuche, seine Familie aus der sukzessive ausweglos erscheinenden Misere zu führen. Die Erzählstränge konkurrieren nicht nur diegetisch miteinander. Wieder und wieder bringen die außerweltlichen Interventionen die Ermittlungen und die so eindeutigen Kräfteverhältnisse durcheinander.

Die Höhen der Serie sind dabei ganz auf Josh Brolin zugeschnitten. Der von ihm verkörperte Royal Abbott ist ein Mann, der sein Leben lang jede Idee des Transzendenten zur Seite gewischt hat. Ein Mann, der beim Tischgebet von Gott Rechenschaft verlangt und sich nun mit der finsteren Zukunft konfrontiert sieht, die ihm eine überirdische Kraft offenbart. Royal ist ein Cowboy gewordener Kronos, der vom rechtschaffenen Mann zum intriganten wie resoluten Patriarchen wird, der das Schicksal, an das er bisher nicht glauben wollte, nun mit aller Kraft am Kragen zu packen versucht. Der antike Mythos hat keinen Platz in den Weiten Wyomings, reißt aber eine faszinierende Kluft in den hier noch mit aller Kraft am Leben gehaltenen amerikanischen Gründungsmythos.

 

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